Andreas Dorschel: Ideengeschichte [Gelesen]

In den letzten Jahren wurde in vielen Fachdisziplinen eifrig debattiert, was genau Ideengeschichte ist, wie diese in Relation zur eigenen Disziplin steht und, darüber hinaus, welchen methodischen Zugang es zu wählen gilt. In der Politikwissenschaft wird Ideengeschichte mal als Theoriengeschichte (Klaus Roth), mal als Ideenpolitik (Marcus Llanque) oder als Geschichte des politischen Denkens (Henning Ottmann; Manfred Brocker) versucht zu fassen; auch in philosophischeren Ausrichtungen ist keine eindeutige Orientierung gegeben, ob Metaphorologie (Hans Blumenberg), Diskurstheorie (Michel Foucault) oder Begriffsgeschichte (Reinhart Koselleck): Alle Ansätze eint eine ideengeschichtliche Intention und die jeweilige Bezeichnung steht programmatisch für den Zugang zur Ideengeschichte – eine eindeutige Differenzierung scheint schwierig. Die verschiedenen Ausprägungen erschweren damit die Beantwortung der Frage, was Ideengeschichte überhaupt sei. Ein einführender Überblick sieht sich damit vor die Aufgabe gestellt, entweder verschiedene Stationen und Positionen abzuhandeln, um Kernthesen, Gemeinsamkeiten und Differenzen auszuweisen, oder: schlicht und einfach die Fragerichtung zu ändern. So steht auch in Andreas Dorschels Band nicht die Frage Was ist Ideengeschichte?, sondern die Frage nach dem Vorgehen: Wie geht ein Ideenhistoriker vor und wie funktioniert ideengeschichtliches Denken? im Mittelpunkt, um so am Ende und fast beiläufig doch die Frage was denn Ideengeschichte überhaupt sei, zu beantworten.

Dorschels Band ›Ideengeschichte‹, in der UTB Reihe Philosophie erschienen, erliegt nicht der Versuchung seinen Gegenstand innerhalb diverser Methodenstreits aufzusuchen und geht ohne große Umschweife unmittelbar zur Betrachtung des Gegenstands über – und tut gut daran. Dorschels Band ist in zwei Hauptteile aufgeteilt: eine Einleitung sowie einen Teil unter der Überschrift Was heißt und zu welchem Ende studiert man Ideengeschichte? Der zweite Teil möchte die einleitenden Fragen, z. B. Was sind Ideen? Was haben Ideen mit Problemen zu tun? oder Wie entstehen neue Ideen?, die unter Anderem als Überschriften der insgesamt fünf Unterabschnitte dienen, beantworten. Der Aufbau des Bandes lässt, unabhängig davon, eine Einteilung in drei große Themenkomplexe zu: erstens eine umfangreiche Einleitung, zweitens einen historischen Abriss über die Idee der Idee und drittens, und darauf aufbauend, die Beantwortung der Fragen: Was ist Ideengeschichte? Wie bewegen sich Ideen in Zeit und Raum? und Auf welche Bedingungen, Konstellationen und Gegebenheiten muss ein Ideenhistoriker achtgeben?

Die Einleitung wirft zunächst paradigmatische Stichworte der Ideengeschichte auf und erläutert diese, um die Ideengeschichte in ihren Grundzügen zu umreißen. Das Anliegen des Ideenhistorikers wird anhand von Stichworten wie Diachronie und Synchronie, Interdisziplinarität, die Gebundenheit von Ideen an soziale Räume und deren Beschränkungen, die Ideengeschichte als Sozialgeschichte und vice versa Sozialgeschichte als Ideengeschichte, Kontextualismus oder der Vermeidung eines (linguistischen) Essentialismus erläutert. Viele dieser Aspekte führt Dorschel im Folgenden immer wieder und unter ständig wechselnden Gesichtspunkten näher aus.

Innerhalb der Einleitung bieten Brucker und Vico die maßgeblichen Anknüpfungspunkte: Bruckers Verdienst sei die bloße Verbindung von Idee und Geschichte; seinerzeit zweifelsohne eine Innovation, da Ideen bis dato »einer streng anti-historisch gerichteten Metaphysik entstammten« (9). Brucker lieferte zwar eine »recht elaborierte Ideengeschichte«, doch zunächst nur »einer einzigen Idee: der Idee der ›Idee‹« (10). Vicos Verdienste hingegen sind maßgeblich für Dorschels eigenen Ansatz, für die Ideengeschichte, wie sie sich heute versteht. Vico befreite Bruckers Anliegen einer Ideengeschichte aus der disziplinären Enge, entrückte damit ihren Gegenstand der bloß gelehrten Kreise und Sphäre der Intellektuellen und historisierte die Ideen konsequent; das Vico-Axiom verpflichtet sogar noch die Metaphysik auf Historizität, so dass »zeitlose Wahrheiten« dem Blick für den »besonderen historischen Ort« sowie die »besondere historische Zeit« (15) einer Idee weichen mussten.

Im Anschluss an Brucker und Vico ruft Dorschel zunächst Skinner auf den Plan. Im Gegensatz zu Austin historisiere Skinner Sprechakte, um einem Essentialismus, wie ihm Austin erliegt, zu entgehen; durch seine Fokussierung auf Sprechakte jedoch verfalle er selbst einem linguistischen Essentialismus. Obgleich die Auseinandersetzung mit Skinner Dorschel eher zur Abgrenzung dient, nimmt kaum eine weitere Auseinandersetzung so viel Raum ein – verhandelt unter der Überschrift »Ideen und Sprache«. Aufgrund seines linguistischen Essentialismus nehme dieser der Ideengeschichte ihr eigentliches Potenzial, denn bloß auf »Sprache fixiert, betreibt Ideengeschichte ihre eigene Verarmung« (38). Ideen drücken sich zwar in Worten aus und werden so tradiert. Die gesprochene Sprache und das geschriebene Wort »bringen bestimmte historische Vorgänge zur Sprache«. Doch nur weil das Medium der Sprache das Wort ist, folge daraus nicht zwangsläufig, »das Medium jeder Idee müsse das Wort und ihre Wirklichkeit ein Sprechakt sein« (33). Dies ist einer der Kernpunkte, die Dorschel immer wieder umkreist: Ideen werden sprachlich tradiert, sind selbst jedoch nicht zwangsläufig sprachlich: »Was einer wortlos tut, zeigt oft triftiger, von welchen Ideen er überzeugt ist, als was er behauptet. « (35) Dass das Augenmerk hier bereits auf die Handlung fällt und dem Wort sowie der Schrift gleichberechtigt gegenübersteht, ist kein Zufall: Am Ende des Bandes wird sich diese Gleichstellung als zentrales Merkmal von Dorschels Ideengeschichte erweisen.

Nach den einleitenden Worten werden die zuvor erläuterten Stichworte zu einem tieferen Verständnis geführt. Zuvor jedoch gilt es für Dorschel jedoch noch die Grundlagen zu schaffen: Da die Idee, wie sie für die Ideengeschichte, d. h. »historiographisch«, brauchbar wird, der »Kritik der philosophischen Ideenlehren« (42) entstammt, muss zunächst der Frage Was ist eine Idee? nachgegangen werden. Die Antwort muss für die Ideengeschichte eine historische sein, denn wer historisch arbeitet, sollte sich seiner eigenen Herkunft gewiss, um sich über den eigenen Standpunkt im Klaren zu sein. Dorschel nimmt damit zunächst noch einmal Bruckers Ansatz auf und liefert so einen historischen Abriss über die Idee der Idee. Davon ausgehend ergibt sich eine grobe Dreiteilung der »wirkungsmächtige[n] Ideenlehren«, die »europäische Philosophen entwickelt« (77) haben: eine ontologische (die platonische), eine theologische (die christliche) und eine empirisch-psychologische Ideenlehre (der ›new way of ideas‹). Locke hat im Zuge letzterer die Ideen säkularisiert, sie frei von jeder göttlich-transzendenten Verankerung gesetzt und die Ideen so in das Bewusstsein der Menschen verlegt. Den für die gegenwärtige Ideengeschichte relevanten Schritt jedoch ging erst Hegel: Er führte die Begriffe Idee und Werden zusammen. Ohne Hegels Geschichtsphilosophie eingehender zu erläutern – und Abgrenzungen wider diese und für die Ideengeschichte einzuleiten –, sind mit Locke und Hegel, neben Brucker und Vico, die die Ideengeschichte als »eine Form des Wissens umrissen« (77), die für Dorschel historisch wichtigsten Vorläufer der Ideengeschichte benannt. Mit Hegel ist gewährleistet, was weder in der platonischen, noch in der christlichen Ideenlehre oder der ›new way of ideas‹ gedacht werden konnte, schlichtweg aber unerlässlich für die Ideengeschichte ist: Das Verständnis von Ideen als historische Gebilde. In Abkehr von einem Substanzialismus der Ideen, führen Werden und Idee in gemeinsamer Verbindung zur Relationalität der Ideen. Eine Ideengeschichte der Idee der Idee hat ihre Berechtigung, als Untersuchungsgegenstand; was der Idee dadurch jedoch versperrt bleibt ist der Einzug in das »Methodenarsenal des Ideenhistorikers« (83); zum Gegenstand der Ideengeschichte wird sie erst vor dem Hintergrund ihrer Historizität und in Relation zu anderen Ideen, zu Problemen und Fragen, die sich eine Zeit stellt und so nicht zuletzt in Bezug zum sozialen Kontext.

Mit dem Einzug in das Methodenarsenal der Ideengeschichte, geht es im Folgenden, dem letzten großen Themenkomplex, um die Bestimmung, wie sich der Idee als historischem Gebilde methodisch zu nähern ist. Im Gegensatz zu doxographischen Sammelsurien bestimmt Dorschel die Ideengeschichte zunächst als Problemgeschichte, denn Ideen sind »in der einen oder anderen Weise Reaktionen auf Schwierigkeiten« (90). Jedes Problem setzt Bedingungen seiner möglichen Lösung fest und eröffnet damit einen Fragehorizont, vor dem Ideen aufkommen, statt haben oder verworfen werden. Ideenhistoriker haben verständlich zu machen, »weshalb bestimmte Ideen zu einer bestimmten Zeit vertreten wurden« (99) und plausibel schienen. Ideengeschichte, begriffen als Problemgeschichte, stellt damit einen der beiden Grundpfeiler von Dorschels Verständnis der Ideengeschichte dar: Ideen sind Lösungsversuche als Antworten auf Schwierigkeiten und Probleme. Im Vordergrund stehen damit die Bedingungen, Zusammenhänge und Relationen historischer Konstellationen, in denen Ideen und Probleme (ent-)stehen. Dies soll »den oft in Quellen nur lückenhaft dokumentierten Diskussionszusammenhang« (111) mit seinem historischen Kontext in einen Dialog bringen, um ein Verständnis zu schaffen, das auf Grundlage werkimmanenter Analysen nur unzureichend erklärt werden kann.

Unter dem Stichwort der »Logik der ideengeschichtlichen Situation« (111) lassen sich die im Folgenden beschriebenen Konstellationen der Ideen zu ihrem historischen Kontext zusammenführen. Dorschel möchte den Blick dafür schärfen, von was und wie diejenigen, die Ideen hervorgebracht haben, beeinflusst wurden, was verursachte, dass Ideen nur latent zum Ausdruck gebracht werden konnten und verhindert hat, sie offen auszusprechen. Die aufgeführten Relationen der Ideen umfassen zum einen eher basale, logische (Subsumption, Differenzierung, Paradoxie, Aporetik) zum anderen umfassendere Relationen (Kontinuität und Diskontinuität von Ideen, Fragen nach dem Genre, nach regulativen Instanzen wie Institutionen sowie Autorenstrategien und -taktiken).

In Bezug auf die Frage nach dem Neuen und Alten an Ideen kommt Dorschel auf den zweiten Grundpfeiler seines Verständnisses von Ideengeschichte zu sprechen: die Metapherngeschichte. Dorschel möchte Metaphern nicht als »lediglich rhetorische Figuren« (145) verstanden wissen. Ihr Bezug zur lebensweltlichen, nicht-sprachlichen Ebene ermöglicht es ihnen, leitende Orientierungsfunktionen zu übernehmen. Metaphern sind imstande, in Rekurs auf Altes Neues zu erschließen. Ausgehend vom lebensweltlichen Hintergrund leiten sie den Menschen in seiner Lebenspraxis. Metaphern sind damit kein »beliebige[r] Zierrat der Sprache«, sondern »ein bedeutsamer Modus des Wandels von Ideen« (147). Ihnen eignet die Möglichkeit zum »Ersinnen möglicher Welten im Unterschied zum Beschreiben bislang übersehener Züge der wirklichen Welt« (149). Metaphern eröffnen einen Horizont an Möglichkeiten, Probleme einen Fragehorizont – beide gemeinsam umreißen den Kontext, in dem Ideen stehen: »Erst Problemgeschichte und Metapherngeschichte ergeben eine zulängliche Geschichte der Ideen.« (111)

Im Zentrum stehen die Relationen der Ideen, die Frage wie diese Relationen sich darstellen, begriffen und beschrieben werden können. Neben den Bewegungen von Ideen in Zeit und Raum, stehen die »rhetorischen Manöver« (192) derer, die Ideen vertreten, im Mittelpunkt. Die historische Darstellung der Idee der Idee erhält Vorrang vor einer Darstellung der (oftmals disziplinär geführten) Auseinandersetzungen verschiedener ideengeschichtlicher Ansätze. Der Verzicht auf diese Differenzierungen und Methodendiskussionen hat zwar zum Nachteil, dass zeitgenössisch relevante Anknüpfungspunkte unerwähnt bleiben und allenfalls implizit verhandelt werden – so findet z. B. Blumenbergs Metaphorologie keinerlei Erwähnung, die zweifelsohne mit Dorschels Verständnis der Metapherngeschichte in Verbindung zu bringen ist, ebenso wenig wie Lovejoys Konzept der ›history of ideas‹ oder eine ausschließliche Begriffsgeschichte à la Lübbe, deren Konzepte implizit zurückgewiesen werden. Wer nach Methodendiskussionen und Debatten der letzten Jahrzehnte fragt, wird bei Dorschel keine Antwort erhalten. Daraus jedoch zieht Dorschels ›Ideengeschichte‹ wiederum ihre Stärken.

Der Vorteil besteht darin, dass ausschließlich der zu betrachtende Gegenstand in den Blick rückt: Der Fokus liegt ausschließlich auf der produktiven Verhandlung ideengeschichtlichen Denkens. So wundert es kaum, dass Dorschel nur kurz und fast beiläufig die Methode des Ideenhistorikers benennt; auch eine Antwort auf die Frage, die die Überschrift des zweiten Abschnitts stellt: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Ideengeschichte? wird nicht explizit beantwortet und zielt vielleicht ohnehin vielmehr auf die sinnbildliche Übertragung der Auseinandersetzung Schillers mit Schlözer und so auf die Konflikte ab, denen sich ein historischer Ansatz ausgesetzt sieht. Auch hier streut die implizite Aufnahme mögliche Verweise. Das eigentliche Anliegen Dorschels ist die Veranschaulichung eines ideengeschichtlichen Denkens, das während des Lesens zum Nachvollzug der geschilderten Konstellationen und Beispiele einlädt. Dorschels ›Ideengeschichte‹ bietet damit nicht nur eine Übersicht über die historisch wichtigsten Stationen der Ideengeschichte, sondern führt noch während des Lesens in ideengeschichtliches Denken ein. Soll Dorschels Band als eine Einführung verstanden werden, ist dieser eine Einführung in die Bewegung eines Denkens, das sich der Ideengeschichte verschrieben hat.

Andreas Dorschel. 2010. Ideengeschichte. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht / UTB. €15,90

Veröffentlicht von

M.A., geb. 1983; studierte Philosophie, Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit Gastsemestern an der Université de Bretagne Occidentale Brest sowie der Universität Hamburg; Abschluss 2012 mit einer Arbeit über „Das Konzept der Technik in den frühen Schriften Hans Blumenbergs“, im Zuge dessen Stipendiat des Deutschen Literaturarchivs Marbach; derzeit Lehrbeauftragter am Philosophischen Seminar der CAU Kiel, wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Neuere deutsche Literatur und am IPN – Leibniz Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. EMail: t.f.goslar@online.de

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