Die neosoziale Regierung des Protests: Präventionismus, Aktivierung und das Ende der Kritik (Peter Ullrich)

Vortrag für das Panel „Bitte verhalten Sie sich ruhig. Die Praxis der Kritik und die Politik der Sicherheit“ des AK Soziale Bewegungen auf dem DVPW-Kongress „Vorsicht Sicherheit! Legitimationsprobleme der Ordnung von Freiheit“, 25.9.2015. 1

Peter Ullrich, Zentrum Technik und Gesellschaft, Technische Universität Berlin 

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1. Der Neoliberalismus als Bremser in der Bewegungsgesellschaft?

Dieter Rucht und Friedhelm Neidhardt (1993) haben Anfang der neunziger Jahre die These aufgestellt, dass wir in einer Bewegungsgesellschaft leben. Im Jahr 2002 wurde der Aufsatz auch auf Englisch publiziert (Rucht und Neidhardt 2002) und viele Autor/innen aus unterschiedlichen Teilen der Bewegungsforschung haben das Schlagwort aufgegriffen (Meyer und Tarrow 1998; Haunss und Ullrich 2013; Gestring, Ruhne, und Wehrheim 2014).

Die These von Neidhardt und Rucht hat einen deskriptiven und einen analytischen, theoretischen Teil.

Der deskriptive Teil besagt folgendes: Soziale Bewegungen sind in unserer Gesellschaft ein fest etabliertes und weit verbreitetes Phänomen geworden; Proteste gibt es (fast) allerorten und zu (fast) allen Themen. Soziale Bewegungen gehören im globalen Norden und, das wäre zu ergänzen, auch im globalen Süden zu den politischen Systemen wie Parteien, Wahlen und Parlamente – wenngleich als deren informellerer Part. In den westlichen Industrieländern kam es insbesondere seit den 60er Jahren zu einem starken Anstieg der Auftretenshäufigkeit von Protesten – also der Art und Weise in der soziale Bewegungen sich in der Regel materialisieren oder sichtbar werden – und dann zu einer Stabilisierung auf hohem Niveau mit teilweise weiteren Anstiegen.

Hier setzt der analytische Teil der Bewegungsgesellschaftsthese an. Die beiden Autoren glauben, dass diese Situation kein Transitionsphänomen darstellt. Vielmehr haben sich, so Rucht und Neidhardt, die strukturellen Bedingungen der Existenz sozialer Bewegungen als kollektive Ausdrucksform von Gestaltungsansprüchen stabilisiert. Aus modernisierungs- und differenzierungstheoretischer Perspektive machen sie für hochgradig differenzierte Gesellschaften vor allem folgende für soziale Bewegungen förderliche Strukturen aus:

  • strukturelle Spannungen durch die Differenzierung und daraus resultierende Deprivationspotenziale (besonders in Bezug auf Geschlecht, nationale Konflikte und postmaterialistische Werte)

  • Mobilisierungsstrukturen in milieubasierten, posttraditionalen Netzwerken

  • Gelegenheitsstrukturen in der Medienöffentlichkeit, für die die Konflikthaftigkeit des Agierens vieler sozialer Bewegungen förderlich ist.

Dass die Form „soziale Bewegung“ sich verstetigt, scheint ausgemacht. Aber es gibt kritische Punkte. So nehmen Rucht und Neidhardt (2002, 23) an, dass diese Strukturen v.a. linke Bewegungen begünstigen werden. In Atem gehalten haben uns in den letzten Jahren aber auch nationalistische Mobilisierungen in Osteuropa sowie rassistische und fremdenfeindliche Proteste á la Pegida, Legida oder Hogesa (Daphi u. a. 2015; Geiges, Marg, und Walter 2015; Ullrich 2015) und ganz aktuell die Terrorwelle gegen Asylunterkünfte in der Bundesrepublik.

Ich möchte mich in meinem kurzen Vortrag mit einem weiteren kleinen Einwand befassen, oder vielleicht eher eine mögliche Gegentendenz zu dieser Stabilisierungsthese durchdenken. Die These lautet schlicht: der Neoliberalismus, oder besser die „neosozialen“ (Lessenich 2008) gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen der sozialdemokratisch geprägte, fordistische Fürsorgestaat durch den präventiven Sicherheitsstaat abgelöst wurde, unterminieren eine wesentliche Voraussetzung sozialer Bewegungen – den Willen und die Fähigkeit, Sozialkritik an die Gesellschaft zu adressieren. Denn der Neosozialstaat ist auf die Produktion von Subjekten aus, deren individualisiertes Streben eher auf Selbstoptimierung zielt, denn auf politische Kollektivität und Kritik.

In Bezug auf das Panelthema, das man verkürzt auf die Formel „Sicherheitsproduktion vs. Kritik“ bringen kann, geht es genauso um den Gegensatz der beiden Pole wie auch um ihre subtile Vermittlung über Subjektivierungsprozesse. Das erscheint mir auch ein sinnvollerer Diskussionsrahmen als die verbreitete antagonistische bzw. als Nullsummenspiel gedachte Gegenüberstellung von Sicherheit und Freiheit, wie sie im Kongressprogramm anklingt.

Vorgelegt wird keine abgeschlossene Theorie, sondern vielmehr der Versuch, einige Gedanken in dieser Richtung etwas zu ordnen und eine mögliche Forschungsperspektive aufzuzeigen, in der die Protestforschung Anregungen aus der Diskursforschung, der Gouvernementalitätstheorie und der Soziologie der Kritik aufgreift. Denn es ist erstaunlich wie wenig Spuren diese Theorietraditionen bisher – zumindest im Mainstream der gegenwärtigen Forschungen zu sozialen Bewegungen und Protest – hinterlassen hat.

Was ich hier präsentiere ist auch nicht ganz neu, sondern alles schon publiziert, aber da es so perfekt zum Call passt, wollte ich mir das nicht nehmen lassen. 2

2. Hintergründe

Was ich aufzeigen will, geht auf zwei biographische Ursachen oder Auslöser zurück, die nicht unwesentlich dafür sind, dass ich als Wissenschaftler, der sich schon länger für soziale Bewegungen und Protest interessierte, gerade diese Perspektive mehr und mehr eingenommen habe.

Das eine ist ein Vortrag, den Ulrich Bröckling einmal in einem kleinen, ziemlich heruntergekommen Hinterhofladen eines aufstrebenden und mittlerweile sicher gut durchgentrifizierten Leipziger Stadtteils gehalten hat. Es ging um das 360°-Feedback und Selbstoptimierung im Angesicht dauerpräsenter Evaluation (Bröckling 2003). Ein Teilnehmer der Diskussion fragte, ob das nicht möglicherweise alles ganz gut sei, weil es doch zu mehr Kritik führe. Bröckling antwortete – so glaube ich mich zu erinnern – sinngemäß, dass er sich da nicht so sicher sei. Ja, möglicherweise sei es genau umgekehrt. Denn schließlich „verweisen Anforderungen wie lebenslanges Lernen, Prävention oder die allgegenwärtigen Evaluationen darauf, dass Kontrolle omnipräsent und Selbstoptimierung nahezu unabschließbar geworden sind“, wie es Ulrich Bröckling, Susanne Krasman und Thomas Lemke (2004) in der Einleitung zum „Glossar der Gegenwart“ formulieren. Sie sind also nicht mehr Kritik, sondern gestiegene Anforderungen an die Subjekte, denen diese nur mehr hinterher hecheln können, ohne Aussicht auf Zielerreichung.

Was dauerhafte Selbstoptimierung und Prävention konkret bedeutet, damit habe ich mich in dieser Zeit – das ist der zweite biographische Hintergrund – in aller Intensität in meiner Lehrtätigkeit in der Leipziger Universitätsmedizin befasst. Damals habe ich nämlich Studierende der Medizin in „Prävention“ unterrichten dürfen, also in dem Versuch, Krankheiten vorzubeugen oder gar Gesundheit zu schaffen, kurz: eine ungewisse Zukunft zu bändigen. Die Beschäftigung mit den Möglichkeiten und Zielstellungen der Prävention war ein Eintauchen in eine fast religiöse Welt, eine Welt voller Ge- und Verbote, voller kollektiver und individueller Rituale und voller Erlösungsversprechen und voller Negierung jedweder Logik.

Der Diskurs der Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung zielt mit aller Macht auf die Formung von Subjekten. Er ist m.E. in zugespitzter Form typisch für gegenwärtige Subjektivierungsweisen und hat darüber Auswirkungen auch auf die Neigung (nicht) zu protestieren.

Ich habe den folgenden Abschnitt, in dem ich diese Anrufungen an die Subjekte, die m.E. auch eine Auswirkung auf die Neigung zu protestieren haben, pars pro toto darstellen will, mit „Präventionismus“ überschrieben.

3. Präventionismus

Krankheitsprävention, Suchprävention, Verbrechensprävention, Krisenprävention – die Begriffe umgeben uns allerorten. Und jedes Kind weiß schon: „Vorbeugen ist besser als heilen“. Zentren des Präventionsparadigmas sind das Feld der „Sicherheit“ und das Gesundheitswesen. In der Medizin tritt Prävention uns in Form von Vorsorgeuntersuchungen, Fitnessprogrammen, Tipps für gesunde Lebensführung und gesundheitsbezogene Lebensstile ebenso wie in Bestrafungen für Präventionsverweigerer entgegen. Darin offenbart sich eine Vorsorgeperspektive, die raum-zeitlich unbegrenzt zu expandieren in der Lage scheint. Jüngere Beispiele für diese expansive Tendenz sind (in zeitlicher Hinsicht) die Präimplantations- und Pränataldiagnostik, die den Vorsorgegedanken in Form der Idee der ultimativen Optimierung von Menschen bis zum Zeitpunkt der Schwangerschaft bzw. Zeugung vorverlagern. Das ist Biopolitik pur.

Dieses Dispositiv, ein Ensemble aus Diskursen, Praktiken und institutionellen Sedimentierungen, die alles einer präventiven Logik unterstellen, nenne ich Präventionismus. Darunter wird der Zustand der Allgegenwart, steten Ausweitung und des gesellschaftlichen Hegemonieanspruchs von Prävention verstanden, der sich als ein sehr starkes Moment der Herstellung sozialer Kontrolle erweist.

Prävention will etwas Ungewolltes verhindern, sie will etwas ausschließen, von dessen Eintreten sie nie sicher wissen kann, weil dieses erst in der Zukunft liegt. Zur Bändigung dieser ungewissen Zukunft braucht sie möglichst vollständige Informationen über die Gegenwart und über alles, was aus ihr in die Zukunft weist und als potenzielles Risiko kontrolliert werden muss. Damit ist es nur ein kleiner Schritt von der Prävention zur Überwachung und damit zur „Sicherheit“.

Der allgegenwärtige Diskurs der Prävention ist andererseits grundlegend ambivalent strukturiert. Denn tatsächlich steht der präventiven Logik „der antizipierenden Säuberung“ (Bröckling 2008, S. 39) und ihrer disziplinarischen Durchsetzung (bspw. durch Zuzahlungen für Verweigerer von Vorsorgeuntersuchungen beim Zahnarzt) immer die Verheißung von Gesundheit, Glück und anderem für die Zukunft anzustrebendem gegenüber. Daraus gewinnt Prävention ihre immense, anscheinend keiner weiteren Erklärung bedürftige Überzeugungskraft.

Wegen dieser Verheißungen muss Prävention auch nicht in erster Linie disziplinarisch durchgesetzt werden, sondern funktioniert gouvernemental, als post-panoptische Subjektivierungspraxis, als Verinnerlichung der heteronomen Logiken durch die Subjekte als eigene, denn sie zielen ja auf für alle höchst anstrebenswerte Dinge wie Gesundheit oder das neue „Supergrundrecht“ Sicherheit. Der wachsende gesellschaftliche Einfluss der Präventionslogik als Programm, als soziale Grammatik, sorgt so mit dafür, dass der direkte herrschaftliche Zugriff auf die Subjekte weiter selektiv bleiben kann, weil sie vielmehr aktiviert werden sollen, sich selbstreflexiv möglichst optimal zu verhalten (Decker 2007).

Der ,individuelle‘ Vollzug erfolgt dann in der Muckibude, im Slow-Food-Restaurant oder in der dauernden Zermarterung, wie man angesichts uneinholbarer Optimierungsansprüche korrekt verhält.

So ist es im Gesundheitsdiskurs, aber es handelt sich um ein generelles Paradigma. Es tritt uns auch entgegen als aktivierende Arbeitsmarktpolitik und v.a. als Politik der „Inneren Sicherheit“. Die Drohpotenziale sind ähnlich schrecklich, hier Lungenkrebs, dort Terror.

Wie im Feld der „Inneren Sicherheit“ überwiegt der Schaden überbordender Prävention oft den Nutzen. Brustkrebsscreening führt nur zur Entdeckung weniger Krebsfälle, aber zu vielen falsch-positiven Diagnosen und Übertherapien; bei Darmkrebs-Screening entsprechend wird die Erhöhung der Überlebensrate durch untersuchungsbedingte Erkrankungen und Todesfälle ausgeglichen.

Videokameras verhindern keine schweren Delikte, doch wer nichts zu verbergen hat, den stört ja auch keine Überwachung. Doch wie gesagt: die Überzeugung resultiert aus der Verheißung. Das wird jedeR bestätigen können. Und auch Präventionskritiker zu sein, macht einen nicht frei von dem Zögern vor dem Milchregal: Vollfett wegen der Nährstoffe oder doch lieber halbfett wegen des Cholesterins? Ein Glas Wein, um die Arbeitskraft durch Entspannung wiederherzustellen oder lieber doch nicht wegen der Leberwerte? Und was die Maßnahmen angeht: irgendetwas nützliches wird schon dran sein, wo es doch so angeboten wird.

Und so durchzieht die Prävention als Programmatik alle Lebensbereiche mit ihrer instrumentellen Rationalität und schlägt schlimmstenfalls um in totalitäre Lustfeindschaft.

4. Auswirkungen auf Protest

Für die Forschung zu sozialen Bewegungen resultiert aus dieser Bestandsaufnahme zunächst nicht mehr als eine Fragestellung, nämlich die nach der Rolle sozialer Bewegungen im Zustandekommen dieses Zustands und der hinsichtlich der Auswirkungen dieser Subjektivierungsweisen auf soziale Bewegungen und Protest. Konkretere Fragen und somit Forschungsaufgaben stellen sich auf mindestens drei Ebenen.

Erstens ist es naheliegend, mit Boltanski und Chiapello (2001) zu argumentieren, dass der individualistische Diskurs der Künstlerkritik, der nicht zuletzt von sozialen Bewegungen und ihrem Streben nach Entfaltung und Autonomie transportiert wurde, mit zur Etablierung solcher Formen des „Regierens über Freiheit“ beigetragen hat. So ist auch das Präventionsdenken tief eingeschrieben in Bewegungsdiskurse, die oft zukünftig Drohendes verhindern wollen (also: den Klimakollaps, den Missbrauch von Daten u.v.m.). Sie sind damit etwas per se ambivalentes, oder mehrdeutiges, das möglicherweise gar nicht intendierte Effekte haben kann. Dazu kommt, dass soziale Bewegungen – namentlich solche von rechts und oben – auch ganz direkte, bewusste Träger dessen sein können, was kritische Analysen als Machttechniken und Zumutungen thematisieren würden. Hier kommen einem beispielsweise Bürgerwehren oder auch Abstinenzler*innenbewegungen in den Sinn.

Zum zweiten ist aber auch vorstellbar, dass die beschriebenen subjektivierenden Machttechniken des Präventionismus, der Aktivierung, der Selbstoptimierung, allgemeiner gesprochen auch der Selbstkommodifizierung gar nicht so erfolgreich sind, wie ich es gerade darzustellen versucht habe. Es ist dies ja eine oft beklagte Schwachstelle der Gouvernementalitätsstudien, dass sie zwar allerhand Grammatiken, Rationalitäten und Programme analysieren, letztlich aber gar nicht wissen, ob die angerufenen Subjekte sich dem tatsächlich unterwerfen. Klar ist, dass die Unterwerfung nicht immer erfolgt. Entsprechende Phänomene sind als Alltagswiderstand, Resistenz oder Gegen-Verhalten untersucht worden (Philipps 2008; Kastner 2008; Death 2010). Solche Widerständigkeiten können durchaus auch zum Ausgangspunkt von Protest und sozialen Bewegungen werden – gegen die Prävention. Beispielhaft dafür könnten die Kampagnen gegen die Strategien der Jobcenter und möglicherweise auch die Antipsychiatriebewegung stehen. 3

Zum Dritten (und damit an letzter Stelle zur wichtigsten hier vertretenen These) ist anzunehmen, dass, wie ich zu argumentieren versucht habe, die programmatischen Regierungsrationalitäten des „advanced liberalism“ (Rose 1996) eben doch nicht folgenlos bleiben, sondern bei einem Teil der Zielpopulation genau die intendierten Folgen zeitigen, dass die Anrufungen gehört und verinnerlicht werden. Mit der Unterordnung der Politik unter die Ökonomie und der erfolgreichen Kreierung des „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling 2007) geht sowohl der Sinn für das Kollektive verloren (vgl. De La Rosa 2015, 7f., die in eine ähnliche Richtung argumentiert und die dort angegebenen weitere Literatur) wie auch die Vorstellung, das überhaupt politische Veränderung möglich ist. Anders formuliert: wer tagein, tagaus lernt, dass er/sie sich nicht genügend optimiert hat, verlernt auch Unmut, Wut und Unzufriedenheit an die Gesellschaft zu adressieren. Kritik reduziert sich auf Selbstkritik, auf Anregung zur Selbstoptimierung. An dieser Stelle wird auch deutlich, dass die beschriebene Tendenz mindestens starke Gegentendenzen haben muss, die sich in den postdemokratischen „Empörungsbewegungen“ (Ullrich 2015) zeigen. Vielleicht verfängt der Präventionsdiskurs unterschiedlich gut in verschiedenen sozialen Schichten, z.B. besser bei den gut Gebildeten? Auch das wäre zu klären.

5. Fazit

Ich bin mit der Bewegungsgesellschaftsthese von Rucht und Neidhardt eingestiegen, die – auch empirisch gut unterfüttert – eine Verstätigung von Bewegungen und Protest als kollektive Handlungsform behauptet. Aktuelle Ereignisse weisen noch mehr in diese Richtung. Mit dem arabischen Frühling und der gegenwärtigen „multiplen Krise“ des Kapitalismus (Demirović 2013) erleben wir einen weiteren Höhepunkt an Mobilisierungen, einen neuen Zyklus von Protesten, die sich um Demokratie und soziale Rechte drehen. Linke, bewegungsaffine Wissenschaftler_innen sehen das als ein Hoffnungzeichen und sind optimistisch, das gerade aus der „Verallgemeinerung von Prekarisierung“ eine „gesellschaftliche Mobilisierung“ hervortritt (Candeias und Völpel 2014, 13, 15).

Ohne im strengen Sinne den genannten zu widersprechen, legt dieser Vortrag mehr Augenmerk auf einen Teil der Gründe, die verhindern oder einschränken, dass man „die gesamtgesellschaftliche Dimension der eigenen Existenz begreifen“ (ebd. 36) und als Kritik artikulieren kann. Vielmehr ist die Verallgemeinerung der präventionistischen, aktivierenden, kontrollgesellschaftlichen, biopolitischen Rationalität ein direkter Angriff auf Sozialkritik und damit auch auf sozialkritische Proteste – nicht als einzige Tendenz, aber wohl als ein zentrales Moment im noch immer dominierenden Neoliberalismus.

Unabhängig vom substanziellen Wahrheitsgehalt der These ist damit aber ein generelle Forschungsperspektive vorgeschlagen, die soziale Bewegungen weniger stark als v.a. nur rationale Akteure sieht, die die Gesellschaft ändern wollen, sondern die soziale Bewegung und das Wissen der Bewegungen wieder mehr in die Gesellschaft einbettet und sie als Ausdruck oder Spiegel der Beschaffenheit der Gesellschaft versteht. Die wissenssoziologisch-diskursanalytische Untersuchung von Bewegungen wäre damit auch ein Beitrag zum generellen Verständnis der Gesellschaft (Ullrich und Keller 2014), hier konkret des neosozialen Präventionismus.

Literatur

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Notes:

  1. Ermöglicht durch Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Projekt „ViDemo“, GZ: UL 389/3-1).
  2. In diesen Text sind einzelne, nicht an jeder Stelle ausgewiesene Sätze oder Abschnitte aus bereits veröffentlichten eigenen Texten, modifiziert eingeflossen. Ich bin so frei, mir dieses mittlerweile schon als „Selbstplagiat“ anrüchig gewordene Vorgehen im Rahmen eines Essays zu gestatten. Die wesentlichen der hier vorgestellten Ideen sind (in theoretisch gründlicherer und umfassenderer Art) also schon anderweitig veröffentlicht (vgl. insbesondere Baumgarten und Ullrich 2012; Ullrich 2009; Ullrich 2012).
  3. Lilja und Vinthagen (2014), die versuchen, unterschiedlichen Foucault’schen Machttypen entsprechende Widerstandsformen gegenüberzustellen, sind bei Biomacht besonders vage. Die erwähnten Widerstandsformen (deswegen nicht automatisch soziale Bewegungen/Proteste) gegen Biommacht und die Kontrollgesellschaft (Widerstandskulturen, alternative Subkulturen/“Aussteigertum“, Commons) scheinen mir nur in einem mehr als losen Zusammenhang zu dieser spezifischen Machtform zu stehen und beziehen sich m.E. ebenso auf souveräne und disziplinarische Macht.

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