Auf ins Gefecht Bourdieu-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung

Artikel als pdf

„La sociologie est un sport de combat“ – „Soziologie ist ein Kampfsport“, so lautete der Titel eines 2001 veröffentlichten Dokumentarfilms von Pierre Carles über den französischen Soziologen und öffentlichen Intellektuellen Pierre Bourdieu. Bourdieu, der gut ein Jahr nach der Veröffentlichung des Films am 23. Januar 2002 viel zu früh verstorben ist, wird hier filmisch in der ganzen Bandbreite seiner Tätigkeit porträtiert. Einerseits als Akademiker, der als Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie am Collège de France, dem französischen Wissenschaftsolymp, forscht und unterrichtet – andererseits als Demonstrant und Diskutant, der an der öffentlichen Debatte über die Verfasstheit der französischen Gegenwartsgesellschaft teilnimmt. Zu Beginn des Films erscheint Bourdieu als Zuhörer auf einer Kundgebung, in der José Bové gegen Ausbeutung und Neoliberalismus anredet. Der Globalisierungsgegner Bové erlangte auch über Frankreich hinaus Bekanntheit, als er 1999 eine im Bau befindliche Filiale einer amerikanischen Fastfood-Kette mithilfe seines Traktors zerstörte. Und auch wenn Bové und Bourdieu in ihrer Globalisierungskritik mit Blick auf die Enthemmung von Marktlogiken durchaus übereinstimmten, so hätte ihre Herangehensweise an Fragen der sozialen Ausgrenzung unter neoliberalen Gesichtspunkten nicht unterschiedlicher sein können. Dort der hemdsärmelige Politaktivist, hier der filigran argumentierende Soziologe, dessen epochemachendes Hauptwerk „Die feinen Unterschiede“ (1979) eine differenzierte Sozialtheorie mit einer ebenso vielschichtigen Empirie der Aus- und Abgrenzung zu verbinden vermochte.

Diesem Pierre Bourdieu also, der in der deutschen Politikwissenschaft zu unrecht immer noch wesentlich weniger stark rezipiert wird als etwa Michel Foucault, widmen die Herausgeber Gerhard Fröhlich und Boike Rehbein ein Handbuch im Metzler Verlag, der damit einen weiteren, eminent wichtigen Baustein in seiner Handbuch-Reihe hinzugewinnt. Der Band ruht auf fünf Säulen, die jeweils unterschiedliche Aspekte von Leben, Werk und Wirkung Bourdieus beleuchten. Während der erste Teil des Handbuches unter dem Titel „Einflüsse“ sowohl eine historische Kontextualisierung anbietet sowie die Wirkungen anderer Autoren auf das Werk Bourdieus auslotet, ist der zweite Teil zentralen Begriffen seiner Soziologie gewidmet. Erst nach dieser Aufschlüsselung so wichtiger Theoriebausteine, wie Distinktion (distinction), Feld (champ), Geschmack (goût), Habitus (habitus), Kapital (capital), Praxeologie (praxéologie) oder sozialer Raum (espace social) schließt sich mit dem dritten Teil die Besprechung zentraler Werke an. Abgeschlossen wird der Band durch die im vierten Teil aufgezeigte Rezeptionsgeschichte Bourdieus und der gegen ihn formulierten Kritik sowie das im fünften Teil versammelte Glossar mitsamt einem Verzeichnis der Primär- und einschlägigen Sekundärliteratur.

Wieso aber ist Soziologie dem Verständnis Bourdieus nach ein Kampfsport? Diese ungewöhnliche Metapher, die sich mitnichten auf die kontroverse Auslegung und Bewertung seiner Soziologie bezieht, umreißt vielmehr das bei ihm vorherrschende Gesellschaftsverständnis, in dessen Kontext er der Soziologie eine kritisch-aufklärerische Funktion zuschreibt. Nimmt man einen der zentralen Begriffe seines Theoriegebäudes, nämlich den Begriff des habitus, heraus, dann wird schnell deutlich, dass Gesellschaft aus der Sicht Bourdieus immer dynamisch und kompetitiv veranlagt, sowie auf Ausgrenzungs- und Unterordnungslogiken basierend entworfen wird. Was das Konzept des habitus beschreibt ist letztlich nichts anderes als die auch epistemologisch relevante Erkenntnis, dass personelle wie in der Summe auch soziale Verhältnisse entsprechend der jeweils situativen Verfasstheit einer Gesellschaft angeeignet sind. Das bedeutet einerseits, dass Verhalten allgemein sowie auch solche scheinbar dem Konkurrenzdruck in einer Gesellschaft entzogenen Bereiche, wie etwa der Mode-, der Musik oder der Kunstgeschmack, entsprechend der eigenen Stellung in der Gesellschaft über Lern- und Erziehungsprozesse erlernt, ja inkorporiert werden. Soziales Verhalten ist demnach nicht präfiguriert, es wird erlernt – und ist bis auf die ihm durch strukturelle Pfadabhängigkeiten auferlegten Restriktionen disponibel. Das bedeutet andererseits aber auch, dass Aus- und Abgrenzungsmechanismen in einer Gesellschaft wesentlich subtiler funktionieren, als das dies der Blick etwa auf die ökonomischen Verteilungsverhältnisse erahnen lassen würde. Dementsprechend erweitert Bourdieu den Kapitalbegriff, den er als marxistisch inspirierter Soziologe als gesellschaftsdiagnostisches Instrument verwendet, um eine soziale Komponente. Nicht mehr bloß der Kontostand, sondern eben auch der Schulabschluss, das Universitätsdiplom und das erworbene Fachwissen über Kunst, Kultur und Mode werden zu unterscheidungsermöglichenden Ressourcen, nach denen die Individuen streben, weil sich anhand ihrer Zuordnungen sowie vertikale Schichtungen in einer Gesellschaft manifestieren. Habitus ist letztlich nichts anderes als onkorporiertes soziales Kapital. Diese Einführung des sozialen Kapitals führt dann zu dem Ergebnis, dass letztlich alle gesellschaftlichen Interaktionsprozesse als verkapitalisierte gedacht – und eben auch kritisiert werden können.

Spätestens an diesem Punkt offenbart sich der gegenwartsdiagnostische Vorteil Bourdieus gegenüber der Globalisierungskritik Bovés. Während letztere – Naomi Klein hat das im Übrigen in ihrer Studie über die von der Chicago-School inspirierte Schock-Strategie vorgeführt – diagnostisch sowie kritisch im wesentlichen auf ökonomische Parameter abzielt, gelingt Bourdieu der Transfer ökonomischer Verteilungslogiken in vormals ökonomieferne Bereiche der Gesellschaft. Seine Kritik, die er gegen Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den Gegenfeuer-Bänden formuliert hat, gewinnt damit eine Breite, die in Verbindung mit dem von Michel Foucault entworfenen Konzept der Biopolitik sowie mit Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes Hegemoniebegriff zu einer umfassenden Theorie der sozialen Ungleichheit und ihrer Perpetuierung avancieren kann. Warum die Soziologie Bourdieus, die immer auch eine politische, eine kämpferische Dimension beinhaltete, zwar in Teilen von der deutschen Soziologie, jedoch so gut wie gar nicht von der deutschen Politikwissenschaft rezipiert worden ist, in der doch gerade gegenwärtig Themen wie Veränderung, Dynamik und Wandel in Mode kommen, ist kaum nachvollziehbar. Allzumal das Handbuch Fröhlich und Rehbein – an dem, auch das ist bezeichnend für Teile des deutschen Wissenschaftsbetriebs, kein einziger Franzose mitgeschrieben hat – sowohl (und auch in erster Linie) für ein akademisches als auch für ein an soziologischer Theorie interessiertes, nicht akademisches Publikum (für diesen Personenkreis eignet sich doch die Junius-Einführung von Markus Schwingel erheblich besser, auch weil sie wesentlich kompakter daherkommt) einen hervorragenden Einstieg in die Techniken des Kampfes ermöglicht.

Gerhard Fröhlich / Boike Rehbein (Hg.), Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart 2009, 49,95€.

Schreib einen Kommentar