Praxistheorien und Normen-forschung in den Internationalen Beziehungen – Zum Beitrag der pragmatischen Soziologie

Max Lesch, Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)

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Abstract

The introduction of practice theories into International Relations (IR) promises new pathways to the study of world politics. This paper discusses how praxeological approaches can inform current debates in IR norm research. It introduces three specific approaches from the family of practice theory and their potential to enrich norm research: (1) Pierre Bourdieu’s nomos, (2) communities of legal practice and (3) the pragmatic sociology of Luc Boltanski. The paper argues that while indeed offering alternative ways for thinking about normativity in world politics, the former approaches perpetuate a structural bias as it has increasingly been criticized in IR norm research. In contrast, the pragmatic sociology offers an innovative approach situated at the interface of structure and agency. The paper concludes that pragmatic sociology in particular can further the already productive debates on norm contestation in IR by using situations of controversy as their analytical starting point.

Keywords

Normenforschung, Praxistheorie, nomos, communities of practice, pragmatische Soziologie

Einleitung

Das agent-structure Problem in den Internationalen Beziehungen (IB) bestimmt seit jeher auch die Debatten der Normenforschung und wird insbesondere in den Fragen nach Wandel und Umstrittenheit internationaler Normen virulent.1 Praxistheoretische Ansätze in den IB versprechen, diese Spannung durch die Analyse von Praktiken, die an der Schnittstelle von agency und structure liegen, aufzulösen. Zugleich wird innerhalb der Normenforschung kontrovers diskutiert, wer eigentlich Normativität schafft, an welchem Ort dies geschieht und wie entsprechende Prozesse analysiert werden sollten. Dieser Beitrag will beide Stränge miteinander verknüpfen. Auch wenn dabei nicht die Frage im Vordergrund stehen soll, ob sich praxistheoretische Ansätze tatsächlich unter einem grundsätzlichen »practice turn« subsumieren lassen (kritisch Bongaerts 2007), will dieser Artikel gleichwohl einen Beitrag zur offenen Debatte über den Mehrwert praxistheoretischer Ansätze in der Normenforschung leisten (Bueger und Gadinger 2014, 70).

Vor dem Hintergrund aktueller Debatten in der Normenforschung, die in einem ersten Schritt skizziert werden, buchstabiert dieser Artikel zunächst exemplarisch zwei praxistheoretische Forschungsbeiträge aus, die auf Pierre Bourdieus Soziologie und Etienne Wengers Organisationssoziologie zurückgreifen und auf die Erforschung internationaler Normen anwenden. Zum einen eröffnet Charlotte Epstein eine alternative Perspektive auf die strukturellen Wirkkräfte des nomos, der die Praxis im Bereich des Walfangs bestimmt. Zum anderen bieten Jutta Brunnée und Stephen Toope einen interaktionalen Ansatz im Völkerrecht an, der die komplexen Dynamiken von Legitimität und Legalität u.a. des Folterverbots durch die Analyse von Rechtspraktiken aufzeigt. Schließlich wird mit der pragmatischen Soziologie Luc Boltanskis eine Herangehensweise skizziert, die den analytischen Ausgangspunkt weg von einzelnen Normen hin zur praktischen Aushandlung verschiebt. Tine Hanrieder und Frank Gadinger zeigen jeweils auf, wie die pragmatische Soziologie in den IB zu einem Perspektivwechsel beitragen kann, indem sie von der Pluralität normativer Bezugspunkte ausgeht und die kritischen Kapazitäten der Akteure in den Vordergrund rückt. Anstatt einzelne Normen an den Beginn der Analyse zu stellen, dienen Situationen des Streits, in denen Normativität stetig neu verhandelt wird, als Einstieg zur Erforschung von Normativität in der Weltpolitik. Auf diese Weise ist die pragmatische Soziologie in der Lage, die Normenforschung durch einen Fokus auf die Schnittstelle zwischen agency und structure zu ergänzen, die ausdrücklich die Prozesse und weniger die Ergebnisse der steten (Neu-) Verhandlung von Normativität in den Blick nimmt.

Praxistheoretische Normenforschung

Die Normenforschung ist im Anschluss an die wegweisenden Ansätze der 1990er Jahre als Forschungsstrang in den IB »fest etabliert« (Rosert 2012). Diese Ansätze habe wichtige Beiträge in Bezug auf die Erforschung der Entstehung, Diffusion und Sozialisierung internationaler Normen geliefert (u.a. Finnemore und Sikkink 1998; Risse, Ropp und Sikkink 1999). In der Folge wurde diese Forschungsagenda weiter ausdifferenziert, indem nicht zuletzt die Kritik an diesen Arbeiten, die sich auf ein als verengt wahrgenommenes und strukturalistisch geprägtes Bild von statischen Normen stützten (Sending 2002), deren Diffusion einer teleologischen Logik folge (Daase 2013), ins Zentrum gerückt wurde (im Überblick Hoffmann 2010). Insbesondere Antje Wieners Vorschlag, Normen durch ihre »doppelte Qualität« zu verstehen, bildete eine Abkehr von der Engführung der Normenforschung. Demnach sind Normen »both structuring and socially constructed through interaction in a context. While stable over particular periods, they always remain flexible by definition« (Wiener 2007, 49). Ansätze zur Lokalisierung (Acharya 2004) und Übersetzung (Zimmermann 2016) über Modelle zu Wandel (Sandholtz und Stiles 2009; Krook und True 2012) bis hin zur Erosion von Normen (Rosert und Schirmbeck 2007; Panke und Petersohn 2012) haben wichtige Beiträge zur Ausdifferenzierung der Forschungsagenda geleistet. Diese Ansätze teilen einen weitgehenden Konsens, dass Normen erstens durch grundsätzliche Umstrittenheit und Ambiguität geprägt seien; dass zweitens agency als Treiber normativer Entwicklungen gegenüber dem Strukturalismus klassischer Ansätze betont werden müsse; und dass drittens nicht nur vermeintlich »gute«, sondern auch »schlechte« oder »oppositionelle« Normen in die Forschung einbezogen werden sollten (Wunderlich 2014, 20–21). Gerade die Frage nach der Kontestation, das heißt nach der Umstrittenheit internationaler Normen, hat sich dabei zum zentralen Forschungsgegenstand entwickelt (Deitelhoff und Zimmermann 2013b; Wiener 2014).

Trotz dieser konzeptionellen und theoretischen Ausdifferenzierung scheint der Streit über grundsätzlichen Fragen der Forschungspraxis nicht beigelegt. So haben Engelkamp, Glaab und Renner (2012, 106–8) eine poststrukturalistische Kritik an der »normativen Prägung der Normenforschung« und ihrer Affirmativität formuliert. In den Reaktionen auf diesen Beitrag (Ulbert 2012; Deitelhoff und Zimmermann 2013a) und der erneuten Replik (Engelkamp, Glaab und Renner 2013) kristallisieren sich drei Kernfragen heraus.

Erstens stellt sich die Frage, welche Rolle welchen Akteuren in der Analyse internationaler Normdynamiken beigemessen werden sollte: Werden gerade die Normempfänger in der Analyse marginalisiert (Engelkamp, Glaab und Renner 2012, 109) oder führt der Fokus auf die »Entlarvung« dieser Marginalisierung vielmehr zu einem verengten Akteursbild als »judgemental dopes« (Deitelhoff und Zimmermann 2013a, 70–71)? Zweitens, und damit verbunden, wird um die problematische Verwendung von Dichotomien, vor allem zwischen der lokalen und globalen Ebene gerungen. Da die globalen Normen in der Regel als gute Normen verstanden würden, schreibe sich diese Dichotomisierung dort fort, wo Normendynamiken in erster Linie durch »Normübernahme und -ablehnung« oder durch Normstärkung und -schwächung analysiert werden. Gerade diese Perspektive verstelle den Blick auf die konfliktive und dynamische Dimension normativen Wandels (Engelkamp, Glaab und Renner 2012, 108). Die Gegenüberstellung westlicher und lokaler Normen schaffe allerdings eine »neue Undifferenziertheit« (Deitelhoff und Zimmermann 2013a, 65), wenn »die Pluralität und Dynamiken lokaler Wertvorstellungen nicht einbezogen« werde (ebd., 66). Drittens scheint zwar grundsätzlich Einigkeit über die Notwendigkeit einer Selbstreflexion des Forschenden zu bestehen (Engelkamp, Glaab und Renner 2012, 118; Deitelhoff und Zimmermann 2013a, 70), es bleibt aber umstritten, ob gerade eine poststrukturalistische Forschungsagenda, die ebenfalls bestimmte normative Vorannahmen macht, indem das »nicht näher bestimmte [Lokale] implizit zur normativen Autorität« erhoben wird, dies einzulösen vermag (Deitelhoff und Zimmermann 2013a, 71). In ihrer Reaktion auf diesen Austausch merken Hofius et al. (2014, 86) an, dass sowohl in der poststrukturalistischen als auch der diskurstheoretischen Perspektive der nötige »kontextsensible Blick« auf agency verwehrt bleibe. Es sei vielmehr »die durch Zeit und Raum bedingte Situation, die sich nicht durch geographische Grenzziehungen, sondern durch diskursive Arenen mit bestimmten Praktiken auszeichnet« (ebd., 90).

Insgesamt zeigt sich somit ein andauerndes Unbehagen über das Verhältnis von agency und structure, von Praktiken unterschiedlicher Akteure in der Gestaltung internationalen Normen: Wer schafft Normativität, wo entstehen Konflikte und was bedeutet dies für die Entwicklung internationaler Normen und ihrer Erforschung? Diese Streitpunkte verweisen auf die zentralen Aspekte, die auch im Zuge der Einführung praxistheoretischer Ansätze in die IB diskutiert werden (Ulbert 2012, 134). Gerade die Überwindung der Dichotomie zwischen agency und structure, so Adler und Pouliot (2011, 15) in ihrem programmatischen Beitrag zu Praxistheorien in den IB, könne durch eine analytische Hinwendung zu internationalen Praktiken gelingen (kritisch Ringmar 2014, 15–17).

Die Normenforschung hat sich nie völlig losgelöst von der Frage nach der Rolle von Praktiken bewegt, sondern sie ist immer dort einem praxistheoretischen Impuls gefolgt, wo die »Bildung und Entstehung von Normen […] ausgehend von Praktiken verstanden [wird]« (Gadinger 2015, 5). Somit bedeutet ein praxistheoretischer Ansatz eine Abkehr vom Modell des homo sociologicus und dem entsprechenden Fokus auf Normbefolgung, sowie eine Hinwendung zur Analyse jener Praktiken, die Normen gestalten (Reckwitz 2002, 246; vgl. Ulbert 2012, 134). Dies entspricht einem Trend in der Normenforschung, der weniger auf die Ergebnisse von normgestaltenden Prozessen abzielt als vielmehr auf diese Prozesse selbst, und zwar indem der Fokus auf die Handlungen der Akteure gelenkt wird (Zimmermann 2016, 105–7; vgl. Bob 2012, 17–22; Bucher 2014, 755). Auf diese Weise wird das enge Korsett des Fokus auf Normbefolgung geöffnet, wie Kratochwil (1989, 61) schon früh anmahnte:

»Actors are not only programmed by rules and norms, but they produce and change by their practice the normative structures by which they are able to act, share meanings, communicate intentions, criticize claims, and justify choices.«

Kratochwil eröffnet hier nicht nur die Perspektive auf eine Lesart von Normen jenseits von eingleisiger Regelbefolgung, indem er auf die dynamisierende Rolle von Praktiken als Bindeglied zwischen agency und structure verweist (Doty 1997, 371), sondern skizziert auch das breite Spektrum von Praktiken, durch die Normativität erzeugt und verändert wird. Es sind in erster Linie die Akteure und ihre Praktiken, die die unterschiedlichen Qualitäten von Normen im Prozess ihrer sozialen Konstruktion gestalten und immer wieder erneuern und verändern.

Vor diesem Hintergrund scheinen praxistheoretische Ansätze in den IB auch für die weitere Ausdifferenzierung der Erforschung internationaler Normdynamiken interessante Impulse zu bieten. Die von Adler und Pouliot angestoßene Debatte über den Mehrwert sowie die analytischen (Un-) Schärfen praxistheoretischer Zugänge in den IB ist indes noch nicht abgeschlossen (Kratochwil 2011; Andersen und Neumann 2012; Ringmar 2014; Schindler und Wille 2015; Kustermans 2016). Zudem bieten diese Ansätze kein einheitliches Theoriegerüst, sondern lassen sich am ehesten unter einem breiten Familienbegriff fassen, in dem sich unterschiedliche Traditionen herausbilden (Bueger und Gadinger 2015, 454). Praxistheoretische Ansätze in den IB speisen sich aus der Soziologie Bourdieus, greifen auf organisationssoziologische Ansätze wie die communities of practice zurück oder arbeiten mit pragmatistischen Ansätzen der französischen Soziologie um Bruno Latour und Boltanski (Bueger und Gadinger 2014).

Im Folgenden gehe ich auf drei Ansätze ein, die sich jeweils in einer dieser Theorieangebote verorten lassen und ausdrücklich mit der Frage nach Normativität in der Weltpolitik befassen. Auch wenn diese Ansätze in unterschiedlichem Ausmaß den Anspruch erheben, einen praxistheoretischen Beitrag zur Normenforschung zu liefern, exemplifizieren sie dennoch die Stärken und Schwächen einer praxistheoretisch inspirierten Erforschung internationaler Normen im Rahmen ihrer theoretischen Prämissen. Auf diese Weise will dieser Artikel außerdem einen Beitrag zu der grundsätzlichen Frage nach der »Plausibilität und mögliche analytische Fruchtbarkeit« praxistheoretischer Ansätze leisten, wie sie sowohl in der Sozialtheorie (Bongaerts 2007, 247) als auch in den IB diskutiert wird.

Strukturelle Ordnung der Praxis durch den nomos

Das Instrumentarium, das Bourdieus Soziologie bietet, ist für die IB nicht zuletzt in praxistheoretischen Ansätzen handhabbar gemacht (insbesondere Pouliot 2010) und in unterschiedlichen Feldern angewandt worden (für einen Überblick Adler-Nissen 2013a). Sowohl in der Theorie Bourdieus als auch in den entsprechenden praxistheoretischen Ansätzen in den IB wird die Frage nach der Rolle von Normen allerdings eher unterschwellig behandelt. Ich werde im Folgenden nur kurz auf die zentralen Konzepte Bourdieus eingehen und mich dabei in erster Linie auf die Übersetzung in die IB beschränken, um mich sodann auf die Frage nach der Normativität in der Weltpolitik in einer Bourdieuschen Lesart zu konzentrieren.

Die Übersetzungen von Bourdieus Theorie in die IB haben in erster Linie auf seine Konzepte des Habitus und des Feldes abgehoben, vor deren Hintergrund eine logic of practicality als Handlungslogik in der internationalen Politik postuliert wurde (Pouliot 2008, 275). Das komplexe Wechselspiel, das zur Erzeugung von Praktiken führt, fassen Pouliot und Mérand (2013, 31) pointiert zusammen:

»[A]ctors act based on the dispositions that have been crafted over time (habitus) which, at the point of intersect with their socially defined positions (in the field), are actualized in the form of practices.«

Sowohl für den Habitus als auch das Feld bilden »stille« Regeln eine bedeutsame Grundierung eines Netzes von Orientierungspunkten, die Bourdieu als doxa bezeichnet und die einen ersten Rückschluss auf ein praxistheoretisches Verständnis von Normen im Sinne Bourdieus zulassen: Einerseits ergibt sich Normativität am ehesten aus der Regelmäßigkeit von Praktiken (Bueger und Gadinger 2014, 69), andererseits verweist das doxa auf die stillen Hintergrundkräfte, die Feld und Habitus kennzeichnen und welche aufgrund ihrer steten Habitualisierung und Sozialisierung gleichsam unhinterfragt als legitim akzeptiert werden (ebd., 24). Dieses Verständnis von Normativität verdichtet sich im Konzept des nomos, einem bislang in den IB weniger stark rezipierten Konzept Bourdieus, und steht daher in seiner Übersetzung in die Normenforschung im Folgenden im Vordergrund (Epstein 2013, 163).

Für Epstein (2013, 168) eröffnet eine Bourdieusche Lesart von Normativität in der Weltpolitik, im Kontrast zur überwiegenden Normenforschung in den IB, einen Blick auf die »broader structural normative order«. Sie definiert den nomos als

»a principle of inclusion and exclusion that sets the boundaries of a field. […] The nomos, then, is the underlying grid that organizes both cognition (the way of seeing the field itself) and action (the way of acting within it).« (ebd., 170)

Der nomos bildet somit eine normative Ordnung – ein »principle of vision and division« – die die jeweiligen Felder grundiert und Praktiken sowohl ermöglicht als auch beschränkt (Adler-Nissen 2013b, 17; Epstein 2013, 171).

Ausgehend von der Kritik an einem zu starken Fokus auf die Erfolgsgeschichten einzelner Normen bzw. Normunternehmer und einem einseitigen Prozess der Norm-Sozialisierung (Epstein 2013, 168–69; vgl. Epstein 2012), skizziert Epstein (2013, 171–72) drei Stärken, die der nomos als Konzept für die Normenforschung bietet: Der nomos überwinde erstens den Fokus auf eine einzelne Norm, indem er Normativität als breite Matrix versteht, die einzelne Normen überhaupt erst möglich macht; zweitens gebe es dem Zusammenspiel von Macht und Normativität einen empirisch fassbaren Raum; und drittens ermögliche es, eine Topographie aus Normativität und Machtbeziehungen zu zeichnen und zu zeigen, wie sich in bestimmten Räumen einzelne Praktiken formen können und andere nicht.

Als Fallbeispiel dient Epstein der Bereich des Wahlfangs und des Moratoriums der Internationalen Walfangkommission (IWC), unter dem seit 1988 die Fangquoten für kommerziellen Walfang auf null gesetzt sind. Für walfangbetreibende Staaten, die Mitglieder der IWC sind, bedeutet dies de facto ein Walfangverbot, das nur wenige Ausnahmen zulässt. Epstein legt dar, wie dieses Feld im Sinne Bourdieus von einem bestimmten nomos geprägt ist, der Praktiken innerhalb des Feldes sowohl einschließt (»anti-whaling«) als auch ausschließt (»whaling«) und die Akteure dementsprechend innerhalb des Felds positioniert. Der Fokus auf die Kategorisierung, die einen nomos ausmachen, in diesem Falle »aboriginal« und »scientific whaling« als Umschreibung erlaubter Praktiken neben dem Verbot kommerziellen Walfangs, machen die ordnenden Effekte des nomos für die Praktiken innerhalb des Feldes deutlich. Jenseits dieser Kategorisierungen, so Epstein, falle es Akteuren schwer, ihre Praktiken zu legitimieren (ebd., 174). Auf diese Weise eröffnet der nomos als analytische Linse den Blick auf die in der Normenforschung jüngst verstärkt kritisierte Machtvergessenheit (Engelkamp, Glaab und Renner 2012, 104). In Epsteins Beispiel bestimmen die Strukturen des Walfang-nomos, wie sich die Akteure entlang der maßgeblichen Kategorien positionieren und wie diese Positionierung wiederum die immateriellen Machtverhältnisse bestimmt. So verfügen nicht-staatliche Akteure, wie Greenpeace, über mehr Macht, als Staaten wie Japan, »simply because that actor stands on the ›right‹ side of where the lines have been drawn« (Epstein 2013, 172–73).

Mit diesem Fokus auf die strukturellen Effekte des nomos wird allerdings der Blick auf die Entstehung und den Wandel der entsprechenden Kategorisierungen verstellt. Die Aushandlung des nomos und die entsprechenden politischen Kämpfe werden zwar als Gründe für den Wandel des nomos von Walfang zu Anti-Walfang angebracht (ebd., 172–75), es bleibt aber unklar, wie sich dieser Wandel genau vollzieht, da der nomos ähnlich wie doxa den status quo innerhalb eines Feldes zu reproduzieren scheint. Die analytische Stärke des nomos liegt in der Kartierung der strukturellen Ein- und Ausgrenzung bestimmter Praktiken; nicht jedoch ihres Potentials, den nomos selbst zu verändern. Dieses konzeptionelle Problem findet sich auch in der generellen Theorie Bourdieus wieder, die nicht erklärt, wie Wandel in der Praxis selbst entsteht, sondern lediglich auf strukturelle Veränderungen abhebt, denen die Praxis der Akteure entweder entspricht oder hinterherhinkt (Schindler und Wille 2015, 336–37).

Den strukturellen Kräften des nomos scheinen die Akteure nahezu ausgeliefert zu sein: Ähnlich wie der Habitus als auswegloser Determinismus wirkt (Leander 2011, 299), erzeugt der nomos ein normatives Netz aus dem es für die Akteure gleichsam kein Entrinnen gibt. Leander (2011, 300) folgert, dass der »agent/habitus view of the cast in IR is charged with robbing the actors of their individuality, in the sense of their psychology and their personal talent«. Ähnlich wie der soziologische Institutionalismus, der die Wirkmacht einer Weltkultur herausarbeitet (Meyer und Krücken 2005), wird auch hier eine strukturalistische Schlagseite offenkundig (dazu Finnemore 1996, 342). Auch wenn Normativität für Epstein nicht aus einer überwölbenden Weltkultur fließt, sondern in verschiedenen Bereichen und Räumen unterschiedliche nomoi die normativen Strukturen vorgeben, scheint der nomos als analytische Kategorie ähnlich strukturlastig wie der Kulturbegriff des soziologischen Institutionalismus. Indem sie die Frage nach der Machtdimension solcher normativen Strukturen ins Zentrum rückt, zeigt sich, wie sehr Bourdieus Theorie in erster Linie als eine »theory of domination« verstanden werden muss (Pouliot und Mérand 2013, 33), worin sich auch Bourdieus Hang zu Statik und Reproduktion verdeutlicht (Bueger und Gadinger 2014, 28; Pouliot und Mérand 2013, 38).

Sobald ein nomos einmal gesetzt ist, scheint er nahezu unveränderbar auf die Akteure und ihre Praktiken zu wirken. Das Beispiel des internationalen Walfangverbots zeigt aber, wie der Streit über Geltung und Anwendung von Normen auch nach ihrer Setzung fortdauert (Deitelhoff und Zimmermann 2013b). Gerade die Walfang-Kategorisierungen, für Epstein Ausdruck der Wirkmacht des nomos, bilden den Ausganspunkt für anhaltende Kontroversen über die Grenzziehungen der zugrundeliegenden Kategorien selbst. Eine Bourdieusche Lesart der Normenforschung verwehrt den Blick auf die Akteure und ihre (diskursiven) Praktiken, in der die Bedeutung bestimmter Kategorisierungen selbst zum Streitpunkt wird (vgl. Schindler und Wille 2015, 349).

Communities of (Legal) Practice

Das Konzept der communities of practice, das ursprünglich in den Organisations- und Managementwissenschaften entwickelt wurde (Lave und Wenger 1991; Wenger 1998), wurde aufgrund seiner Anschlussfähigkeit an bestehende Gemeinschaftskonzeptionen in den IB aufgegriffen (Adler 2005; im Überblick Bueger und Gadinger 2014, 29–43). Im Hinblick auf die Entwicklung internationaler Normen findet sich die Idee von communities of legal practice explizit auch in der konstruktivistisch inspirierten interaktionalen Völkerrechtstheorie wieder, die im Folgenden fokussiert wird (Brunnée und Toope 2010; 2011). Dieser interaktionale Ansatz wendet sich gegen ein positivistisches Verständnis von (Völker-) Recht:

»Rather than simply treating state practice as behavioural regularities, or as the day-to-day application of a pre-existing construct called ›law‹, we posit that a distinctive practice of legality is required for law, and legal obligation, to exist and to be sustained over time.« (Brunnée und Toope 2011, 109)

Dieser Ansatz löst somit Legalität von der Bindung an souveräne Autorität, die das Recht durch Sanktionierung durchsetzt, und öffnet den Blick auf Völkerrecht als eine Praxis, die in eine breitere soziale Ordnung eingebettet ist (Reus-Smit 2011, 339–40). Grundlage für die Herausbildung und den Erhalt von Rechtsnormen und deren Legalität durch Interaktion bildeten demnach ein »shared understanding«, die »criteria of legality« der Rechtstheorie Fullers und die Rechtspraxis in communities of legal practice (Brunnée und Toope 2011, 110–11; vgl. Adler und Pouliot 2011, 6, 18). Durch den breiteren Blick auf die Interaktionen, die Normen innerhalb einer sozialen Ordnung gestalten, macht dieser Ansatz eine Analyse unterschiedlicher Aspekte, die auf die Gestaltung internationaler Normen einwirken, möglich.

Brunnée und Toope zeigen dies unter anderem am Beispiel des Folterverbots. Sie zeichnen nach, wie sich das shared understanding gerade im US-amerikanischen Kontext nach dem 11. September 2001 gewandelt hat und so die Grundlage für die Folterpraktiken im war on terror und entsprechende Einschränkungen des Folterverbots bildete. Brunnée und Toope (2011, 110) bieten durch ihren praxistheoretischen Zugang ein vielschichtigeres Bild jener Praktiken – in ihren Worten »continuing interactions«, »that make, maintake, remake or even unmake international law«. Die Legalität von Normen hängt von fortdauernden Rechtspraktiken ab – brechen diese ein, verliert auch die Norm ihre rechtliche Dimension (ebd., 111). Der Fokus auf bestimmte Rechtspraktiken scheint jedoch den Blick für unterschiedliche Ebenen der Kontestation zu verstellen. Zentral ist in ihrem Analyserahmen das Kriterium der Kongruenz zwischen Norm und Praxis, der Aufrechterhaltung der Rechtskriterien in der Praxis (Brunnée und Toope 2011, 116, 2010, 36–37). Damit reduzieren sie die normerhaltende Rechtspraktik letztlich jedoch auf die Befolgung von Normen.

Dies wird auch in ihrer empirischen Analyse des Folterverbots deutlich. Sie kommen damit zwar zu einem anderen Befund, als den eines erodierenden Folterverbots, wie er während des war on terror festgestellt wurde (Rosert und Schirmbeck 2007). Ihre Schlussfolgerung, dass das Folterverbot trotz des hohen Maßes an Normbrüchen diese Phase sogar gestärkt hinter sich gelassen habe, erscheint ihnen aber selbst »ironisch« (Brunnée und Toope 2010, 250). Jüngere Arbeiten zeigen hingegen, wie unterschiedliche Formen von Kontestationsdiskursen unterschiedliche Effekte auf das Folterverbot haben (Barnes 2016). Wie Hurd (2014, 142) anmerkt, zeigt das Beispiel des Folterverbots »the fact that the legitimation of the rules does not in itself imply or create consensus over the meaning of compliance«. Zwar bilde gerade die (Un-) Klarheit der Norm, so Brunnée und Toope (2010, 251), ein Einfallstor für den Streit über die Grenzen zwischen Normbefolgung und -bruch. Sie betonen weiterhin, dass Praxis »can undermine legality, just as they can support it« (ebd., 262); wann es das eine tut und wann das andere, bleibt aber unklar.

Wie sich der Streit um Normen einschließlich über ihre Anwendung vollzieht, wie die Akteure tatsächlich interagieren, bleibt in dem interaktionalen Ansatz letztlich offen. Um diese Frage zu beantworten, müsste der Blick auf jene Praktiken gewendet werden, die dazu führen, etablierte Rechtspraktiken zu kritisieren oder zu unterminieren. Der Fokus liegt aber auf Lernprozessen der bestehenden Praktiken und vorgeprägter Normen in einer community of practice (Roberts 2006, 629). Über den Fokus auf die Rechtspraktiken hinaus müssten die »incompetent performances« in die Analyse miteinbezogen werden: »›incompetent‹ practices can mark a refusal to abide by the current rules, and can be the basis for a challenge to those rules – and, potentially, change in the rules themselves« (Duvall und Chowdhury 2011, 348). Fox (2000, 863) hält fest: »COPT [community of practice theory, ML] tells us nothing about how, in concrete practice members of a COP change a practice or innovate.« In der Reibung, die Kritik an bestehenden Praktiken oder konkurrierenden normative Referenzpunkte erzeugen können, liegt aber gerade das gestaltende Moment, das Normentwicklungen ausmacht.

Darüber hinaus erscheint der Community-Begriff, auch wenn er von Brunnée und Toope durchaus differenziert verwendet wird, nicht unproblematisch. Für ihr Konzept der »shared understandings« bildet die community of practice den vermittelnden »Lernraum«, in dem Bedeutung und Normativität in sozialer Interaktion ausgehandelt werden (Brunnée und Toope 2010, 63–64). Die Community wirkt als gleichsam stabilisierender Faktor auf das zugrundeliegende »shared understanding« und bindet den Erfahrungsschatz sozialer Interaktion zu einer »fixed form« zusammen (ebd., 62). Problematisch ist dieser Zusammenhang einerseits, da nicht klar wird, wie sich die Interaktion – bei Wenger als etwas »Alltägliches« verstanden – in transnationalen oder globalen Settings vollzieht (Bueger und Gadinger 2014, 35) und andererseits, da der Community-Begriff den Moment der Einigung, wenn auch zunächst nur semantisch, gerade gegenüber der Vielfalt von Praktiken übermäßig stark gewichtet (Nicolini 2012, 92; Roberts 2006, 629–30). Schließlich bleibt unklar, wie sich unterschiedliche communities of practice zueinander verhalten. In diesem Sinne merkt Reus-Smit (2011, 346) zurecht an, dass offen bleibt »what constitutes legal practices in different historical (or indeed cultural) contexts.«

Communities of practice kreisen scheinbar um einen festen Kern (Bueger und Gadinger 2014, 62), wodurch der Blick auf die Aushandlung von Normativität gerade an ihren Rändern verstellt wird (Duvall und Chowdhury 2011, 346). Es sind aber gerade diese Praktiken, die das Soziale ausmachen: »[It] is only at this level that morality, meaning, and normativity can be sustained« (Nicolini 2012, 94). Trotz des prima facie dynamischen, interaktionalen Ansatzes bleibt unklar, wie sich widersprüchliche Normen, Praktiken und Communities zueinander verhalten, wechselseitig ausgehandelt werden und sich über Zeit verändern (Bueger und Gadinger 2014, 35).

Praxis der Kritik und brüchige Normativität

Innerhalb der französischen Soziologie haben sich Boltanski und Latour in einer wechselseitigen, steten Auseinandersetzung an der Soziologie Bourdieus abgearbeitet (Bogusz 2010, 71–94; Guggenheim und Potthast 2012). Vor diesem Hintergrund erscheint es überraschend, dass gerade Boltanskis profunde Kritik bislang kaum in den IB aufgegriffen wurde (Gadinger 2016, 189). Boltanski geht nicht von der Regelmäßigkeit und Homogenität der Bourdieuschen Soziologie aus, sondern kritisiert ihre Annahme einer »blindmachende Illusion« der Macht des Unbewussten, die die Akteure auf nahezu willenlose »cultural dopes« reduziert. Weiterhin verstellt für Boltanski der Fokus auf »einstellungsspezifische Eigenschaften«, verdichtet im Konzept des Habitus, die das situationsabhängige Handeln der Akteure erdrücken, den Blick auf »nahezu alle ihre Verhaltensweise durch die Verinnerlichung herrschender Normen« (Boltanski 2010, 41). Diese Kritik lässt sich auf das Konzept des nomos ausweiten und knüpft an die oben skizzierte Kritik des communities of practice Ansatzes an. Boltanski reibt sich an Bourdieus Kategorie des »Unbewussten« und vollzieht einen grundsätzlichen Perspektivwechsel auf »alltägliche Praktiken«, vor allem in Bezug auf die situativ und aktiv handelnden Akteure (Bogusz 2010, 35). Im Folgenden skizziere ich zunächst die Eckpunkte, der Forschungsagenda der pragmatischen Soziologie und gehe dann in der Diskussion zweier Beiträge in den IB, die auf die Arbeiten Boltanskis zurückgreifen, auf die Möglichkeiten in der empirischen Forschung ein, indem ich die obigen Beispiele, Walfang und Folterverbot, nochmals aufgreife.

Auch für eine praxistheoretische Normenforschung wäre das Credo im Sinne pragmatischer Ansätze »follow the actors« (Latour 2007) bzw. »zurück zu den Dingen« (Boltanski 2010), um auf diese Weise an die oben skizzierten Problemstellungen innerhalb der Normenforschung selbst anzuschließen. Deren reflexiven Fähigkeiten und kreative Gestaltungkraft bilden die »performativen Wirkkräfte des Sozialen« und dienen der pragmatischen Soziologie als zentraler Analysegegenstand (Boltanski 2010, 47). Celikates (2006, 31) fasst diesen Blickwinkel auf soziale Praktiken zusammen, die nicht aus einer objektiven Außenperspektive verstanden werden können, »because they are internally related to the interpretations and self-images of their participants that can only be grasped if one takes their perspective as fundamental.«

Für die pragmatische Soziologie sind die »von den Menschen geschaffenen Einigungsformen« das zentrale Erkenntnisinteresse (Boltanski und Thévenot 2007, 51, 54). Diese Einigungsformen werden nicht als gegeben verstanden, sondern im Gegenteil als unwahrscheinliches und unbeständiges Moment (Bogusz 2010, 9). Normativität wird somit nicht als etwas Substantielles, sondern als ausdrücklich prozedural erfasst; prozedural deshalb, da sie sich aus den Situationen des Alltagslebens ergibt und von der steten Interaktion der Akteure abhängt (Boltanski 2010, 41). Boltanski (2010, 107) definiert diese Situationen »einerseits durch ihre Beziehung auf einen bestimmten Kontext, in dem die Handlung sich abspielt, und zum anderen durch den Sinn, der diesem Kontext dadurch verliehen wird, dass man ihn auf einen bestimmten Handlungstyp bezieht.«

Diese Perspektive setzt Normen situations- und kontextabhängig in ein amorphes Licht. Oder mit den Worten Boltanskis (2010, 127): »Gerade weil Auseinandersetzung und Kritik im sozialen Leben eine zentrale Rolle einnehmen, kann Normativität sich nie ganz in Regelmäßigkeit auflösen«. Das Ziel der pragmatischen Soziologie ist es daher Praktiken im reflexiven Sinne aus der Perspektive derjenigen zu verstehen, die diese Praktiken durchführen (Celikates 2006, 30). Die erste Ebene dieser »doppelstufigen Theorie« bildet die Praxis der Akteure und die darin sichtbare reflexive Struktur. Auf der zweiten Ebene zeichnet sie eine »Art Grammatik und Topik der Rechtfertigung und Kritik« nach, die insbesondere in Situationen des Streits sichtbar wird (Celikates 2008, 123). In diesen Situationen wird die soziale Realität Prüfungen bzw. Tests unterzogen (Boltanski 2010, 155). Es ist die »ständige Ungewissheit über das, was ist und Wert hat«, die solche Situationen prägt und mit der die Akteure ringen (ebd., 91).

Was Wert hat, bewerten die Akteure auf der Grundlage unterschiedlicher Rechtfertigungsordnungen, »cités« im französischen Original (Boltanski und Thévenot 2007, 179–268). Diese Rechtfertigungsordnungen lassen sich als »repertoires of evaluation« (Hanrieder 2016, 397) oder als »culturally embedded central grammers« (Gadinger 2016, 193) verstehen. Auch wenn ein direkter Übertrag der von Boltanski und Lauren Thévenot für den französischen Kontext herausgearbeiteten Rechtfertigungsordnungen in die IB voraussetzungsvoll erscheint, wie Hanrieder (2016, 398) zu Recht anmerkt, können sie in den IB als konzeptionelle Heuristik »for a thick and comparative reconsturction of moral evaluation schemes« nutzbar gemacht werden (ebd., 400). Sie bilden die normativen Knotenpunkte, auf die sich die Akteure in Situationen des Streits beziehen und auf die sich ihre Praktiken der Rechtfertigung und Kritik stützen (Gadinger 2016, 193).

Durch die Linse der Normenforschung und der Frage nach Entstehung und Wandel von Normen sind Streit und Konflikt besonders relevant, da sich dort normative Knotenpunkte aus der Topik der Rechtfertigung herauslesen lassen. Boltanski schlägt drei Arten von Prüfungen vor, in denen die Realität und ihre Beschreibung immer wieder getestet, das heißt bestätigt, neu ausgehandelt und verändert werden. Die Prüfungen werden nötig, wenn Unsicherheit über die Bewertung einer bestimmten Situation besteht, oder wenn unterschiedliche Rechtfertigungsordnungen zu unterschiedlichen Bewertungen führen. Diese Prüfungen bergen einen »inherent character of contention« (ebd., 193), denn »concrete evaluations can always be contested with reference to competing evaluative schemes« (Hanrieder 2016, 412).

Zunächst haben Wahrheitsprüfungen eine nahezu tautologische Funktion, indem sie »zeigen, dass es eine Norm gibt, und dazu entfaltet sie diese gleichsam um ihrer selbst willen« (Boltanski 2010, 155). Die häufigste Form der Prüfung bilden die Realitätsprüfungen. Sie werden vollzogen, wenn sich Widersprüche innerhalb oder zwischen bestimmten Rechtfertigungsordnungen auftun. Es wird geprüft, welche Ordnung die richtige ist, um die vorliegende Situation zu beschreiben und wie genau diese auf die Situation angewendet wird. In diesem Falle sind sich die Akteure zwar grundsätzlich über die bestehenden Ordnungen einig, kritisieren aber ihre Auslegung in bestimmten Fällen. In Realitätsprüfungen zeigt sich demnach eine »reformistische Form« der Kritik (ebd., 158–59). Am Ende dieser Prüfungen können Kompromisse stehen, die auf der Pluralität der Rechtfertigungsordnungen aufbauen. Da diese aber nie in Gänze kompatibel sind, können sie immer nur eine »zerbrechliche Übereinkunft« bilden (ebd., 51). Demgegenüber zielen existentielle Prüfungen im Sinne einer »radikalen Form« der Kritik auf die Infragestellung bestimmter Rechtfertigungsordnungen ab (ebd., 160–63). Während Realitätsprüfungen die Begründung von Normen bestätigen und durch eine reformistische bzw. korrektive Form der Kritik letztlich verstärken, kann die existentielle Prüfung durch eine radikale Form der Kritik schrittweise zur Auflösung von Normen führen, indem ihre Rechtfertigung und Begründung grundlegend bezweifelt wird (Boltanski und Chiapello 2006, 75).

Die Erforschung globaler Normen im Sinne der pragmatischen Soziologie wendet den Blick dementsprechend ab von einem vermeintlichen globalen Konsens über einzelne Normen, hin zu den Momenten des Streits, in denen in der sozialen Praxis Normativität sichtbar wird. Auf diese Weise lässt sich zeigen, wie internationale Politikfelder nicht durch ein einzelnes übergeordnetes normatives Prinzip geprägt sind, sondern gerade durch Kompromisse zwischen einer Pluralität von Rechtfertigungsordnungen durch die Akteure in Prüfungen immer wieder neu ausgehandelt werden. Ähnlich wie Hanrieder (2016, 401–412) vier Rechtfertigungsordnungen herausarbeitet, die in der globalen Gesundheitspolitik maßgeblich sind, ließe sich beispielsweise für den oben diskutierten Bereich des Walfangs die normative Pluralität verdeutlichen, die den Streit rund um den Walfang bestimmen – die durch die Linse des nomos aber verloren geht. Das Moratorium gegen kommerziellen Walfang bildet nicht den einzigen normativen Bezugspunkt. Vielmehr lassen sich holzschnittartig fünf unterschiedliche Rechtfertigungsordnungen erkennen, die in den Debatten rund um den Walfang aktualisiert werden: Erstens wird unter dem Prinzip der Nachhaltigkeit der Erhalt der Walbeständen angeführt; damit verknüpft wird zweitens auf den Tierschutz rekurriert; drittens wird unter dem Prinzip der Tradition der indigene Walfang gerechtfertigt; viertens wird das Prinzip der Wissenschaft als Grund für die Fortführung des Walfangs angeführt; und fünftens ließe sich unter dem Prinzip des Wohlstands der kommerzielle Walfang rechtfertigen (vgl. für die unterschiedlichen Positionierungen der Akteure und damit auch ihre normativen Bezugspunkte Epstein 2008, 199–244).

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie sehr das Moratorium gegen kommerziellen Walfang von 1986, das zunächst nur gelten sollte, bis die Auswirkungen auf die Bestände wissenschaftlich geklärt wären, nur einen möglichen Kompromiss zwischen den oben skizzierten Rechtfertigungsordnungen im Bereich des Walfangs bildet. Im Vordergrund standen die Rechtfertigungsordnungen der Nachhaltigkeit und des Tierschutzes, aber die Ausnahmen für wissenschaftlichen und indigenen Walfang verdeutlichen den kompromisshaften Charakter (vgl. Bailey 2008, 298–99). Sein Fortbestand hängt von der steten Neu- und Fortverhandlung ab, die sich in dem Streit innerhalb der internationalen Walfangkommission alljährlich äußern. Streit, der sich aus der Reibung zwischen den Ordnungen speist, sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese selbst Gegenstand von Kontroversen sind, wenn es beispielsweise um die Frage geht, welche Formen des Walfangs »nachhaltig« sind bzw. was Nachhaltigkeit überhaupt meint (vgl. Deitelhoff und Zimmermann 2013b, 11–13). Vor diesem Hintergrund wäre weniger die Frage relevant, ob das Moratorium als internationale Norm gescheitert ist, sondern wie die Akteure den Kompromiss neuverhandeln – wie der »whaling case demonstrates that the web of norms and values is itself steadily evolving« (Bailey 2008, 290). Auch wenn sich beobachten lässt, dass das Moratorium von einigen Akteuren immer stärker in Frage gestellt wird (Deitelhoff und Zimmermann 2013b, 12), verweist dies in erster Linie auf die fortbestehende Relevanz der Pluralität und Konkurrenz von Rechtfertigungsordnungen und entsprechenden Evaluationen in Bezug auf den Bereich des Walfangs. Solche Kompromisse verbleiben immer prekär, da sie, wie Hanrieder (2016, 412) festhält, »satisfy some, but rarely all, concerns of individual orders«.

Wie sich solche Aushandlungen durch die Linse der Prüfungen verstehen lassen können, illustriert Gadinger am Beispiel der Senatsanhörung in der Folge des Folterskandals von Abu Ghraib in den USA. Den Ausgangspunkt in der Analyse bildet nicht die Norm des internationalen Folterverbots, wie es oben skizziert wurde, sondern die Situation des Streits, des Skandals. Anhand einer Episode zwischen dem US Senator Dayton und General Myers sowie dem damaligen US Verteidigungsminister Rumsfeld zeichnet Gadinger das Wechselspiel zwischen Rechtfertigung und Kritik nach und arbeitet die unterschiedlichen normativen Bezugspunkte, die Rechtfertigungsordnungen auf die die Akteure zurückgreifen, heraus. Im Zentrum des Streits stünden, so Gadinger (2016, 199), »contradicting orders of worth, thereby impeding on their [the actors involved; ML] ability to reach a justified agreement«. Im Sinne eines Realitätstests streiten die Akteure über die richtige Beschreibung der Situation. Während Senator Dayton das demokratische Selbstverständnis der USA sowie die Ideale des Menschenrechtsschutzes anführt und so zu einer Verurteilung des Skandals von Abu Ghraib sowie einer Kritik der Verschleppungstaktiken in der Informationspolitik der Bush-Administration kommt, rechtfertigt Rumsfeld das Zurückhalten von Informationen mit der Gewährleistung der nationalen Sicherheit und des Schutzes der US-Truppen. Der Folterskandal selbst wird gewissermaßen de-skandalisiert, indem er als Ausnahme von der Regel dargestellt wird. In dem Austausch wird deutlich, wie sehr die Situationsbeschreibung durch unterschiedliche normative Bezugspunkte zu einem fundamentalen »misunderstanding of the situation«, wie es Rumsfeld selbst formulierte, führte (ebd., 199–200).

Wie sehr selbst Debatten um vermeintlich unverhandelbare Normen wie das Folterverbot aufbrechen können, zeigen auf internationaler Ebene die »konstruktiven Dialoge«, die zwischen dem UN Committee against Torture und den Staaten im Zuge des Monitoringprozesses geführt werden. So umschreibt Andrea Liese (2009) in ihrer Analyse der Kontestation des Folterverbots, wie die USA, Israel und Großbritannien vor dem UN Committee sowohl das internationale Folterverbot als auch die nationale Sicherheit und die Notwendigkeiten einer »exceptional necessity«, in der Ausnahmen zum Folterverbot möglich seien, als normative Bezugspunkte heranziehen. Der Blick hinein in diese Situationen des Streites geht zunächst, anders als es oben in der Diskussion der communities of legal practice deutlich geworden ist, von einer »irreducible and rationally irresolvable plurality of moral standards« aus (Gadinger 2016, 202). Communities of practice sind demnach selbst Gegenstand von normativen Aushandlungsprozessen, die sich gerade an ihren Grenzen und in der Reibung zu anderen Communities äußern. Wie diese ausgehandelt werden, zeigt sich nur, wenn Konzepte wie der nomos oder die community of practice aufgebrochen werden. Normativität würde sich weniger aus der abstrakten Norm des Folterverbots bemessen, sondern vielmehr aus genau diesen Situationen des Streits.

Diese Beispiele illustrieren, wie eine Normforschungsagenda, die an die pragmatische Soziologie anknüpft, gleichsam einen Schritt zurückgehen und zunächst jene Kontroversen nachzeichnen würde, in denen die Akteure durch die Praktiken der Kritik und Rechtfertigung normative Bezugspunkte aktualisieren. Normen werden aus dieser Perspektive in erster Linie als fragile Kompromisse gefasst, die sich nur vor dem Hintergrund einer pluralen Normativität verstehen lassen. Die unterschiedlichen Prüfungen können als Heuristik dienen, sich ausgehend von diesen Rechtfertigungsstrategien und kritischen Kapazitäten zugrundliegenden normativen Knotenpunkte anzunähern. Diese Situationen bergen das Potential, Normen und Normativität jenseits eines dichotomen Verständnisses von agency und structure oder von Mikro- und Makroebene aus der reflexiven Praxis der Akteure einerseits und den Rechtfertigungsordnungen andererseits heraus zu verstehen (Gadinger 2016, 203). Auf diese Weise könnte nicht nur affirmative, sondern auch auf den Enthüllungsmoment beschränkte Forschungsagenden vermieden werden, die beide auf bestimmten normativen Vorannahmen des Forschenden beruhen. In diesem Sinne hält Hanrieder (2011, 409) in ihrer Kritik an diskurstheoretischen Ansätzen in der IB Normenforschung fest, dass

»a pragmatic abstention from normative claims could provide a new perspective on moral agreement as genuinely practical achievement. Such a pragmatist stance would allow IR norm researchers to view effective argument not as a reasoned consensus, but first and foremost as a successful performance«.

Pragmatistische Ansätze eröffnen demnach eine vielversprechende Perspektive »on how international politics, at the level of actors and the normative justifications for their actions, changes over time« (Duvall und Chowdhury 2011, 347; vgl. Kratochwil 2014, 65–66). Boltanskis Ruf »zurück zu den Dingen« zu kehren, spiegelt sich in den IB bereits in Ansätzen wider, die nicht eine spezifische Handlungslogik, sondern mehrere, überlappende »agent’s logics of action« und deren kreatives Element, in den Vordergrund rücken (Kornprobst 2011, 71).

Allerdings ist auch die starke Betonung der Akteursperspektive und des Primats der Rechtfertigung der pragmatischen Soziologie nicht unproblematisch. Aus einem soziologischen Blickwinkel hat Axel Honneth drei Kritikpunkte formuliert, die auch für die oben skizzierten Debatten in den IB relevant sind. Erstens stellt er in Frage, dass »das tiefsitzende Verlangen nach einem Nachweis von Legitimität« tatsächlich der einzige Aspekt ist, der die Akteure anleitet – dass »die soziale Welt in ihren verschiedenen Sphären nichts anderes als das Erzeugnis von Praktiken moralischer Rechtfertigung ist« (Honneth 2008, 94). Auch wenn beispielsweise interessenbasierte Rechtfertigungen im Verständnis der pragmatischen Soziologie an bestimmte Rechtfertigungsordnungen zurückgebunden sein könnten, verweist Honneth zu Recht darauf, dass sich Rechtfertigungen auch jenseits moralischer Register denken lassen. Die Argumente von Vertretern walfangbetreibender Nationen mögen ebenso wie der US-Diskurs über Folter nicht zuletzt instrumentellen Interessen entspringen; dass sie sich aber rechtfertigen und versuchen alternative normative Bezugspunkte ins Feld zu führen, zeigt dennoch die gewichtige Rolle, die Praktiken der Rechtfertigung im sozialen und politischen Alltag spielen. Gleichwohl merkt Peter Wagner an, dass die Welt der pragmatischen Soziologie ähnlich »unliveable« wäre, wie die von Dominanz geprägte Realität Bourdieus, wenn sich die Akteure in einer fortwährenden Mühle von Rechtfertigung und Kritik verlören (Wagner 1999, 349).

Zweitens hinterfragt Honneth, inwiefern die Akteure tatsächlich frei in der Auswahl der Rechtfertigungsordnungen in der Praxis der Rechtfertigung und Kritik sind (Honneth 2008, 98–99). Die Fähigkeit zu Rechtfertigung und Kritik wird schlicht angenommen. Welche Strukturen entsprechende Praktiken ermöglichen oder beschränken, welche Rolle Macht für die Praktiken der Rechtfertigung und Kritik spielt, wird weitgehend ausgeblendet (Celikates 2008, 129). Die Frage, wer überhaupt kritikfähig ist scheint aber gerade für die Normenforschung in den IB von großer Bedeutung zu sein. Damit verbunden müsste zumindest thematisiert werden, ob zwischen den Rechtfertigungsordnungen Rangordnungen bestehen können, die in unterschiedlichen Kontexten variieren (Honneth 2008, 100–101). Deshalb kann die pragmatische Soziologie auch weniger Aussagen darüber treffen, warum bestimmte Rechtfertigungsordnungen dominanter sind als andere, wie dies beispielsweise oben im Konzept des nomos ins Zentrum der Fragestellung gerückt wird. Warum der Kompromiss im Walfang zumindest auf einer formellen Ebene so lange aufrechterhalten werden konnte, würde nicht deutlich werden. Boltanski (2010, Kapitel 5) verweist in diesem Zusammenhang auf die Macht der Institutionen und wie diese zu sich verändernden Herrschaftsmodi beitragen. Gerade der Modus »komplexer Herrschaft«, der sowohl Wandel zu ermöglichen als auch Kritik zu absorbieren scheint, ziele darauf ab »die existierenden Kollektive der Träger der Kritik« aufzulösen und verweist somit auf die möglichen Beschränkungen von Rechtfertigung und Kritik (Boltanski 2008, 148).

Drittens mahnt Honneth (2008, 101) an, dass sich die pragmatische Soziologie, auch ohne »eine Bresche für die Rückkehr zum Strukturalismus […] zu schlagen«, mit der Problematik ihrer »Tendenz zur Verflüssigung der moralischen Struktur des Sozialen« auseinandersetzen muss. Wenn sich Normen nur noch in schier undurchschaubaren Rechtfertigungspraktiken wiederfinden lassen, bildet dies nicht nur eine forschungspragmatische Herausforderung, sondern stellt auch die grundsätzliche Funktion von Normen als gesellschaftliche Orientierungspunkte in Frage. Der Fokus auf das Moment des Streits läuft zudem Gefahr, die gewichtige Rolle zu verkennen, die die unterschiedlichen Formen der Aktualisierung von normativen Beständen spielt, wenn sich Akteure ihrer Normen vergewissern, ohne über sie zu streiten (Möllers 2015, 328–30).

Schluss

Praxistheoretisch inspirierte Ansätze zu Normativität in der Weltpolitik behandeln ähnliche Problemstellungen wie die Normenforschung in den IB. Auch wenn gewinnbringende Anknüpfungspunkte identifiziert werden konnten, hat gerade die pragmatische Soziologie zunächst »other mechanisms of negotiating and mediating social and political interaction than the concept of norms as their focus of analysis« (Niemann und Schillinger 2017, 37–38). Eine entsprechende praxistheoretisch informierte Normenforschung steht somit vor der Herausforderung tatsächlich an bestehende Theorien und Konzepte anzuschließen.

In welche Richtungen können Ansätze aus der Familie der Praxistheorien der Normenforschung in den IB neue Impulse verleihen? Wie können gerade aktuelle Debattenstränge durch eine alternative Herangehensweise ergänzt werden?

Ansätze, die sich aus Bourdieus Soziologie und insbesondere seinem Konzept des nomos speisen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie jenseits einzelner Normen, zugrundliegende normative Strukturen identifizieren, die die politischen Felder ordnen und Praktiken ermöglichen bzw. ausschließen. Auf diese Weise wird stärker auf die Machtdimension abgehoben, die sich mit der Frage nach Normativität verbindet. Der communities of practice Ansatz liefert eine Möglichkeit, internationale Rechtsnormen durch ein breiteres Spektrum von »shared understanding«, Rechtskriterien und -praktiken zu verstehen. So wird ein reichhaltigeres Bild von Normdynamiken möglich, das sich nicht auf die – gerade im Völkerrecht oft übliche – Engführung auf die Normbefolgung und Sanktionierung beschränkt. Beide Ansätze führen allerdings eine strukturalistische Schlagseite und ein statisches Konzept von Normen fort. Indem einerseits der nomos als normative Struktur und andererseits die community of practice als »well identifiable social thing« (Nicolini 2012, 91), den Ausgangspunkt der Analyse bilden, können sie die »inherent instability of practice« nur schwerlich fassen und nicht als Ausgangspunkt von (normativem) Wandel verstehen (Schindler und Wille 2015, 346–49).

Wenn aber Einigung, oder anspruchsvoller Konsens, über Normen und Normativität, wie Christoph Möllers (2015, 415) es formuliert, »praktisch stets in der Lösung kleiner und konkreter Fragen zum Ausdruck [kommen; ML], nicht aber in großen Formeln«, ist es die soziale Praxis, die solche Einigungen im Kleinen schafft, die in der Analyse fokussiert werden sollte. Hier setzt die pragmatische Soziologie an, indem sie Normativität aus der Situation – aus dem Streit heraus – verstehen will, möglichst unvoreingenommen aus dem Blickwinkel der Akteure. Es sind nicht unbewusste Hintergrundstrukturen, denen die Akteure ausgeliefert sind oder blind folgen, sondern es sind die Akteure selbst, die mit ihren kritischen Kapazitäten Normativität stetig neu aushandeln und so in »brüchigen Übereinkünften« kompromisshafte Einigungen schaffen (Boltanski 2010, 48). Auch wenn der Fokus auf den Streit und die soziale Praxis der Akteure im Vordergrund stehen, erschöpft sich die pragmatische Soziologie nicht in einem mikrosoziologischen Fokus auf Handlungen der Akteure. Die Heuristik der Prüfungen bietet eine Möglichkeit, sowohl die Praktiken der Rechtfertigung und Kritik als auch die normativen Bezugspunkte, die sie in einer Pluralität aus unterschiedlichen Rechtfertigungsordnungen versteht, nachzuzeichnen. Zumindest solange sich Arbeiten, die der pragmatischen Soziologie folgen, nicht in der von Honneth angemahnten »Verflüssigung des Sozialen« verlieren, scheint sie am ehestens das Versprechen praxistheoretischer Ansätze, an der Schnittstelle von agency und structure anzusetzen, einlösen zu können.

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1Ich danke Frank Gadinger, Sebastian Schindler und Lisbeth Zimmermann, den anonymen GutachterInnen sowie der diskurs-Redaktion für hilfreiche Kommentare zu früheren Versionen dieses Artikels.

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