Die Zwecke der Gesellschaft – Vier Modelle sozialer Teleologie

Abstract
How do societies define their goals? What status do these goals have? How do they change? Who is involved in this process? These questions are addressed in social teleologies, i. e. theories about the goals of society. In this text, three ideal-typical social teleologies – traditionalism, totalitarianism and liberalism – are outlined and discussed. Since none of these approaches provides a convincing teleological conception, a fourth approach named critical republicanism is introduced. The critical-republican teleology implies a dynamic and participatory understanding of collective goals, thereby facilitating a mutual relatedness of individual and society.

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Wenn Personen Handlungen ausführen, so tun sie dies, um bestimmte Sachverhalte zu erreichen, aufrechtzuerhalten oder zu verhindern. Handlungen sind somit auf die Realisierung von Zwecken ausgerichtet.1 Häufig beziehen sich diese Zwecke ausschließlich auf die zwecksetzende Person selbst oder ihr enges privates Umfeld. In diesem Fall haben wir es mit individuellen Zwecken zu tun. Doch inwieweit gibt es darüber hinaus auch kollektive Zwecke, die auf Sachverhalte von gesellschaftlicher Relevanz verweisen? Wie entstehen diese kollektiven Zwecke und wer ist an ihrer Festlegung beteiligt? Was beinhalten sie und auf welche Art und Weise verändern sie sich? Mit diesen Fragen beschäftigen sich soziale Teleologien, d. h. Lehren von den Zwecken der Gesellschaft.

In diesem Text entwickle ich zunächst drei idealtypische Modelle sozialer Teleologie. Erstens handelt es sich dabei um den Traditionalismus, in dem kollektive Zwecke implizit durch die Ausübung überlieferter sozialer Praktiken entstehen und weitergegeben werden. Zweitens wird der Totalitarismus betrachtet, in dem eine übergeordnete Autorität umfassende kollektive Zwecke aus einem letztgültigen ideologischen System herleitet und für verbindlich erklärt. Drittens kommt der Liberalismus zur Sprache, in dem die Festlegung kollektiver Zwecke abgelehnt wird, um eine freie Wahl individueller Zwecke zu ermöglichen.

In der folgenden Diskussion komme ich zu dem Ergebnis, dass keines dieser drei teleologischen Modelle überzeugen kann. Anschließend entwerfe ich daher ein viertes Modell. Dieses grenzt sich scharf vom Traditionalismus und vom Totalitarismus ab und befindet sich gleichzeitig in kritischer Distanz zur liberalen (Anti-)Teleologie, wie sie etwa in Anknüpfung an John Rawls auch in der zeitgenössischen Politischen Theorie vertreten wird. Anstatt in der prinzipiellen Verneinung kollektiver Zwecke zu verharren, werden im von mir befürworteten vierten Modell Zwecke mittlerer Reichweite angestrebt, die in einer pluralistischen Öffentlichkeit definiert und fortlaufend revidiert werden. Durch eine Verbindung von Aspekten des Republikanismus mit dem Prinzip des Kritizismus wird darauf abgezielt, die Unzulänglichkeiten des Liberalismus zu vermeiden und ein wechselseitigesVerhältnis von Individuum und Gesellschaft zu fördern.

Traditionelle, totalitäre und liberale Teleologie

Das erste Modell ist das der traditionellen Teleologie. In diesem Modell existiert kein ausformuliertes Gedankengebäude, aus dem ausdrückliche kollektive Zwecke ableitbar wären. Stattdessen entstehen die kollektiven Zwecke implizit durch die alltäglichen gesellschaftlichen Interaktionen. Sie werden „gelebt“ und sind den überlieferten sozialen Praktiken eingeschrieben. Den Bezugspunkt der kollektiven Zwecke bildet die unmittelbare Lebenswelt des Gemeinwesens.

Aufgrund des impliziten Charakters der kollektiven Zwecke gibt es im traditionellen Modell keine eindeutig identifizierbare zwecksetzende Instanz. Zwar nehmen gewisse Autoritätspersonen eine herausgehobene Position bei der Stützung der kollektiven Zwecke ein, aber in erster Linie werden sie durch Fortschreibung von Traditionen beiläufig vererbt und erlernt. Entsprechend verändern sich die kollektiven Zwecke vor allem durch graduelle Verschiebungen der Alltagspraxis. Bewusste Abweichungen vom Zweckkonsens sind hingegen sozial geächtet und werden gegebenenfalls sanktioniert.

Das zweite Modell ist das der totalitären Teleologie. Hier steht eine herausgehobene Autorität in Gestalt einer kleinen Elite hierarchisch über der restlichen Gesellschaft. Sie allein legt fest, welche Zwecke das Gemeinwesen als Ganzes verfolgen soll. Diese Zwecke werden aus einem allgemeinen ideologischen System hergeleitet und beziehen sich auf umfassende gesellschaftliche Idealzustände. Sie verfügen über den Status sicherer Erkenntnisse und unumstößlicher Bestimmungen, von denen nicht abgewichen werden darf. Ändern können sich die kollektiven Zwecke daher nur, wenn die herausgehobene Autorität dies so anordnet.

Die Mitglieder der Gesellschaft werden von dieser Autorität in einen vollständigen und einheitlichen Sinnkontext eingebunden. Obwohl die Menschen im Gesamtgefüge der Gesellschaft verschiedene Funktionen übernehmen, gelten doch für alle die selben übergeordneten kollektiven Zwecke, zu deren Erreichung jeder Einzelne ein Stück beiträgt. Damit ist letztlich das ganze Dasein darauf abgestimmt, den vorgegebenen Zwecken näherzukommen; alle Lebensbereiche sind von der Ausrichtung auf die kollektiven Zwecke durchdrungen.

Es lassen sich zwei Varianten der totalitären Zwecksetzung unterscheiden. In der diesseitigen Spielart strebt die Gesellschaft einen als ideal betrachteten irdischen Zustand an, der sich im Vergleich zur Vergangenheit und zur Gegenwart durch signifikante politische, wirtschaftliche oder kulturelle Vorzüge auszeichnet. In dieser Variante nimmt ein säkularer Staat die Position der zwecksetzenden Autorität ein. Er definiert den Sinnhorizont der Gesellschaft und verbreitet ihn in allen Bereichen des Gemeinwesens. In der metaphysisch-jenseitigen Variante totalitärer Zwecksetzung wird hingegen ein Zustand anvisiert, der in einer übernatürlichen Sphäre verortet wird. Die irdische Gesellschaft stellt in diesem Sinnkontext eine Art Vorstufe zu dem jenseitigen Ideal dar. In der metaphysisch-jenseitigen Modellvariante sind es institutionalisierte Religionen oder klerikale Staaten, die die Rolle der übergeordneten Autorität einnehmen und ihre Ideologie und ihre Praktiken allen gesellschaftlichen Bereichen überstülpen.

Das dritte Modell ist das der liberalen Teleologie, in dem die Festlegung kollektiver Zwecke abgelehnt wird. Es existieren kein Ziele, die die Gesellschaft als solche anstrebt.2 Stattdessen ist die Definition von Zwecken völlig den einzelnen Menschen überantwortet, die als autonome und selbstbestimmt handelnde Personen begriffen werden. Diese setzen sich individuelle Zwecke, die auf ihr eigenes Leben und ihr privates Umfeld abstellen.

Da im liberalen Modell jeder frei in der Wahl seiner persönlichen Zwecke ist, kann eine Vielzahl unterschiedlicher individueller Zwecksetzungen entstehen. Jegliche Akteure, die der Gesellschaft allgemeinverbindliche Zwecke vorgeben wollen, stehen hingegen unter dem Verdacht der anti-liberalen Bevormundung. Entsprechend verfügt auch der Staat nur über einen eng begrenzten Kompetenzbereich. Er schreibt seinen Bürgern keine Zwecke vor, sondern garantiert einen rudimentären rechtlichen Rahmen, in dem die Angehörigen der Gesellschaft ihre individuellen Zwecke definieren und verfolgen können. Es herrscht ein Politikverständnis, das sich vom Streben nach großen gesellschaftlichen Entwürfen distanziert. Neben der Bereitstellung des rechtlichen Rahmens begnügt sich die staatliche Politik mit der Moderation partikularer Interessen und der reaktiven Bearbeitung von Einzelproblemen.
Stärken und Schwächen des Traditionalismus, Totalitarismus und Liberalismus

Wo liegen nun die Stärken und Schwächen dieser drei Modelle sozialer Teleologie? Kehren wir zunächst zum traditionellen Szenario zurück. Dabei ist es wichtig, sich ins Bewusstsein zu rufen, dass die Frage, an welchen kollektiven Zwecken sich das Gemeinwesen orientieren soll, in diesem Modell als solche gar nicht auftaucht. Kollektive Zwecke existieren hier eher implizit und sind den alltäglichen sozialen Praktiken eingeschrieben. Sie werden beiläufig weitergegeben und sind kein Gegenstand einer bewussten Wahl oder einer allgemeinen Diskussion. Da die überlieferten Zwecke als selbstverständlich erscheinen, sind alternative Zwecksetzungen – verkörpert in abweichenden Praktiken – selten.

Je nach Perspektive birgt diese Situation nun bestimmte Vor- und Nachteile. Aus dem Blickwinkel der ihr ausgesetzten Personen erscheint sie als weitgehend akzeptabel. Die Frage der Zwecksetzung wird nicht problematisiert, und daher gibt es am bestehenden Zustand augenscheinlich auch nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Die Mitglieder wachsen in eine Gesellschaft hinein, die ihnen einen relativ verlässlichen normativen Orientierungsrahmen bietet und die „Last“ der individuellen und kollektiven Zwecksuche erst gar nicht entstehen lässt.

Dieser Vorzug verkehrt sich jedoch ins Gegenteil, wenn eine externe Perspektive eingenommen wird, die vom Wert der persönlichen Autonomie ausgeht. Dann erscheint eine Gesellschaft, die tradierte Zweckvorstellungen lebt und unbeirrt weitergibt, als potenzielle Einschränkung der selbstbestimmten Entwicklung der Individuen. Sobald Mitglieder der Gesellschaft tatsächlich mit den überlieferten Zwecken in Konflikt geraten, wird dies auch aus dem Blickwinkel der Beteiligten zu einem realen Problem, da wenig Raum für Abweichungen besteht. Es existiert kein anerkanntes Verfahren, mittels dem alternative Ansichten und Praktiken in die bestehende Struktur integriert werden können. Auch gibt es keinen Mechanismus, der die bewusste Modifikation der kollektiven Zwecke vorsieht; sie wandeln sich lediglich implizit und graduell. Aus diesem Grund ist eine Gesellschaft, in der eine traditionelle Teleologie wirksam ist, schlecht darauf vorbereitet, sich an veränderte natürliche und kulturelle Bedingungen anzupassen.

Noch stärker als im traditionellen Modell finden sich die Gesellschaftsmitglieder im totalitären Modell in einem festgefügten telelogischen Bezugssystem wieder. Hier sind die kollektiven Zwecke nicht nur in sozialen Praktiken verkörpert; sie sind in ein ausdrückliches ideologisches Gerüst eingeflochten, klar identifizierbar und aus der Sicht ihrer Verfechter wohlbegründet. Idealtypisch verstehen sich alle Individuen und gesellschaftlichen Gruppen als Teil eines Kollektivs, das auf diese umfassenden, von einer übergeordneten Autorität vorgegebenen Zwecke hinarbeitet. Der totalitäre Ansatz kann daher als Versuch gedeutet werden, den im traditionellen Modell organisch entstehenden dichten Sinnkontext bewusst herbeizuführen und zu intensivieren. Entsprechend entfällt auch im totalitären Modell die mitunter schwierige eigenständige Suche nach individuellen und kollektiven Zwecken. Zusätzlich soll die Einbindung in eine einheitliche Struktur, in der alle Beteiligten gemeinschaftlich zur Verwirklichung der gleichen Zwecke beitragen, die gesellschaftsinterne Solidarität sicherstellen und die soziale Geborgenheit stärken.

Diesen gefühlten Vorteilen des totalitären Modells stehen jedoch mehrere schwerwiegende Nachteile entgegen. Ein Kernproblem stellt hierbei der dogmatische Status der kollektiven Zwecke dar. Sie bilden die obersten Ziele der Gesellschaft und sind als Teil einer offiziellen Ideologie immun gegen Kritik. Weder findet eine offene theoretische Auseinandersetzung statt, noch gibt es alternative Lebensweisen, die die kollektiven Zwecke durch ihr praktisches Beispiel in Zweifel ziehen könnten. Dieser Zustand der Homogenität kann nur aufrechterhalten werden, indem Abweichungen von vornherein unterdrückt werden. Damit wird die autonome Festlegung von Zwecken, die gegen das vorgegebene ideologische System verstoßen, unmöglich. Das Individuum wird zum Baustein eines übermächtigen Kollektivs erklärt und erfüllt Funktionen, die ihm von außen auferlegt werden. Es wird zum Objekt eines Denkens, in dem die alles überragenden kollektiven Zwecke die Mittel heiligen und in dem jede Einschränkung in der Gegenwart mit dem Verweis auf einen in der Zukunft liegenden Idealzustand gerechtfertigt werden kann.3

Die Verabsolutierung der offiziellen Zwecke und die Verhinderung des Pluralismus haben zudem Folgen, die über den individuellen Bereich weit hinausgehen. Wenn keine alternativen Denk- und Lebensweisen zugelassen werden, fehlen genau jene Mechanismen der Kritik, durch die die ideologischen und praktischen Schwachstellen des herrschenden Systems erst sichtbar würden und auf deren Grundlage Verbesserungen stattfinden könnten. Weil sie die fundamentale Fehlbarkeit menschlicher Erkenntnis nicht in Rechnung stellt, birgt die Strategie der Dogmatisierung der Zwecksetzungen das Risiko, auch gravierende Irrtümer dauerhaft fortzuschreiben.4 Noch stärker als im traditionellen Modell tritt in diesem Szenario daher das Problem der mangelnden Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft auf, das sich insbesondere bei raschen Veränderungen von Rahmenbedingungen als existenzbedrohend erweisen kann.

Das Problem der geringen Flexibilität wird zusätzlich durch den hohen Grad der Durchdringung der gesamten Gesellschaft von der Verfolgung der kollektiven Zwecke verschärft. Alle gesellschaftlichen Bereiche sind darauf programmiert, einen Beitrag zur Annäherung an die absolut gesetzten Zwecke zu leisten. Da jegliche Ressourcen in eine Richtung gelenkt werden, entstehen massive institutionelle Pfadabhängigkeiten. Eine Kurskorrektur wäre äußerst kostspielig, da sie die Neuausrichtung sehr vieler Ressourcen implizieren würde. Ein Verbleiben auf dem alten Kurs wird daher nahezu unausweichlich.5

Zwei weitere Schwächen des totalitären Modells sind als Folge der Monopolstellung anzusehen, die in Bezug auf die Setzung von Zwecken vorliegt. Nur die übergeordnete Autorität ist dazu berechtigt, die kollektiven Zwecke festzulegen. Hieraus resultiert erstens ein Wissensproblem: Eine solche zentrale Instanz kann nicht über alle Informationen verfügen, die dafür notwendig wären, um umfassende gesellschaftliche Zwecke sicher bestimmen oder auch nur ihre Erreichung verlässlich planen und steuern zu können. Das hypothetisch dafür benötigte Wissen ist nämlich auf zahllose Träger verteilt oder schlichtweg inexistent.6 Zweitens impliziert die Monopolstellung der übergeordneten Autorität, dass die Zwecksetzung ausschließlich von „oben nach unten“ verläuft. In dieser Konstellation besteht das hohe Risiko, dass sich auf Dauer eine Lücke zwischen den Zweckvorgaben der Elite und den Sichtweisen der breiten Bevölkerung auftut. Die übergeordnete Autorität kann zwar für sich in Anspruch nehmen, stellvertretend für die ganze Bevölkerung zu handeln; da aber keine direkte Artikulationsmöglichkeit von „unten nach oben“ vorgesehen ist, müssen die Interessen der Bevölkerung von der Elite unterstellt und im Lichte der offiziellen Ideologie interpretiert werden. Dadurch tritt die Situation ein, dass die Interessen der Bevölkerung seitens der übergeordneten Autorität falsch eingeschätzt oder ganz ignoriert werden.7 Dies erscheint unter normativen Gesichtspunkten als fragwürdig, und es stellt die dauerhafte Stabilität einer solchen Gesellschaftsform in Frage.

Einige dieser Nachteile des Totalitarismus sind im liberalen Modell aufgehoben. Hier gibt es keine staatlichen oder religiösen Autoritäten, die der Gesellschaft oder den Individuen Zwecke auferlegen. Die klassischen Bedrohungen der Freiheit sind damit ausgeschaltet, und die Mitglieder der Gesellschaft können ihre individuellen Präferenzen besser zur Geltung bringen. Eine Vielfalt von Denk- und Lebensweisen kann sich entfalten, ohne dass diese willentlich eingeschränkt oder gar mit Gewalt unterdrückt wird. Darüber hinaus ist der Dogmatismus, der im totalitären Modell zu verheerenden Folgen führt, im liberalen Szenario unbekannt. Auch fehlt die starke soziale Kontrolle, die in der traditionellen Teleologie Veränderungen erschwert. Im Optimalfall hindert niemand die Individuen daran, ihre Ziele laufend zu überdenken und sie bei Bedarf anzupassen.

Den Hauptbezugspunkt des Modells bilden damit eindeutig die individuellen Zwecke einzelner Personen. Dies ist der Bereich, den es aus liberaler Perspektive zu schützen gilt. Es gibt hingegen keine kollektiven Zwecke, die festlegen, in welche Richtung sich die Gesellschaft insgesamt bewegen soll. Der gesellschaftliche Sinnhorizont ist gewollt leer: Wo es keine verbindlichen Traditionen und keine autoritären Institutionen gibt, die der Gesellschaft allgemeingültige kollektive Zwecke auferlegen, so die liberale Idee, verfügen die Individuen über einen ungestörten Spielraum zur Setzung ihrer eigenen Zwecke. Der Liberalismus „erkauft“ sich die Freiheit zum individuellen Sinn durch den Verzicht auf kollektiven Sinn.

Eine Implikation des Fehlens kollektiver Zwecke im liberalen Modell besteht jedoch darin, dass es keine Orientierungspunkte gibt, an denen sich die Gesellschaft in ihrer Gesamtentwicklung ausrichten könnte. Dies hat zur Folge, dass sich die Gesellschaft zwar verändert, dies aber ohne kollektive Steuerung tut. Die faktische Entwicklung der Gesamtgesellschaft ist nicht das Ergebnis zielgerichteter Eingriffe, sondern die unbeabsichtigte Nebenfolge der eigentlich auf individuelle Zwecke ausgerichteten Handlungen einzelner Akteure. Ob dies aus der Sicht der Betroffenen zu positiven oder zu negativen Konsequenzen führt, ist letztlich dem Zufall überlassen.

Diese Situation stellt die bereits angesprochene Flexibilität – und damit auch die Problemlösungsfähigkeit – des liberalen Modells in Frage. Idealtypisch können die Gesellschaftsmitglieder ihre persönlichen Zwecke hier in der Tat schneller und ungestörter anpassen als in den anderen Modellen. Doch diese Anpassungsfähigkeit bezieht sich ausschließlich auf den individuellen Bereich. Auf der gesellschaftlichen Ebene kann nur sehr schwer eine bewusste Anpassung stattfinden, da hierzu die institutionellen und ideellen Voraussetzungen fehlen; es existieren weder Instanzen, die zu einer gesamtgesellschaftlichen Steuerung fähig und befugt wären, noch liegen kollektive Zwecke vor, an denen sich eine solche Steuerung orientieren könnte. So kann etwa der Staat nicht eigenmächtig auf kollektive Probleme reagieren, sondern erst, sobald die Probleme mit den individuellen Zwecken der einzelnen Gesellschaftsmitglieder in Konflikt kommen. Genuin kollektive Probleme, die sich nicht auf die individuelle Ebene „herunterbrechen“ lassen, bleiben aus diesem Grund dauerhaft ungelöst.8 Somit sind die Einzelpersonen in der liberalen Gesellschaft zwar frei, ihre individuellen Zwecke zu setzen und diese flexibel zu ändern, aber dies reicht zur Bewältigung kollektiver Probleme nicht aus. Die isolierte Anpassung des persönlichen „Lebensstils“ als Reaktion auf kollektive Probleme bleibt ein hilfloser Versuch, auf der individuellen Ebene das nachzuholen, was auf der gesellschaftlichen Ebene unterbleibt.

Das Fehlen kollektiver Zwecke in einer an der liberalen Teleologie ausgerichteten Gesellschaft verändert darüber hinaus das Selbstverständnis der in ihr lebenden Menschen und ihre Beziehungen untereinander. Anders als im traditionellen und im totalitären Modell werden den Gesellschaftsmitgliedern keine verbindlichen Zwecke überliefert oder vorgegeben. Stattdessen wird von den Individuen erwartet, dass sie sich als autonom denkende und handelnde Personen eigenständig ihre persönlichen Zwecke setzen. Da keine vorgefertigten sozialen Rollen an sie herangetragen werden, werden ihnen erhebliche „biographische Eigenleistungen“9 abverlangt; die Individuen müssen ihren Platz in der Gesellschaft selbst finden.

Die Folgen dieses strukturellen Individualismus sind ambivalent. Einerseits ermöglicht er den Menschen, sich von den erzwungenen Bindungen an die Gemeinschaft zu emanzipieren. Die Individuen sind frei von staatlicher und religiöser Unterdrückung, und sie werden reflektierter und selbstständiger. Auch kann die eigenständige Zwecksuche durchaus als befriedigender und seinerseits sinnvoller Prozess gesehen werden. Andererseits besteht die Gefahr, dass die freigesetzten Individuen sich ohnmächtig und isoliert fühlen, da sie sich mit einer Gesellschaft konfrontiert sehen, die ihnen keinerlei Sicherheit und soziale Geborgenheit bietet.10 Da jede Person sich ihre eigenen individuellen Zwecke setzt, ist der Bestand an geteilten Werten, Deutungsmustern und Identitäten gering, und die Menschen erleben sich nicht als Bestandteil eines integrierten Ganzen. Infolgedessen wird ein instrumentelles Verständnis sozialer Beziehungen begünstigt. Anstatt wechselseitig aufeinander bezogen zu sein, treten die „atomistischen“ Subjekte11 ausschließlich miteinander in Verbindung, weil es der Realisierung ihrer jeweiligen individuellen Zwecke nützt.12 Die Menschen handeln zwar im Hinblick auf ihre individuellen Zwecke sinnhaft, aber aus der gesellschaftlichen Perspektive verhalten sie sich aneinander vorbei.

Jenseits von Sinndiktat und Sinnvakuum

Wie wir gesehen haben, sind alle bislang diskutierten Modelle sozialer Teleologie mit Schwächen behaftet. Im traditionellen Modell ist es das Fehlen eines anerkannten Mechanismus des Zweckwandels, der zu einer mangelnden Dynamik und zu einer geringen Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft führt. Die kollektiven Zwecke ändern sich lediglich implizit durch die graduelle Verschiebung der sozialen Praktiken. Es bleibt zudem wenig Spielraum für den Einzelnen, sich bewusst seine eigenen vom sozialen Konsens abweichenden Zwecke zu setzen. Im totalitären Modell sind zwar explizite kollektive Zwecke vorhanden, aber ihre Definition obliegt ausschließlich einer übergeordneten Autorität. Die Verpflichtung der gesamten Gesellschaft auf die von der Autorität gesetzten Zwecke führt zu einem sehr dichten, aber ebenfalls starren und nur durch die Unterdrückung von Alternativen aufrechtzuerhaltenden Sinnkontext. Im liberalen Modell liegen hingegen überhaupt keine kollektiven Zwecke vor, und die Sinnsuche ist völlig den Einzelpersonen übertragen. Dies führt einerseits zu mehr individueller Freiheit, andererseits aber auch zu einem Mangel an wechselseitiger Bezogenheit und Gemeinschaftlichkeit. Bei aller berechtigten Skepsis gegenüber dem Kollektivismus läuft der Liberalismus damit Gefahr, von einem Extrem ins andere zu verfallen. An die Stelle des überlieferten oder des diktierten Sinns tritt ein kollektives Sinnvakuum.

Doch haben wir es wirklich mit einem Nullsummenspiel zu tun, in dem ein Mehr an individueller Freiheit nur auf Kosten des kollektiven Sinns erreicht werden kann, und ein Zuwachs an kollektivem Sinn nur durch die Preisgabe individueller Freiheit? Dies muss nicht zwangsläufig der Fall sein. Im Folgenden skizziere ich ein viertes, an republikanischen Ideen orientiertes Modell sozialer Teleologie, in dem individuelle und kollektive Zwecke in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen. Es geht damit um eine Teleologie, an der die in einer Gesellschaft lebenden Menschen teilhaben können, ohne dass sie dabei ihre Individualität und ihren Spielraum zur Setzung selbstgewählter individueller Zwecke aufgeben müssen.

Vom Zweckabsolutismus zu intermediären Zwecken

Um uns einem vierten Modell sozialer Teleologie anzunähern, müssen wir zunächst den Begriff des kollektiven Zwecks genauer analysieren. Kollektive Zwecke zeichnen sich nach dem oben entwickelten Verständnis dadurch aus, dass sie auf Sachverhalte von gesellschaftlicher Relevanz verweisen. Damit ist jedoch lediglich der Bezugsrahmen kollektiver Zwecke angedeutet, während über ihren epistemischen Status nichts ausgesagt ist. Wie in der Darstellung des totalitären Modells gezeigt wurde, kann kollektiven Zwecken der Status sicherer Erkenntnisse zugeschrieben werden. Sie verfügen dort über den Charakter unbezweifelbarer Dogmen und „endgültige[r] Ziele“13. Diesem absolutistischen Verständnis muss man jedoch keineswegs folgen. Ebenso denkbar sind Zwecke, die über den Status vorläufig akzeptierter regulativer Ideen verfügen. Sie sind zu jeder Zeit kritisierbar und revidierbar und dienen als Orientierungspunkte des sozialen Handelns, aber sie schreiben keine allgemeinverbindlichen Ziele dauerhaft fest. Die durch den Dogmatismus verursachte Inflexibilität und Lernresistenz wird damit vermieden.

Darüber hinaus können sich kollektive Zwecke im Hinblick auf ihren Zustimmungsgrad unterscheiden. Sie müssen nicht wie im traditionellen und totalitären Modell von nahezu allen Mitgliedern der Gesellschaft geteilt werden. Es ist ohne Weiteres vorstellbar – und auch empirisch immer wieder zu beobachten –, dass auch zahlenmäßig kleinere Gruppen als Träger kollektiver Zwecke auftreten und dabei eine beträchtliche gesellschaftliche Signifikanz erreichen. Eine „öffentliche Übereinstimmung“14 im Sinne eines allgemeinen Konsenses über die kollektiven Zwecke ist hierzu nicht erforderlich. Wenn nicht die gesamte Gesellschaft auf dieselben Zwecke festgelegt ist, kann sich vielmehr ein Pluralismus unterschiedlicher kollektiver Zweck-Angebote entwickeln. Abweichungen müssen in dieser Situation nicht sanktioniert oder gewaltsam unterdrückt werden, sondern können in eine bestehende Landschaft konkurrierender oder komplementärer kollektiver Zwecke integriert werden.

Neben dem epistemischen Status und dem Zustimmungsgrad kann auch der Umfang kollektiver Zwecke variieren. Offensichtlich lässt sich nicht exakt bestimmen, ab wann ein Sachverhalt, auf den sich ein Zweck bezieht, weitreichend genug ist, damit er als „gesellschaftlich relevant“ bezeichnet werden kann. Keinesfalls muss jedoch – wie im Totalitarismus – ein gesamtgesellschaftlicher Idealzustand postuliert werden, damit dieses Kriterium erfüllt ist. Bei kollektiven Zwecken geht es somit nicht zwangsläufig um „umfassende Lehre[n]“15 oder um eine „Konzeption des Guten“16 schlechthin. Sie können sich ebenso auf anspruchsvolle, aber eher bereichsspezifische gesellschaftliche Zustände beziehen, die vergleichsweise besser bewertet werden als die Alternativen. In diesem Fall sind die Zwecke weniger umfangreich, und sie verlieren ihren metaphysisch-absoluten Charakter, über den sie mitunter im Kontext politischer Utopien oder religiöser Systeme verfügen.

Der Umfang kollektiver Zwecke wirkt sich schließlich auch auf ihr Verhältnis zu individuellen Zwecken aus. Im traditionellen und insbesondere im totalitären Modell überlagern die umfassenden kollektiven Zwecke die individuellen Zwecke und haben Vorrang vor diesen; die soziale Rolle des Einzelnen und seine individuellen Zwecke sind aus den kollektiven Zwecken ableitbar. Haben wir es jedoch mit weniger umfassenden kollektiven Zwecken zu tun, lassen diese genügend Spielraum für die selbstbestimmte Setzung individueller Zwecke. Die Individuen verfügen dann über eine – beispielsweise durch personenbezogene Grundrechte geschützte – Sphäre, die nicht zwangsweise von den kollektiven Zwecken beeinträchtigt werden darf. Anstatt in einem hierarchischen Verhältnis zueinander zu stehen, ergänzen sich die kollektiven und die individuellen Zwecke in diesem Fall gegenseitig.

Wie wir gesehen haben, kann der Begriff des kollektiven Zwecks in unterschiedlicher Weise interpretiert werden. Die Ausdeutung des Begriffs im traditionellen und vor allem totalitären Modell lässt sich zusammenfassend als zu weitgehend bewerten. Kollektive Zwecke führen dort zu negativen Konsequenzen, weil sie von einem zu hohen Grad an Gewissheit, zu hoher Allgemeinverbindlichkeit und einem zu großem Umfang gekennzeichnet sind. Das alternative Verständnis des Begriffs zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass kollektive Zwecke nicht-dogmatisch (sondern vorläufig akzeptiert), nicht für alle zustimmungspflichtig (sondern lediglich von signifikanten Gruppen unterstützt) und nicht allumfassend (aber dennoch gesellschaftlich relevant) sind. Sie befinden sich folglich im Hinblick auf ihren epistemischen Status, ihren Zustimmungsgrad und ihren Umfang auf einer mittleren Ebene. Aus diesem Grund sollen kollektive Zwecke dieses Typs als intermediäre Zwecke bezeichnet werden.

Die Entstehung intermediärer Zwecke in der Öffentlichkeit

Ein gewichtiger Nachteil der traditionellen und totalitären Teleologien besteht im jeweiligen Modus der Zwecksetzung und des Zweckwandels. Kollektive Zwecke entwickeln sich im traditionellen Modell durch soziale Praktiken und deren graduelle Verschiebung, und im totalitären Modell werden sie von einer übergeordneten Autorität festgelegt und gegebenenfalls von dieser verändert. In beiden Modellen fehlt somit ein dynamischer und flexibler Mechanismus, der die bewusste Veränderung der kollektiven Zwecke ermöglicht. Zurückzuführen ist dies auf einen Mangel an zweckbezogener Kommunikation. Während diese im traditionellen Modell aufgrund des impliziten Charakters der kollektiven Zwecke weitgehend unterbleibt, vollzieht sie sich im totalitären Modell lediglich einseitig, indem die übergeordnete Autorität der übrigen Gesellschaft die kollektiven Zwecke verkündet. In beiden Fällen fehlt demzufolge Kommunikation im Sinne einer wechselseitigen und im Hinblick auf ihre Teilnehmer und ihre Ergebnisse offenen Verständigung. Doch gerade diese eine Vielzahl von Perspektiven einbeziehende Form der Kommunikation wäre notwendig, um kollektive Zwecke immer wieder modifizieren zu können.

Der Ort, an dem eine in diesem Sinne kommunikative Auseinandersetzung über die kollektiven Zwecke einer Gesellschaft stattfinden kann, ist die politische Öffentlichkeit. Diese stellt ein allgemein sichtbares Forum dar, in dem die das Gemeinwesen als solches betreffenden Belange beraten werden. Jedem Akteur steht es frei, seine gesellschaftlich relevanten Ideen in der Öffentlichkeit vorzubringen. Die anderen an der Öffentlichkeit teilhabenden Gesellschaftsmitglieder greifen diese Ideen auf, beleuchten sie unter allen erdenklichen Gesichtspunkten und analysieren sie auf ihre Tragfähigkeit. Es entsteht mithin ein öffentlicher Diskurs, in dem Vorschläge zur Fortentwicklung der Gesellschaft vorgebracht, rezipiert und diskutiert werden. Dieser Diskurs umfasst einerseits öffentliche sprachliche Äußerungen. Andererseits schließt er aber auch bestimmte nicht-sprachliche Praktiken ein. So kann eine Auseinandersetzung innerhalb eines Diskurses nicht nur in Form von (sprachlichen) Argumenten geführt werden, sondern auch mittels nicht-sprachlicher symbolischer Praktiken und mittels der öffentlich wahrnehmbaren Praktizierung voneinander abweichender Handlungs- und Lebensweisen. In einem solchen kontroversen und vielgestaltigen Diskurs manifestiert sich das Prinzip des Kritizismus, das ausgehend von der Fehlbarkeit und der inhärenten Unvollständigkeit menschlicher Erkenntnis auf die beständige Prüfung jeglicher Problemlösungsversuche setzt.17

In dem öffentlichen Diskurs kristallisieren sich vielfältige kollektive Zwecke heraus, die aufgrund der prinzipiell niemals abgeschlossenen Kritik stets über einen vorläufigen und verbesserungswürdigen Charakter verfügen. Da der öffentliche Diskurs uneingeschränkt zugänglich für unterschiedliche Perspektiven ist, herrscht ein struktureller Pluralismus, der erstens eine vergleichende Beurteilung kollektiver Zwecke ermöglicht und zweitens verhindert, dass es zu einem völligen Konsens und zur Verabsolutierung bestimmter kollektiver Zwecke kommt. Der Pluralismus sorgt gleichsam für eine wohltuende Relativierung der kollektiven Zwecke und führt ununterbrochen vor Augen, dass immer auch Alternativen möglich wären. Bei den kollektiven Zwecken, die in einer dem Kritizismus verpflichteten Öffentlichkeit entstehen, handelt es sich demzufolge um intermediäre Zwecke im oben erläuterten Sinn. Sie bieten gesellschaftliche Orientierung, sind dabei aber flexibel genug, um laufend an veränderte Problemsituationen angepasst zu werden.

Eine nach diesem Muster funktionierende Öffentlichkeit impliziert, dass es sich bei der Setzung und beim Wandel von Zwecken um einen irreduzibel gemeinschaftlichen Vorgang handelt. Der öffentliche Diskurs ist ein Prozess, in dem sich Ansichten im Lichte der von anderen Personen vorgebrachten Kritik weiterentwickeln und sich wechselseitig inspirieren. Folglich bilden sich in diesem Modell Vorstellungen über die kollektiven Zwecke erst in menschlicher Interaktion und durch die Konfrontation mit einer Vielfalt von Perspektiven heraus. Niemand kennt bereits die Ziele, die er mit Anderen erreichen will, bevor er mit diesen in einen Diskurs und in ein gemeinsames politisches Leben eingetreten ist.18 Dies bedeutet, dass kollektive Zwecke nicht einfach aus einem vorpolitischen Raum in die Öffentlichkeit hineingetragen werden, sondern sich zu einem wesentlichen Teil erst in ihr herausbilden. Dieses konstitutive Verständnis von Öffentlichkeit als zentralem Ort der politischen Auseinandersetzung bildet das republikanische Element des vierten Modells.19

Damit die Öffentlichkeit als eigenständige Sphäre fungieren kann, in der sich kollektive Zwecke herauskristallisieren, muss sie als umfassendes Forum verstanden werden, in dem unterschiedlichste Ansichten, Argumente und Praktiken aufeinandertreffen. Alle Arten von Beiträgen können in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden, sind dabei aber auch gleichermaßen Gegenstand von Befürwortung, Abgrenzung und Kritik.20 Erst in einer solchen Situation des echten Pluralismus, der auch miteinander inkompatible Sichtweisen einschließt, kann eine leidenschaftliche und kontroverse Auseinandersetzung über die Zwecke einer Gesellschaft geführt werden. Die Gegensätzlichkeit der Positionen sorgt für eine ständige Dynamik, trägt zu einer fortlaufenden Willensbildung der Beteiligten bei und ermöglicht ihnen, sich im Hinblick auf die Zwecke der Gesellschaft zu orientieren und zu positionieren.21

Dieses expansive Verständnis von politischer Öffentlichkeit unterscheidet sich offensichtlich grundlegend von den traditionellen und totalitären Modellen, die keine bzw. nur eine einseitig strukturierte Öffentlichkeit beinhalten. Es ist jedoch ebenso vom oben diskutierten liberalen Modell abzugrenzen. Dieses beinhaltet zwar aufgrund seines freiheitlichen Charakters eine allgemein zugängliche Öffentlichkeit, doch diese hat nicht die eigenständige Konstitution kollektiver Zwecke zur Aufgabe, sondern lediglich die Aggregation und Vermittlung vorpolitisch entstandener individueller Zwecke. Anstatt eine kollektive Auseinandersetzung über die Zwecke der Gesellschaft zu beherbergen, ist die Öffentlichkeit dort angefüllt mit Partikularinteressen, die, weil sie nicht im gemeinschaftlichen Diskurs entstanden sind, inhaltlich unverbunden nebeneinander stehen.22 Ferner ist das expansive Verständnis von Öffentlichkeit abzugrenzen von liberalen Konzeptionen, die auf eine Beschneidung der politischen Sphäre hinauslaufen. Während diese darauf abzielen, fundamentalen Dissens aus einem eng gefassten „Bereich des Politischen“23 auszuklammern, geht es im hier bevorzugten vierten Modell um eine Ausweitung des politischen Diskurses im Hinblick auf die zugelassenen Themen, Argumente und – indem die Sprachfixierung liberaler Diskursmodelle überwunden wird – nonverbaler Praktiken. Ein solcher umfassender Diskurs ist folglich nicht darauf festgelegt, eine „vernünftige Übereinstimmung“24 der Beteiligten über ohnehin relativ unkontroverse Einzelheiten herbeizuführen; vielmehr hat er die Funktion, eine Vielfalt voneinander unterscheidbarer intermediärer kollektiver Zwecke hervorzubringen. Den verödeten Varianten liberaler Öffentlichkeit wird damit ein genuin politischer Ort im Sinne eines permanenten produktiven Konflikts entgegengestellt.

Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft

In den vorangegangenen Abschnitten wurde zunächst verdeutlicht, um welche Art von kollektiven Zwecken es sich im vierten Modell sozialer Teleologie handelt. Anschließend wurde skizziert, wie diese Zwecke entstehen und sich weiterentwickeln. Vor diesem Hintergrund lässt sich nun das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft präzisieren. Im traditionellen, totalitären und liberalen Modell haben wir es jeweils mit einer einseitigen Beziehung zwischen diesen beiden Polen zu tun. Während die Gesellschaft in den ersten beiden Modellen das Leben der Individuen bestimmt, nutzt das Individuum die Gesellschaft im dritten Modell instrumentell zur Verwirklichung seiner autonom gesetzten persönlichen Zwecke. Im Gegensatz dazu ermöglicht das vierte Modell eine in beide Richtungen verlaufende Beziehung. Einerseits prägt das Individuum die Gesellschaft, aber gleichzeitig wirkt diese auf das Individuum zurück. Dies geschieht in einem niemals vollendeten, von beiden Seiten fortgeschriebenen Prozess. Das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft im vierten Modell kann demzufolge als iterativ und zirkulär beschrieben werden.

Inwiefern ist dies der Fall? Wir haben gesehen, dass im vierten Modell sozialer Teleologie eine Öffentlichkeit existiert, die für alle Gesellschaftsmitglieder zugänglich ist. Es steht ihnen frei, ihre Ideen, Argumente und Praktiken in den öffentlichen Diskurs einfließen zu lassen. Diese Offenheit der Öffentlichkeit ist die Grundbedingung dafür, dass die Individuen Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft nehmen können. Die Besonderheit des vierten Modells besteht jedoch darin, dass wir es mit einer Öffentlichkeit zu tun haben, die nicht nur vom „Input“ der Individuen mitgeformt wird, sondern auch inhaltlich auf die Beiträge der Individuen reagiert. An der Öffentlichkeit haben Akteure teil, die den „Input“ der Individuen rezipieren und sich von ihm affizieren lassen, ihn gleichzeitig aber auch kommentieren und kritisieren. Mit anderen Worten handelt es sich um eine resonanzfähige Öffentlichkeit, d. h. eine Öffentlichkeit, die in einer verständigungsorientierten Weise antwortet. Die Reaktion der Öffentlichkeit wirkt wiederum auf das Individuum zurück, das seine Ansichten nun gegebenenfalls revidieren und sich von seinem veränderten Standpunkt aus erneut an die Öffentlichkeit wenden kann. Es ist genau dieses fortwährende Antworten auf beiden Seiten, das die Iterativität und die Zirkularität der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft ausmacht.

Dieses allgemeine Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft spiegelt sich auch im Verhältnis von individuellen und kollektiven Zwecken wider. Das Individuum prägt durch sein öffentliches Engagement die kollektiven Zwecke der Gesellschaft mit. Gleichzeitig wirken die kollektiven Zwecke auf seine individuellen Zwecke zurück, indem sie als Orientierungsangebote fungieren, die Implikationen für den persönlichen Bereich haben können. Individuelle und kollektive Zwecke stehen im vierten Modell mithin in einem produktiven Austausch, ohne sich gegenseitig zu determinieren.

Individuelle Implikationen

Zu welchen weiteren Konsequenzen führen die geschilderten Eigenschaften des vierten Modells nun für die Stellung des Individuums? Die erste Konsequenz besteht darin, dass das Individuum durch die Möglichkeit des öffentlichen Engagements zu seinem gesellschaftlichen Umfeld in eine echte – und nicht nur einseitig-instrumentelle – Beziehung treten kann. Bereits die Entwicklung kollektiver Zwecke ist ein gemeinschaftlicher, in der Öffentlichkeit vorangetriebener Prozess, in den sich das Individuum aus freien Stücken einschalten kann. Die kollektiven Zwecke, die sich in diesem Prozess herausbilden, sind in diesem Fall so beschaffen, dass sich das Individuum aufgrund seiner eigenen Mitwirkung in ihnen wiedererkennen kann. Durch diese Identifikation begreift sich das Individuum nicht länger als eine von der Gesellschaft getrennte, isolierte Einheit. Es kann stattdessen teilhaben am Projekt einer gemeinsam gestalteten Gesellschaft, und dieses Hinausgehen über den privaten Bereich verleiht seinem Leben Orientierung und eine zusätzliche Ebene von Sinn.25 Wir haben es also mit einem Individuum zu tun, das produktiv mit seinem gesellschaftlichen Umfeld verwoben sein kann, ohne dabei seine Persönlichkeit zu verlieren oder völlig in einem Kollektiv aufgehen zu müssen.

Die zweite Konsequenz für die Stellung des Individuums bezieht sich auf dessen persönliche Freiheit. Wie wir gesehen haben, führt das Vorhandensein kollektiver Zwecke im traditionellen und im totalitären Modell zu einer Verringerung der individuellen Freiheit; der Zuwachs an kollektivem Sinn wird durch den Verzicht auf individuelle Selbstbestimmung erreicht. Das vierte Modell zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass dieser Zusammenhang durchbrochen und der individuelle Freiheitsspielraum durch die Existenz kollektiver Zwecke sogar erweitert wird. Die Grundbedingung hierfür ist zunächst, dass die negative Freiheit ähnlich wie im liberalen Modell erhalten bleibt. Da es sich bei den kollektiven Zwecken des vierten Modells um intermediäre Zwecke mit begrenzter Reichweite handelt, ist sichergestellt, dass das Individuum über eine autonome persönliche Sphäre verfügt, die nicht gegen seinen Willen von den kollektiven Zwecken berührt wird. Darüber hinaus bieten sich dem Individuum im vierten Modell jedoch größere Möglichkeiten zur Realisierung positiver Freiheit als im liberalen Modell. Dies ist der Fall, weil das Individuum im vierten Modell nicht darauf beschränkt ist, sich seine persönlichen Zwecke zu setzen. Es kann zudem den privaten Bereich transzendieren, indem es an der gemeinschaftlichen Gestaltung der Gesellschaft mitwirkt. Dies stellt eine erhebliche Erweiterung seines positiven Handlungsspielraums dar, und das konzertierte Handeln mit Anderen konstituiert eine Form von Macht, die ein Einzelner für sich allein niemals erreichen könnte.26

Gesellschaftliche Implikationen

Zwei weitere Implikationen des vierten Modells beziehen sich auf die Ebene der Gesellschaft. Die erste betrifft die Steuerungsfähigkeit des Gemeinwesens. Die Kritik des liberalen Modells hatte ergeben, dass genuin kollektive Probleme, die sich nicht auf die individuelle Ebene „herunterbrechen“ lassen, dauerhaft ungelöst bleiben, sofern eine Gesellschaft über keine kollektiven Zwecke verfügt. Im vierten Modell kann sich die Gesellschaft hingegen an den vorhandenen intermediären Zwecken orientieren, um auf kollektive Probleme zu reagieren. Unter Berufung auf diese intermediären Zwecke kann sie kollektive Probleme bekämpfen, bevor sich diese so verschärft haben, dass sie die individuellen Zwecke der Gesellschaftsmitglieder direkt tangieren. Die intermediären Zwecke bilden somit die ideelle Voraussetzung dafür, die Entwicklung der Gesellschaft in einem stärkeren Maße bewusst und planvoll gestalten zu können.

Kommen wir nun zur zweiten Implikation des vierten Modells auf der gesellschaftlichen Ebene. Oben wurde dargelegt, dass eine wesentliche Funktion der Öffentlichkeit in der Hervorbringung intermediärer kollektiver Zwecke besteht. Darüber hinaus ist die Öffentlichkeit jedoch auch im Hinblick auf die Konstitution und die Integration der Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Die Öffentlichkeit stellt ein Forum dar, in dem die Ansichten und Praktiken unterschiedlichster Diskursteilnehmer aufeinandertreffen und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Der öffentliche Diskurs verbindet also Menschen miteinander, die ansonsten durch geographische und lebensweltliche Trennung gar nicht miteinander in Kontakt gekommen wären. Die Öffentlichkeit trägt daher einen wesentlichen Teil dazu bei, die Gesellschaft, über deren kollektive Zwecke sie berät, als soziale Einheit erst zu erschaffen.

Diese durch die Öffentlichkeit ermöglichte gesellschaftliche Integration vollzieht sich einerseits dadurch, dass die Diskursteilnehmer in positiver Weise aufeinander Bezug nehmen. Durch die allgemein sichtbare und zugängliche Suche nach kollektiven Zwecken bilden sich Gemeinsamkeiten zwischen den Gesellschaftsmitgliedern heraus, und der Bestand an übereinstimmenden Ansichten und Werten wächst. Andererseits wird die gesellschaftliche Integration unter bestimmten Bedingungen auch – was in den Diskussionen über dieses Thema oftmals ignoriert wird – durch den öffentlichen Konflikt vorangetrieben. Denn gerade die kritische Auseinandersetzung mit abweichenden Vorstellungen erfordert ja, sich mit diesen ernsthaft zu beschäftigen und mithin intensiv auf diese bezogen zu sein, anstatt ihnen gleichgültig und somit unverbunden gegenüber zu stehen. Dies bedeutet, dass auch die Abgrenzung, sofern sie auf inhaltlichen Gründen basiert, eine Verknüpfung zwischen Individuen und Gruppen herstellen und somit zur gesellschaftlichen Integration beitragen kann. Hierfür bildet eine pluralistische und kritische Öffentlichkeit, in der auch grundlegend konträre Ansichten aufeinandertreffen und in einen friedlichen Diskurs überführt werden, einen passenden Rahmen.

Ein kritischer Republikanismus

In der Gesamtschau lassen sich mehrere spezifische Eigenschaften des vierten Modells sozialer Teleologie festhalten. Bei den kollektiven Zwecken des vierten Modells handelt es sich um intermediäre Zwecke, die zwar gesellschaftlich relevant, dabei aber nicht-dogmatisch, nicht für alle zustimmungspflichtig und nicht allumfassend sind. Diese intermediären Zwecke entstehen und wandeln sich dynamisch in den kritischen Diskursen einer expansiv verstandenen pluralistischen Öffentlichkeit. Durch die Resonanzfähigkeit der Öffentlichkeit wird ein Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft ermöglicht, das als iterativ und zirkulär beschrieben wurde. Das Individuum kann infolgedessen mit der Gesellschaft in eine produktive Beziehung treten und sich in ihren kollektiven Zwecken wiederfinden. Aufgrund erweiterter kollektiver Handlungsmöglichkeiten vergrößert sich zudem seine positive Freiheit. Auf der gesellschaftlichen Ebene sind durch die Existenz intermediärer kollektiver Zwecke die ideellen Voraussetzungen für die Steuerungsfähigkeit der Gesellschaft gegeben. Schließlich trägt das Zusammenspiel der Akteure in der Öffentlichkeit zur Konstitution und Integration der Gesellschaft bei.

Diese Eigenschaften unterscheiden das vierte Modell grundlegend von den zuvor erörterten Ansätzen. Der Liberalismus wurde insbesondere wegen seiner kollektiven Sinnleere und der daraus resultierenden Probleme kritisiert. Die Diskussion der Alternativen hat jedoch verdeutlicht, dass es vor dem Hintergrund der liberalen Pathologien weder um eine sozialromantische Beschwörung der traditionellen Gemeinschaft noch um eine Rehabilitierung totalitärer Kollektivismen gehen kann. Vielmehr gilt es, die Konturen einer sozialen Teleologie herauszuarbeiten, die ein als sinnhaft wahrgenommenes Bezogensein des Individuums auf die Gesellschaft unter Beibehaltung negativer persönlicher Freiheiten ermöglicht.

Während sich das vierte Modell demnach klar von traditionellen, totalitären und liberalen Ansätzen abhebt, bestehen wie bereits angedeutet Anknüpfungspunkte an republikanische Theorien der Politik. Deren kleinster gemeinsamer Nenner besteht darin, dass das Politische als eine allgemeine Beratung über die öffentlichen Angelegenheiten einer Gesellschaft gedeutet wird.27 Genau dies stellt auch den Kern des hier entwickelten vierten Modells dar: Im Gegensatz zum „Implizitismus“ des traditionellen Modells, zum Elitismus des totalitären Modells und zum Privatismus des liberalen Modells wird die Definition der kollektiven Zwecke in den öffentlichen Raum verschoben und zum Gegenstand einer allgemeinen Auseinandersetzung gemacht. Jenseits dieser Gemeinsamkeit ist das vierte Modell jedoch von Varianten des Republikanismus abzugrenzen, die insbesondere auf die „patriotische Identifikation“28 des Bürgers mit der Gesellschaft abstellen. Die Pointe des hier vorgeschlagenen Modells besteht gerade nicht darin, Traditionen „zu ehren und zu bewahren“29, sondern sie zu kritisieren und zu revidieren. Dies geschieht in einem in die Zukunft gerichteten, niemals abgeschlossenen Prozess, und genau dieses gemeinschaftliche Ringen um die kollektiven Zwecke ermöglicht eine aufgeklärte Identifikation mit dem Gemeinwesen und das Entstehen eines reflexiven Sinns. Es ist folglich eine Verbindung von Republikanismus und Kritizismus, die die besten Voraussetzungen für eine akzeptable soziale Teleologie bietet.

Fußnoten

1Vgl. Hartmann, Dirk: Kulturalistische Handlungstheorie. In: Hartmann, Dirk / Janich, Peter (Hrsg.): Methodischer Kulturalismus. Zwischen Naturalismus und Postmoderne. Frankfurt am Main 1996, S. 70-114, hier S. 78 f..

2Zum anti-teleologischen Charakter des Liberalismus vgl. Rawls, John: Gerechtigkeit als Fairneß: politisch und nicht metaphysisch. In: Rawls, John: Die Idee des politischen Liberalismus. Aufsätze 1978-1989. Frankfurt am Main 1994, S. 255-292, hier S. 288 f..

3Vgl. Popper, Karl R.: Utopie und Gewalt. In: Popper, Karl R.: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis. Teilband II: Widerlegungen. Tübingen 1997, S. 515-527, hier S. 520-523.

4Vgl. Albert, Hans: Die Idee der kritischen Vernunft. In: Albert, Hans: Plädoyer für kritischen Rationalismus. München 1971, S. 11-29, hier S. 15-17.

5Zum allgemeinen Gedanken der Pfadabhängigkeit siehe Pierson, Paul: Increasing Returns, Path Dependence, and the Study of Politics. In: The American Political Science Review XCIV (2000), S. 251-267.

6Vgl. Hayek, Friedrich August 1988: The Fatal Conceit. The Errors of Socialism. London 1988, S. 85 ff..

7Vgl. Albert, Hans: Aufklärung und Steuerung. Gesellschaft, Wissenschaft und Politik in der Perspektive des kritischen Rationalismus. In: Albert, Hans: Kritische Vernunft und menschliche Praxis. Stuttgart 1984, S. 180-210, hier S. 202-204.

8Der Bereich der Umweltzerstörung bietet hierfür zahlreiche empirische Beispiele.

9Honneth, Axel: Individualisierung und Gemeinschaft. In: Zahlmann, Christel (Hrsg.): Kommunitarismus in der Diskussion. Berlin 1992, S. 16-23, hier S. 19.

10Vgl. Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit. München 2010, S. 32 f..

11Vgl. Taylor, Charles: Atomism. In: Avineri, Shlomo / De-Shalit, Avner (Hrsg.): Communitarianism and Individualism. Oxford 1992, S. 29-50.

12Dies bedeutet, dass die Menschen auch im liberalen Modell nicht immer rein isoliert voneinander handeln. Vielmehr bilden sie in bestimmten Fällen Handlungszusammenhänge mit anderen Menschen, d. h. sie stimmen ihre Handlungen aufeinander ab. Sie tun dies jedoch nicht, um gemeinsam kollektive Zwecke zu erreichen, sondern um ihre jeweiligen individuellen Zwecke besser zu realisieren. Aus diesem Grund haben wir es im liberalen Modell lediglich mit einer egoistisch-instrumentellen Form der Kooperation zu tun.

13Popper, Karl R.: Utopie und Gewalt, S. 520.

14Rawls, John: Gerechtigkeit als Fairneß, S. 289.

15Rawls, John: Der Bereich des Politischen und der Gedanke eines übergreifenden Konsenses. In: Rawls, John: Die Idee des politischen Liberalismus. Aufsätze 1978-1989. Frankfurt am Main 1994, S. 333-363, hier S. 344.

16Rawls, John: Gerechtigkeit als Fairneß, S. 289.

17Zum Kritizismus vgl. Albert, Hans: Die Idee der kritischen Vernunft, S. 15-24; Albert, Hans: Traktat über rationale Praxis. Tübingen 1978, S. 7 ff.; Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft. Tübingen 51991, S. 42-44; sowie Niemann, Hans-Joachim: Die Strategie der Vernunft. Rationalität in Erkenntnis, Moral und Metaphysik. Braunschweig / Wiesbaden 1993, S. 7 ff..

18Vgl. Dewey, John: The Future of Liberalism. In: The Journal of Philosophy XXXII (1935), S. 225-230, sowie Taylor, Charles: Atomism, S. 43-49.

19Vgl. Bonacker, Thorsten: Die politische Theorie des freiheitlichen Republikanismus: Hannah Arendt. In: Brodocz, André / Schaal, Gary S. (Hrsg.): Politische Theorien der Gegenwart I. Opladen 2002, S. 183-219, hier S. 186 ff..

20Dies impliziert, dass auch weltanschaulich und religiös fundierte Beiträge im öffentlichen Diskurs auftauchen können. Da sie keinen Sonderstatus genießen, sind sie allerdings auch in gleicher Weise der Kritik ausgesetzt wie alle anderen Diskursbeiträge. Vgl. Dacey, Austin: The Secular Conscience. Why Belief Belongs in Public Life. Amherst 2008, S. 39 ff..

21Dieses dynamische Verständnis öffentlicher Diskurse bedeutet nicht, dass alle Themen permanent Gegenstand kontroverser Auseinandersetzungen sind. Themen, die gegenwärtig nicht als problematisch wahrgenommen werden oder unstrittig sind, brauchen nicht ständig öffentlich diskutiert zu werden. Es besteht aber jederzeit die Möglichkeit, sie in den öffentlichen Diskurs einzubringen und sie damit zu (re-)politisieren.

22Vgl. Bauman, Zygmunt: Flüchtige Moderne. Frankfurt am Main 2003, S. 47-54.

23Rawls, John: Der Bereich des Politischen und der Gedanke eines übergreifenden Konsenses. Vgl. Ackerman, Bruce: Warum Dialog? In: van den Brink, Bert / van Reijen, Willem (Hrsg.): Bürgergesellschaft, Recht und Demokratie. Frankfurt am Main 1995, S. 385-410, hier S. 399 ff., sowie Larmore, Charles: Patterns of Moral Complexity. Cambridge 1987, S. 50 ff..

24Rawls, John: Der Bereich des Politischen und der Gedanke eines übergreifenden Konsenses, S. 340.

25Vgl. Singer, Peter: Wie sollen wir leben? Ethik in einer egoistischen Zeit. München 2004, S. 250-254.

26Vgl. Arendt, Hannah: Macht und Gewalt. München / Zürich 1970, S. 45, sowie Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 2007, S. 252 ff..

27Vgl. Brunkhorst, Hauke: Republikanismus. In: Gosepath, Stefan / Hinsch, Wilfried / Rössler, Beate (Hrsg.): Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie. Band 2: N-Z. Berlin 2008, S. 1117-1121.

28Taylor, Charles: Aneinander vorbei. Die Debatte zwischen Liberalismus und Kommunitarismus. In: Honneth, Axel (Hrsg.): Kommunitarismus. Eine Debatte über die moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften. Frankfurt am Main 1993, S. 103-130, hier S. 117.

29Taylor, Charles: Aneinander vorbei, S. 123.

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