Call for Papers: “Was kann Theorie?” [Call abgeschlossen]

Zwar hatten bereits die Ägypter und Babylonier den Zusammenhang zwischen den Seiten rechtwinkliger Dreiecke erkannt und umfangreiche Listen mit Beispielen erstellen können, aber es waren die Griechen, die die theoretische Grundlage in dem Satz erkannten, der allgemein Pythagoras zugeschrieben wird.
Während besonders die sokratische Schule der Theorie einen von der Praxis und Technik unabhängigen Wert zuwies, wird in der jüngeren Vergangenheit in zunehmendem Maße Praxis- und Technikorientierung als entscheidend angesehen.

Ausgabe 1.2012 – offenes Themenheft

Liebe Leserinnen und Leser,
nachdem Sie sich im letzten Themenheft von dis|kurs eingehend über die verschiedenen Facetten von Exil informieren konnten, ist diese erste Ausgabe des Jahres 2012 als offenes Themenheft konzipiert. Unserem international breitgestreuten Call-for-Paper sind zahlreiche Autorinnen und Autoren gefolgt. Die Redaktion ist daher sehr erfreut, in dieser thematisch offenen Ausgabe eine qualitativ hochwertige und disziplinäre, methodische, sowie inhaltliche Vielfalt der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung abbilden zu können. Die Beiträge reichen von der analytischen Reflektion ideenpolitischer und philosophischer Auseinandersetzungen des 20. und 21. Jahrhunderts bis hin zur Analyse spezifischer empirischer Problemstellungen.

Gewalt als das andere der Macht? Überlegungen im Ausgang von Hannah Arendt und Michel Foucault

‚Macht‘ gehört ohne Zweifel zu den Schlüsselbegriffen der politischen Philoso­phie. Ebenso breite Aufmerksamkeit erfahren Fragen der Bestimmung, Ausübung und Eingrenzung von Macht in der aktuellen Politik- und Sozialwissenschaft. Jedoch hat kaum ein Phänomen in der geisteswissenschaftlichen Tradition solch unterschiedliche, mitunter gerade entgegengesetzte Zuschreibungen erfahren wie die Macht. In ihrer Einleitung zu dem Sammelband ›Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie der Gegenwart‹ heben die Herausgeber die auffälli­ge Heterogenität der Bestimmungen hervor, welche Macht in der Theoriebildung zugesprochen bekommen hat: Oftmals werde sie mit der Einwirkung von Zwang assoziiert – Macht als Potential zur Überwindung von Widerständen oder zur Unterwerfung von Widerstrebendem –, dann wiederum werde sie verstanden als Gestalt gebendes Medium, das sämtliche Bereiche des sozialen Zusammenlebens durchwirkt und produktiv formt.

Öffentlichkeit und Privatheit. Rekonstruktion einer Unterscheidung am Beispiel der Theorie von Jürgen Habermas

In seiner ebenso berühmten wie umstrittenen Man-Analyse hat Martin Heidegger konstatiert: „Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung konstituieren als Seinsweisen des Man das, was wir als die ›Öffentlichkeit‹ kennen.“ In der Öffentlichkeit ist man für Heidegger in der Weise der Unselbständigkeit und Uneigentlichkeit, „weil sie unempfindlich ist gegen alle Unterschiede des Niveaus und der Echtheit.“ So kommt er zu dem Urteil, „die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus.“ Im Umkehrschluss müsste die Privatheit für Heidegger durch die Seinsweise der Selbständigkeit und Eigentlichkeit konstituiert sein, auch wenn sich diese Behauptung so explizit nicht bei ihm findet. Wenn in diesem Urteil nicht nur ein antidemokratischer Affekt steckt – und ganz allein darauf lässt es sich nicht reduzieren –, dann haben wir es mit einem umfassenderen theoretischen Problem zu tun: der Frage nach einer Theorie von Öffentlichkeit und Privatheit zwischen normativen Annahmen und empirischen Aussagen.

Philosophie und Armut – Überlegungen zu ihrem Zusammenhang

Die philosophische Literatur zu Armut ist in den letzten Jahren beträchtlich angewachsen. Dabei stehen vor allem Probleme der globalen Armut, insbesondere der Armut in den sich entwickelnden Ländern und die Frage im Vordergrund, welche normativen Konsequenzen aus dieser radikalen Ungleichheit zu ziehen sind. Die philosophische Literatur zu Armut ist also zum überwiegenden Teil Literatur zu globaler Ethik und globaler Gerechtigkeit. Der Anstoß für meinen Beitrag hier ist somit nicht, dass es keine Reflexionen über Armut und Philosophie gibt, sondern dass diese bisher zu einseitig auf einen bestimmten Aspekt fokussiert waren, während andere wichtige Aspekte vernachlässigt wurden.

Die Zwecke der Gesellschaft – Vier Modelle sozialer Teleologie

Wenn Personen Handlungen ausführen, so tun sie dies, um bestimmte Sachverhalte zu erreichen, aufrechtzuerhalten oder zu verhindern. Handlungen sind somit auf die Realisierung von Zwecken ausgerichtet. Häufig beziehen sich diese Zwecke ausschließlich auf die zwecksetzende Person selbst oder ihr enges privates Umfeld. In diesem Fall haben wir es mit individuellen Zwecken zu tun. Doch inwieweit gibt es darüber hinaus auch kollektive Zwecke, die auf Sachverhalte von gesellschaftlicher Relevanz verweisen? Wie entstehen diese kollektiven Zwecke und wer ist an ihrer Festlegung beteiligt? Was beinhalten sie und auf welche Art und Weise verändern sie sich? Mit diesen Fragen beschäftigen sich soziale Teleologien, d. h. Lehren von den Zwecken der Gesellschaft.

Die Rächer von Elba – Exil und Gewalt

„Exil“ ist ein schillernder Begriff. Wenngleich man sich historisch mit „Exil“ an Napoleons Verbannung erinnern und dieses Beispiel besonders populär sein mag, ist das Phänomen des Exils als solches doch ungleich vielschichtiger. Zeitgemäßer als das Beispiel Napoleons ist die differenzierte Aussage Salman Rushdies (1989), für den „Exil“ wechselnde Qualitäten von Revolution bis Nostalgie beinhaltet. Das Problem des „Exils“ hat tatsächlich viele Aspekte: soziologische und ethnologische, historische und juristische, doch die eigentlich philosophische Dimension des Exils ist seine Verbindung mit der Gewalt.

Die Europäische Union in den georgischen Sezessionskonflikten – ein sicherheitspolitischer Akteur?

Der europäische Umgang mit vorhandenen Konfliktfeldern weist bis dato kein effizientes Bild auf, obwohl sich die Europäische Union (EU) als Zivilmacht mit streitschlichtenden Kompetenzen versteht. Dieser Aufsatz widmet sich der Problematik aus Perspektive der von Kirste und Maull initiierten, zivilmachtspezifischen Rollenkonzeption und führt am Beispiel der georgischen Statuskonflikte eine Effizienzanalyse europäischen Sicherheitsengagements durch. Ziel ist es, eine angemessene Verortung der EU im Spannungsverhältnis zwischen ziviler und sicherheitspolitischer Rollenkonzeption vorzunehmen, sodass eine Erklärung derzeitigen europäischen Konfliktengagements resultiert.

Zur Aktualität der Klassenfrage

Der im Jahr 2010 erschienene und bereits 2011 in zweiter Auflage veröffentlichte Sammelband Klassen im Postfordismus ist der jüngste Beitrag zu einem Thema mit langer Tradition, das im heutigen universitären Lehrbetrieb und auch sonstigen akademischen Diskussionen und Zusammenhängen ein eher kümmerliches Dasein fristet, auch wenn seit einigen Jahren ein stärkeres Interesse und größere Aufmerksamkeit insbesondere aus dem linken Spektrum an den Fragen von Klasse und Klassenanalyse beobachtet werden kann. Der Band stellt den ambitionierten Versuch dar, die Kategorie der Klasse für die Analyse der heutigen politischen und sozialen Verhältnisse fruchtbar zu machen und sich hierbei aber von bisherigen Publikationen grundsätzlich abzuheben und deren theoretische Schwächen zu überwinden.