CfP: Die Zeit des Politischen und die Politik der Zeit

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Die politische Rolle von Zeit wird in der Politikwissenschaft bislang nur begrenzt reflektiert. Dabei spielt der Faktor Zeit in verschiedenen Ausprägungen eine tragende Rolle in Politik und Politikwissenschaft. So postuliert beispielsweise das liberale Narrativ der Geschwindigkeit (Glezos), dass die soziale und technologische Beschleunigung Demokratie mit ihren langwierigen und langsamen Entscheidungsprozessen zu einem Anachronismus degradiert und den stetigen Ausbau exekutiver und bürokratischer Entscheidungsstrukturen fördert. Die ‚tickenden Bomben‘ immanenter politischer Krisen – von der Abwehr terroristischer Gefahren über die Bewältigung ökonomischer Herausforderungen bis zur Vermeidung ökologischer Katastrophen – stellen träge politische Mechanismen vor ein Zeitproblem, weil sie rasches und geschlossenes, manchmal auch langfristig orientiertes unpopuläres Handeln verlangen, das ‚keine Zeit‘ lässt für Deliberation und Interessensausgleich.

In diesem Beispiel werden zwei Vorstellungen von Politik und Zeit deutlich. Die Zeit des Politischen verweist auf der einen Seite auf formelle und informelle Zeitstrukturen – von Amtsperioden bis zu Aushandlungverfahren –, die politischen Prozessen, Institutionen und Programmen eine spezifische Geschwindigkeit verleihen. Die entstehende Geschwindigkeitsdifferenz zwischen Politik und anderen Bereichen des Sozialen birgt wiederum politische Folgen. Auf der anderen Seite steht eine Politik der Zeit. Politische Krisen, der Verweis auf die allgemeine Beschleunigung des Sozialen oder postulierter Entscheidungsdruck sind nicht zuletzt wirkmächtige politische Konstruktionen. Zeit ist in diesem Sinne sowohl Ausdruck wie auch Grundlage politischer Macht und Legitimation.

Die kommende Ausgabe der Zeitschrift Diskurs soll sich auf dieser Grundlage der Frage widmen, ob die Politikwissenschaft von einem temporal turn profitieren kann. Es werden Beiträge erbeten, die sich empirisch oder theoretisch mit der politischen Rolle von Zeit, Beschleunigung, Geschwindigkeit und Plötzlichkeit oder mit Zeitvorstellungen in der Politik befassen.

Die im Peer-Review-Verfahren begutachtete Open-Access-Zeitschrift diskurs zielt aus sozialwissenschaftlicher Perspektive auf eine enge Verknüpfung von innovativer Theorie und Empirie: Artikel mit theoretischen Reflexionen werden optimalerweise immer durch enge Bezüge zur gesellschaftlichen Praxis begleitet. Neben klassischen Artikeln akzeptieren wir auch Einreichungen von Literaturberichten, (Sammel-)Rezensionen und themenspezifischen Einführungen.

Einreichungen werden erbeten bis zum 28. Februar 2017 . Bitte senden Sie Ihren Beitrag an redaktion@diskurs-zeitschrift.de. Sie erhalten nach spätestens 6 Wochen eine erste Rückmeldung. Alle Einreichungen durchlaufen ein sorgfältiges Verfahren redaktioneller und externer Begutachtung.
Einreichungen sollten maximal 6.000 Wörter/50.000 Zeichen lang sein. Weitere Hinweise zur Formatierung finden Sie hier.

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