Ausgabe 2013 – Wissenschaft am Scheideweg

Inhalt Ausgabe 2013

 

Debatte

Lothar Zechlin
Lob der unternehmerischen Universität. Ihre Chancen liegen in der neuen Macht der Präsidien und Rektorate, ihre Risiken in deren Führungskompetenzen

Andreas Keller
Wir können auch anders!  Alternativen zur „unternehmerischen Hochschule“

Themenaufsätze

Olaf Jann
Was ist der dritte Stand? Der akademische Mittelbau im postdemokratischen Produktionsbetrieb

Nadin Fromm
Transnationale Hochschulbildung. Wer »exportiert« eigentlich die deutschen Studienangebote ins Ausland?

Malte Albrecht
Exzellenz und hegemoniale Strategie. Zur Doppelmoral und Schwäche liberaler Wissenschaftspolitik

Marije Altorf
Selling Socrates, or the Unexamined Life and the University

Ruth Kamm
Hochschulbildung in öffentlicher Verantwortung – Erklärungsversuche für die Stabilität des deutschen Systems

 

Editorial – Wissenschaft am Scheideweg

Die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft ist erheblich und vielgestaltig: Wissenschaft ist dem stetigem Ringen um Erkenntnis verpflichtet, soll durch technologische Innovation Wohlstand sichern, bildet junge Menschen aus und ist nicht zuletzt Gegenstand, Akteur und Argument in politischen Konflikten.

Aktuell lässt sich im Feld der Wissenschaftspolitik eine besonders konflikthafte Konstellation beobachten, die insbesondere durch zwei Entwicklungen angestoßen wurde. Erstens ist im Rahmen der Föderalismusreform die Zuständigkeit für die Universitäten primär in die Hände der Bundesländer über gegangen. Wissenschafts- und Bildungspolitik ist damit zu einem politischen Kernbereich geworden – hier werden politische Identitäten und Alternativen in der Landespolitik formuliert. Zweitens sind die Erwartungen an Wissenschaft generell gestiegen: Universitäten und andere wissenschaftliche Einrichtungen repräsentieren den nationalen (Miss)Erfolg im internationalen Wettbewerb. Eine möglichst sichtbare(!) wissenschaftliche Exzellenz soll dabei durch wettbewerbsorientierte Mittelvergabe und damit verbundene symbolische Auszeichnungen (bspw. Exzellenzinitiative) angestoßen werden.

Zwischen zwei Entwicklungen besteht ein bislang nicht aufgelöster struktureller Widerspruch, der sich, überspitzt, wie folgt ausgestaltet: Auf der einen Seite stehen Bundesländer, finanziell schwach, aber an sichtbar eigenständiger Wissenschaftspolitik interessiert. Auf der anderen Seite findet sich die Idee internationaler Wettbewerbsfähigkeit, sichtbarer Exzellenz und nicht zuletzt direkter Förderung von Prestigeprojekten durch den Bund. Offensichtlich ist das Konfliktpotential hoch. Die bevorstehende Bundestagswahl und das Auslaufen der Exzellenzinitiative führen dazu, dass sich die Lage zuspitzt, die politischen Alternativen formuliert werden und sich bedeutende wissenschaftspolitische Akteure (Wissenschaftsrat, Hochschulrektorenkonferenz, einzelne Rektoren, Gewerkschaften, Forschungsinstitutionen) positionieren. Die kommenden Monate werden also entscheidend für die künftige Ausrichtung der Wissenschaft.

diskurs möchte mit der vorliegenden Ausgabe einen Beitrag zur Qualität der Debatte über die Zukunft der Wissenschaft leisten. Um die Wissenschaft am Scheideweg auszuleuchten wurden drei Ansatzpunkte gewählt: Partei-Stellungnahmen, Debattenbeiträge zur unternehmerischen Universität und wissenschaftliche Beiträge zum Feld der Wissenschaftspolitik.

Partei-Stellungnahmen

Angesichts der anstehenden Bundestagswahl bündeln sich einige der Konflikte zur (Neu)Ausrichtung der Wissenschaft in den konkurrierenden Parteiprogrammen. diskurs hat die im Bundestag vertretenen Parteien um Stellungnahmen zur Zukunft der Exzellenzinitiative, der Hochschulfinanzierung (Länder und / oder Bund) sowie der Frage des wissenschaftlichen Nachwuchses gebeten. Vier Parteien haben geantwortet – für die SPD wurde selbst recherchiert. Die Ergebnisse im Volltext und als Infografiken finden sich hier.

Debattenbeiträge zur unternehmerischen Universität

Eine wesentliche Konfliktlinie im Feld der Wissenschaftspolitik ist die Frage von Modus und Objekt des Wettbewerbs. Sicherlich, auch das wissenschaftliche Ringen um angemessene Modelle oder gesicherte Erkenntnis ist eine Art Wettbewerb. Es finden sich aber Anzeichen, dass weitere Faktoren (bspw. historische Kumulation von Drittmitteln, öffentliche Reputation, Standort…) als neue Logiken an Bedeutung gewinnen. Die Objekte des Wettbewerbs (Drittmittel, renommierte WissenschaftlerInnen, (politische / mediale) Aufmerksamkeit, StudentInnen) werden also zunehmend unabhängiger von der Leistung im wissenschaftlichen Ringen um Erkenntnis verteilt.

Dies lässt sich unter anderem an der Idee der unternehmerischen Universität ablesen, die für die gleichzeitige Veränderung und Intensivierung des Wettbewerbs Ausdruck, aber auch gängige Bewältigungsstrategie ist. Die unternehmerische Universität soll idealiter ein autonomer, visionärer, risikobereiter und zentral geführter Akteur sein, der sich im in (internationaler) Konkurrenz mit anderen Universitäten befindet. In Debattenbeträgen von Lothar Zechlin und Andreas Keller wird kontrovers diskutiert, ob diese Erwartungen eines produktiven Wettbewerbs erfüllt werden und inwieweit es durch die oben genannte Ergänzung der wissenschaftlich relevanten Wettbewerbslogiken Rückwirkungen auf das Urprinzip wissenschaftlicher Konkurrenz um Erkenntnis gibt.

Wissenschaftliche Beiträge

Die wissenschaftlichen Beiträge im vorliegenden Heft befassen sich mit verschiedenen Entwicklungslinien im Feld der Wissenschaft.

Den Anfang macht der Beitrag von Olaf Jann „Was ist der dritte Stand? Der akademische Mittelbau im postdemokratischen Produktionsbetrieb“. Jann analysiert hier die aktuelle Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus und verknüpft diese Situation mit der krisenhaften Entwicklung der Universitäten in den vergangenen Jahren. Letztere ist nach Jann‘s Argumentation nicht nur Ausdruck fehlender bzw. fehlgeleiteter Finanzierung, sondern zugleich Produkt asymmetrischer Machtverhältnisse im wissenschaftlichen Feld.

Ein weiterer Blick auf die jüngsten Entwicklungen im Feld der Wissenschaft findet sich bei Malte Albrecht. Er analysiert unter dem Titel „Exzellenz und hegemoniale Strategie. Zur Doppelmoral und Schwäche liberaler Wissenschaftspolitik“ die Exzellenzinitiative als hegemoniales Projekt. Albrecht illustriert dabei detailliert die verschiedenen diskursiv-hegemonialen Strategien der Exzellenzinitiative und kommt zum Schluss, dass sich unter dem Zeichen der Exzellenz nunmehr eine stabile hegemoniale Formation zur Neuausrichtung der Universitäten etablieren konnte.

Nadin Fromm untersucht in ihrem Beitrag „Transnationale Hochschulbildung – Wer “exportiert” eigentlich die deutschen Studienangebote ins Ausland?“ die internationale Ausrichtung des deutschen Wissenschafts- und Forschungsbereichs. Das Programm „Studiengänge deutscher Hochschulen im Ausland“ des Deutschen Akademischen Austauschdienstes dient aus Beispiel für ihre Untersuchung aus der Perspektive des Governance-Ansatzes. Hierbei interessiert sie vor allem, welche Akteure welche Funktionen übernehmen und welche Mechanismen der Koordination sich im Verlauf des Programms festgesetzt haben.

Den Abschluss des Heftes bilden zwei Beiträge, die sich mit der Privatisierung bzw. Kommerzialisierung der Universitäten und akademischen Bildung auseinander setzen. Den Anfang macht Marije Altdorf mit ihrem Beitrag „Selling Socrates, or the Unexamined Life and the University“. Unter Bezug auf Martha C. Nussbaum entwickelt Altdorf eine Verständnis des Sokratischen Dialogs, der als Idealtypus akademischer Bildung gegenüber einer zunehmenden Marktorientierung der Universitäten angeführt wird. Vor diesem Hintergrund wird aus einer Perspektive der Praxis kritisch die Frage der demokratisierenden Funktion des Sokratischen Dialogs diskutiert. Der zweite Beitrag zur Kommerzialisierung der Universitäten stammt von Ruth Kamm. Unter dem Titel „Hochschulbildung in öffentlicher Verantwortung. Erklärungsversuche für die Stabilität des deutschen Systems“ fragt sie nach dem Grund für die fortwährende Dominanz öffentlicher Finanzierung. Diese ist für sie erstaunlich und erklärungsbedürftig, da Schlagworte wie Effizienz, Effektivität oder Wettbewerbsfähigkeit zentrale Leitbegriffe der Hochschulreformen sind und im Sinne dieser Ausrichtung ähnliche Reformtätigkeiten in anderen Politikfeldern (Telekommunikation, Stromversorgung) eine breite Privatisierung zur Folge hatten.

Abschließend möchten wir noch auf Änderungen in der Zeitschrift diskurs hinweisen. Mit Erscheinen dieses Heftes werden Ines Weber und Anja Franke-Schwenk die Herausgebergemeinschaft von diskurs verlassen – wir danken beiden an dieser Stelle herzlich für die jahrelange äußerst produktive Zusammenarbeit.

Die Zeitschrift diskurs nimmt diese personelle Veränderung zum Anlass, eine Phase inhaltlicher und konzeptioneller Neuausrichtung einzulegen. Entsprechend wird in diesem Jahr ausschließlich die vorliegende Ausgabe veröffentlicht. Im Frühjahr 2014 melden wir uns mit neuen Ideen zurück – bis dahin gibt es aktuelle Informationen via Newsletter, über Facebook und Twitter.

Wir wünschen Ihnen nun eine angenehme und gewinnbringende Lektüre!

Ingmar Hagemann

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