Ausgabe 2.2012 – Was kann Theorie?

Nachdem die letzte Ausgabe von diskurs als offenes Themenheft konzipiert war, haben wir in unserem aktuellen „Call for Paper“ die konkret und nicht zuletzt auch provokativ gemeinte Frage „Was kann Theorie?“ in den Mittelpunkt gestellt. Dass die Antworten auf diese Frage verständlicherweise vielgestaltig ausfallen können, beweisen die zahlreichen Beiträge, die bei uns in den letzten Monaten eingegangen sind und für deren Zusendung wir uns herzlich bedanken möchten. Unser Dank gilt gleichermaßen den in diesem Heft versammelten Autorinnen und Autoren und unseren Peer-Reviewern, die durch ihre kritische Lektüre der Aufsätze wieder einmal dazu beigetragen haben, die Qualität von diskurs sicherzustellen.

Max Horkheimer und Joseph Ratzinger. Vertreter einer über sich selbst »aufgeklärten Aufklärung«?

Das 20. Jahrhundert mit seinen politischen Katastrophen war bekanntermaßen ein wahres saeculum horribilis: In keinem der vorherigen Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte wurden aus politischen Gründen so viele Menschen verfolgt und getötet.[1] Gerade die Natur und Dimension der Verbrechen insbesondere der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts wie des Nationalsozialismus sowie der kommunistischen Regime wie z.B. des Stalinismus und Maoismus offenbarten ein bis dato nicht für möglich gehaltenes Potential menschlicher Grausamkeit.

Theory of International Relations with Chinese Characteristics. The Tian-Xia System from a Metatheoretical Perspective

This paper analyses Zhao Tingyang’s (2009) approach to construct a theory of International Relations (IR) with Chinese characteristics. His approach is one of many recent attempts to incorporate a notion of Chineseness into theory-building. Drawing on ancient Chinese philosophy, his approach is built on the ancient Chinese tributary system called Tian-Xia (Chinese for All-under-heaven, essentially referring to all humans on earth). Zhao’s Tian-Xia system will be analysed from a meta-theoretical perspective by analyzing key components of philosophy of science criteria inherent in his proposed meta-theory of IR. The components and their underlying ontological assumptions are then compared with Western theories of IR. It is concluded that Zhao’s approach provides valuable insights and new perspectives, especially in terms of a differing notion of ontology that does away with the limitations of a Western dualistic worldview and may be food for thought in dealing with contemporary challenges of the globalized world system.

»Dem Ungesagten zuhören« Giorgio Agambens Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge. Eine kritische Reflexion

Giorgio Agamben hat 1998 unter dem Titel Quel che resta di Auschwitz. L’archivio e il testimone, in der deutschen Übersetzung Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge (2003), höchst komplexe und kontroverse Thesen zur Philosophie, Geschichte und Theorie der Shoah veröffentlicht. In dem schmalen Band von knapp einhundertfünfzig Seiten sind Reflexionen über diverse Fragestellungen zu finden: Auf der einen Seite versucht das Buch Leitlinien einer terra ethica post Auschwitz zu vermessen, auf der anderen Seite reflektiert das Werk grundlegende Einsichten in die Geschichte der Shoah und ihre Erinnerung.

Warum Sagen nicht Sehen und Sehen nicht Sagen ist. Mit Michel Foucault gegen die Diskursanalyse

Wer im Anschluss an Michel Foucault oder im direkten Bezug zu dessen Untersuchungen forschen will, der stößt mit einiger Sicherheit auf den Ansatz der Diskursanalyse. Wird Foucault mit dieser Diskursanalyse identifiziert, besteht die Gefahr, aus dessen Denken jene Nacht zu machen, von der Hegel sagte, in ihr seien alle Kühe schwarz (Hegel 1988, 13). Die große Vielfalt theoretischer Begriffe, die Foucaults Schriften auszeichnet, wird im Zuge einer solchen Diskursanalyse mitunter auf einen einzigen Begriff reduziert: Den des Diskurses.

Was kann Politische Philosophie? Zum Verhältnis von Philosophie und Politik bei Leo Strauss

Das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis differenziert die Politikwissenschaft in eine Reihe von methodischen Herangehensweisen sowie Einzel- und Unterdisziplinen, die sowohl empirische, praktische als auch theoretische und normative Fragen abdecken. Diesen Forschungsfeldern liegen unterschiedliche Begriffe zugrunde, die versuchen, die Realität der Forschungspraxis auf dem jeweiligen Gebiet abzubilden und ihr Gegenstandsfeld zu strukturieren.

Demokratie und Governance [Gelesen]

Der Begriff der Governance ist nicht nur, aber insbesondere in der Politikwissenschaft weit verbreitet und wird auf die verschiedensten Zusammenhänge und Thematiken angewendet. Dabei gibt es weder eine einheitliche Bedeutungszuweisung für diesen Begriff, noch ist klar, in welchen Kontexten er genau zu verwenden ist. Good Governance und Global Governance oder – bezogen auf den europäischen Zusammenhang – Multi-Level-Governance sind die wohl bekanntesten Beispiele der vielfältigen Neologismen, die sich unter dem Label Governance entwickelt haben.