NGOs und soziale Bewegungen im Spannungsfeld von Hegemonie und Gegen-Hegemonie – Ein Beitrag zur Analyse von Kritik und (gegen-)hegemonialer Praxis

Rezension zu: Bedall, Philip 2014: Climate Justice vs. Klimaneoliberalismus Klimadiskurse im Spannungsfeld von Hegemonie und Gegen-Hegemonie. Bielefeld: transcipt.

Timmo Krüger

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Philip Bedall analysiert in seiner Dissertation die Artikulationen1 von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Bewegungsakteur_innen in den Verhandlungen um ein Klimaabkommen im Anschluss an das Kyoto-Protokoll. Dabei fokussiert er auf die Aushandlungsprozesse im Vorfeld und während der 15. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention (COP 15), die 2009 in Kopenhagen stattfand. Diese Auseinandersetzungen beleuchtet Bedall aus der Perspektive einer diskurstheoretischen Hegemonieanalyse im Anschluss an Laclau und Mouffe (2001). Dabei verfolgt er ein empirisches und ein theoretisch-konzeptionelles Erkenntnisinteresse (vgl. Bedall 2014: 6f). Ich werde mich in dieser Rezension auf zweiteres konzentrieren.

Bedalls Kritik an der Annahme eines notwendigen Zusammenhangs von Organisationsform und gesellschaftspolitischer Praxis

Bedalls theoretisch-konzeptionelles Erkenntnisinteresse basiert auf einer Kritik an der ‚Institutionalisierungsdebatte‘ der Bewegungsforschung (für den gesamten Absatz vgl. Bedall 2014: 7f). Er macht in der Bewegungsforschung eine dichotome Gegenüberstellung von ’sozialen Bewegungen‘ auf der einen und ‚NGOs‘ auf der anderen Seite aus. Diese Gegenüberstellung beinhaltet die Annahme eines notwendigen Zusammenhanges zwischen dem Grad der Institutionalisierung eines Akteurs/einer Akteurin und seinem/ihrem Politikstil. Politische Gruppen aus dem Bewegungsspektrum gelten dabei als Akteurinnen, die einen geringen Organisationsgrad aufweisen und mit einem konfliktiven Politikstil radikale Forderungen artikulieren. Demgegenüber seien NGOs durch eine formale Organisation und einen kooperativen Politikstil gekennzeichnet. Bedall bezweifelt nicht, dass diese Gegenüberstellung eine empirisch nachweisbare Tendenz wiedergibt. Allerdings verwirft er die daraus gezogene Schlussfolgerung, dass es einen notwendigen Zusammenhang zwischen Organisationsform und gesellschaftspolitischer Praxis gäbe. Diese Kritik begründet Bedall zunächst mit empirischen Beobachtungen: So wie radikale Kritik an der herrschenden Klimapolitik auch von Seiten einiger NGOs artikuliert werde, finde sich die Reproduktion von (informellen) Herrschaftsstrukturen auch in sozialen Bewegungen. Weiterhin bezweifelt Bedall den analytisch-heuristischen Wert der Dichotomisierung: Aufgrund der holzschnittartigen Gegenüberstellung von Reformorientierung und radikaler Gesellschaftsänderung bleibe der Begriff der Kritik unterbestimmt, wodurch es an einer differenzierten Beurteilung der gesellschaftspolitischen Praxis mangele.

Bedalls diskurstheoretisches Akteurskonzept

Vor dem Hintergrund dieser Kritik an der ‚Institutionalisierungsdebatte‘ der Bewegungsforschung fordert Bedall eine neue Perspektive auf die Konstitution von Akteur_innen (vgl. Kapitel III.1 und III.2). Dabei hält er es für entscheidend, die Begriffe der ’sozialen Bewegung‘ und der ‚NGO‘ so zu konzipieren, dass beide Akteurstypen nicht dichotomisch gegenübergestellt werden, sondern die empirische Vielfalt von Organisationsformen und gesellschaftspolitischer Praxen in den Blick gerät. Mit seinem Akteurskonzept fasst Bedall sowohl die Organisationsform als auch die gesellschaftspolitische Praxis als Artikulationen, „die beide für sich jeweils eine politische Qualität besitzen, das heißt affirmativ oder kritisch gegenüber einem hegemonialen Projekt sein können“ (Bedall 2014: 92).
Für die Analyse der gesellschaftspolitischen Praxis entwickelt Bedall einen diskurstheoretisch informierten Begriff von ‚Kritik‘ (vgl. Kapitel II.2.5, VI.3 und VI.4). Ausgangspunkt ist dabei die Analyse der Hegemonie, die in einem bestimmten sozio-politischen Raum – in diesem Fall der ‚Global Climate Governance‘ – vorherrscht. Im Anschluss kann dann untersucht werden, inwieweit sich in der Empirie Ensembles von Forderungen beobachten lassen, die in Bezug auf die Hegemonie affirmativen oder pejorativen Charakter haben. Letztere können als gegen-hegemoniale Projekte gefasst werden. In der Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen empirischen Material erweist sich diese binäre Konzeption von ‚Kritik‘ allerdings als unzureichend. Bedall betont, dass weder die einzelnen Hegemonieprojekte noch die einzelnen Forderungen stets eindeutig als hegemonie-anfechtend oder hegemonie-reproduzierend charakterisiert werden können. Statt dessen können Hegemonieprojekte durchaus sowohl affirmative als auch kritische Forderungen artikulieren. Darüber hinaus zeigen sich auf der Ebene der einzelnen Forderungen qualitative Unterschiede bezüglich der Tiefe ihrer Kritik. Um diesen Befunden gerecht zu werden dekonstruiert Bedall die binäre Logik des Kritik-Begriffs (vgl. Kapitel VI.3 und VI.4). Dazu untersucht er die artikulierten Forderungen im Hinblick darauf, was mit ihnen sichtbar gemacht wird und was gleichzeitig (weiterhin) ausgeschlossen bleibt. Diese dekonstruktive Reformulierung des eigenen Kritik-Begriffs ist äußerst plausibel und ermöglicht einen differenzierten Blick auf die Strategien und Artikulationen von Hegemonieprojekten.
Wie die Organisationsform – als zweite Artikulationsebene des (gegen-)hegemonialen Charakters eines Akteurs/ einer Akteurin – analysiert und hinsichtlich ihres kritischen Gehalts eingeschätzt werden soll, bleibt allerdings unbestimmt und bedarf m. E. weiterer theoretisch-konzeptioneller Arbeit. Bedall verweist diesbezüglich allein auf den formalen Institutionalisierungsgrad von Organisationen (vgl. Bedall 2014: 355f). Eine systematische Analyse des kritischen oder affirmativen Gehalts der konkreten Organisationsformen der untersuchten Akteur_innen und Diskurskoalitionen bleibt aus.
Was die empirischen Ergebnisse betrifft, bestätigt sich – trotz der bewusst offenen Herangehensweise – die gängige These: Stärker institutionalisierte Gruppen reproduzieren tendenziell die hegemoniale Struktur, wohingegen Angehörige loser organisierter Gruppen tendenziell kritische Forderungen artikulieren (vgl. Kapitel VI.2 und VII.1).

Bedalls Beitrag zur Operationalisierung der diskurstheoretischen Hegemonieanalyse

Über die empirischen und theoretisch-konzeptionellen Ergebnisse hinaus liefert Bedalls Dissertation einen innovativen Beitrag zur Operationalisierung der diskurstheoretischen Hegemonieanalyse. Ausgangspunkt seines Methodologie-Kapitels ist die Feststellung, dass in der Diskursforschung oftmals entweder ausschließlich theoretisch oder ausschließlich empirisch geforscht wird (vgl. Kapitel V). Insofern mangelt es in der Diskursforschung an Arbeiten, die Theorie und Empirie sinnvoll miteinander verknüpfen und dabei methodologische Fragen reflektieren sowie das eigene Vorgehen offen legen. Diese Leerstelle in Bezug auf die methodische Operationalisierung findet sich laut Bedall insbesondere bei diskurstheoretischen Studien im Anschluss an Laclau und Mouffe (vgl. Bedall 2014: 199f). Um so bemerkenswerter ist, mit welcher Stringenz Bedall ein methodisches Vorgehen entwickelt und anwendet, das mit den diskurs- und hegemonietheoretischen Prämissen kompatibel und auf seine Forschungsfrage und das konkrete Untersuchungsmaterial angepasst ist (vgl. Kapitel V und VI). Dabei nimmt Bedall die Forderungen nach Transparenz, die aus der postpositivistischen Absage an die Möglichkeit eines ‚objektiven‘ Standpunkts folgt, sehr ernst. Die Nachvollziehbarkeit, die sich aus der Offenlegung der normativen und theoretischen Prämissen (vgl. Vorwort, Kapitel I und II) sowie des methodischen Vorgehens (vgl. Kapitel V) ergibt, erzeugt zum einen eine hohe Plausibilität und lädt zum anderen zur Reflexion methodischer und theoretischer Fragen ein.
Ein solcher Reflexionsanstoß betrifft beispielsweise die – von Bedall zu Recht als „Neuland“ (Bedall 2014: 15) titulierte – Erhebung und Auswertung von qualitativen Interviews innerhalb eines diskurs- und hegemonietheoretischen Rahmens. Bedall begründet seine Entscheidung für Interviews mit der Möglichkeit, durch die Auswahl von Interviewpartner_innen und Interviewfragen systematisch und gezielt das für die jeweilige Fragestellung relevante Untersuchungsmaterial generieren zu können (für den gesamten Absatz vgl. Bedall 2014: 361f). Dabei fügt er einschränkend hinzu, dass durch die damit verbundene Selektion von vornherein nur ein begrenzter Ausschnitt des Diskurses in den Blick gerät. Als einen weiteren Vorteile von Interviews betont Bedall ihre Eignung zur Analyse diskursiver Muster und Narrative, mit denen verschiedene Forderungen verknüpft und von Akteur_innen (re-)produziert werden. In dem Zusammenhang verweist er aber auch auf das grundsätzliche Problem, dass die Antworten der Interviewpartner_innen nicht unbedingt repräsentativ für die Akteursgruppen sein müssen, über die man Aussagen treffen möchte. Diesen Bedenken möchte ich anfügen, dass sich Interviews nur sehr bedingt zur Analyse von Hegemoniestrategien eignen, da diese nicht mit den strategischen Überlegungen einzelner Akteur_innen zusammenfallen müssen (vgl. Nonhoff 2007: 184f). Grundsätzlich haben Interviews den Nachteil, dass sie die Mechanismen des Diskurses, die zur Durchsetzung bestimmter Deutungs- und Handlunssysteme führen, nur indirekt erfassen können (über die Effekte des Diskurses auf einzelne Diskursträger_innen). Somit eignen sich Interviews m. E. nur für wenige diskurstheoretische Fragestellungen und nur unter der Bedingung, dass die Forscher_innen über ein umfassendes Kontextwissen verfügen, dass sie dazu befähigt die (Grenzen der) Aussagekraft der Interviews einschätzen zu können.
Im Falle von Bedalls Dissertation trägt eine ebensolche genaue Kenntnis des empirischen Feldes entscheidend zur Plausibilität der differenzierten Analyse von Kämpfen um Hegemonie bei. Darüber hinaus überzeugt die Arbeit durch die Kohärenz und Transparenz des methodischen Vorgehens, welches sinnvoll auf die Forschungsfragen abgestimmt ist. Im Fokus des empirischen Erkenntnisinteresses steht dabei die Herausarbeitung der fantasmatischen Dimension von Diskursen als „grundlegende[s] Mittel hegemonialer Praxis über das sich Ensembles von Forderungen über Subjekte verbreiten“ (Bedall 2014: 55). Für die sehr anschauliche Darstellung der Bandbreite an fantasmatischen Narrativen innerhalb des zivilgesellschaftlichen Spektrums eignet sich das von Bedall erhobene Interviewmaterial durchaus. Allerdings lassen sich aus dem Material keine Aussagen über die Effekte gegenhegemonialer Strategien auf den Status quo der Global Climate Governance – und damit über den Erfolg gegenhegemonialer Praxen – treffen. Konsequenterweise beschränkt sich Bedall deshalb auf die Analyse der Verbreitung der Forderung nach Klimagerechtigkeit/ Climate Justice innerhalb von NGOs und sozialen Bewegungen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass sich zwar einerseits ein Projekt herausgebildet hat, in dessen Zentrum die Forderung nach Climate Justice steht (vgl. Kapitel IV.3), dass sich aber andererseits die Diskurskoalition, die das gegenhegemoniale Projekt vorantreibt, im Kontext der COP 15 kaum erweitert hat (vgl. Kapitel VI.4).
Literatur

Krüger, Timmo (2015): Die Forderung nach Klimagerechtigkeit in den internationalen Klimaverhandlungen – NGOs und soziale Bewegungen im Spannungsfeld von Hegemonie und Gegen-Hegemonie, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Jg. 28, Nr. 1.

Laclau, Ernesto/ Mouffe, Chantal (2001) [1985]: Hegemony and Socialist Strategy. Towards a Radical Democratic Politics, London/ New York.

Nonhoff, Martin (2007): Politische Diskursanalyse als Hegemonieanalyse, in: ders. (Hg.): Diskurs, radikale Demokratie, Hegemonie. Zum politischen Denken von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, Bielefeld, 173-193.

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