CfP: Praxis der Kritik. Luc Boltanskis Soziologie der Kritik und die politische Praxis.

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In den vergangenen Jahren wurde mit der pragmatischen Soziologie der Kritik von Luc Boltanski ein Ansatz entwickelt, der eine neue Perspektive auf die soziale Praxis der Kritik eröffnet (Boltanski / Thévenot 2007; Boltanski / Chiapello 2003; Boltanski 2010).

Die Unterschiede zu etablierten Praktiken der Kritik und ihrer Perspektivierung manifestieren sich vornehmlich in zwei Dimensionen:

  1. Boltanskis praxeologischer Ansatz verortet den Schlüssel zum Verständnis des Sozialen in den jeweils spezifischen Interaktionen zwischen Subjekten, Objekten und ihrem geteilten Kontext. Das Soziale erscheint ihm somit weniger prädeterminiert oder verfestigt, sondern ist per se fragil, unsicher und ereignishaft. Genau aus diesem Grund müssen wissenschaftliche Analysen möglichst nah am Gegenstand ansetzen, um alle wesentlichen Determinanten der jeweiligen Interaktionspraxis zu erfassen.
  2. Ein derartiges Verständnis des Sozialen führt zu einer Lesart von Kritik, die letztere nicht als Ausnahmefall, sondern vielmehr als vielfältige, dauerhafte und das Soziale konstituierende Praxis beschreibt. Subjekte artikulieren Kritik vor dem Hintergrund intersubjektiv geteilter und allgemein akzeptierter Rechtfertigungsordnungen. Sie greifen auf ebenjene Ordnungen zurück, um ihre Kritik zu qualifizieren, sich zu rechtfertigen oder Prüfungen und Kompromisse einzuleiten.

Beide Dimensionen führen zu einem deutlich aktiveren Subjektverständnis als bei strukturalistischen oder diskurstheoretischen Ansätzen. Maßgeblich für erfolgswahrscheinliche Kritik ist die Kongruenz von modifiziertem Rechtfertigungsmuster einerseits und Rechtfertigungssituation andererseits. Das Subjekt ist demnach fortwährend bestrebt, in der konkreten Rechtfertigungspraxis genau diese Passgenauigkeit herzustellen, wobei es permanent mit der Komplexität und Unsicherheit dieser Praxis konfrontiert wird.

Verschiebungen in der Rechtfertigungspraxis – verstanden als Zusammenspiel von Rechtfertigungsordnungen und ihrer konkreten lokalen Adaption in kritischer Praxis – führen auch zu Veränderungen in der sozialen Ordnung. Jene Rechtfertigungsordnungen, die sich in der kritischen Praxis bewähren, prägen in der Summe ihrer Anwendungen das Bild von Gesellschaften. In diesem Sinne sind Verschiebungen in Rechtfertigungsordnungen explizit politische Phänomene. Der Unterschied zu gängigen diskurstheoretischen Ansätzen besteht darin, dass sowohl der Ursprung der Verschiebungen wie auch der Ansatzpunkt der wissenschaftlichen Analyse in der kritischen Praxis angelegt ist.
Damit wird die Soziologie der Kritik zu einem Ansatz, der Phänomene der unmittelbaren Artikulationspraxis von Subjekten beobachtet und diese Beobachtungen für die Analyse gesamtgesellschaftlicher Phänomene verdichtet und greifbar macht.

Die kommende Ausgabe der Zeitschrift diskurs widmet sich der Praxis der Kritik aus der Perspektive von Boltanskis Soziologie der Kritik. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass die Soziologie der Kritik wertvolle Beiträge zu einem tieferen Verständnis politischer Phänomene beitragen kann, jedoch bislang im Fachdiskurs zu wenig Beachtung bzw. Anwendung findet. Konkret bitten wir um Beiträge zu unter anderem folgenden Fragestellungen:

  • Welche Anwendungen von Boltanskis Modell auf Phänomene politischer Praxis sind denkbar? Wie können diese analytisch/methodisch umgesetzt werden?
  • Wie kann aus der Perspektive der Soziologie der Kritik ein Verständnis von Demokratie/demokratischer Praxis entwickelt werden?
  • Welche Folgen hat Boltanskis Idee von Institutionen als kontingenz-verschleiernden Instanzen für das gängige Bild des politisch-administrativen Systems?
  • Inwieweit können Verschiebungen sozialer Ordnungen auf kritische Praxis zurückgeführt werden? Wo wirkt kritische Praxis gesellschaftsverändernd?
  • Wie können soziale Bewegungen aus der Perspektive der Soziologie der Kritik analysiert werden?

Die Open-Access-Zeitschrift diskurs zielt aus sozialwissenschaftlicher Perspektive auf eine enge Verknüpfung von innovativer Theorie und Empirie: Theoretische Reflexionen, die in Form von Artikeln eingereicht werden, werden optimaler Weise immer durch enge Bezüge zur gesellschaftlichen Praxis begleitet. Neben klassischen Artikeln akzeptieren wir auch Einreichungen von Literaturberichten, (Sammel-)Rezensionen und themenspezifischen Einführungen.

Einreichungen werden erbeten bis zum 30. September 2015. Bitte senden Sie Ihren Beitrag an redaktion@diskurs-zeitschrift.de. Sie erhalten nach spätestens 4 Wochen eine erste Rückmeldung. Alle Einreichungen urchlaufen ein sorgfältiges Verfahren redaktioneller und externer Begutachtung.

Einreichungen sollten maximal 6000 Wörter / 50.000 Zeichen lang sein. Weitere Hinweise zur Formatierung finden Sie hier.

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