Philosophie und Armut – Überlegungen zu ihrem Zusammenhang

Abstract
In this paper I explore the philosophical debate about poverty. Although there is a significant amount of philosophical research on poverty – especially on world wide and absolute poverty – there is little reflection on what philosophical poverty research could be as a distinct research agenda and also little reflection on certain questions regarding the concept and normative evaluation of poverty. Here, I explore two important questions: What is poverty, which relates to conceptual issues and the definition of poverty. How can poverty be evaluated, which brings forward the normative substance of poverty and its special relation to morality and ethics. In the last section I conclude with further remarks on such a philosophy of poverty.

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Die philosophische Literatur zu Armut ist in den letzten Jahren beträchtlich angewachsen.1 Dabei stehen vor allem Probleme der globalen Armut, insbesondere der Armut in den sich entwickelnden Ländern und die Frage im Vordergrund, welche normativen Konsequenzen aus dieser radikalen Ungleichheit zu ziehen sind. Die philosophische Literatur zu Armut ist also zum überwiegenden Teil Literatur zu globaler Ethik und globaler Gerechtigkeit.2 Der Anstoß für meinen Beitrag hier ist somit nicht, dass es keine Reflexionen über Armut und Philosophie gibt, sondern dass diese bisher zu einseitig auf einen bestimmten Aspekt fokussiert waren, während andere wichtige Aspekte vernachlässigt wurden.3 So gibt es weitaus weniger philosophische Literatur zu Fragen der Armutsmessung, der Anwendung unterschiedlicher Armutskonzepte oder zu spezifischeren Fragen wie etwa der Vererbung von Armut oder der Energiearmut.4 Bisher wird in der philosophischen Literatur weniger beachtet, was unter Armut eigentlich zu verstehen ist und welche Implikationen mit unterschiedlichen Begriffen von Armut verbunden sind. Vernachlässigt wird außerdem das Problem der relativen Armut, also jener Formen der Armut, die nicht lebensbedrohlich sind, die – um mit Pierre Bourdieu zu sprechen – nicht die große Not darstellen, sondern die kleine.5

Wenn ich mich in diesem Beitrag nun dem Begriff der Armut und der normativen Bewertung von Armut zuwende, so geschieht dies vor dem Hintergrund meiner Überzeugung, dass sich im Rahmen der institutionalisierten Form der Philosophie – wie sie durch Lehrstühle, Fachbereiche, Zentren, Publikationsorgane oder Gesellschaften zum Ausdruck kommt – eine philosophische Armutsforschung bzw. eine Philosophie der Armut etablieren sollte. Ich sehe vier Argumente, die hierfür sprechen: (1) Es gibt bereits diverse philosophische Bereichsdisziplinen, die deutlich machen, dass es sich bei ihren Themen um wesentliche Bereiche des menschlichen Lebens handelt, die eine Sonderstellung verdienen. Man denke hier an die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die etwa eine Philosophie des Sports oder eine Philosophie der Biologie hervorgebracht haben.6 Durch die auch nach außen sichtbare Eigenständigkeit gegenüber anderen Bereichen kann die Forschung entsprechend fokussiert und vorangetrieben werden. (2) Die anhaltende Aktualität des Armutsproblems, verstärkt in den letzten Jahren durch die weltweiten Entwicklungen der Wirtschaftskrise, seine tatsächliche globale Verbreitung in Afrika wie in Europa, in den USA wie in Asien und seine tiefgreifende Wirkung auf die Betroffenen sind für mich weitere gute Gründe, die für eine Disziplinierung in Form einer Philosophie der Armut sprechen.7 (3) Ein weiterer Grund ist das wissenschaftspolitische Argument, dass sich die akademische Philosophie damit als gesellschaftlich und politisch relevante Disziplin in Zeiten der knappen Mittel für Forschung und Lehre positionieren kann. (4) Schließlich das Argument, dass durch die Etablierung einer Philosophie der Armut die Zusammenarbeit und die philosophische Beteiligung an Projekten einer interdisziplinären Armutsforschung gestärkt werden könnte. Bisher spielt die Philosophie, obwohl doch Armutsforschung fast immer mit normativen Maßstäben arbeitet, in diesen Bereichen nur eine untergeordnete Rolle oder kommt in den entsprechenden Handbüchern und Überblickswerken gar nicht vor.8

Die thematische und methodische Breite und Tiefe einer solchen Philosophie der Armut würde sich auf das gesamte Spektrum begrifflicher, konzeptioneller, deskriptiver und evaluativer sowie theoretischer und praktischer Fragen der Armut und angrenzender Gebiete erstrecken. Dies würde offensichtlich den Rahmen eines einzelnen Beitrags überschreiten, weshalb ich mich hier die Ausbreitung der beiden vorher genannten Punkte – den Begriff der Armut und der normativen Bewertung von Armut – beschränke. Mein Anspruch hier ist also wesentlich bescheidener und dennoch mit einer Reihe von Schwierigkeiten verbunden. Zunächst ist die philosophische Literatur, die sich explizit mit dem Begriff der Armut und dem normativen Gehalt von Armut befasst, nicht umfangreich, dafür jedoch jene, die implizit oder indirekt darauf bezogen ist, sehr wohl. Das heißt, es gibt auch für diese beiden Fragen eine Reihe unterschiedlicher theoretischer Rahmen, die herangezogen werden könnten. Des Weiteren wird man bei der Behandlung beider Fragen nicht umhin können, die disziplinären Grenzen der Philosophie zumindest an einigen Stellen zu überschreiten und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse der Armutsforschung einzubeziehen. Dies birgt insbesondere das Risiko in sich, einer dieser beiden Seiten – hier insbesondere derjenigen der Sozialwissenschaften – nicht gerecht werden zu können, da die Breite und Tiefe der Rezeption sowie auch die Kenntnis unterschiedlicher Forschungsdisziplinen notwendigerweise beschränkt bleiben muss.

Im ersten Abschnitt dieses Beitrags wende ich mich dem Begriff der Armut zu, wobei ich mich auf zwei seiner Eigenschaften beschränken werde. Armut ist ein »essentially contested concept« und ein »thick concept«.9 Beide Aspekte kommen in der Analyse von Armut als relationalem Begriff, der relative als auch absolute Elemente in sich vereint, zur Geltung, die ich hierfür im zweiten Abschnitt heranziehen werde. Im dritten Abschnitt wende ich mich dann der Frage zu, wie Armut bewertet werden kann bzw. der eingeschränkten Frage, wie relative Armut aus philosophischer Perspektive bewertet werden kann. Hierfür bieten sich zwei unterschiedliche Zugangsweisen an, die ich idealtypisch unterscheiden möchte: Einerseits kann die Bewertung ausgehend von etablierten Begriffen von Armut oder von empirischen Erkenntnissen, die damit erzielt wurden, vorgenommen werden. Diesen Zugang bezeichne ich als sekundären und zwar in dem Sinne, dass hier ein Begriff von Armut bzw. entsprechende empirische Erkenntnisse der Armutsforschung primär vorhanden sind, die dann philosophisch auf ihre normative Bedeutung hin evaluiert werden. Anderseits kann diese Bewertung bereits in die Begriffsbildung selbst eingeschlossen sein; als Armut wird dann bereits nur dasjenige verstanden, was die gesetzten normativen Maßstäbe erfüllt. Diesen Zugang bezeichne ich als primären, da die normative Evaluation die Begriffsbildung und empirische Forschung explizit anleitet. Beide Formen des Zugangs lassen sich theoretisch voneinander trennen, sind in der Praxis jedoch zumeist ineinander verwoben. Aus Perspektive der Philosophie bedeutet dies, dass ihre normative Bewertung zumeist als eine Verknüpfung von rekonstruktiver und evaluativer Arbeit geschehen wird. Zum Abschluss meines Beitrags werde ich dann wieder auf einige weiterführende Perspektiven einer philosophischen Armutsforschung oder Philosophie der Armut zurückkommen.

Was ist Armut: ein »essentially contested concept« und ein »thick concept«

Es gibt in der Armutsforschung keinen einheitlichen Armutsbegriff, sondern eine Vielzahl an unterschiedlichen Konzepten und Methoden, um Armut zu untersuchen und zu messen. Dies trifft auch für philosophische Beiträge zu, unter denen es überhaupt nur sehr wenige Ansätze gibt, die sich mit Armut auf einer rein begrifflichen Ebene auseinanderzusetzen. Zumeist werden hier sozialwissenschaftliche Begriffe und Erkenntnisse einfach übernommen, ohne deren Spezifität zu reflektieren oder zu kritisieren. Diese Methode wird mich besonders im zweiten Abschnitt interessieren. Zunächst möchte ich versuchen, auf der begrifflichen Ebene zu verbleiben und möchte dafür zwei Konzepte heranziehen, die vor allem in der Metaethik, also der philosophischen Reflexion auf ethische Begriffe, diskutiert wurden. Einerseits jenes eines »essentially contested concepts« und andererseits jenes eines »thick concepts«. Diese beiden Metakonzepte, welche im Folgenden noch näher erklärt werden, zu verwenden, hat den Vorteil, dass hierdurch grundlegende Eigenschaften des Armutsbegriffes zum Vorschein gebracht werden können, ohne sich in einer unvollständigen Aufzählung und Systematisierung von unterschiedlichen Armutsbegriffen und -konzepten zu verlieren.10

Die Idee eines »essentially contested concept« bringt nun zum Ausdruck, dass es sich bei Armut um einen Begriff handelt, der aus der Perspektive verschiedener Wertvorstellungen ausgedeutet und interpretiert werden muss und dass dies notwendigerweise zu Deutungskonflikten führt, wie sie für viele normative Konzepte – man denke an Gerechtigkeit oder Menschenwürde – typisch sind. Eugene Garver hat das Konzept so beschrieben:

»The term essentially contested concepts gives a name to a problematic situation that many people recognize: that in certain kinds of talk there is a variety of meanings employed for key terms in an argument, and there is a feeling that dogmatism (›My answer is right and all others are wrong‹), scepticism (›All answers are equally true (or false); everyone has a right to his own truth‹), and eclecticism (›Each meaning gives a partial view so the more meanings the better‹) are none of them the appropriate attitude towards that variety of meanings.«11

Armut scheint mir offensichtlich so ein Konzept zu sein, über dessen Grundzüge zwar teilweise Konsens hergestellt werden kann, dessen nähere Bestimmung und Applikation jedoch umstritten ist. Es lässt sich also nur bis zu einem bestimmten Punkt Einigkeit darüber erzielen, welche Bedeutung von Armut die angemessenste ist und welche Konsequenzen daraus folgen sollten. Armut kann nun nicht nur als ein derartiges »essentially contested concept« verstanden werden, sondern auch als ein »thick concept« im Sinne von Bernard Williams.12 Als »thick concepts« sind dabei solche zu verstehen, die in sich deskriptive und evaluative Elemente vereinigen und damit Beschreibung und Bewertung zusammenfallen lassen. Um es aus moralphilosophischer Perspektive zu formulieren: »thick concepts« geben nicht nur Auskunft darüber, wie die Wirklichkeit ist, sondern auch wie sie sein sollte. Wenn jemand als arm bezeichnet wird, so beschreibt dies nicht nur die Lebenslage derjenigen Person, sondern enthält zugleich die normative Bewertung, dass diese Person nicht arm sein sollte. Diese – in der Philosophie durchaus umstrittene – Eigenschaft trifft auf Armut in besonderem Maße zu, da ihr Begriff in mehreren sich überlagernden Diskursen und Praktiken verwendet und gedeutet wird. Armut ist kein »rein« wissenschaftlicher oder philosophischer, sondern ein politischer, sozialer, rechtlicher und moralischer Begriff, der sowohl beschreibende, erklärende, rechtfertigende, handlungsanleitende oder auch disziplinierende Funktionen übernehmen kann. Dabei kann die beschreibende Funktion nicht von der evaluativen getrennt werden und stets wird dasjenige, was als Armut beschrieben wird, auch normativ bewertet.13 Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive hat David Piachaud Armut als ein solches moralisches Konzept bezeichnet, um zu erklären, warum es keine wissenschaftliche Einigkeit über den Armutsbegriff geben kann.14 Die Kombination von beschreibender und evaluativer Funktion von Armut ist auch wissenschaftsphilosophisch bzw. wissenschaftstheoretisch interessant, da sie sowohl die Armutsforschung als wissenschaftliche Tätigkeit als auch die Armutsbekämpfung beeinflusst. Die Annahme und Überzeugung – wie auch immer begründet –, dass Armut etwas moralisch Schlechtes ist, stellt oftmals den Ausgangspunkt für ihre Erforschung und ihre Bekämpfung dar – in der Philosophie wie auch in den anderen Wissenschaften. Else Øyen hat dies als einen wichtigen »Mehrwert« von Armutsforschung für die Armutsforscherin selbst dargestellt.

»The rationale for poverty research is not only intellectual. Many poverty researchers engage in the pursuit of poverty understanding because they see it as a worthwhile undertaking beyond ordinary research. Likewise, the rationale for the funding of such research is often an explicit or implicit expectation that the research results will contribute to more efficient poverty-reducing strategies.«15

Wenn nun also Armut als ein solches »essentially contested concept« und als »thick concept« verstanden werden kann, dann hat dies auch Auswirkungen darauf, wie über Armut – in Forschung, Politik und Gesellschaft – diskutiert wird. Ebenso wird hierdurch erklärbar, dass viele dieser Fragen nicht empirisch gelöst werden können, da die zu beschreibende Wirklichkeit, bereits durch die zu Grunde liegende Wertung gedeutet und interpretiert wird.16 Dies lässt sich zum Beispiel gut an der Unterscheidung von relativer und absoluter Armut deutlich machen, die auch für einen philosophischen Zugang zur Armut von Bedeutung ist. Daher möchte ich diese im nächsten Abschnitt diskutieren.

Relative und absolute Armut

Für Richard Hauser liegt die Unterscheidung von relativer und absoluter Armut darin, dass relative Armut das Unterschreiten eines gesellschaftlich erreichten Lebensstandards meint, während absolute Armut die Existenz selbst bedroht.

»Grundlegend ist die Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Armut. Absolute Armut liegt vor, wenn Menschen das zum Überleben Notwendige an Nahrung, Wasser, Kleidung, Heizung, Obdach und Hilfen gegen leicht heilbare Krankheiten fehlt. Dann droht der frühe Tod durch Verhungern, Verdursten, Erfrieren oder durch Krankheiten. Diese Menschen erreichen nicht einmal das absolute Existenzminimum.«17

In der Unterscheidung von relativer und absoluter Armut kommen also unterschiedliche, letztlich normativ gefärbte Grundannahmen über den richtigen Maßstab von Armut zum Vorschein. Während einerseits das erreichte Wohlstandniveau als Maßstab dient, ist es andererseits ein Existenzminimum, welches anthropologisch bestimmt wird. Diese Einschätzung wurde jüngst von Christian Neuhäuser geteilt, der herausgearbeitet hat, dass Armut als dreistellige Relation zu verstehen ist, nämlich als »A hat im Verhältnis zu M zu wenig von G«.18 A ist dabei die Person, die arm ist, M ist der Maßstab demgegenüber Armut gemessen wird und G sind die Güter, Ressourcen oder Fähigkeiten, mit denen Armut gemessen wird. Während relative Armut als »A hat im Verhältnis zu der Gesellschaft, in der er oder sie lebt zu wenig von G« bedeutet, bringt absolute Armut die Bedeutung »A hat im Verhältnis zu einer jeden Gesellschaft (oder im Vergleich zu den basalen Bedürfnissen des menschlichen Lebens) zu wenig von G« zum Ausdruck. Relative und absolute Armut unterscheiden sich dahingehend also nur durch die unterschiedlichen Maßstäbe, die sie zur Anwendung bringen und nicht ihrer kategorialen Form nach.

Doch birgt dieses Ergebnis erst den Anfang der Diskussion und nicht ihr Ende, denn die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, festzulegen, welche Maßstäbe herangezogen werden sollten und können, denen gegenüber Armut zu messen ist. Aus Platzgründen kann ich mich hier nur auf das M, also den Bezugspunkt, demgegenüber Armut bestimmt wird, beziehen, obwohl die Gs, mit denen Armut gemessen wird, mindestens ebenso umstritten sind. Von Neuhäuser werden die Gs als Ressourcen beschrieben, es könnten jedoch auch Fähigkeiten oder anderweitige Dinge oder Eigenschaften wie etwa Gesundheit sein.

Für ein relatives Verständnis ist M nun ein bestimmter Standard von Normalität in der Bezugsgesellschaft, während absolute Konzepte – wie etwa jenes der UNO – dazu tendieren, M anthropologisch zu bestimmen.19 Neuhäuser versteht dies ähnlich und schreibt hierzu:

»Bei absoluter und relativer Armut handelt es sich um zwei unterschiedliche Ausprägungen von Armut. Absolut arme Menschen haben zu wenige Ressourcen, um überhaupt eine Chance auf ein gelingendes Leben zu haben. […Relativ arme Menschen haben im Verhältnis zu ihren Mitmenschen zu wenig Ressourcen«.20

Um die richtige Bestimmung von M – und auch G – ist es auch Amartya Sen in seiner Auseinandersetzung mit Peter Townsend gegangen. Sein wesentlicher Kritikpunkt bestand darin, auf einen absoluten Kern von Armut hinzuweisen, der nicht relativ aufgelöst werden darf, eben weil der angemessene Bezugspunkt M für ihn die anthropologische Basis ist und nicht die umgebende Gesellschaft. M auf das jeweils erreichte Wohlstandsniveau festzulegen, bedeutet für ihn eine unzulässige Bestimmung des Armutsbegriffs, da hierdurch nur Ungleichheit, aber nicht notwendigerweise Armut erfasst werden könne. Seine Kritik bezieht sich also vor allem auf den normativen Kern, der im Armutsbegriff zum Ausdruck kommen sollte und der für ihn nicht in Ungleichheit aufgehen darf. Sen schreibt hierzu:

»One element of that absolutist core is obvious enough, though the modern literature on the subject often does its best to ignore it. If there is starvation and hunger, then – no matter what the relative picture looks like – there clearly is poverty. In this sense the relative picture – if relevant – has to take a back seat behind the possibly dominating absolutist consideration. […] Even when we shift our attention from hunger and look at other aspects of living standard, the absolutist aspect of poverty does not disappear. The fact that some people have a lower standard of living than others is certainly proof of inequality, but by itself it cannot be a proof of poverty unless we know something more about the standard of living that these people do in fact enjoy. It would be absurd to call someone poor just because he had the means to buy only one Cadillac a day when others in that community could buy two of these cars each day. The absolute considerations cannot be inconsequential for conceptualising poverty.«21

Damit kommen auch unterschiedliche Bezugssysteme und Anwendungsgebiete ins Spiel. Die Frage ist dann also nicht nur, wie M (und G) zu bestimmen ist, sondern auch, welchen Einschränkungen jeweilige Ms (und Gs) in ihrer explikativen Kraft unterliegen. Kann der gewählte Bezugspunkt Armut überhaupt erfassen oder zielt er nicht vielmehr auf ein anderes Phänomen? Viele absolut arme Menschen sind nicht relativ arm, da in ihrer Bezugsgesellschaft alle unter einer großen Anzahl an Einschränkungen leiden, während viele relativ arme Menschen nicht absolut arm sind, da sie im Vergleich zu der festgelegten Bezugsgröße der anthropologischen Verfassung unter keinen Einschränkungen leiden.22

Ebenso wird durch eine solche Analyse deutlich, dass sowohl relative als auch absolute Konzepte von Armut in sich absolute Standards verwenden. Die Relativität liegt im Verhältnis von »A zu M« aber nicht in M selbst. Der jeweils festgelegte Standard ist nicht mehr relativ, sondern absolut. Er »gilt« und entwickelt dadurch erst seine explikative und letztlich auch normative Kraft. Die Festlegung, dass Armut relativ zum Wohlstandsniveau in der jeweiligen Bezugsgesellschaft zu bestimmen ist, setzt dieses Wohlstandsniveau – wenn es auch variieren und sich verändern mag – als absolute Größe bzw. als Wert. Gesellschaftliche Normalität wird damit normativ aufgeladen und Armut erhält von dort aus ihre Bedeutung. Weil die adäquate Teilhabe am Wohlstandsniveau »gut« ist, ist es »schlecht« darunter zu verbleiben. Dies wird deutlich an Townsends Konzept der relativen Deprivation.

»Individuals, families and groups in the population can be said to be in poverty when they lack the resources to obtain the type of diet, participate in the activities and have the living conditions and amenities which are customary, or are at least widely encouraged or approved, in the societies to which they belong. Their resources are so seriously below those commanded by the average individual or family that they are, in effect, excluded from ordinary living patterns, customs and activities.«23

Hier wird Armut als das Unterschreiten von gesellschaftlicher Normalität, also auch als fehlende Zugehörigkeit gesetzt. Diese »weitverbreiteten Lebensbedingungen« besitzen offensichtlich einen intrinsischen Wert, so dass es »gut« ist daran zu partizipieren. Selbiges gilt für absolute Konzepte natürlich auch: weil es »gut« ist das Existenzminimum zu erreichen, ist es »schlecht« es zu verfehlen. Die jeweilige Güte der gewählten Ms und Gs lässt sich jedoch gar nicht anders als über solche Wertungen bestimmen – zumindest nicht auf einer grundlegenden Ebene. Man kann versuchen dies konsenstheoretisch aufzulösen, wie es etwa der Grundansatz des Deprivationsindikators der Europäischen Union ist. Diese Lösung verschiebt allerdings das Problem nur auf eine andere Ebene. Der Grundansatz ist hierbei, zu ermitteln, was von der Bevölkerung selbst als notwendig zu einem »normalen« Leben gehörig verstanden wird. Wer diesen Standard, der sich in einer Liste von Grundgütern und Dienstleistungen ausdrückt, unfreiwillig unterschreitet gilt als arm bzw. materiell depriviert..24 Wieso jedoch die Bevölkerung überhaupt eine solche normative Kraft entfalten können sollte, ist fraglich. Aber eben auch nicht minder fraglich als die normative Auszeichnung eines bestimmten anthropologischen Konzepts, für das Sen votiert und das sich mittlerweile einflussreich in der Philosophie und in der Armutsforschung verbreitet hat. Sein Beispiel des Hungers – im obigen Zitat – mag noch intuitiv einleuchtend sein – die Unfreiwilligkeit der Betroffenen einmal vorausgesetzt – sehr viele andere »fundamentale« Fähigkeiten sind weitaus weniger trivial zu bestimmen.25

Unterschiedliche Konzepte von Armut betonen unterschiedliche Probleme, Prozesse und Strukturen, die gegenüber anderen in den Vordergrund gerückt werden und lassen damit auch jeweils eine andere »Wirklichkeit« hervortreten. Und es ist schließlich diese »Wirklichkeit«, die in Armutsbekämpfung, Entwicklungs- und Sozialpolitik verändert wird. Wer nach einer vorherrschenden Definition nicht arm ist, der kommt möglicherweise nicht nur in der Forschung nicht vor, dem oder der bleibt auch der Zugang zu Hilfe verwehrt. Dies ist die politische und rechtliche Konsequenz aus der Entscheidung, was als M und G in der Armutsmessung gesetzt wird.26

Hierdurch wird nochmals deutlich, was mit der Beschreibung als »essentially contested concept« und als »thick concept« gemeint ist. Es sind diese Vorentscheidungen schon auf grundlegender Ebene des Armutsbegriffes, die ihn zu einem umstrittenen Begriff machen und die sich nicht einfach in einem wissenschaftlichen Diskurs – schon gar nicht empirisch – auflösen lassen, weil sie vielmehr mit normativen Überzeugungen gefüllt sind. Dahingehend kann auch nicht gesagt werden, dass es eine richtige Antwort auf die Frage gibt, ob Armut nun relativ oder absolut verstanden werden soll, da dies erstens eine sich ausschließende Dualität suggeriert und zweitens die Komplexität gar nicht erfasst.27 Schon von ihrer begrifflichen Grundstruktur ist Armut sowohl relativ als auch absolut. Es geht aus philosophischer Perspektive also zunächst darum, kenntlich zu machen, welche Überzeugungen in welchen Konzepten »enthalten« sind und zu versuchen, deren Gehalt zu untersuchen. Dies ist dann Teil einer rekonstruktiven Arbeit, die eine normative Evaluation von Armut beeinflusst.

Wie ist Armut zu bewerten: Primäre und sekundäre Herangehensweisen

Habe ich im vorherigen Abschnitt versucht, mich dem Begriff der Armut zu nähern, so widme ich mich im zweiten Teil meines Beitrags der Frage, wie Armut aus philosophischer Sicht bewertet werden kann. Dabei möchte ich sogleich eine Einschränkung vornehmen, um diese Frage überhaupt im Rahmen eines Abschnitts beantworten zu können. Ich werde versuchen, zwei unterschiedliche Zugangsweisen idealtypisch zu unterscheiden, die ich als primären und sekundären Zugang bezeichne.28 Aus der Beschreibung von Armut als »essentially contested concept« und als »thick concept« folgt bereits, dass Armut ohne eine normative Bewertung nicht sinnvoll gedacht und konzipiert werden kann. Fraglich ist somit nicht, ob es einer Bewertung bedarf, sondern vielmehr, wie diese aussehen kann. Dabei geht es mir um eine normativ-philosophische Perspektive.

Im Grunde sehe ich zwei Möglichkeiten, wie Armut normativ bewertet werden kann. Der erste Zugang wendet sich an bereits explizierte Begriffe und Konzepte von Armut und untersucht, welchen normativen Gehalt die darin zum Ausdruck gebrachte Wirklichkeit besitzt. Auf diese Weise können auch empirische Erkenntnisse normativ interpretiert werden. Der zweite Zugang dagegen zeichnet sich dadurch aus, dass er bereits festlegt, welche Wirklichkeit als Armut bezeichnet werden sollte, um das normative Urteil zum Ausdruck zu bringen. Während im ersten Fall also Begriffe, Konzepte oder Daten im Nachhinein bewertet werden, wird im zweiten Fall versucht, bereits die Begriffe, Konzepte und Daten selbst zu prägen. Ich möchte beide illustrieren.

Die European Community Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC) stellen eine Reihe von Daten über Armut in der Europäischen Union zur Verfügung und erheben diese unter der Anwendung unterschiedlicher Armutskonzepte.29 Das Konzept der Armutsgefährdung erfasst all jene, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des äquivalisierten Medianeinkommens beträgt. Das Konzept der schweren materiellen Deprivation erfasst wiederum all jene, die sich mindestens vier von neun Grundgütern und Dienstleistungen nicht leisten können.30 Ein indirekter oder sekundärer Zugang würde nun fragen, wie diese Konzepte und diese Zahlen der Betroffenheit aus normativer Sicht zu interpretieren sind. Ist es entwürdigend armutsgefährdet zu sein? Widerspricht es einem moralischen Recht materiell depriviert zu sein? Ab wie vielen armutsgefährdeten Menschen ist eine Gesellschaft als sozial ungerecht zu bezeichnen? Offensichtlich versucht der sekundäre Zugang eine Interpretation von vorhandenen Begriffen, Konzepten und Daten, mit denen Armut gemessen wird und die angeben, wie viele Menschen und wie stark diese betroffen sind. Es ist also zunächst auch nicht das Ziel dieses sekundären Zugangs zu fragen, ob dasjenige, was hier gemessen wird, wirklich Armut ist oder nicht. Es findet – zumindest zunächst – keine Kritik der verwendeten Begriffe und Konzepte sowie der Methoden der Datenerhebung statt. Im Falle von EU-SILC würde sich ein sekundärer Zugang also zunächst nicht damit beschäftigen, ob die Konzepte der Armutsgefährdung und der materiellen Deprivation geeignet sind, um Armut zu messen, sondern würde »nur« fragen, wie die durch sie erfasste Wirklichkeit zu bewerten ist. Diesen Zugang habe ich in einem früheren Aufsatz gewählt, in dem ich das Konzept der materiellen Deprivation mit dem Konzept der Entwürdigung von Axel Honneth in Zusammenhang setzte. Darin habe ich gezeigt, dass das unfreiwillige Leben unter den Bedingungen der materiellen Derivation in den meisten Fällen alle Kriterien einer moralischen Verletzung und sozialen Ungerechtigkeit im Sinne einer Theorie der Anerkennung erfüllt.

»Einkommensmangel und materielle Deprivation sind nämlich genau dann entwürdigend, wenn sie durch eine der drei zuvor genannten Formen der Entwürdigung verursacht sind. Also, entweder auf einem illegitimen Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt beruht, auf einer illegitimen Unterbezahlung von Arbeit oder auf einer illegitimen Unterbezahlung einer reproduktionsnotwendigen Tätigkeit.«31

Der primäre Zugang wiederum würde vor einer solchen Bewertung ansetzen und auf die begriffliche und konzeptionelle Ebene zurückgehen. Er würde sich also vor allem auf der Ebene bewegen, die im ersten Abschnitt thematisiert wurde. Ausgehend von der Form »A ist arm, wenn dann und nur dann, wenn A im Verhältnis zu M zu wenig von G hat« würde der primäre Zugang A, M und G so definieren, dass damit die Wirklichkeit gemäß der zu Grunde liegenden normativen Theorie erfasst wird. Die Ausgangsfrage für den primären Zugang lautet also nicht, wie dasjenige, was von der Armutsforschung als Armut bestimmt und gemessen wird, zu bewerten ist, sondern welche Wertung für die Konzeption und Messung von Armut ausschlaggebend sein sollte.32 Auch hier ist wiederum ein relativ breites Spektrum an normativen Theorien denkbar, die eine geeignete Folie abgeben können. Für Neuhäuser etwa ist der Begriff der Würde im Anschluss an Avishai Margalit entscheidend und er prägt seinen Armutsbegriff dementsprechend. Für Neuhäuser stellt sich also nicht die Frage, ob etwa der Indikator der materiellen Deprivation eine Verletzung der Menschenwürde zum Ausdruck bringt, sondern er legt in seinem primären Zugang fest, dass Armut als eine solche Verletzung der Menschenwürde konzipiert werden sollte.

»Bei absoluter und relativer Armut handelt es sich um zwei unterschiedliche Ausprägungen von Armut. Absolut arme Menschen haben zu wenige Ressourcen, um überhaupt eine Chance auf ein gelingendes Leben zu haben. Dies ist entwürdigend, weil diese Menschen keine Möglichkeit haben im wörtlichen Sinne auf sich selbst zu achten. […] Relativ arme Menschen haben im Verhältnis zu ihren Mitmenschen zu wenig Ressourcen. Dies ist entwürdigend, weil sie im sozialen Sinne nicht auf sich selbst achten können.«33

Beide Zugänge zur Armutsbewertung besitzen spezifische Vor- und Nachteile. Der Vorteil des sekundären Zugangs liegt für die philosophische Analyse zunächst und vor allem darin, dass auf vorhandene Erkenntnisse – zumeist aus den Sozialwissenschaften – zurückgegriffen werden kann, die dann interpretiert werden. Es ist dies sozusagen ein arbeitsteiliger Zugang: die Sozialwissenschaften sind dafür zuständig, Armut zu definieren, zu erforschen und zu messen, die Philosophie interpretiert und bewertet dann diese Ergebnisse vor dem Hintergrund ihrer normativen Theorien. Soweit es sich um in einem wissenschaftlichen Kontext anerkannte Theorien und Daten handelt, kann auch die Stichhaltigkeit der Konzepte und Daten als gesichert angenommen werden. Der sekundäre Zugang ist also auch davon geprägt, der Philosophie einen spezifischen Bereich zuzuordnen und anzuerkennen, dass diese auf die Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Forschung angewiesen ist.34

Der primäre Zugang wiederum bietet den entscheidenden Vorteil, dass die Begriffe und Konzepte direkt geprägt werden können. Dahingehend ist er auch »freier« in seinem Verständnis von Armut und kann gezielt spezifische normative Schwerpunkte setzen und hervorheben. Wenn etwa – wie bei Neuhäuser – der Begriff der Würde als maßgebliche Eigenschaft für das menschliche Leben angesehen wird, kann davon ausgehend, eine eigene Begrifflichkeit von Armut gebildet werden, die in bereits vorhandenen Begriffen und Konzepten vielleicht noch unberücksichtigt oder unterbelichtet sind. Der primäre Zugang erlaubt es daher auch, vorhandene Begriffe direkt auf ihren Gehalt zu analysieren und unterschiedliche Begriffe gegeneinander zu diskutieren. Begriffe von Armut können dann kritisiert werden, weil bestimmte Dimensionen, die als notwendig zur Armut gehörend betrachtet werden, nicht berücksichtigt werden. Der primäre Zugang ist daher auch nur idealtypisch von den reichhaltigen konzeptionellen und begrifflichen Diskussionen in der sozialwissenschaftlichen Armutsforschung zu unterscheiden, in dem sein metatheoretischer bzw. philosophischer Charakter betont wird. In der Praxis wird eine solche Unterscheidung zwischen dem primären philosophischen Zugang und einem begrifflich-theoretischen, jedoch sozialwissenschaftlich geprägten Diskurs nicht immer möglich sein, wie ja auch in diesem Beitrag sowohl philosophische als auch sozialwissenschaftliche Diskussionen verarbeitet werden.

Für die Aufgabe einer normativen philosophischen Bewertung von Armut wird zumeist eine Mischform aus beiden Zugängen praktiziert. Einerseits werden also vorhandene Begriffe und Daten aufgegriffen, andererseits wird versucht, diese in Richtung der jeweiligen normativen Theorie zu formen bzw. zu interpretieren. Zum Abschluss dieses Abschnittes möchte ich daher noch auf diese Form der normativen Bewertung von Armut eingehen. Auch dies lässt sich gut an einem Beispiel zeigen, nämlich an der These von Peter Schaber, laut der Armut eine Verletzung der Menschenwürde darstellt, weil arme Menschen nicht auf sich selbst achten können.35 Um zu diesem Urteil zu gelangen, diskutiert Schaber einerseits einige »Fakten«, die mit Armut verbunden sind: dass armen Menschen essentielle Güter fehlen, dass diese keine Möglichkeit haben ihre Rechte wahrzunehmen, dass arme Menschen in ihrer körperlichen Integrität verletzt werden oder dass arme Menschen eben nicht auf sich selbst achten können. Die eigentlich normative Aufgabe liegt im argumentativen Aufweis, dass das Nicht-Auf-Sich-Selbst-Achten-Können eine Verletzung der Menschenwürde darstellt. Der Schluss ist also folgendermaßen:

p1: »A ist in seiner Würde verletzt, wenn A nicht auf sich selbst achten kann«

p2: »Armut ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass die Betroffenen nicht auf sich selbst achten können«

p3: »A ist arm«

S: »A ist in seiner Würde verletzt«

Um diesen Schluss S zu ziehen, ist es also nötig p1 moralphilosophisch zu begründen und zu zeigen, dass p2 ein empirisch ausweisbares Faktum ist. Dafür bieten sich zwei Möglichkeiten an: (1) Es werden sozialwissenschaftliche Daten und Studien vorgebracht, die p2 direkt untermauern oder (2) es wird gezeigt, dass p2 implizit in Erkenntnissen, Definition oder Konzepten der Armutsforschung enthalten ist. Schaber verwendet nun keine solchen empirischen Daten, die seine These p2, wonach arme Menschen nicht auf sich selbst achten können, direkt stützen würden, sondern zitiert nur die Definition von absoluter Armut der UNO.36 Er argumentiert also, dass p2 implizit in der von ihm gewählten und übernommenen Definition von Armut der UNO enthalten ist. Dies ist weit mehr als der sekundäre Zugang – idealtypisch – erlauben würde, aber auch etwas anderes als der primäre Zugang, der Armut – wie Neuhäuser – direkt als die Unmöglichkeit auf sich selbst achten zu können, definieren würde. Schabers – durchaus erhellende – Ausführungen zu p2 stellen somit eine rekonstruktive Arbeit dar, die ihm seine evaluative erst ermöglich. Weil er zeigt, dass in der Armutsdefinition der UNO die These enthalten ist, dass arme Menschen nicht auf sich selbst achten können, ist der Schluss erlaubt, Armut als Verletzung der Würde der Betroffenen zu verstehen und dahingehend zu kritisieren.

Aus diesem Beispiel kann gelernt werden, dass eine normative Bewertung von Armut aus philosophischer Sicht auch als eine Verknüpfung von Rekonstruktion und Evaluation möglich ist und ich gehe davon aus, dass die meisten philosophischen Arbeiten diese Methode anwenden. Dabei werden implizite oder explizite normative Urteile, die in vorhandenen Begriffen und Konzepten von Armut eingelassen sind, rekonstruiert und vor dem Hintergrund normativer philosophischer Theorien interpretiert. Die Sinnhaftigkeit einer solchen normativen Bewertung ist zumindest aus der philosophischen Innenperspektive klar. Ohne diese könnten keine weiterführenden handlungsanleitenden Aussagen getroffen werden. Die Kantsche Frage »Was soll ich tun?« müsste in Bezug auf die Armut und ihre Betroffenen somit unbeantwortet bleiben. Ebenso wenig lassen sich entsprechende sozialethische, also Institutionen, Gesellschaften oder Staaten betreffende Aussagen ableiten, wenn der normative Status von Armut ungeklärt bleibt. Warum Armut überhaupt bekämpft werden sollte, bliebe – zumindest aus moralphilosophischer Perspektive – dem Feld der Interessen, der Zwecke und der Klugheit überlassen.37Anders formuliert: Ohne eine solche philosophisch-evaluative Arbeit können zwar politische, ökonomische oder sozialtechnische Argumente für und wider die Bekämpfung von Armut vorgebracht werden, jedoch keine – im philosophischen Sinne – stichhaltigen normativen und moralischen.

Schlussbemerkung: Für eine philosophische Armutsforschung

In diesem Beitrag habe ich den Versuch unternommen, einige wenige, jedoch zentrale Aspekte einer philosophischen Armutsforschung oder Philosophie der Armut zu diskutieren. Dabei standen begriffliche und vor allem normative Fragen im Vordergrund, die letztlich um den Topos kreisen, mit welchen normativen Theorien und Konzepten Armut begriffen werden sollte. Dass dies ein offener Prozess ist, kann alleine schon an der Geschichte der normativen Disziplinen der Philosophie abgelesen werden. Bis heute gibt es keine verbindliche und akzeptierte Fassung von Termini wie Gerechtigkeit, Menschenwürde, Gemeinwohl oder dem Guten, die im Zuge jeder Armutsdiskussion kontextualisiert werden. Sie sind allesamt »essentially contested concepts«. Dennoch sind diese nicht einfach beliebig, wie manche meinen und sehr wohl der rationalen Deliberation und der wissenschaftlichen Forschung zugänglich. Auch auf diesen Gebieten lassen sich Fortschritte erzielen und Antworten formulieren, die nicht bloß eine persönliche Meinung oder ein Interesse darstellen. Eine systematische Auflösung und Differenzierung der normativen Konzepte, die in den unterschiedlichen Armutsbegriffen einerseits gefunden werden können, andererseits dort verwendet werden sollten, ist dabei sicherlich ein wesentliches Desiderat philosophischer Forschung. Eine philosophische Armutsforschung oder eine Philosophie der Armut kann auf diesem Gebiet sowohl analytisch, deskriptiv als auch evaluativ vorgehen. Schließlich sind normative Fragen das Kerngeschäft moralphilosophischer, ethischer oder sozial- und rechtsphilosophischer Reflexion.

Fußnoten

1 Ich möchte einem anonymen Gutachten danken, welches erheblich zur Verbesserung dieses Beitrages beigetragen hat, gerade weil es aus sozialwissenschaftlicher Perspektive die erste Fassung einer gründlichen Kritik unterzogen hat.

2 Der Übergang zwischen globaler Ethik und globaler Gerechtigkeit ist fließend und beide werden auch nicht immer differenziert. Vgl. etwa Boylan, Michael (Hrsg): The morality and global justice reader. Boulder, CO 2011; Fleisch, Barbara / Schaber, Peter (Hrsg): Weltarmut und Ethik. Paderborn 2007; Hahn, Henning / Broszies, Christoph (Hrsg): Globale Gerechtigkeit. Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitismus. Berlin 2010; Hahn, Henning: Globale Gerechtigkeit. Eine philosophische Einführung. Frankfurt am Main / New York, NY 2009; Pogge, Thomas / Moellendorf, Darrel (Hrsg): Global Justice: Seminal Essays. St. Paul, MN 2008.

3 In anderen wissenschaftlichen Disziplinen sieht dies durchaus anders aus.

4 Die wenigen Ausnahmen, die sich finden lassen, bestätigen diese Einschätzung. Vgl. etwa: Neuhäuser, Christian: Zwei Formen der Entwürdigung: Relative und absolute Armut. In: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 96/4 (2010), S. 542–556; Reddy, Sanjay G / Pogge, Thomas: How Not to Count the Poor. In: Anand, Sudhir / Segal, Paul D / Stiglitz, Joseph Eugene (Hrsg): Debates on the measurement of global poverty. Oxford / New York, NY 2010, p. 42–85.

5 Diese eindrückliche Stelle erklärt nicht nur bedeutsame Unterschiede im Alltagsverständnis sondern auch in der philosophischen Reflexion: »Dieses positionsbedingte Elend, bezogen auf die Perspektive dessen, der es erfährt und dabei in den Grenzen des Mikrokosmos gefangen bleibt, erscheint zwangsläufig als ‚gänzlich relativ‘, d.h. völlig irreal, wenn man es aus der Perspektive des Makrokosmos mit dem großen situationsbedingten Elend vergleicht; ein Bezug, der übrigens tagtäglich vorgenommen wird, um jemand zu kritisieren (‚Du kannst dich nicht beklagen‘) oder aber zu trösten (‚Es gibt Schlimmeres, weißt du‘). Doch indem man die große Not zum ausschließlichen Maß aller Formen der Not erhebt, versagt man sich, einen ganzen Teil der Leiden wahrzunehmen und zu verstehen, die für eine soziale Ordnung charakteristisch sind, die gewiß die große Not zurückgedrängt hat (allerdings weniger als zuweilen behauptet wird), im Zuge ihrer Ausdifferenzierung aber auch vermehrt soziale Räume (spezifische Felder und Sub-Felder) und damit Bedingungen geschaffen hat, die eine beispiellose Entwicklung aller Formen der kleinen Nöte begünstigt haben.« Bourdieu, Pierre: Positionen und Perspektiven. In: Bourdieu, Pierre / Balazs, Gabrielle / Beaud, Stéphane / u. a.: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz2 2010), S. 17–18, hier S. 18.

6 Besonders die Philosophie der Biologie ist ein interessantes Beispiel. Diese entstand unter anderem in Abgrenzung zu einer von der Physik dominierten Wissenschaftsphilosophie mit der Begründung, dass zum einen Physik und Biologie so unterschiedlich sind und die Biologie nicht auf die Physik reduziert werden kann, zum anderen dass der Biologie – vor allem durch die Evolutionstheorie und Soziobiologie – eine besondere Bedeutung innerhalb der Wissenschaften und der Gesellschaft zukommt. Ich denke, dass sich vergleichbare Argumente für eine Philosophie der Armut vorbringen lassen.

7 Dies ist in der Philosophie unbestritten und wird in der Literatur oft als Ausgangspunkt herangezogen, wie sich etwa im Erfurter Manifest zeigt. Zu einer disziplinären Formierung hat es allerdings nicht geführt: Vgl. Mack, Elke / Schramm, Michael / Klasen, Stephan / u.a. (Hrsg): Absolute poverty and global justice : empirical data, moral theories, initiatives. Farnham / Burlington, VT 2009.

8 Vgl. etwa die folgenden Werke, in denen die Philosophie stets nur indirekt präsent, jedoch kein eigener philosophischer Beitrag ist. Und dies obwohl sich diese allesamt als interdisziplinär verstehen: Abrams, Dominic / Christian, Julie / Gordon, David (Hrsg): Multidisciplinary handbook of social exclusion research. Chichester 2007; Addison, Tony / Hulme, David / Kanbur, Ravi (Hrsg): Poverty dynamics : interdisciplinary perspectives. Oxford / New York, NY 2009; Dimmel, Nikolaus / Heitzmann, Karin / Schenk, Martin (Hrsg): Handbuch Armut in Österreich. Innsbruck / Wien 2009; Huster, Ernst-Ulrich / Boeckh, Jürgen / Mogge-Grotjahn, Hildegard (Hrsg): Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung. Wiesbaden 2008; Nanak Kakwani, Nanak / Silber, Jacques (Hrsg): The Many Dimensions of Poverty. Basingstoke / New York, NY 2008.

9 Auch ich kann hier nur einzelne Aspekte, die mit einer solchen Charakterisierung von Armut verbunden sind, ansprechen. Vgl. für die Idee eines »essentially contested concept«: Garver, Eugene: Rhetoric and Essentially Contested Arguments. In: Philosophy & Rhetoric 11/3 (1978), S. 156–172 und für jenen des »thick concept«: Williams, Bernard: Ethics and the limits of philosophy. Cambridge, MA 1985.

10 Vgl. hierfür etwa die Klassifikation von Paul Spicker, der zwölf Dimensionen von sozialwissenschaftlichen Armutsbegriffen unterschieden hat: Spicker, Paul: Definitions of poverty: twelve clusters of meaning. In: Spicker, Paul / Alvarez Leguizamón, Sonia / Gordon, David (Hrsg): Poverty : an international glossary. London / New York, NY 22007, S. 229–243.

11 Garver, Eugene: Rhetoric and Essentially Contested Arguments. In: Philosophy & Rhetoric 11/3 (1978), S. 156–172, hier S. 168.

12 Für Williams sind solche »thick concepts« »world-guided« und »action-guided«, während »thin concepts« wie das Gute, das Richtige oder das Verwerfliche nur »action-guided« sind: »The way these notions [=thick concepts] are applied is determined by what the world is like (for instance, by how someone has behaved), and yet, at the same time, their application usually involves a certain valuation of the situation, of persons or of actions. Moreover, they usually (though not necessarily directly) provide reason for action«. Williams, Bernard: Ethics and the limits of philosophy. Cambridge, MA 1985, S. 129-130.

13 Angelika Linke hat gezeigt, dass dies schon für die sprachliche Ebene gilt: »Die Analyse der Semantik von ›arm‹, von ›Armut‹ und von ›Arme‹ als Personenbezeichnung macht die sprachhistorisch begründete wie aktuell gültige Verschränktheit zweier Lesarten – ›mittellos‹ und ›bemitleidenswert‹ – deutlich, die im Übrigen nicht nur für das Deutsche, sondern auch für andere Sprachen, also etwa das Italienische, Englische, Französische, gilt. Die festgestellte emotive und deontische Bedeutungskomponente von ›arm‹ ist einerseits Ausdruck, andererseits Medium einer sozialen Norm, die zu Angerührtheit und Zuwendung zu solchen Personen gegenüber verpflichtet, die wir als ›arm‹ bezeichnen. In diesem Sinne ist ›arm‹ ein Appell-Wort, das nicht nur auf einen Daseinszustand referiert, sondern immer auch die Gefühlslagen von Adressaten anspricht und gleichzeitig auf soziale Werte verweist. Es sind solche Wörter, die in Ethikdiskursen zentral sind. « Linke, Angelika: Wer ist »arm«? Soziale Kategorisierung im Medium der Sprache. In: Renz, Ursula / Bleisch, Barbara (Hrsg): Zu wenig : Dimensionen der Armut. Zürich 2007, S. 19–41, hier S. 39.

14 Piachaud, David: Problems in the Definition and Measurement of Poverty In: Journal of Social Policy 16/02 (1987), S. 147–164. Geteilt wird eine solche Einschätzung etwa auch von Josef Hörl: »Allerdings gibt es über brauchbare Definitionen und die legitimen Verwendungsweisen von ›Armut‹ oder über die Abgrenzung der ›Armenbevölkerung‹ alles andere als Übereinstimmung, was nicht zuletzt mit der Tatsache zusammenhängt, daß diese Begriffe ideologisch und moralisch höchst wertgeladen sind. Die Forschenden wissen wohl, daß ›Werturteilsfreiheit‹ gerade auf dem Gebiet der Armutsforschung unerreichbar sein wird«. Hörl, Josef: Die Wahrnehmung Sozialer Benachteiligung in Österreich – Konsens und Polarisierung. In: SWS-Rundschau 39/2 (1999), S. 171-188, hier S. 171.

15 Øyen, Else: The Paradox of Poverty Research: Why is Extreme Poverty Not in Focus? In: Mack, Elke / Schramm, Michael / Klasen, Stephan / u.a. (Hrsg): Absolute poverty and global justice : empirical data, moral theories, initiatives. Farnham / Burlington, VT 2009, S. 259–271, hier S. 259.

16 Ich muss hier die Frage unbeantwortet lassen, in welchem Verhältnis die These, dass Armut ein »essentially contested concept« und ein »thick concept« ist, zum Selbstverständnis sozialwissenschaftlicher Wissenschaft als werturteilsfrei steht. Für die Philosophie stellt sich ein anderes Problem, welches ich hier nur kurz andeuten kann, nämlich der »naturalistische Fehlschluss«. Dieser besagt, dass man nicht aus einer endlichen Menge an Fakten – oder Daten – auf ein unendliches normatives Urteil schließen kann. Ein solcher Fehlschluss liegt nahe, wenn von dem Faktum der Armut auf deren moralischen oder ethischen Gehalt geschlossen wird.

17 Hauser, Richard: Das Maß Der Armut: Armutsgrenzen Im Sozialstaatlichen Kontext. Der Sozialstatistische Diskurs. In: Huster, Ernst-Ulrich / Boeckh, Jürgen / Mogge-Grotjahn, Hildegard (Hrsg): Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung. Wiesbaden 2008, S. 94-117, hier S. 96.

18 Ich werde auf die weiterreichenden normativen Schlüsse, die Neuhäuser daraus zieht, hier nicht eingehen können. Vgl. hierzu: Neuhäuser, Christian: Zwei Formen Der Entwürdigung: Relative Und Absolute Armut.

19 United Nations: The Copenhagen Declaration and Programme of Action: World Summit for Social Development 6-12 March 1995, New York 1995.

20 Neuhäuser, Christian: Zwei Formen Der Entwürdigung: Relative Und Absolute Armut, S. 553.

21 Sen, Amartya: Poor, Relatively Speaking. In: Oxford Economic Papers 35/2 (1983), S. 153-169, hier S. 159.

22 Dies wird etwa klar, wenn man unterschiedliche Messungen mit einander vergleicht: »It is important to note that this material deprivation indicator is still a relative rather than an absolute measure: it is only by rich country standards that the lack of a colour television or a car or a week’s (???) holiday away from home (all counted as deprivations in the EU’s indicator) could be regarded as signs of inadequate living standards. This reflects the standing of even the poorest countries in the EU as members of the rich world: Romania and Bulgaria, for example, the two poorest EU states, rank among the top third of nations in the world on the UNDP’s Human Development Index and the World Bank classifies them as ›upper middle income‹ countries.« Fahey, Tony: Poverty and the Two Concepts of Relative Deprivation, 14, Working Paper Series (Dublin: UCD School of Applied Science, July 2010). 1.6.2011, www.ucd.ie/t4cms/wp15%20fahey.pdf.

23 Townsend, Peter: Poverty in the United Kingdom. A Survey of Household Resources and Standards of Living. Berkeley, CA 1979, S. 31.

24 Vgl. zur Erstellung dieses Indikators: Guio, Anne-Catherine: What Can Be Learned from Deprivation Indicators in Europe. Eurostat Methodologies and Working Papers (Luxembourg: Office for Official Publications of the European Communities, 2009). 23.6.2010, http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-RA-09-007/EN/KS-RA-09-007-EN.PDF.

25 Ganz offensichtlich wird dies bei Martha Nussbaums Version des capability approach und ihrer Liste von Grundfähigkeiten. Vgl. etwa die Darstellung in: Graf, Gunter: Der Fähigkeitenansatz als neue Grundlage der Armutsforschung? In: SWS-Rundschau 51/1 (2011), S. 84–102.

26 Es hat somit auch handfeste Auswirkungen auf die Betroffenen, was als Armut bestimmt wird: »To devise policies to reduce poverty effectively, it is important to know at what we are aiming. The current approach to the identification of poverty and policy formulation is rather messy: on the one hand, there is acknowledgement of its multidimensionality, combined with a pick-and choose approach in advocacy with little consistency across studies; on the other hand, in practice the monetary approach mostly retains its dominance in descriptions and analysis, both nationally and internationally. Clarification of how poverty is defined is extremely important, as different definitions imply the use of different indicators for measurement: they may lead to the identification of different individuals and groups as poor and require different policies for poverty reduction«. Ruggeri Laderchi, Caterina / Saith, Ruhi / Stewart, Frances: Does It Matter That We Do Not Agree on the Definition of Poverty? A Comparison of Four Approaches. In: McGillivray, Mark / Clarke, Matthew (Hrsg): Understanding Human Well-being. Tokyo / New York, NY 2006, S. 19–53, hier S. 19.

27 Das wird auch von Hauser so klar gestellt: »Armut kann nicht objektiv nur aufgrund statistisch erhobener Fakten festgestellt werden; denn letztlich stehen hinter jeder Interpretation des Armutsbegriffs und hinter jedem darauf beruhenden Messverfahren Wertüberzeugungen, über deren Richtigkeit im ethischen Sinn nicht allgemein gültig geurteilt werden kann. Aus diesem Grund kann jedes Ergebnis einer empirischen Armutsmessung von einer anderen Wertbasis aus angegriffen werden«. Hauser, Richard: Das Maß Der Armut: Armutsgrenzen Im Sozialstaatlichen Kontext. Der Sozialstatistische Diskurs, S. 95.

28 Ich kann jedoch hier ebenso wenig eine Systematisierung unterschiedlicher Bewertungen vornehmen wie ich auch nicht deren argumentative Stärken und Schwächen hier analysieren kann.

29 Vgl. für einen Überblick zu Methoden und Daten: Atkinson, Anthony B. / Marlier, Eric (Hrsg): Income and Living Conditions in Europe. Eurostat Statistical Books. Luxembourg 2010; Brian Nolan, Brian / Whelan, Christopher T.: Poverty and Deprivation in Europe. Oxford / New York, NY 2011.

30 Der Indikator der erheblichen materiellen Deprivation wurde im Zuge der Europa 2020 Strategie der EU festgelegt. Die Liste der Grundgüter und Dienstleistungen sieht so aus: 1. es bestehen Zahlungsrückstände bei Miete, Betriebskosten oder Krediten. 2. es ist finanziell nicht möglich, unerwartete Ausgaben (bis zur Höhe von 60% des nationalen äquivalisierten Medianeinkommens) zu tätigen. 3. es ist finanziell nicht möglich, einmal im Jahr auf Urlaub zu fahren. 4. es ist finanziell nicht möglich, die Wohnung angemessen warm zu halten. 5. es ist finanziell nicht möglich, jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische Speise zu essen. 6. ein PKW ist finanziell nicht leistbar. 7. eine Waschmaschine ist finanziell nicht leistbar. 8. ein Farbfernsehgerät ist finanziell nicht leistbar. 9. ein Telefon oder Handy ist finanziell nicht leistbar. Vgl. zu den Indikatoren der Europa 2020 Strategie: Atkinson, Anthony B. / Marlier, Eric: Living Conditions in Europe and the Europe 2020 Agenda. In: Atkinson, Anthony B. / Marlier, Eric (Hrsg): Income and Living Conditions in Europe. Eurostat Statistical Books. Luxembourg 2010, S. 21–35.

31 Schweiger, Gottfried: Relative Armut Und Soziale Wertschätzung. In: SATS. Northern European Journal of Philosophy 13/1 (2012), S. 39-59, hier S. 49.

32 Der primäre Zugang ist damit dem der sozialwissenschaftlichen Armutsforschung sehr nahe. Hauser hat die Möglichkeiten so abgesteckt: »Die konzeptionelle Bestimmung von Armut kann auf der Basis eigener Werturteile von Sozialwissenschaftlern oder von in der sozialen Praxis stehenden Personen und Organisationen, auf Basis gesellschaftlicher Konventionen oder durch politische Entscheidungen im demokratischen Prozess erfolgen. Im Diskussionsprozess um die Frage, was unter Armut zu verstehen ist, spielen philosophisch, humanistisch oder religiös begründete ethische Wertvorstellungen eine wichtige Rolle«. Hauser, Richard: Das Maß Der Armut: Armutsgrenzen Im Sozialstaatlichen Kontext. Der Sozialstatistische Diskurs, S. 95.

33 Neuhäuser, Christian: Zwei Formen Der Entwürdigung: Relative Und Absolute Armut, S. 553.

34 Eine Tradition, in der dieser Zugang ausgeprägt ist, findet sich in der Kritischen Theorie von Axel Honneth und seiner Theorie der Anerkennung. Hier werden sozialwissenschaftliche Erkenntnisse – z.B. zur Arbeitswelt – ausführlich rezipiert, jedoch nicht für sich selbst thematisiert. Sie bilden eben nur den Ausgangspunkt für eine sozialphilosophische Theorie – und Evaluation. Interessanterweise wurden Teile eben dieser philosophischer Begriffe dann von SoziologInnen selbst aufgegriffen und empirisch und theoretisch nutzbar gemacht. Der Hiatus zwischen Philosophie und Soziologie wird dadurch aber nicht aufgehoben, da aus Perspektive der Philosophie »Anerkennung« weiterhin ein normativer Begriff bleibt, aus Perspektive der Soziologie aber ein beschreibender und erklärender. Vgl. dazu etwa: Holtgrewe, Ursula / Voswinkel, Stephan / Wagner, Gabriele (Hrsg): Anerkennung und Arbeit. Konstanz 2001; Honneth, Axel: Organisierte Selbstverwirklichung. Paradoxien der Individualisierung. In: Honneth, Axel (Hrsg): Befreiung aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus. Frankfurt am Main / New York, NY 2002, S. 141–158.

35 »Poverty, I have argued, does not violate the dignity of human beings because poor people lack vitally important goods. Neither does it violate dignity because poor people, due to poverty, are unable to realize their rights. Poverty violates human dignity, because, and insofar as, poor people are dependent on others in a specific way. It violates dignity when it is responsible for the fact that a person’s survival and her way of survival are placed at the mercy of others. Individuals who have to live in poverty are not able to stand up to others when it comes to securing their own survival. «Schaber, Peter: Absolute Poverty. In: Kaufmann, Paulus / Kuch, Hannes / Neuhäuser, Christian / u.a. (Hrsg): Humiliation, degradation, dehumanization : human dignity violated. Dordrecht / New York, NY 2011, S. 151–158, hier S. 155–156.

36 »Absolute poverty is a condition characterized by severe deprivation of basic human needs, including food, safe drinking water, sanitation facilities, health, shelter, education and information. It depends not only on income but also on access to social services.« United Nations: The Copenhagen Declaration and Programme of Action: World Summit for Social Development 6-12 March 1995. New York 1995.

37 Kant unterschiedet für Richtigkeit des Handelns die drei Fragen (die miteinander verbunden sind), ob das Handeln zweckmäßig ist, ob es klug ist und ob es moralisch richtig ist. Es war Peter Koller, der diese Unterscheidung für den Begriff des Gemeinwohls fruchtbar gemacht hat und dieses Modell ist – wie mir scheint – auch auf die Frage der Armutsbekämpfung übertragbar. Zumeist wird hier nach den Regeln der Zweckmäßigkeit und der Klugheit argumentiert, die Frage der Moral hingegen nimmt einen weniger prominenten Platz ein. Vgl. dazu: Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, In: Weischedel, Wilhelm (Hrsg): Kant-Werkausgabe, Frankfurt am Main 1968; Koller, Peter: Das Konzept des Gemeinwohls. Versuch einer Begriffsexplikation, In: Brugger, Winfried / Kirste, Stephan / Anderheiden, Michael (Hrsg): Gemeinwohl in Deutschland, Europa und der Welt, Baden-Baden 2002, S. 41-70.

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