Evo Morales als politische Ikone. Ein Indigener, Kokabauer und Gewerkschaftsführer im Präsidentenpalast

Abstract
In December 2005, Evo Morales Ayma won the presidential elections as the first indigenous president in the country’s history. He became a symbol of the marginalized and disenfranchised, inside Bolivia and even abroad. As he assumed office, he promised to decolonize and recreate the country after a period of political crisis. The large majority of his voters had big hopes for a profound political change.The author of this article wondered what has become of Morales and his reform program five years after the electoral victory.Was he able to fulfill the voters’ ex- pectations? Or has the political icon fallen as quickly as he rose? 

Artikel als pdf

Im Dezember 2005 wurde Evo Morales Ayma mit einer eindeutigen Mehrheit von 54 Prozent zum Präsidenten Boliviens gewählt. International erregte die Wahl insofern Aufsehen, als Morales der indigenen Gruppe der Aymara angehört. Bolivien hat im lateinamerikanischen Vergleich zwar den größten Anteil indigener Bevölkerung, Morales aber ist das erste indigene Staatsoberhaupt in der Geschichte des Landes. Seinen Wahlsieg hatte er bereits bei Wahlkampfveranstaltungen mit einem Satz des legendären Tupac Katari angekündigt: „Heute töten sie mich, aber morgen werde ich millionenfach zurückkehren“, und assoziierte sich auf diese Weise mit dem wichtigsten Symbol des indianischen Widerstands gegen die spanische Kolonialherrschaft in Bolivien. Mit einem Präsidentschaftskandidaten als Repräsentanten der Marginalisierten waren große Erwartungen verbunden. Die Frage stellt sich, ob Morales nach mehr als fünf Jahren an der Regierung in der Lage war, die an ihn gerichteten Erwartungen zu erfüllen, von Seiten der Indigenen, aber auch der bolivianischen Gesamtgesellschaft.

Aymara, Gewerkschaftsführer, Staatsoberhaupt – die Figur Evo Morales

Evo Morales wurde am 26. Oktober 1959 im Hochlanddorf Isallavi im Departamento Oruro geboren, wo er in sehr armen Verhältnissen aufwuchs. Hier war er in die landwirtschaftliche Tätigkeit seiner Eltern eingebunden. Bereits als Sechsjähriger begleitete er seinen Vater für ein halbes Jahr auf Arbeitssuche nach Jujuy in Nordargentinien, wo er als Aymara-Muttersprachler[1] dem Spott seiner spanischsprechenden Mitschüler ausgesetzt war. Mit Hilfe von Nebenjobs als Trompeter und Maurer schloss er 1977 die Schule trotz der prekären Lebenssituation mit Abitur ab.

1980 zog seine Familie wie viele andere Aymara- und Quechua-Kleinbauern auf der Suche nach einer besseren Lebensgrundlage in den tropischen Chaparé, eine Provinz im Departamento Cochabamba, um dort Koka anzupflanzen. Ab Mitte der 1980er Jahre siedelten sich hier zudem ehemalige Bergarbeiter aus den Minen in Potosí und Oruro an, die auf Grund des Verfalls des Zinnpreises auf dem Weltmarkt sowie Privatisierungen von Minen im Zuge der Strukturanpassungspolitik der Regierung von Victor Paz Estenssoro (1985-89) neue Verdienstmöglichkeiten suchten. Die andinen Zuzöglinge standen in der Tradition einer marxistisch-trotzkistischen Ideologie und organisierten sich auch im Chaparé gewerkschaftlich. Morales engagierte sich in diesen Strukturen für die Rechte der Kokabauern und wurde 1988 zum Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes der Landarbeiter des tropischen Cochabamba (Federación Especial de Trabajadores Campesinos del Trópico de Cochabamba, FETCTC) gewählt.

Die Koka ist in Bolivien eine verbreitete Nutzpflanze und ein wichtiges Symbol der indigenen Hochlandkultur. Der Chaparé gehört jedoch nicht zu ihren traditionellen Anbaugebieten; die dort angebaute Koka wird bis heute zu einem großen Teil für den internationalen Drogenhandel verwendet. Für die dort lebenden Bauern stellt sie mangels anderer Einkommensmöglichkeiten eine wichtige Erwerbsquelle dar, weswegen die auf Druck der USA durch Polizei und Militär ausgeübte Vernichtungspolitik auf massiven Widerstand traf. In diesen Auseinandersetzungen etablierte sich Evo Morales als lokale Größe. Dies erkannte auch die Politik; 1989 verübten Spezialeinheiten der Drogenpolizei ein Attentat auf ihn, das er jedoch überlebte.

Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada setzte ab 1993 die repressive Politik gegen den Kokaanbau fort; hunderte Kokabauern wurden verhaftet und ihre Felder mit Pestiziden zerstört. Der Anbau alternativer Nutzpflanzen, wie von der Regierung angeregt, war wenig attraktiv, da sie weit geringeren Gewinn einbrachten. Morales führte 1993 einen Protestmarsch der Kokabauern aus dem Tiefland nach La Paz an, wobei es ihm gelang, auch jene aus dem zweiten großen Anbaugebiet, den Yungas bei La Paz, einzubinden. Die Koka fungierte hier nicht nur als Lebensgrundlage der Bauern, sondern auch als Symbol der andinen Kultur. Das Thema fand Eingang in den öffentlichen Diskurs, mit ihr wurde zunehmend das Recht auf Boliviens kulturelle und nationale Autonomie assoziiert. Mit der Kritik an der Anti-Koka-Politik der Regierung verband sich jene an der liberalen Wirtschaftspolitik sowie an der mangelnden Umverteilung erlangter Gewinne.[2]

Mitte der 1990er Jahre wurde unter den indigenen und Kleinbauernverbänden der Ruf nach einer politischen Partei laut. An diesem Projekt wirkte Morales mit. Die Partei hieß zunächst „Politisches Instrument für die Souveränität der Völker“ (Instrumento Político por la Soberanía de los Pueblos, IPSP). Da sie vom Wahlgerichtshof nicht zugelassen wurde, schlossen sich 1997 vier per Direkt-Mandat gewählte IPSP-Abgeordnete – unter ihnen Morales – einer Partei an, die bereits im Parlament saß. Sie wurde in MAS-IPSP[3]umbenannt. Morales wurde zu ihrem Parteivorsitzenden gewählt. Inhaltlich näherte man sich aus einer marxistisch-gewerkschaftlichen Tradition heraus zunehmend den indigenistischen[4] Positionen anderer linker Organisationen an. Bei den Parlamentswahlen 2002 wurde die MAS mit 21 Prozent der Stimmen zur zweitstärksten Kraft im Parlament und damit Oppositionspartei zur Regierung der MNR (Movimiento Nacionalista Revolucionario) des erneut gewählten Präsidenten Sánchez de Lozada. Die unruhigen Jahre sozialer Proteste seit der Jahrtausendwende endeten 2003 in einem Volksaufstand, in dessen Verlauf der Präsident in die USA floh. Bei den vorgezogenen Neuwahlen 2005 erlangte schließlich die MAS mit Evo Morales als Präsidentschaftskandidaten ihr historisches Wahlergebnis von 54 Prozent.

Auf Grund diverser Eigenschaften, die er auf seiner Person vereint – der Aymara aus einfachen Verhältnissen, der Kokabauer, der Gewerkschaftsaktivist, der rethorisch begabte Anführer und Politiker –, wurde „Evo“ zur Identifikationsfigur verschiedener sozialer Gruppierungen, zu einem Menschen im In- und Ausland gleichsam faszinierenden Antihelden. Er verkörpert authentisch den Vertreter der Entrechteten, der der „weißen“ Oligarchie und einem überkommenen gesellschaftlichen System, das seine Ursprünge in der Kolonialzeit zu haben scheint, den Kampf angesagt hat. Die „Dekolonisierung“ des Landes gehört zu seinem steten ideologisch-rethorischen Repertoire, Morales setzt sich und seine Regierung in Beziehung zum historischen Widerstand der Ureinwohner Amerikas gegen die koloniale Besatzung. So verkündete er ein Jahr vor seiner Wahl zum Präsidenten in einem Interview: „Nach fast 500 Jahren sind wir, die Quechua und Aymara, immer noch die wahren Eigentümer dieses Landes. Wir, die indigenen Völker, erobern nach 500 Jahren Widerstand die Macht zurück.“[5] Zu Beginn seiner Amtszeiten 2006 und 2010 ließ er sich in Tiwanaku, einem auf dem Hochplateau gelegenen zeremoniellen Zentrum aus vorinkaischer Zeit, von Schamanen zum Apumallku, dem Oberhaupt der indigenen Völker, weihen. Ein weiteres Feindbild sind neben der alten politischen Elite der Kapitalismus und Imperialismus, verkörpert von den USA: „Wir sind überzeugt, dass der Kapitalismus der Feind der Erde, der Menschheit und der Kultur ist. Die Regierung der USA versteht unsere Bräuche und unsere Philosophie nicht.“[6]

Die MAS-Regierung begreift sich auf Grund ihres Ursprungs und ihrer Verbindungen zu zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen als eine „Regierung der sozialen Bewegungen“. Ihre Vernetzung mit zivilgesellschaftlichen Organisationen reicht heute weit über die FETCTC hinaus. Sie schloss Allianzen mit Gewerkschaften und Indigenen-Organisationen des andinen Hochlands und der amazonischen Tiefebenen. Außer dem Gewerkschaftlichen Dachverband der Bauern und Landarbeiter Boliviens (Confederación Sindical Única de Trabajadores Campesinos de Bolivia, CSUTCB), welcher für mehr soziale Gerechtigkeit und eine Gleichberechtigung der Bauern und Indigenen des Hochlands eintritt, und der Föderation der indigenen Völker Boliviens (Confederación de Pueblos Indígenas de Bolivia, CIDOB), die als Dachverband die Interessen der vielen kleinen Organisationen des Tieflands vertritt, stehen heute unter anderem die mächtige Regionale Arbeiterzentrale (Central Obrera Regional, COR) und der Nationale Verband der Bergbau-Genossenschaften Boliviens (Federación Nacional de Cooperativas Mineras de Bolivia, FENCOMIN) hinter der Regierungspartei, ebenso die Bolivianische Arbeiterzentrale (Central Obrera Boliviana, COB) und der Nationalrat der Ayllus und Markas des Qullasuyu (Consejo de Ayllus y Markas del Qullasuyu, CONAMAQ).[7] Politisch musste sich Morales insofern seit seiner Wahl zum Präsidenten und dem Verlassen der Opposition der Herausforderung stellen, den Spagat zwischen inner- und außerparlamentarischer Politik, zwischen den Aufgaben und Möglichkeiten des Staatspräsidenten und den Zielen des Gewerkschaftsführers – seine Ämter in der FETCTC ließ er auch während seiner Regierungszeit nicht ruhen – zu bewerkstelligen und verschiedenste Interessen bedienen.

Die Ethnisierung von Politik und Gesellschaft. Indigene Identität als politisches Statement

Im Rahmen des Bevölkerungszensus von 2001 bekannten sich 62 Prozent der über 15-jährigen als einer oder mehrerer indigenen Gemeinschaften angehörig.[8] Das Ergebnis überrascht insofern, als im Verlauf des 20. Jahrhunderts der Anteil der Indigenen an der Gesamtbevölkerung stetig abgenommen hatte. Diese Entwicklung war zum Zeitpunkt des Zensus erstmalig rückläufig. Der Zensus legte keine objektiven Kriterien wie Sprache oder Traditionen, sondern subjektive Kriterien (Eigenidentifikation) zu Grunde. Die Kategorie „Mestize“[9] fehlte, die Befragten mussten sich also eindeutig einer von zwei klar abgegrenzten Identitätskategorien zuordnen. Der hohe Anteil derjenigen, die sich für die Kategorie „indigen“ entschieden, ist auffällig. Selbst einige städtische Intellektuelle bezeichneten sich bei der Befragung als indigen.[10] Wie war es zu diesem Ergebnis gekommen?

Nach dem Ende der Militärdiktaturen Anfang der 1980er Jahre begann in Bolivien nicht nur ein Prozess der Demokratisierung, sondern es wurde auch ein ökonomischer Kurs der wirtschaftlichen Öffnung und der Privatisierung von strategisch bedeutsamen Unternehmen und Branchen eingeschlagen. Die Folge waren jedoch nicht die erhofften „schlankeren“ und effizienteren Staaten, sondern verringerte Staatseinnahmen und eine sich drastisch öffnende Schere zwischen Arm und Reich, denn die Gewinne, etwa aus dem Verkauf der Bodenschätze, verblieben bei den sie fördernden transnationalen Unternehmen und den nationalen Eliten, so dass die Mehrheit der Bolivianer nicht von dem Reichtum profitierte.

Im Zuge des Demokratisierungsprozesses erstarkten während der Militärdiktatur unterdrückte Initiativen wie die Gewerkschaften und Indigenen-Organisationen. Die Antwort auf eine Ungleichverteilung des Landes zwischen GroßgrundbesitzerInnen und indigenen Bauern und Bäuerinnen, und das Vordringen transnationaler Unternehmen in ländliche Gebiete war bereits 1990 der von der CIDOB organisierte „Marsch für Territorium und Würde“.[11] Auch große Teile der städtischen Mittelschichten waren von wachsender sozialer Ungleichheit und Prekariat betroffen; grundlegende Güter wie Wasser und Gas wurden auf Grund von Privatisierungen für sie unerschwinglich. Im Jahr 2000 waren zwei Drittel der bolivianischen Bevölkerung von Armut betroffen.[12] Das ohnehin starke Wohlstandsgefälle – während die ärmsten 10 Prozent der Bevölkerung mit 2,3 Prozent am Gesamteinkommen teilhaben, verfügen die Wohlhabendsten 10 Prozent mit 31,7 Prozent über einen deutlich höheren Anteil – vergrößerte sich in Folge der Krise.[13] Die wirtschaftliche Notlage um die Jahrtausendwende brachte eine massive Legitimitätskrise des klassischen parlamentarischen Systems mit sich. Weite Bevölkerungsteile fühlten sich von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends schlugen sich die Missstände in Massenprotesten nieder. Der Ruf nach einem grundlegenden politischen Wechsel wurde laut.

Während indigene Identität vorher zum Teil hinter anderen Zugehörigkeiten (etwa der nationalen, der regionalen) zurücktrat, änderte sich dies nach der Krise. Die ethnischen Identitäten und Unterschiede innerhalb der bolivianischen Gesellschaft kamen erst mit Wucht als Folge eines Wirtschaftsmodells zum Vorschein, welches die bestehenden sozialen Gräben vertieft hatte, und einer Politik, die sich gewohnheitsmäßig über die Interessen und Bedürfnisse der Mehrheitsbevölkerung hinwegsetzte. Indigene Identität wurde zu einer Gegen-Identität, basierend auf der kollektiven Erfahrung von Exklusion, Diskriminierung und Armut. Während die Linken das Ende des Kapitalismus und die Schaffung eines sozialistischen Systems anstrebten, sahen die Indianisten das gesellschaftliche System als Fortsetzung des Kolonialismus und als Herrschaft einer europäischstämmigen Elite.[14] Insofern ist die Ethnisierung der bolivianischen Gesellschaft in den letzten Jahren eher als politische Positionierung denn als Rückkehr zu kulturellen Wurzeln zu verstehen.

Im Vergleich zu anderen Parteien des linken politischen Spektrums, wie der radikal-indianistischen Movimiento Indígena Pachakuti (MIP), die einen Wiederaufbau des inkaischen Collasuyu-Reiches anstrebte und sich durch eine radikale bis rassistische Abgrenzung der „Indios“ gegen die „Weißen“ auszeichnete, vertrat die MAS eine Vielfalt sozialer Interessen und eine differenziertere Linie in Hinsicht auf die Verbesserung der Situation der Indigenen, welche die verschiedenen Strömungen von Indianisten und Marxisten in sich vereinte. Mit ihr als Anführerin eines Reformprojektes und den von ihr vertretenen Standpunkten konnten sich große Teile der Mittelschicht identifizieren. Das ihre Anhänger verbindende Element bestand vor allem in der „Gegnerschaft zur herrschenden Gesellschaftsordnung, zur Staatsform und der jeweiligen Regierung“[15], und in diesem Sinne wurde auch das Konzept der Indigenität neu definiert.

Kollektive Identitäten konstituieren sich durch Abgrenzung. Den Nativismus im lateinamerikanischen Kontext kennzeichnet die ideologisch-diskursive Benennung eines als unterdrückend empfundenen Akteurs und die Kritik von Herrschaft und Ausbeutung durch (vermeindlich) Fremde.[16] Dieses Entwerfen von Freund- und Feindbildern kann auch neue politische Führer an die Macht bringen, indem diese unter Berufung auf die äußere Gefahr neue Normen, Entscheidungsverfahren und Strukturen einführen.[17] Momente der Unsicherheit bringen kollektive Identität ins Wanken, stellen sie in Frage und machen Gemeinschaften besonders aufnahmebereit für neue Identifikationsangebote. So können Wir-Gruppen-Bildungen Reaktionen auf soziale und ökonomische Krisen sein, die gesellschaftliche Polarisierungs- und Verarmungsprozesse mit sich bringen, denn der Zusammenschluss in einer Gemeinschaft erscheint dann als Lösung für äußere Unsicherheit.[18] In einem solchen Kontext avancierte „Evo“ zum populären Führer, der für den politisch-gesellschaftlichen Wandel und die Ablösung der alten Elite stand, während der mit US-amerikanischen Akzent sprechende Präsident der 1990er Jahre, Gonzalo „Goni“ Sánchez de Lozada, heute für viele BolivianerInnen ein Symbol des „Anti-Heimatlandes“[19] darstellt. Die MAS verschmolz letztlich die verschiedenen gesellschaftlichen Aspirationen zur Vision des „plurinationalen Staates“[20].

Willkommen in der Realpolitik

Wie sieht die Bilanz nach fünf Jahren MAS-Regierung aus? Hat es Morales geschafft, die verschiedensten Interessen zu bedienen und die Erwartungen an seine Person zu erfüllen? Und macht es einen Unterschied, dass das Land nun von einem Aymara regiert wird?

Zweifellos hat die MAS-Regierung entscheidende Schritte in Hinblick auf einen grundlegenden politischen Wandel unternommen und zentrale Forderungen der Krisenjahre erfüllt. Die im Januar 2009 in Kraft getretene, neue Verfassung ist so ein Prestigeprojekt. Sie legt etwa die Verstaatlichung zentraler Ressourcen wie Wasser und Gas fest, was zu den wichtigsten Forderungen gehört hatte. Diese „Nationalisierungen“ erfolgten bereits vor in Kraft treten der Verfassung, so dass der bolivianische Staat im Jahr 2006 über 81 Prozent der nationalen Gasproduktion und über 56 Prozent der Gasreserven verfügte.[21] Tatsächlich haben sich die Staatseinnahmen in Folge der Verstaatlichungen erhöht. Allein die Einnahmen aus dem verstaatlichten Erdgassektor betrugen 2006 bereits 39 Prozent des Staatshaushaltes, was sich in mehr Sozialleistungen niederschlug.[22] Durch einen erweiterten staatlichen Leistungskatalog, der etwa Unterstützung für Schulkinder, Schwangere und Rentner umfasst und den BolivianerInnen den Zugang zu einem universellen Gesundheitssystem zusichert, wurden die Weichen hin zu mehr sozialer Chancengleichheit gestellt. Zwar ist die Armutsrate von 66,4 Prozent im Jahr 2000 auf 60,1 Prozent im Jahr 2007 gesunken.[23] Trotzdem ist die Förderung benachteiligter Bevölkerungsteile nach wie vor bitter nötig.

Politische Beteiligungsmöglichkeiten bis hoch in die Regierungsebene bestehen nun über die Kanäle zahlreicher sozialer Organisationen, mit denen die MAS eng vernetzt ist, oder direkt in der MAS. Zentrale politische Fragen werden in der neu eingerichteten „Nationalen Koordination für den Wandel“ (Coordinadora Nacional para el Cambio, Conalcam) debattiert; einer Art Rat aus Vertretern der Regierung und der sozialen Bewegungen, der Empfehlungen an die Regierung ausspricht.[24] Der Präsident gibt sich ihnen gegenüber dialogbereit: Beim Antritt seiner zweiten Amtszeit bat er die Vertreter der sozialen Bewegungen des Landes, ihn stets zu korrigieren.[25] Mittlerweile haben sich sogar Vertreter von Organisationen der rechten Opposition, die ihre Basis im östlichen Tiefland hat, an die MAS angenähert bzw. sind in die Partei eingetreten.[26] Hier besteht jedoch die Gefahr einer Fortführung der bereits unter vorigen Präsidenten praktizierten „paktierten Demokratie“[27] und der Bindung und Kanalisierung jeglicher sozialer Ausdrucksmöglichkeiten durch die MAS-Regierung.

Auf dem Gebiet des Rechtsstaats besteht Nachbesserungsbedarf. Das Verfassungsgericht etwa war über lange Zeit hinweg handlungsunfähig, da gegen mehrere der VerfassungsrichterInnen wegen schlechter Amtsführung prozessiert wurde und Regierung und Opposition sich auf keine Nachfolger einigen konnte. Auch ist das Verhältnis des Präsidenten zur – größtenteils in den Händen der konservativen Opposition befindlichen – Presse als gespannt bekannt. Gelegentlich kommt es zu Verbalattacken auf einzelne Journalisten oder Medien, indirekte Verbote von Fernsehkanälen wie in Venezuela hat es jedoch nicht gegeben. Gegen diverse politische Gegner hat die Regierung Klagen erhoben, hier entsteht der Eindruck einer politischen Instrumentalisierung des Rechtsstaates. Der in Bolivien allgegenwärtige Klientelismus wird unter der Regierung Morales’ weiterhin praktiziert. Öffentliche Ämter werden bevorzugt an MAS-Mitglieder vergeben.

Was die Belange der Indigenen angeht, so widerspricht Morales in der Realpolitik mitunter durchaus seinen politischen Diskursen. Vor den Interessen der zu Beginn seiner Amtszeit geschmähten transnationalen Unternehmen, die kaum Investitionen oder Steuerabgaben ins Land brächten oder technisches Know-How weitergäben, dafür aber Umweltschäden hinterließen, weicht er mittlerweile zurück und gibt ihnen zum Teil Vorrang vor jenen kleinbäuerlicher Dorfgemeinschaften. Etwa verbraucht die Mine San Cristobal im Departamento Potosí auf dem trockenen Altiplano – unentgeltlich – rund 42.000m³ Grundwasser pro Tag. Diese Zahl entspricht ungefähr der gleichen Menge Wassers, die die Großstadt Buenos Aires täglich verbraucht. Gleichzeitig verschmutzt sie die angrenzenden Flüsse mit Chemikalien. Die Beschwerden einer lokalen Gewerkschaft indigener Bauern mit Sitz in Uyuni, der FRUTCAS, blieben unerhört. Im Gegenteil garantierte Morales den Betreibern der Mine, der US-amerikanischen Firma Apex Silver Mines Limited und der japanischen Sumitomo, auf der Basis von Verträgen aus dem Jahr 1998 vollen juristischen Schutz. Auch räumt Morales nationalen Interessen vor jenen einzelner indigener Gemeinschaften Priorität ein: Vertretern indigener Gemeinschaften, die sich Anfang Juli 2009 in La Paz versammelt hatten, um den Präsidenten zu bitten, den Aktivitäten von Erdöl- und Bergbauunternehmen auf ihren Territorien Einhalt zu bieten, entgegnete er verärgert, sie seien anscheinend von einigen Nichtregierungsorganisationen in die Irre geführt worden; der bolivianische Staat könne auf diese Einnahmen nicht verzichten.[28] Darüber hinaus wird seit Langem von Vertretern der indigenen Gemeinschaften des Tieflands die Kritik geäußert, dass ihre Interessen von der Regierung nicht ausreichend wahrgenommen würden. Tatsächlich werden als Symbol für Indigenität in den offiziellen Regierungsdirskursen hauptsächlich die andinen Indigenen-Gemeinschaften der Aymara und Quechua angeführt. Pedro Nuny, der ehemalige Vizepräsident der CIDOB, beklagte, dass den Indigenen keine ausreichende Anzahl fester Sitze im Parlament eingeräumt wurde. Die Ethnien des Tieflands haben auf Grund ihrer geringen Größe kaum eine Möglichkeit, über das Mehrheitswahlrecht eigene Repräsentanten ins Parlament zu wählen.[29]

Fazit

Die Regierung der MAS unter der Führung von Evo Morales hat in ihren fünf Jahren viel erreicht und zentrale Forderungen aus den Jahren der politischen Unruhen vor ihrer Wahl umgesetzt. Die MAS hat ihren Rückhalt auch über regionale Differenzen hinweg ins Tiefland ausgedehnt. Dies haben die Regionalwahlen vom April 2010 gezeigt, bei denen die Regierung landesweit großen Zuspruch bekam: In sechs der neun Regionalparlamente errang die MAS die Mehrheit. Ein Taxifahrer aus Camiri im bolivianischen Chaco (Tiefland) sprach wohl vielen Menschen aus der Seele, als er im Frühjahr 2010 sagte: „Evo ist nicht perfekt. Seine Regierung macht auch Fehler. Aber er ist der beste Präsident, den wir je hatten.“

Dass das gegenwärtige Staatsoberhaupt ein Aymara ist, hat sicherlich große symbolische Bedeutung für viele seiner Anhänger. Morales als Repräsentant der marginalisierten indigenen Bevölkerung und seine Regierung haben die Werte in der bolivianischen Gesellschaft dahingehend verändert, dass Indigenität nun mehr geschätzt wird als vorher. Pedro Nuny, Angehöriger der im Departamento Beni lebenden Mojeños, schreibt es der gemeinsamen Arbeit der sozialen Bewegungen der letzten Jahre zu, dass es heute weniger Diskriminierung gegenüber Indigenen gibt: „Heute ist es nichts Besonderes mehr, Indigene im Regierungspalast ein- und ausgehen zu sehen, während wir früher nicht einmal seine Türschwelle von Nahem sahen.“ Der neuen politischen Elite dienen diese Werte gleichzeitig als Legitimationsgrundlage.

Entscheidender als die Tatsache seiner ethnischen Herkuft ist aber vielleicht die entsprechende Sozialisation, die den heutigen Präsidenten Boliviens geprägt hat. Er tritt als bescheidener und volksnaher Politiker auf; ein Verhalten, das ihn von vorigen Präsidenten abhebt und stark zu seiner Authentizität und enormen Beliebtheit beiträgt. Als Aymara, Gewerkschaftsaktivist und Kokabauer vereint er zudem viele Gesichter der bolivianischen (Mehrheits-)Gesellschaft in sich und bindet auf diese Weise die unterschiedlichsten sozialen Strömungen. Nach wie vor ist er insofern als Identifikationsfläche hervorragend geeignet. Dank seiner charismatischen Art kann er die Inhalte der MAS glaubhaft vermitteln. Allerdings besteht auf Grund der großen Popularität und zentralen Stellung seiner Person die Gefahr einer personalisierten Demokratie. Ob die MAS auch nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit, nach der er nicht erneut kandidieren darf, an der Regierung bleiben oder ob mit dem Abtreten der Person Evo Morales auch die Ära der „Regierung der sozialen Bewegungen“ beendet sein wird, ist die Frage.

[1] Die Aymara sind neben den Quechua eine der beiden größten indigenen Gemeinschaften Boliviens.

[2] Ströbele-Gregor, Juliana: Evo Morales Ayma. In: Werz, Nikolaus (Hrsg.), Populisten, Revolutionäre, Staatsmänner. Politiker in Lateinamerika, Frankfurt a.M. 2010, S. 572-588.

[3] MAS steht für „Movimiento al Socialismo“, zu Deutsch „Bewegung zum Sozialismus“.

[4] Der Indigenismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts in den USA, Mexiko und Peru. Er befasst sich aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive mit der sozialen Stellung der Indigenen und enthält liberale und sozialistische Einflüsse.

[5] Vgl. Dangl, Benjamin: „Los pueblos indígenas estamos retomando el poder“. Entrevista con Evo Morales. In: El Correo de la Diaspora Argentine (5.01.2004), http://www.elcorreo.eu.org/esp/article.php3?id_article=2816 (abgerufen am 10. Oktober 2010)..

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Beutler, Benjamin: Von Rechts nichts Neues. Die bolivianische Opposition hat der Regierungspartei wenig entgegenzusetzen, in: Lateinamerika-Nachrichten Nr. 417 (März 2009), S. 13/14, S. 13.

[8] Vgl. http://www.ine.gob.bo:8082/censo/make_table.jsp?query=poblacion_06 (abgerufen am 28. Juni 2011).

[9] Nachfahren europäischer Einwanderer und amerikanischer Ureinwohner.

[10] Vgl. Canessa, Andrew, Who is Indigenous? Self-identification, indigeneity, and claims to justice in contemporary Bolivia, Urban Anthropology 36 (3) (2007), S. 14-48.

[11] Vgl. Ströbele-Gregor, Juliana: Indigene Emanzipationsbewegungen in Lateinamerika. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 51-52 (Dezember 2006), S. 5-11. S. 9.

[12] Vgl. http://www.ine.gob.bo/indice/EstadisticaSocial.aspx?codigo=30601 (abgerufen am 29. Juni 2011).

[13] Vgl. World Bank: World Development Indicators 2000, http://www.worldbank.org/,
S. 66.

[14] Vgl. Ströbele-Gregor 2006.

[15] Ströbele-Gregor 2006, S. 8.

[16] Vgl. Elwert, Georg: Nationalismus und Ethnizität. Über die Bildung von Wir-Gruppen, Ethnizität und Gesellschaft, Occasional Papers, Nr. 22, Berlin 1989.

[17] Vgl. Elwert, Georg: Ethnizität und Nation. In: Joas, Hans (Hrsg.), Lehrbuch der Soziologie, 3., überarbeitete Auflage, Frankfurt a.M./New York 2007, S. 267-286.

[18] Vgl. Kaltmeier, Olaf: Politische Gemeinschaften und indigener Protest. Anmerkungen zu Ethnizität und Politik in Lateinamerika. In: Büschges, Christian/Pfaff-Czarnecka, Joanna (Hrsg.), Die Ethnisierung des Politischen. Identitätspolitiken in Lateinamerika, Asien und den USA, Frankfurt a.M./New York 2007, S. 192-215.

[19] Albó, Xavier: Movimientos indígenas y poder en Bolivia, Ecuador y Perú. In: Cuadernos de investigación n° 71, CIPCA, La Paz 2008, S. 48.

[20] Vgl. García Linera, Álvaro: Estado plurinacional. Una propuesta democrática y pluralista para la extinción de las naciones indígenas. In: Ders./ Tapia Mealla, Luis/ Prada Alcoreza, Raúl (Hrsg.), La transformación pluralista del Estado, La Paz 2007, S. 19-88.

[21] Vgl. http://www.imf.org/external/pubs/ft/scr/2006/cr06273.pdf (abgerufen am 29. Juni 2011), S. 36.

[22] Vgl. Quiroga, Yesko: Bolivien: Revolution in der Demokratie? In: Lateinamerika Analysen 14, 2 (2006), GIGA, S. 75-111, S. 98.

[23] Vgl. http://www.ine.gob.bo/indice/EstadisticaSocial.aspx?codigo=30601 (abgerufen am 29. Juni 2011).

[24] Vgl. Jaldín Zárate, Jaime: Neue politische Räume. Demokratisierungserfolge indigener Bewegungen in Bolivien. In: WeltTrends Nr. 61 (Juli/August 2008), S. 62-70.

[25] El Día, Evo pide a movimientos sociales que lo corrijan cuando cometa errores, 29.01.2010, http://www.eldia.com.bo/index.php?cat=150&pla=3&id_articulo=25246 (abgerufen am 28. Juni 2011).

[26] Vgl. Beutler, Benjamin: Die Ratten verlassen das sinkende Schiff. In: Lateinamerika-Nachrichten Nr. 426 (Dezember 2009), S. 32/33.

[27] Vgl. Birle, Peter: Von der vergessenen Revolution zum neuen Gesellschaftsvertrag? Fünf Jahrzehnte bolivianische Geschichte. In: Dossier Lateinamerika, Bundeszentrale für politische Bildung, 19.11.2007, http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=X5K4YK (abgerufen am 28. Juni 2011).

[28] http://constituyentesoberana.org/3/noticias/hidrocarburos/072009/130709_1.html, Indígenas defienden la Amazonía y enojan al Presidente, Artikel vom 13.07.2009, (abgerufen am 28. Juni 2011).

[29] Pedro Nuny im Gespräch mit der Autorin im Mai 2009.

Schreib einen Kommentar