Demokratie und Governance [Gelesen]

Der Begriff der Governance ist nicht nur, aber insbesondere in der Politikwissenschaft weit verbreitet und wird auf die verschiedensten Zusammenhänge und Thematiken angewendet. Dabei gibt es weder eine einheitliche Bedeutungszuweisung für diesen Begriff, noch ist klar, in welchen Kontexten er genau zu verwenden ist. Good Governance und Global Governance oder – bezogen auf den europäischen Zusammenhang – Multi-Level-Governance sind die wohl bekanntesten Beispiele der vielfältigen Neologismen, die sich unter dem Label Governance entwickelt haben. Der 2011 zum Thema Governance erschienene Sammelband Demokratie und Governance. Kritische Perspektiven auf neue Formen politischer Herrschaft befasst sich mit diesem weitläufigen Themenfeld und editiert Beiträge von Autorinnen und Autoren, die aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen kommen. So finden sich neben Vertretern aus der Wissenschaft (wie bspw. Birgit Sauer und Hans-Jürgen Bieling) auch Aktivisten von NGOs sowie Gewerkschaftler unter der Autorenschaft. Mit Bob Jessop und Ngai-Ling Sum sind auch zwei Briten vertreten. Dem Buch voraus gingen eine mehrsemestrige Universitätsveranstaltung und ein sich daraus ergebender Workshop. In diesem Rahmen gehaltene Vorträge bilden die Grundlage einige der nun veröffentlichten Artikel. Das Spektrum der Themen ist ebenso vielfältig wie es der Governance-Begriff selbst ist, so dass jeder Beitrag auch seinen ganz eigenen Schwerpunkt setzt. Es werden die verschiedene Ebenen und Dimensionen betrachtet, von Governance als neuer Form der Herrschaft bis zum konkreten „Modell Wal Mart“ als stellvertretendes Beispiel der sich in Veränderung befindlichen Governance des weltweiten Einzelhandels. Auch die Frage nach dem Zusammenhang von Geschlechterverhältnissen und Governance wird beleuchtet, daneben bildet die Frage der Gewerkschaften mit drei Beiträgen einen eigenen Schwerpunkt innerhalb des Bandes. Der Sammelband leistet wichtige Arbeit, da er den nebulösen Begriff in vielfältiger Hinsicht aus- und bearbeitet, ohne die Perspektive in eine bestimmte Richtung zu verengen. Auch die geschichtliche Verwendung des Governance-Begriffs und deren Entwicklung werden immer wieder angesprochen und beleuchtet. Es wird aufgezeigt, wie sehr sich Strukturen der Governance bereits in alle Bereiche der Gesellschaft ausgebreitet haben. Einige Punkte werden in allen Beiträgen deutlich: Die Trennung von öffentlich und privat sowie von Staat und Gesellschaft kann theoretisch wie praktisch nicht mehr aufrechterhalten werden. Das Feld der an politischen und gesellschaftlichen Prozessen beteiligten Akteure hat sich in den letzten Jahren extrem verbreitert, sowohl auf regionaler und nationaler als auch internationaler Ebene. Der Staat als Ordnungsfaktor hat vielfältige Konkurrenz bekommen, ohne deshalb an Relevanz zu verlieren. Zusammengehalten wird der Sammelband durch die Klammer einer kritischen Sichtweise auf das Thema, ohne allerdings eine gemeinsame Grundlage zu entwickeln. Somit bleibt die eingangs erwähnte vielfältige und diffuse Begriffsverwendung wie -perspektive auch nach der Lektüre bestehen. Das Buch ist dementsprechend nicht als Einführungswerk in das Thema, sondern als eine wichtige vertiefende, da in die thematische Breite führende Lektüre zu empfehlen.

Demirović, Alex und Heike Walk (Hrsg.). 2011. Demokratie und Governance. Kritische Perspektiven auf neue Formen politischer Herrschaft. Münster: Westphälisches Dampfboot. €29,90.

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