Eine Soziologie der Kritik in pragmatistischer Perspektive. Bénédicte Zimmermann über die Fähigkeit zur Kritik (Nikola Tietze)

Nikola Tietze

Hamburger Institut für Sozialforschung, Universität Hamburg

Rezension zu: Zimmermann, Bénédicte. 2011. Ce que travailler veut dire. Une sociologie des capacités et des parcours professionnels. Paris: Economica. (mit einem Nachwort aktualisierte 2. Auflage 2014)

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Bénédicte Zimmermann entwickelt in ihren Arbeiten eine soziologisch-pragmatistische Perspektive auf die Praxis der Kritik. In Anlehnung an den philosophischen Pragmatismus John Deweys und an den capability-Ansatz von Martha Nussbaum und Amartya Sen richtet sie den Fokus auf die Beziehungen sowie Interdependenzen zwischen der Praxis der Kritik und gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen und lotet die Fähigkeit der Individuen wie Kollektive aus, Kritik zu äußern (Zimmermann 2006, 2008). In dieser Hinsicht geht sie über den Ansatz der pragmatischen Soziologie der Kritik im Sinne Luc Boltanskis, Laurent Thévenots und Ève Chiapellos hinaus. Zwar teilt sie mit diesem Ansatz das Verständnis, dass das Soziale dort zu analysieren ist, wo Akteure in ihren Handlungsroutinen irritiert wie auch im Hinblick auf die Interaktionen verunsichert sind, Probleme formulieren und zu lösen versuchen. Auch begreift sie die Kritik als Überprüfung und Verschiebung von Rechtfertigungsordnungen. Doch ist ihr Kritikbegriff im Gegensatz zu dem der pragmatischen Soziologie der Kritik konsequent auf die Erfahrungen der Akteure bezogen und somit im Sinne Deweys in den Prozessen verankert, in denen Individuen und Kollektive auf die Umgebung ihrer Handlungen treffen und in denen erstere und letztere miteinander interagieren.

Arbeiten in flexibilisierten Beschäftigungsverhältnissen

Zimmermanns Buch »Ce que travailler veut dire. Une sociologie des capacités et des parcours professionnels« [Was Arbeiten heißt. Eine Soziologie der Fähigkeiten und der beruflichen Werdegänge, NT] spiegelt diesen erfahrungsbezogenen und durch den philosophischen Pragmatismus Deweys inspirierten Kritikbegriff wider (Zimmermann 2011). Es baut auf zwei qualitativen Fallstudien über das Arbeiten in flexibilisierten Beschäftigungsverhältnissen auf. Die erste hat die Autorin in französischen Unternehmen durchgeführt, deren Leitungen sich in vereinsrechtlichen Zusammenschlüssen, sogenannten »Arbeitgebergemeinschaften«, zusammengetan haben, um den sich ihnen stellenden Flexibilisierungsanforderungen gerecht zu werden und zugleich Beschäftigung zu sichern. Die zweite Fallstudie nimmt die Umsetzung der Vorschriften zur beruflichen Weiterbildung in acht französischen Betrieben der Chemie- und Metallbranche in den Blick. Auf dieser empirischen Basis analysiert Zimmermann im ersten Teil ihres Buchs die Erfahrungen mit flexibilisierten Beschäftigungsverhältnissen und fragt nach den beruflichen Werdegängen, die die Beschäftigten – Geringqualifizierte wie Führungskräfte – unter den gegebenen und arbeitsmarktpolitisch unterstützten Betriebsbedingungen entwickeln können. Im zweiten Teil des Buchs stellt die Autorin die arbeitsmarktpolitische Priorität, Beschäftigung zu sichern statt qualifizierte Arbeit zu fördern, den konkreten Handlungsmöglichkeiten der Beschäftigten in den untersuchten Betrieben gegenüber.

Zimmermanns empirische Untersuchungen zeichnen ein eindrückliches Bild von dem, was es heute heißt zu arbeiten und Unternehmer seines eigenen biographischen Werdegangs sein zu müssen. Das Leitbild des aktiven Selbst-Unternehmers beziehungsweise der produktiven Optimierung des Humankapitals ebenso wie die damit verbundene arbeitsmarktpolitische Priorität, zu beschäftigen statt qualifizierte Arbeit zu sichern, untergraben die historischen Kompromisse des Arbeitskampfes und die Voraussetzungen der Sozialstaatlichkeit (vgl. Bröckling, Krasmann, Lemke 2000; Bröckling 2007). Obwohl sich die Arbeitnehmer aufgrund ihrer Lohnabhängigkeit in einer untergeordneten Position befinden, wird ihnen auferlegt, Unternehmer ihrer eigenen Karriere zu werden und für ihre berufliche Zukunft allein verantwortlich zu sein. Darüber hinaus entstehen unter den Bedingungen dieses Verständnisses von Arbeit neue Ungleichheiten: Auf der einen Seite stehen nunmehr diejenigen, die – egal ob als Arbeiter oder Arbeiterin, Betriebschef oder Betriebschefin, Vater oder Mutter, In- oder Ausländer – die Fähigkeit besitzen, einen Werdegang zu gestalten, und auf der anderen diejenigen, denen aus den verschiedensten Gründen die nötigen Mittel und Ressourcen für diese Fähigkeit nicht oder nur unzureichend zur Verfügung stehen.

Ein solches Arbeitsverständnis und solche Beschäftigungsverhältnisse lassen sich, so Zimmermann, nur dann mit der Sicherung von Beschäftigung verbinden, wenn das Arbeiten unter dem Gesichtspunkt der Handlungs- und Kritikfähigkeit – der capability – der individuellen wie kollektiven Akteure verstanden und die Qualität eines oder einer Beschäftigten unter der Beteiligung aller Betroffenen kollektiv definiert wird. Andernfalls – das heißt unter der alleinigen Berücksichtigung der Kompetenzen (capacities) – werden aus den Ungleichheiten in Beschäftigungsverhältnissen durch Aktivierung, flexicurity, staatliche Beschäftigungspolitik und betriebliche Organisationsformen ungerechte Ungleichheiten.

Eine Methodologie in pragmatistisch-kritischer Perspektive

Auf der Basis ihres erfahrungsbezogenen und durch den philosophischen Pragmatismus Deweys inspirierten Kritikbegriffs verzahnt Zimmermann konsequent theoretische Reflexion, sozialwissenschaftliche Konzeptualisierung und empirische Untersuchung. In »Ce que travailler veut dire« erarbeitet sie zum Beispiel das Konzept des »Werdegangs« [parcours], indem sie die Ergebnisse ihrer Untersuchung zu den Semantiken der Begriffe »Lebenslauf« und »Beschäftigungsfähigkeit« in staatlichen Institutionen französischer Arbeitsmarktpolitik mit den Ergebnissen ihrer Studien auf der Ebene der Unternehmensleitungen der untersuchten Arbeitgebergemeinschaften und Betriebe wie auch mit den Ergebnissen ihrer Befragungen und Erhebungen auf der Ebene der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer konfrontiert. In der Entwicklung dieses sozialwissenschaftlichen Konzepts reflektiert und kritisiert sie zugleich die französischen arbeitsmarktpolitischen Instrumente zur »Sicherung von Lebenslaufoptionen durch Beschäftigungsfähigkeit« (Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2007). Dank der Verzahnung von Konzeptualisierung, empirischen Untersuchungen und theoretischer Reflexion gelingt es ihr, ihre mikrosoziologischen Studien in eine makrosoziologische Analyse zu überführen und die Dichotomie zwischen Mikro- und Makroebene zu überwinden. Grundlegend dafür ist der von ihr angewandte Methodenpluralismus und die analytische Überschneidung sowie Zusammenführung der Ebenen (échelles), die das jeweilige Untersuchungsfeld – im oben genannten Buch die Akteure in den untersuchten Betrieben – bestimmen.

Methodisch setzt Zimmerman dort an, wo Individuen und Kollektive eine Situation als problematisch empfinden, das heißt dort, wo Akteure in einem Geschehen ein Problem identifizieren. Sie versteht Probleme ähnlich wie Rahel Jaeggi als »praktische, krisenhafte Verwerfungen« (Jaeggi 2014, 213), in denen die Interaktionen zwischen den Akteuren ins Stocken geraten, mit ihrer Umgebung nicht mehr verbunden werden oder Irritationen hervorrufen. Die empirische Untersuchung des Prozesses, in dem die Akteure Probleme identifizieren, ermöglicht nach Zimmermann die sozialwissenschaftliche Analyse der Handlungs- und Kritikfähigkeit der Akteure. Denn jene arbeiten aus dem unbestimmten wie auch unsicheren Geschehen und den dadurch gegebenen Schwierigkeiten Problemlagen heraus. Sie interpretieren das Problematisch- Werden einer Situation und fassen ihre Interpretationen in Problembeschreibungen und in damit inhärent verbundenen Vorstellungen über mögliche Problemlösungen zusammen. Die Problembeschreibungen und Lösungsvorstellungen stellen die Grundlage der Handlungs- und Kritikfähigkeit der Akteure dar.

Ein von den Akteuren identifiziertes Problem muss, wie es im Nachwort zur zweiten Auflage von »Ce que travailler veut dire« heißt, »ausgehend von der Vielzahl von Fakten, Positionen und Deutungsweisen, die eine Situation als problematisch ausweisen« (Zimmermann 2014, 4), untersucht werden. Denn eine Situation ist nach Dewey ein »kontextuelles Ganzes« (Dewey 2002, 87), in der die interagierenden Akteure Erfahrungen mit Ereignissen, Bedingungen und Objekten machen. In dieser Hinsicht nimmt Zimmermann in ihrer Untersuchung der flexibilisierten Beschäftigungsverhältnisse die Semantiken staatlicher arbeitsmarktpolitischer Institutionen in den Blick, überprüft die Umsetzung dieser Semantiken in den betriebsinternen Arrangements und untersucht den Zugang, den die Beschäftigten zu den jeweils umgesetzten Zielen der institutionellen Semantiken haben. Sie bezieht also die Ebene der institutionellen Ordnung, die Ebene der ökonomisch orientierten Betriebsorganisation und schließlich die Ebene der individuellen Biographien aufeinander und führt sie in ihrer Analyse der Problembeschreibungen und -lösungen der Akteure zusammen. Auf der Basis der analytischen Überschneidung dieser Ebenen arbeitet sie die Handlungsfähigkeit der Akteure und ihre Fähigkeit zur Kritik heraus. Denn Handlungs- und Kritikfähigkeit ist »nicht nur eine Sache der Person und ihrer individuellen Eigenschaften, sondern sie entsteht aus der Interaktion zwischen einer Person und ihrer Umgebung, sodass Letztere, genau wie der Einzelne, zu einem vollwertigen Untersuchungsgegenstand wird« (Zimmermann 2014, 6).

Wird die individuelle Handlungs- und Kritikfähigkeit, wie bei Zimmermann, als eine interdependente Beziehung zwischen Individuum und der Umgebung seiner Handlungen konzipiert, spiegelt sie zwangsläufig makrosoziologische Bedingungen und Strukturen wider. Methodologisch gesehen, bietet sie dadurch einen Zugang für die kritische (konkrete Handlungs- und Kritikfähigkeiten überprüfende) Untersuchung der gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse. In dieser Hinsicht generiert das methodische Verfahren von Zimmermanns soziologisch-pragmatistischer Perspektive Potenziale für sozialwissenschaftliche Gesellschaftskritik. Es wird zu einem »Hebel der Kritik«, wie Zimmermann schreibt (Zimmermann 2014, 4). Zimmermanns Buch stellt in diesem Zusammenhang eine bedenkenswerte Frage an die makrosoziologischen Herrschafts- und Machtanalysen, die wissenschaftstheoretisch eine »komplexe Außenposition« (Dörre / Haubner 2011, 396) gegenüber der mikrosoziologischen »Vielfalt von Fakten, Positionen und Deutungsweisen« einnehmen (Zimmermann 2014, 4): Bricht die »komplexe Außenposition« vorschnell ihre Analyse mit der Enttarnung der Macht- und Herrschaftsverhältnisse sowie derer Reproduktionsprozesse ab, weil sie die praxeologischen Interdependenzen und den umkehrbaren wie prekären Charakter dieser Verhältnisse aus dem Blick verliert und letztendlich auf die jeweils etablierten Verhältnisse »festgestellt« ist (Redepenning 2007, 95)?

Auf der Basis des außenperspektivischen Paradigmas der Landnahme schlussfolgert zum Beispiel Klaus Dörre für das finanzmarktdominierte Akkumulationsmodell, dass die Künstlerkritik, die mit Kategorien wie Autonomie, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung arbeitet, ihre kritische Dimension verloren hat und »offene Türen« des Managements einläuft (Dörre 2012, 63). Zimmermann dagegen nimmt, ausgehend von den Problembeschreibungen der Akteure, eine mikrosoziologische Innenperspektive ein und analysiert mithilfe ihres Methodenpluralismus und ihrer Ebenen- Überschneidung die Prozesse, in denen die Künstlerkritik durch Herrschaft, Abhängigkeitsstrukturen und Hierarchien vereinnahmt wird. Ihre Analyse zeigt, dass die Kategorien der Künstlerkritik trotz der Vereinnahmung durch das Akkumulationsregime nicht irrelevant sind. Vielmehr werden diese Kategorien wiederum in den Prozessen gewendet, in denen die Individuen und Kollektive auf die Umgebung ihrer Handlungen treffen, in dem genannten Buch auf die verschiedenen ihre Beschäftigungsverhältnisse beeinflussenden Ebenen.

Insgesamt lässt die Lektüre von »Ce que travailler veut dire« erkennen, dass die Praxis der Kritik sich im Prozess permanenter und fortdauernder Gegenwendungen vollzieht. Außenperspektivische Differenzierungen, wie die von Boltanski und Chiapello eingeführte Unterscheidung von Künstler- und Sozialkritik, gehen unter den Gesichtspunkten pragmatistischer Soziologie der Kritik nicht auf.

Normative Maßstäbe in pragmatistisch-kritischer Perspektive

Zimmermann gewinnt die normativen Maßstäbe für ihren pragmatistisch- kritischen Ansatz aus der soziologischen Konzeptualisierung der empirisch auffindbaren Begriffe, die für die jeweils untersuchten Handlungszusammenhänge bedeutsam sind. Insofern macht sie die soziologische Konzeptualisierung empirischer Begriffe zu einem weiteren »Hebel der Kritik« neben der Methodologie (Zimmermann 2014, 4). In »Ce que travailler veut dire« stehen die empirischen Begrifflichkeiten im Vordergrund, die sich im Untersuchungsfeld umWerdegang (parcours) und Fähigkeiten (capacités) gruppieren und den Ergebnissen der Fallstudien zufolge zentral für die Beschäftigungs- und Fortbildungsmaßnahmen der staatlichen Politik und der untersuchten Betriebe wie auch in der subjektiven Perspektive der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind. Zimmermann konfrontiert diese Begrifflichkeiten, ihre Semantiken und ihre faktischen Umsetzungen mit verschiedenen grundlegenden Sachverhalten der jeweiligen Handlungsumfelder: etwa mit Geschlechterrollen oder familiären Positionen und ihrem jeweiligen Einfluss auf das Handlungsumfeld, mit den Klassifikationen durch Bildung oder ethnisierende Zuschreibungen wie auch mit ökonomischen, rechtlichen und sozialen Faktoren. Dank dieser Konfrontation, in der die interdependenten Interaktionen zwischen agency und structure unter pragmatistischen Gesichtspunkten erfasst werden, gelingt es Zimmermann, das Subjektiv-Partikulare und das Allgemeine der Macht- und Herrschaftsverhältnisse aufeinander zu beziehen und in der soziologischen Konzeptualisierung der empirisch auffindbaren Begriffe zusammenzuführen. Die erarbeiteten Konzepte dienen Zimmermann sowohl als deskriptive Kategorien, die die »Möglichkeitsräume« der untersuchten Individuen und Kollektive nachzeichnen (Zimmermann 2014, 12), als auch als normative Maßstäbe, anhand derer die Bedingungen in den »Möglichkeitsräumen« soziologisch überprüft werden. Mit Jaeggi betrachtet, eröffnet Zimmermanns pragmatistisch-kritischer Ansatz einen sozialwissenschaftlichen Weg immanenter Kritik – einer Kritik, die bei dem Problematisch-Werden einer Organisation beziehungsweise einer Ordnung ansetzt und die ihr »transformatives Potential« dank einer begrifflichen Konzeptualisierung und theoriegeleiteten Analyse gewinnt (Jaeggi 2014, 258).

Auf dieser Grundlage gibt Zimmermann zum Beispiel dem empirischen Begriff der Fähigkeit, der mit Stephan Lessenich als eine zentrale Semantik des »demokratisch-kapitalistischen Wohlfahrtsstaats« verstanden werden kann, eine kritische Stoßrichtung. Sie erreicht die kritische Wendung des Fähigkeitsbegriffs, indem sie das Problematisch-Werden betrieblicher Situationen aus den Semantiken des empirischen Fähigkeitsbegriffs der »Aktivgesellschaft« (Lessenich) sowie aus dessen institutionellen wie betriebsorganisatorischen Umsetzungen und aus den individuellen Biographien der Akteure herausarbeitet. Denn Zimmermann geht es in »Ce que travailler veut dire« um die Probleme, die die Interaktionen im kapitalistischen und aktivierungspolitisch legitimierten Wirtschaftsunternehmen in einem praxeologischen Sinn und in der subjektiven Perspektive der Akteure charakterisieren. Ihr Fokus richtet sich nicht auf die Fakten und Tatsachen der Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitsbedingungen, wie etwa in Dörres, Lessenichs und Hartmut Rosas Debatte über die Wahlverwandtschaften zwischen Soziologie, Kapitalismus und Kritik. Noch problematisiert »Ce que travailler veut dire« »die Normalitäten, Notwendigkeiten und Wahrheiten […], mit denen und auf deren Fundament die Politik der Aktivierung operiert«, wie Lessenich für die kritische Sozialwissenschaft fordert (Lessenich 2012, 129). Zimmermann nimmt keine »Problematisierung zweiter Ordnung« im Sinne Lessenichs vor (Lessenich 2012, 128), sondern entwickelt ihre Gesellschaftskritik aus den Problematisierungen erster Ordnung heraus.

Dennoch werden in Zimmermanns Buch mithilfe der soziologischen Konzeptualisierungen und dadurch kritisch gewendeten empirischen Begrifflichkeiten »die Paradoxien einer politischen Programmatik« aufgedeckt,

»in der sich die gegenwärtige Verfasstheit der demokratisch-kapitalistischen Gesellschaftsformation spiegelt« (Lessenich 2012, 129). Grundlegend dafür ist ihr pragmatistisches Verständnis von Bewertungen und normativen Urteilen.

Zimmermann erfasst Bewertungen und normative Urteile, auf die die Handlungen der Akteure wie auch ihre Kritik aufbauen, prozesshaft sowie zeit-räumlich über die Genese der normativen Prinzipien und Wertmaßstäbe. Dieser auf den Prozess und die Historizität gerichtete Blick verhindert, Bewertungen und normative Urteile substantialistisch zu begreifen oder subjektivistisch zu deuten. Er legt stattdessen die Vielfältigkeit und Umkehrbarkeit sowie Fragilität und Historizität der normativen Prinzipien und Maßstäbe offen. »Von derselben Person oder demselben Kollektiv können verschiedene Werte mit der Arbeit verbunden werden,« heißt es im Nachwort zu »Ce que travailler veut dire«. »Sie können sich gegenseitig ergänzen oder auch in ein Spannungsverhältnis zueinander treten. Ihre Verbindung ist im Vollzug des Handelns oder im Laufe der Zeit veränderbar, auch auf biographischer Ebene« (Zimmermann 2014, 11). Darüber hinaus stellt Zimmermann Bewertungen und normative Urteile in einen interdependenten Zusammenhang mit den Erfahrungen derjenigen, die in einer Interaktion bewerten und urteilen (mit Boltanski, Thévenot und Chiapello gesprochen, Größenordnungen prüfen und nach Verallgemeinerungsprinzipien suchen) und die zugleich die eigenen Bewertungen und Urteile wie auch diejenigen Dritter erleiden (éprouver). Nach Zimmermann ist die Praxis der Kritik also inhärent mit Erfahrung (expérience-épreuve) verkoppelt, die in Anlehnung an Dewey im doppelten Sinn als Wirken auf etwas und als Durchleben beziehungsweise Erleiden von etwas zu verstehen ist (Zimmermann 2011).

Vor dem Hintergrund dieses Erfahrungsbegriffs stellt sich allerdings die Frage, ob eine Praxis der Kritik die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in dem Maße reproduziert, in dem sie einseitig an Erfahrungen im Sinne des Durchlebens sowie Erleidens anknüpft und sich nicht mit Erfahrungen im Sinne des Wirkens auf etwas verbindet. Diese Frage wird zumal dann ausschlaggebend und virulent, wenn man mit Michel Foucault – wie Lessenich – die Vereinnahmung und Formung der Individuen durch die Wissensordnung der Aktivgesellschaft reflektiert: »Mobilisierung und Kontrolle, die widerstreitenden und doch komplementären Funktionszuschreibungen politischer Intervention im demokratisch-kapitalistischen Wohlfahrtsstaat, werden im Zeichen des flexiblen Kapitalismus subjektiviert, in die Subjekte selbst verlagert« (Lessenich 2012, 173). Demzufolge bestimmt die aktivgesellschaftliche Wissensordnung, die die institutionellen Semantiken der flexibilisierten Beschäftigungsverhältnisse stabilisieren und bestätigen, zu einem erheblichen Maße die Erfahrungen der

Akteure. Stabilisiert und bestätigt die Handlungs- und Kritikfähigkeit unter diesen Bedingungen eher die Macht- und Herrschaftsverhältnisse, als dass sie auf diese verändernd einwirkt?

In »Ce que travailler veut dire« wie in ihren anderen Arbeiten stellt Zimmermann diese Frage nicht. Sie geht mit Georg Simmel davon aus, dass Macht- und Herrschaftsverhältnisse wie alle Formen gesellschaftlicher Beziehungen auf Interdependenzen beruhen. Letztere werden nach Zimmermann durch die multiplen und zwangsläufig widersprüchlichen Probleme dynamisiert, die Individuen und Kollektive im Hinblick auf eine Situation beschreiben – zumal dann, wenn die sozialwissenschaftliche Analyse, wie bei Zimmermann, als eine Begegnung zwischen den Problematisierungen von Forschenden und Erforschten verstanden wird. Diese Dynamik hält die gesellschaftlichen Ordnungszusammenhänge und somit auch die flexibilisierten Beschäftigungsverhältnisse prekär, reversibel und veränderbar. Auf der Basis eines solchen Gesellschaftsverständnisses ist die wissenschaftstheoretische Unterscheidung zwischen Innen- und Außenperspektive der Kritik letztendlich unnötig. Entscheidend ist vielmehr die Analyse der Dynamik, die aus den multiplen und widersprüchlichen Problembeschreibungen sowie -lösungen hervorgeht. Folgt man Zimmermann, liegt der Zugang zu einer solchen Analyse in der soziologisch-pragmatistischen Untersuchung der Praxis der Kritik der Akteure. Methodologie und – im empirischen Untersuchungsprozess gewonnene und soziologisch-theoretisch konzeptualisierte – normative Maßstäbe führen diese Untersuchung über das bloße Aufdecken der Macht- und Herrschaftsverhältnisse sowie ihrer Reproduktionsmechanismen hinaus. Das Buch »Ce que travailler veut dire« führt dies deutlich vor Augen. Indem Zimmermann die Problembeschreibungen und -lösungen der Akteure unter dem Gesichtspunkt der Handlungs- und Kritikfähigkeit analysiert, gelingt es ihr, aus der Praxis der Kritik ein transformatives Potenzial herauszuarbeiten und gegen die etablierten Ordnungszusammenhänge sowie bestehenden Beschäftigungsverhältnisse zu wenden.

Literaturverzeichnis

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Kommission der Europäischen Gemeinschaften. 2007. Gemeinsame Grundsätze für den Flexicurity-Ansatz herausarbeiten. Mehr und bessere Arbeitsplätze durch Flexibilität und Sicherheit. KOM (2007) 359 endgültig, Brüssel.

Lessenich, Stephan. 2012. »Mobilität und Kontrolle. Zur Dialektik der Aktivgesellschaft,« in Soziologie, Kapitalismus, Kritik. Eine Debatte Hrsg. von Dörre, Klaus, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa, 126-177, Frankfurt a. M. Redepenning, Marc. 2007. »Die Moral der critical geopolitics,« Geographische Zeitschrift 95, 1-2: 91-104.

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Zimmermann, Bénédicte. 2008. »Capacités et enquête sociologique,« in La liberté au prisme des capacités. Amartya Sen au-delà du libéralisme Hrsg. von de Munck, Jean und Bénédicte Zimmermann, 113-137, Paris.

Zimmermann, Bénédicte. 2011. Ce que travailler veut dire. Une sociologie des capacités et des parcours professionnels. Paris.

Zimmermann, Bénédicte. 2014. Bénédicte Zimmermann über Arbeiten und Handlungsfreiheit aus kritisch-pragmatistischer Perspektive. Übersetzung des Nachwortes aus ihrem Buch »Ce que travailler veut dire. Une sociologie des capacités et des parcours professionnels«. Ateliergespräch im Hamburger Institut für Sozialforschung. 12. November 2014.

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