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Ausgabe 2.2012 – Was kann Theorie?

Inhalt Ausgabe 2.2012

 

Editorial – „Was kann Theorie?“

Nachdem die letzte Ausgabe von diskurs als offenes Themenheft konzipiert war, haben wir in unserem aktuellen „Call for Paper“ die konkret und nicht zuletzt auch provokativ gemeinte Frage „Was kann Theorie?“ in den Mittelpunkt gestellt. Dass die Antworten auf diese Frage verständlicherweise vielgestaltig ausfallen können, beweisen die zahlreichen Beiträge, die bei uns in den letzten Monaten eingegangen sind und für deren Zusendung wir uns herzlich bedanken möchten. Unser Dank gilt gleichermaßen den in diesem Heft versammelten Autorinnen und Autoren und unseren Peer-Reviewern, die durch ihre kritische Lektüre der Aufsätze wieder einmal dazu beigetragen haben, die Qualität von diskurs sicherzustellen.

Den Anfang macht der Beitrag von Stefan Ahrens „Max Horkheimer und Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. – Vertreter einer über sich selbst ‚aufgeklärten Aufklärung’?“, in dem der Autor mit Max Horkheimer (1893-1973) und Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. (* 1927) zwei auf den ersten Blick völlig gegensätzliche Persönlichkeiten anhand von vier Aspekten vergleicht. Neben dem gemeinsamen „äußeren“ Initial für ihr Denken beleuchtet Ahrens ihre individuelle Kritik an der Moderne und behandelt die Werke im Hinblick das ihnen innewohnende Verhältnis zwischen Theismus und Atheismus, exemplarisch verdeutlicht anhand des Leidens. Dass Ahrens bei seinem Vergleich zu interessanten Ergebnissen kommt, darf bereits hier vorweggenommen werden. Auch das Thema von Bettina Hückels wissenschaftsphilosophischem Beitrag „Theory of International Relations with Chinese characteristics. The Tian-Xia system from a Philosophy of Science Perspective“ ist in hohem Maße innovativ. In ihm analysiert die Autorin die jüngst von chinesischer Seite gestarteten Bemühungen um die Schaffung einer Theorie der Internationalen Beziehungen mit chinesischen Charakteristika anhand des in der westlichen Welt wenig rezipierten Werkes von Zhao Tingyang. Dabei gibt die Autorin zunächst einen Überblick über die Geschichte der Beschäftigung mit Internationalen Beziehungen in China, um in einem weiteren Schritt neben dem chinesischen Verständnis von Theorie auch die Basis einer eigenen Theoriebildung der Chinesen vorzustellen. Die Ausführungen von Hückel machen deutlich, dass eine solche Theorie verständlicherweise von völlig anderen historischen, philosophischen und psychologischen Prämissen ausgeht. Die Autorin plädiert daher für eine Anerkennung und den Einbezug dieser Unterschiede, will man in einer globalisierten Welt eine ausgewogene Beziehung zu und mit China pflegen. Einen etwas anderen Zugang zu der Kernfrage dieses Heftes bietet der Beitrag von Alina Bothe „Dem Ungesagten zuhören. Giorgio Agambens `Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge´. Eine kritische Reflexion“. Darin setzt sich Bothe mit den Thesen des 1998 (deutsche Übersetzung: 2003) erschienenen und bereits kurz nach seiner Veröffentlichung kontrovers diskutierten Werks des italienischen Philosophen Giorgio Agamben auseinander. Ausgehend von für sie irritierenden Momenten stellt sie in einem ersten Schritt zunächst den Forschungsstand zur Shoah dar, um dann die Methoden und Grundannahmen des Philosophen kritisch zu hinterfragen, diese zu reflektieren und sie dann von einer geschichtswissenschaftlichen Warte aus zu überprüfen. Bothes Hauptkritikpunkte an Agamben sind neben der fehlenden Kontextualisierung der Quellen vor allem sein Entwurf der Geschichte der Shoah, der wichtige Aspekte, wie beispielsweise den Widerstand der Opfer, ausklammert. Hinzu kommt für sie, dass Agamben seinen diskurstheoretischen Zugang zur Geschichte hinsichtlich bestimmter Begriffe und Konzepte nicht völlig ausschöpft. Im Anschluss an diese Auseinandersetzung mit Agamben, der sich seinerseits in der theoretischen Tradition Michel Foucaults verortet, folgt eine Kritik an der allenthalben festzustellenden Reduzierung der Ideen Foucaults auf die Diskursanalyse. Janosik Herder formuliert diese in seinem anregenden Beitrag „Warum Sagen nicht Sehen und Sehen nicht Sagen ist. Mit Michel Foucault gegen die Diskurstheorie“, worin er argumentiert, dass nicht jede Veröffentlichung Foucaults zur Diskursanalyse zu zählen ist. Durch seine intensive werkimmanente Analyse zeigt er, was Theorie im Anschluss an Foucault zu leisten vermag und plädiert für einen stärkeren Einbezug des „Macht-Wissen-Komplexes“. Den Überlegungen von Leo Strauss zu den Aufgaben, Herausforderungen und Möglichkeiten einer politischen Philosophie ist der letzte Artikel dieses Themenheftes von Ulrike Weichert „Was kann Politische Philosophie? – Zum Verhältnis von Philosophie und Politik bei Leo Strauss“ gewidmet. Während sie zunächst die Gedanken von Leo Strauss nachzeichnet und die Aktualität der Politischen Philosophie deutlich herausstellt, betont die Autorin zuletzt deren generelle Bedeutung als „selbstreflexives Moment der Philosophie“.

Zuletzt möchten wir Sie auf die nächste Ausgabe von diskurs hinweisen, die wieder als Themenheft konzipiert ist und sich mit dem Feld der Wissenschaft befasst: In Forschung und Lehre lässt sich bekanntlich ein tiefgreifender Wandel beobachten – unter anderem initiiert durch die Exzellenzinitiative und Bologna. Nun sind seit einigen Jahren verstärkt kritische Stimmen zu vernehmen, die auch als Ausdruck einer Neuorientierung oder Suchbewegung der Wissenschaft gedeutet werden können. Im nächsten Jahr wird nun über die Reform der Hochschulfinanzierung und die weitere Gestaltung der Exzellenzinitiative entschieden. Welche Entscheidungen auch immer getroffen werden, es ist sicher, dass diese Entscheidungen erhebliche Auswirkungen auf die Zukunft der Wissenschaft haben werden. Kurzum: Die Wissenschaft befindet sich – mal wieder – an einem Scheideweg und diskurs will mit dem Themenheft zu einer dringend notwendigen Selbstanalyse und -verständigung der Wissenschaft beitragen. (Mehr Informationen im Call)

Was bleibt, ist, Ihnen eine angenehme und gewinnbringende Lektüre zu wünschen!

Bastian Walter

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