1.2011

Ausgabe 1.2011 – Politische Ikonen

Inhalt Ausgabe 1.2011

Beiträge
Veith Selk
Angstpolitik.Terrorismus als politische Strategie

Milos Rastovic
Deleuze‘s and Kant‘s Apprehension of the Imagination in Difference and Repetition

Thema: Politische Ikonen
Sebastian Klauke
Von Revolutionären, Mythen, (Pop)Ikonen

Aline-Sophia Hirseland
Evo Morales als politische Ikone. Ein Indigener, Kokabauer und Gewerkschaftsführer im Präsidentenpalast

Sebastian Huncke
August Engelhardt – Kokovorischer Heilsbringer oder dogmatischer Wahnsinniger?

Gelesen
Matthias Lemke
Auf ins Gefecht. Bourdieu-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung

Editorial – Politische Ikonen

Liebe Leserinnen und Leser,
Der Begriff „Politische Ikone“, der den inhaltlichen Rahmen unserer aktuellen Ausgabe bildet, ist vielfach negativ konnotiert. Getragen von Assoziationen, die man mit den Persönlichkeitskulten um die totalitären Herrscher des 20. Jahrhunderts verbindet, ist dieses Phänomen jedoch kein historisches. Gerade die letzten zwei Dekaden haben gezeigt, dass die Verehrung von politischen Akteuren eine Art Renaissance erfährt, die in der Forschungsliteratur unterschiedlich diskutiert wird. Auch ist die personelle Glorifizierung nicht nur auf autoritäre Systeme beschränkt; immer häufiger kann auch für demokratische Systeme eine Art Persönlichkeitskult konstatiert werden. Diese Entwicklung wird vorrangig von den Medien- und Kulturwissenschaften aufgenommen und als „politische Popstars“ konzeptionalisiert. Ein signifikantes Beispiel innerhalb dieses Klassifizierungsversuches stellt der amerikanische Präsident Barack Obama dar, der die Hoffnung und den Glauben der Bevölkerung an eine bessere Zukunft versinnbildlicht und als Verkörperung des amerikanischen Traums stilisiert wird. Die Heroisierung des ehemaligen russischen Präsidenten Vladimir Putin hingegen wird vor dem Hintergrund seiner autoritären Herrschaft gleichermaßen als politische Ikone sowie als politischer Popstar in der Literatur diskutiert. Hier stehen sich somit konzeptionell die amerikanische Obamania und russische Putinania gegenüber.
Der wesentliche Unterschied zwischen politischen Popstars und politischen Ikonen besteht in erster Linie in ihrer Veräußerung. Der Kult um politische Führungspersönlichkeiten im Sinne eines gesellschaftlichen Hypes ist vor allem von der Gesellschaft und den Medien begründet und getragen. Politische Ikonisierung hingegen ist durch die Selbststilisierung der jeweils zu verehrenden Persönlichkeiten gekennzeichnet, die sich in einer herrschaftsstrategischen Kanonisierung in allen Bereich des politischen aber auch gesellschaftlichen Lebens widerspiegelt. Dies verneint keineswegs die gesellschaftliche Akzeptanz und Fortführung des von oben instrumentalisierten Kultes.
Die vier Themenartikel des aktuellen Heftes verdeutlichen den Facettenreichtum politischer Ikonisierung sowie die wissenschaftliche Debatte um die Kategorisierung des Begriffes. Den Auftakt zum Thema leistet Claudia Simone Dorchain mit ihrer sowohl historischen als auch kunsthistorischen Analyse der ikonographischen Wandgemälde im Fahrerbunker von Adolf Hitler. Im Vordergrund des Artikels steht die machtpolitische Instrumenalisierung von militärischen Darstellungen mittels religiöser Ikonographie. Im zweiten Artikel des Heftes diskutiert Sebastian Klauke die verschiedenen Ebenen der Ikonisierung der Person Karl Marx im Vergleich zu anderen politischen Akteuren aus den sozialrevolutionären Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Der Artikel von Aline-Sophie Hirseland verdeutlicht eingehend das identitätsstiftende Moment politischer Glorifizierung am Beispiel des bolivianischen Präsidenten Evo Morales Ayma. Die Selbstinszenierung des Präsidenten als Verkörperung des indianischen Widerstandes hat die indigene Bevölkerung vollends durchdrungen und wird von ihr getragen. Dass die Form der Verehrung auch Sektencharakter annehmen kann, zeigt der vierte Artikel in unserer Themenreihe. Sebastian Huncke analysiert eindringlich die Fundamente der Sekte „Sonnenorden“ und den damit verbundenen Kult um den Lebensreformer August Engelhardt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ideologie des Kokovorismus begründete.

An dieser Stelle sollen noch die aktuellen Neuerungen bei diskurs Erwähnung finden. Zunächst zu den personellen Änderungen. Der Mitherausgeber Sebastian Nawrat hat nach dreijähriger erfolgreicher Zusammenarbeit das Gremium verlassen. diskurs hat aber auch Nachwuchs bekommen. Anja Franke ist seit 2011 neues Redaktionsmitglied bei diskurs und unterstützt das Team. Neben diesen Neuzugängen und Trennungen gab es bei diskurs auch interne Umstrukturierungen. Matthias Lemke, der die Zeitschrift vor sieben Jahren gründete, beteiligt sich auch weiterhin mit Rat und Tat, wenngleich nicht mehr in seiner bisherigen Funktion als verantwortlicher Herausgeber. Die Herausgabe der Zeitschrift wird seit Januar 2011 von Daniel Kuchler, Bastian Walter und Ines Weber betreut.
Bei allen, die bisher stetig an der Konzeption und Realisierung von diskurs beteiligt waren, möchten sich die aktuellen Herausgeber an dieser Stelle herzlich bedanken; ohne das notwendige freiwillige Engagement aller Beteiligten würde die Idee von diskurs nicht im siebten Jahr ihre praktische Realisierung erfahren.
Darüber hinaus hat diskurs auch den Verlag gewechselt. Unsere Zeitschrift erscheint mit dieser Ausgabe erstmals im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat.

Ines Weber und Anja Franke

 

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