Öffentlichkeit und Privatheit. Rekonstruktion einer Unterscheidung am Beispiel der Theorie von Jürgen Habermas

Abstract
Against the background of the lively debates on public deliberation in recent years, this essay tries to reconstruct the different public/private distinctions that one can find in Jürgen Habermas‘ pioneering works. It claims that we can find four specific forms of distinction, which evolve from each other starting with his work on the structural transformation of the public sphere until his later work on the discourse theory of the democratic state. Only in his later work Habermas seems to have solved the problem of intermediation between lifeworld and system. With this solution he also has found a convincing normative justification for the public/private distinction.

Artikel als pdf

In seiner ebenso berühmten wie umstrittenen Man-Analyse hat Martin Heidegger konstatiert: „Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung konstituieren als Seinsweisen des Man das, was wir als die ›Öffentlichkeit‹ kennen.“1 In der Öffentlichkeit ist man für Heidegger in der Weise der Unselbständigkeit und Uneigentlichkeit, „weil sie unempfindlich ist gegen alle Unterschiede des Niveaus und der Echtheit.“2 So kommt er zu dem Urteil, „die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus.“3 Im Umkehrschluss müsste die Privatheit für Heidegger durch die Seinsweise der Selbständigkeit und Eigentlichkeit konstituiert sein, auch wenn sich diese Behauptung so explizit nicht bei ihm findet. Wenn in diesem Urteil nicht nur ein antidemokratischer Affekt steckt – und ganz allein darauf lässt es sich nicht reduzieren –, dann haben wir es mit einem umfassenderen theoretischen Problem zu tun: der Frage nach einer Theorie von Öffentlichkeit und Privatheit zwischen normativen Annahmen und empirischen Aussagen. Das gleiche Problem zeigt sich etwa, wenn die in der Tradition der Hegelschen Dialektik von Besonderem und Allgemeinem stehende Philosophie Adornos in ihrer Kritik des identifizierenden Denkens und dem Diktum, das Ganze, die öffentliche Meinung, sei das Unwahre, eigentümliche Parallelen zu Heideggers Unterscheidung aufweist.4 Gegen eine solche Konzeptionalisierung von Öffentlichkeit und Privatheit hatte bereits John Dewey eingewendet, die Unterscheidung von Privatem und Öffentlichem entspreche „in keiner Beziehung der Unterscheidung von Individuum und Sozialem.“5 Er kommt dadurch zu einer normativ positiven Einschätzung der Öffentlichkeit, die einen zentralen Ort in seiner Demokratietheorie erhält.

Wir können das mit diesen kurzen Bemerkungen aufgeworfene Problem zunächst so formulieren, dass wir fragen: Was meinen wir mit „Öffentlichkeit“ und mit „Privatheit“? Wie verhalten sie sich zueinander? Und wo verläuft die Grenze? Korrespondiert die Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit den Unterscheidungen von Uneigentlichkeit und Eigentlichkeit, Allgemeinem und Besonderem oder Sozialem und Individuum? In welcher Weise man die Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit konzipiert und beurteilt, hängt darüber hinaus, so scheint es, mit weiteren im Hintergrund stehenden normativen Annahmen zusammen.

An die düstere Heideggersche und Adornosche Variante schließen sich heute kulturpessimistische Analysen an, für die hier exemplarisch Richard Sennetts Arbeit über die Tyrannei der Intimität und den Verfall des öffentlichen Lebens genannt sei. Sennett diagnostiziert einen Niedergang des öffentlichen Lebens seit dem 18. Jahrhundert durch einen zunehmenden Rückzug ins Private und eine Idealisierung der Kernfamilie als Schutzwall gegen die Lasten der öffentlichen Auseinandersetzung. Die damit einhergehende ausschließliche Fokussierung auf die eigene Person und die eigenen Gefühle führe zu einer Tyrannei der Intimität, die den kühlen, distanzierten und zivilisierten öffentlichen Umgang miteinander zerstöre. Sennett plädiert dadurch in gewisser Weise für eine Rückkehr zur älteren Formen des Zusammenspiels von Öffentlichkeit und Privatheit im Sinne des 18. Jahrhunderts.6 In normativer Hinsicht wurde in den letzten drei Jahrzehnten diese klassische Öffentlichkeits / Privatheits-Distinktion allerdings von feministischer Seite stark kritisiert. Selbst in der liberalen Form der Unterscheidung der beiden Sphären wurde die fortlaufende Unterdrückung der Frau durch den Mann erkannt, insofern in ihr der als natürlich aufgefasste, mit reproduktiven Aufgaben betraute und emotional geprägte private Bereich als Raum der Frau verstanden und vom öffentlichen, rationalen Bereich als Raum der Freiheit und des Mannes getrennt wurde. Eine mögliche Auflösung dieser verdeckten Herrschaftsbeziehung bestand in der Verabschiedung der Unterscheidung überhaupt, wodurch auch der private Bereich als öffentlicher, politischer Bereich und nicht als natürlich gegeben konzipiert wurde.7 Beate Rössler hat dagegen in jüngerer Zeit aus liberaler Perspektive eine Verteidigung des Wertes des Privaten und damit der Unterscheidung unternommen, indem sie die eigene Kontrolle über einen privaten Raum als substantielle Voraussetzung von Freiheit und Autonomie versteht. „Substantiell besteht der Konnex zwischen Privatheit und Autonomie also deshalb, weil nur durch solche mittels der Trennlinie privat/öffentlich abgesteckten ›Räume‹ die Ausbildung, der Entwurf und die Ausübung (bestimmter) Aspekte von Autonomie möglich werden. Auf die Frage ›Autonomie in welcher Hinsicht?‹ müsste dann die Antwort lauten: Privatheit schützt Autonomie in den Hinsichten, in denen die Ausübung von Autonomie angewiesen ist auf meine Kontrolle des ›Zutritts‹ anderer zu mir, zu meiner Person, zu meinen (Überlegungen zu) Entscheidungen, zu Informationen über mich; und ebendiese (symbolischen) Räume können nicht anders abgegrenzt werden als mit Hilfe der normativen Unterscheidung zwischen dem, was als privat, und dem, was als öffentlich zu gelten hat, da die Differenz zwischen ›frei‹ und ›unfrei‹ allein für diese Abgrenzungen gerade nicht hinreicht.“8 Aus historischer Perspektive haben Philipp Ariès und George Duby eine umfangreiche Geschichte des privaten Lebens vorgelegt, während sich Peter Uwe Hohendahl et al. vor einigen Jahren noch einmal der Geschichte der Öffentlichkeit zugewandt haben.9 Einen Überblick über verschiedene Verwendungsweisen der Öffentlich / Privat-Unterscheidung in der zeitgenössischen politischen Theorie hat Jeff Weintraub vorgelegt, wobei er vier zentrale Verwendungsweisen ausmacht: liberal-ökonomische (Staat vs. Markt/Gesellschaft), republikanische (Zivilgesellschaft/Öffentlichkeit vs. Staat einerseits und Privatbereich/Markt andererseits), sozialhistorisch-anthropologische (Öffentlichkeit und Privatheit als sich wandelnde Formen von Sozialität) und feministische (Familie vs. Markt/Politik).10 Eine breite internationale Debatte über den Begriff der Öffentlichkeit löste jedoch insbesondere die englischsprachige Publikation von Jürgen Habermas‘ Strukturwandel der Öffentlichkeit Ende der 1980er Jahre aus, die bis heute nicht abgerissen ist und zentral war für die Entwicklung deliberativer Demokratietheorien.11

Habermas schließt an die zuvor erwähnte Deweysche, demokratietheoretische Perspektive an und sagt von sich, „in meinem Modell tragen vor allem die Kommunikationsformen einer Zivilgesellschaft, die aus intakt gehaltenen Privatsphären hervorgeht, tragen die Kommunikationsflüsse einer vitalen Öffentlichkeit, die in einer liberalen Kultur eingebettet ist, die Bürde normativer Erwartung.“12 Hiermit sind schon einige zentrale Begriffe dieser Untersuchung gefallen, die es zu rekonstruieren gilt. Denn bei Habermas, der im Folgenden im Mittelpunkt stehen wird, findet sich eines der gegenwärtig differenziertesten Modelle zur Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit. Habermas ist der Theoretiker der Öffentlichkeit. Gerade deshalb scheint es interessant, Habermas‘ Philosophie zugleich auf den Stellenwert des Gegenpols der für sein Werk zentralen Öffentlichkeit abzutasten: der Privatheit, was in der theoretischen Auseinandersetzung bisher kaum geschieht.13 Hinzu kommt, dass Habermas die kritischen Momente der Heideggerschen, Adornoschen und Senettschen Öffentlichkeitsanalyse in seine Überlegungen zu Öffentlichkeit und Privatheit aufzunehmen versucht, ohne am Ende in deren häufig so einseitigen Kulturpessimismus zu verfallen.

Habermas‘ erste Studie zum Strukturwandel der Öffentlichkeit markiert dabei für diese Untersuchung den Ansatzpunkt zum Verständnis der Habermasschen Theorie im Ganzen, denn der Öffentlichkeitsbegriff wird als der zentrale Begriff bei Habermas aufgefasst.14 Die zentrale Frage der Untersuchung lautet im Hinblick auf die Öffentlichkeits / Privatheits-Unterscheidung bei Habermas: Warum sollte der politisch-soziale Raum in Öffentlichkeit und Privatheit aufgeteilt werden? Sie verweist auf eine normative Begründung der Unterscheidung. Die im Hinblick auf diese Frage zu prüfende These behauptet, dass Öffentlichkeit und Privatheit substanzielle Bedingungen für die grundlegende, normative Prämisse der Demokratie sind: beide verweisen auf den Autonomiebegriff, die Selbstbestimmung der Bürger. Sie sind Sphären der Realisierung von gleichursprünglichen Aspekten der Autonomie. Meine Argumentation wird versuchen, Habermas‘ normative Begründung dieser Unterscheidung werkgeschichtlich zu rekonstruieren. Dabei wird sich zeigen, so die weitere These, dass sich in Habermas‘ Werk vier verschiedene Unterscheidungsformen von Öffentlichkeit und Privatheit finden lassen, vom Strukturwandel der Öffentlichkeit über die Theorie des kommunikativen Handelns (TKH) bis zu Faktizität und Geltung (FuG), die sich in ihrer werkgeschichtlichen Entwicklung in spezifischer Weise auseinander rekonstruieren lassen und einer gewissen Entwicklungslogik folgen.15

Meine Rekonstruktion des Habermaschen Œuvres besagt, dass dieser in seiner Studie zum Strukturwandel der Öffentlichkeit aus bürgerlichen Praktiken des 18. Jh. und deren zeitgenössischer philosophischer Reflexion eine erste normative Form der Unterscheidung gewinnt, die ich als doppelte Unterscheidung bezeichne. Diese wird in Form der idealen Kommunikationsgemeinschaft prägend für sein weiteres Denken bleiben. Sie wird jedoch abgelöst von einer zweiten Unterscheidungsform, die ich die einfache Unterscheidung nennen möchte. In dieser schließt Habermas an die kulturpessimistischen Thesen der ersten Generation der Frankfurter Schule zur Kulturindustrie an (I). In seiner Theorie des kommunikativen Handelns, so der weitere Argumentationsgang, fundiert er die mit der doppelten Unterscheidung gewonnene normative Unterscheidungsform kommunikationstheoretisch, um sie dadurch zu begründen. Dadurch, dass er über die Kolonisierung-der-Lebenswelt-These jedoch auch an die zweite, einfache Unterscheidungsform anschließt, taucht in dieser kommunikationstheoretisch fundierten dritten Unterscheidungsform ein Vermittlungsproblem zwischen Öffentlichkeit und Privatheit und den in der TKH als systemisch integriert verstandenen Handlungsbereichen Staat und Ökonomie auf (II). Dieses Problem löst Habermas erst in FuG in seiner Diskurstheorie des demokratischen Rechtsstaates, in der die Öffentlichkeit als intermediäre Struktur verstanden wird. Mit der dort entwickelten vierten Unterscheidungsform werden Öffentlichkeit und Privatheit als Sphären der Realisierung von privater und öffentlicher Autonomie begründet, die als gleichursprünglich aufgefasst werden (III). Der Fokus der Untersuchung liegt auf dieser werkgeschichtlichen Rekonstruktion. Aus ihr und den dabei zu erkennenden Neuansätzen und Transformationen ergeben sich wichtige Einsichten für eine heutige Konzeptionalisierung der Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit, da wir in Habermas‘ Versuchen zentrale Fragen und Problematiken der Unterscheidung sowie Lösungsmöglichkeiten präsentiert bekommen, so das Resümee (IV).

I.

Beginnen wir mit Habermas‘ Beschreibung der Entstehung der ersten Unterscheidungsform in der Aufklärung: Die öffentlichen Orte, von denen aus Habermas die bürgerlichen Schichten das Zwiegespräch mit der öffentlichen Verwaltung des Absolutismus aufnehmen sieht, sind die Kaffeehäuser und Salons. Dieser sozusagen räumliche Konstitutionsprozess bürgerlicher Öffentlichkeit beginne in England und Frankreich zum Ende des 17. Jh.; in Deutschland, etwas verspätet, sind zu Beginn des 18. Jh. die Tischgesellschaften der Ort des räsonierenden Publikums.16 Es handele sich zu Beginn jedoch noch um eine rein „literarische Öffentlichkeit“. Man räsoniere über Literatur, Kunst und Musik. Diese literarische Öffentlichkeit bringe etwas hervor, das mit den Begriffen „public opinion“, „opinion publique“ oder „öffentliche Meinung“ umschrieben werde, in Zeitungen und Zeitschriften seinen Ausdruck finde (Tatler, moralische Wochenschriften) und sich von der Öffentlichkeit der öffentlichen Verwaltung abspalte. Habermas hebt dabei drei Charakteristika dieser literarischen Öffentlichkeit hervor: „Zunächst ist eine Art gesellschaftlichen Verkehrs gefordert, der nicht etwa die Gleichheit des Status voraussetzt, sondern von diesem überhaupt absieht. […] Die Diskussion in einem solchen Publikum setzt zweitens die Problematisierung von Bereichen voraus, die bislang nicht als fragwürdig galten. […] Der gleiche Vorgang, der Kultur in Warenform überführt und sie damit zu einer diskussionsfähigen Kultur überhaupt erst macht, führt drittens zur prinzipiellen Unabgeschlossenheit des Publikums. […] Alle müssen dazu gehören können.“17 Die Zeitungen und Zeitschriften gingen aus der Mitte des Publikums hervor. Das Publikum habe sich in dieser literarischen Öffentlichkeit „selbst zum Thema.“18 Die Erfahrungen, über die sich das Publikum verständige, entsprängen einer spezifischen Subjektivität, deren Sphäre die patriarchalische Kleinfamilie sei. Sie ist für Habermas der dominante Familientypus der bürgerlichen Schicht. Demgegenüber verharrten die Massen der ländlichen und städtischen Unterschichten noch weitgehend im Kontext von Großfamilie und ständestaatlichen Abhängigkeitsgefügen, die die Trennung von Öffentlichkeit und Privatsphäre nicht zuließen. Die neue Form bürgerlichen Lebens lasse sich, wie schon beim griechischen oikia oder der römischen villa, an der architektonischen Einteilung des Hauses in private und öffentliche Räume nachvollziehen. Auch im bürgerlichen Haus diene ein Salon als Empfangszimmer, dass der Öffentlichkeit zugewandt und von den privaten Räumen streng separiert sei. Die bürgerliche Neuerung sei nun, dass die privaten Räume jeweils einzelnen Familienmitgliedern zugeordnet sind, hier sozusagen selbst noch einmal innerhalb des Hauses individuelle Privatsphären entstehen. Sie würden nach dem jeweiligen Geschmack der Person eingerichtet und geben dem Bedürfnis nach Einsamkeit, Intimität, Innerlichkeit, Individualität, kurz: der Ausbildung und Erfahrung der eigenen Subjektivität Raum. Die Psychologie als Erforschung dieser Innerlichkeit habe hier ihren Entstehungsort und im Briefverkehr und im psychologischen Roman würden die Ergebnisse dieser inneren Erforschung einem Publikum mitgeteilt. Habermas nennt die patriarchalische Kleinfamilie den Ort einer „psychologischen Emanzipation“,19 denn sie verstehe sich als unabhängig und von allen gesellschaftlichen Bezügen losgelöst. Die Ehepartner und die Eltern und die Kinder begegneten sich in ihr als „bloße Menschen“. „Die drei Momente der Freiwilligkeit, der Liebesgemeinschaft und der Bildung schließen sich zu einem Begriff der Humanität zusammen, die der Menschheit als solcher innewohnen soll und wahrhaft ihre absolute Stellung erst ausmacht: die im Worte des rein und bloß Menschlichen noch anklingende Emanzipation eines nach eigenen Gesetzen sich vollziehenden Inneren von äußerem Zweck jeder Art.“20 Dabei stehe die bürgerliche Familie jedoch in einem Verhältnis der Abhängigkeit zum ökonomischen Geschehen des Marktes. Die zwanglose familiäre Intimität sei „das Siegel auf die Wahrheit“21 der für die Sphäre der Ökonomie propagierten scheinbaren Autonomie des Privateigentümers. Habermas betont aber, dass das vorgestellte Zusammenspiel von intimer Privatsphäre, die von den ökonomischen Zwängen befreit ist, und literarischer Öffentlichkeit, die sich von allen staatlichen und statusbedingten Zwängen ablöst, mehr ist als bürgerliche Ideologie. „Als ein in die Gestalt der wirklichen Institution mit aufgenommener objektiver Sinn, ohne dessen subjektive Geltung die Gesellschaft sich nicht hätte reproduzieren können, sind diese Ideen auch Realität.“22 Diese Verwendung des Begriffs „Geltung“ verweist bereits auf die Habermassche Konzeption von Gesellschaft und Demokratie in der Theorie des kommunikativen Handelns und in Faktizität und Geltung. Aus den Strukturen dieser literarischen Öffentlichkeit gehe nun die politische Öffentlichkeit hervor.

Die bürgerliche politische Öffentlichkeit, die sich die von der öffentlichen Verwaltung bisher reglementierte politische Öffentlichkeit aneigne, brauche nur auf die Strukturen der bereits konstituierten literarischen Öffentlichkeit zurückzugreifen. Dabei gingen die oben beschriebenen Ideen der literarischen Öffentlichkeit mit in das Verfahren der nun politischen Diskussionen ein. Man könnte hier auch von einer Politisierung der literarischen Öffentlichkeit sprechen, und vor allem im deutschen Reich findet diese, im Vergleich zu England und Frankreich wieder etwas verspätet, unter dem Eindruck der politisch-sozialen Revolutionen in Nordamerika und Frankreich statt. Zugleich hat sich diese Politisierung für Habermas aber dadurch angebahnt, dass der Warenverkehr zu einem Gegenstand von öffentlichem Interesse und von Politik geworden sei. Daher forderten die an diesem Warenverkehr beteiligten bürgerlichen Privateigentümer nun eine Teilhabe am Prozess politischer Entscheidungsfindung und das Medium dieser Forderung sei die öffentliche Meinung. Dennoch übersteigt die Idee der bürgerlichen politischen Öffentlichkeit für Habermas, durch die Anknüpfung an die in der literarischen Öffentlichkeit entwickelten Ideen, das rein materielle Interesse der Privateigentümer an der Teilhabe am politischen Entscheidungsprozess. Was von den Privateigentümern von der öffentlichen Gewalt eingefordert werde, sei die Schaffung genereller und abstrakter Gesetze. Als deren einzige legitime Quelle gelte nun die öffentliche Meinung. Für Habermas vollzieht sich das öffentliche Räsonnement der bürgerlichen Öffentlichkeit daher „im Prinzip unter Absehung von allen sozial und politisch präformierten Rängen nach allgemeinen Regeln, die, weil sie den Individuen als solchen streng äußerlich bleiben, der literarischen Entfaltung ihrer Innerlichkeit; weil sie allgemein gelten, dem Vereinzelten; weil sie objektiv sind, dem Subjektivsten, weil sie abstrakt sind, dem Konkretesten einen Spielraum sichern. Gleichzeitig beansprucht, was unter solchen Bedingungen aus dem öffentlichen Räsonnement resultiert, Vernünftigkeit; ihrer Idee nach verlangt eine aus der Kraft des besseren Arguments geborene öffentliche Meinung jene moralisch prätentiöse Rationalität, die das Rechte und das Richtige in einem zu treffen sucht.“23 Man meint hier in toto bereits das Programm der Habermaschen Diskurstheorie zu entdecken. Die Grundintuition ist also schon in der Studie zum Strukturwandel der Öffentlichkeit anzutreffen.

Aus dieser Rekonstruktion ergibt sich als erste Unterscheidungsform während dieser historischen Phase für Habermas eine doppelteUnterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit. Einerseits ist mit „öffentlich“ der Staat gemeint und somit diesem die gesamte bürgerliche Gesellschaft als „privat“ gegenüber gestellt. Andererseits zerfällt diese bürgerliche Gesellschaft selbst noch einmal in die Bereiche der „Öffentlichkeit“ und der familiären „Privatsphäre“ (Abb. 1).24

 

War im 18. Jh. das Thema noch Publizität als Waffe gegen die absolute Herrschaft des Fürsten, so ist für Habermas das Thema des 19. Jh. Wahlrechtsreform zur Erweiterung der zur Teilhabe an der politischen Öffentlichkeit berechtigten Schichten. In dem Maße aber, in dem sich die Öffentlichkeit erweitere, verliere sie für die bürgerlichen Schichten die emphatische Bedeutung von Kritik, Wahrheit und Vernunft. Sie werde nun mehr als Ausdruck eines Konformitätszwangs aufgefasst, zumal als Bereich unschöner Grabenkämpfe mit dem Proletariat um die materielle Verteilung. Habermas zeigt dies exemplarisch an Äußerungen von Mill und Toqueville. Beide forderten dann auch, den Einfluss der öffentlichen Meinung auf den Staat über eine repräsentative Regierungsform zu filtern und den auf das einzelne Individuum durch eine geschützte Privatsphäre, mit dem damit verbundenen Schutz der Grund- bzw. Freiheitsrechte, zu beschränken.25 Habermas bemerkt, dass sich in den nun folgenden hundert Jahren bis zur Mitte des 20. Jh. das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit grundlegend wandelt: „Zwei dialektisch aufeinander verweisende Tendenzen bezeichnen einen Zerfall der Öffentlichkeit: […] Öffentlichkeit scheint in dem Maße die Kraft ihres Prinzips, kritische Publizität, zu verlieren, in dem sie sich als Sphäre ausdehnt und noch den privaten Bereich aushöhlt.“26

Die Ausweitung der Öffentlichkeit unter Verlust ihres kritischen Potenzials erfolge durch einen zunehmenden staatlichen Interventionismus. Dieser reagiere auf die oligopolistischen Tendenzen des kapitalistischen Wirtschaftsystems des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er verbinde sich dabei mit der Übernahme staatlicher Aufgaben durch private Interessenverbände, Parteien, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, die ihre gesellschaftliche Macht direkt in politische umsetzen, beim Kampf um die materielle Verteilung einsetzen und die, etwa im Fall der Tarifverträge, quasi gesetzgeberische Kompetenzen gewönnen. Damit werde aber die Grenze zwischen privatwirtschaftlichem und öffentlichem Bereich sowie zwischen Privatrecht und öffentlichem Recht zunehmend verwischt. Dem sich hieraus entwickelnden Sozialstaat gelinge es zwar, die selbstzerstörerischen Tendenzen der Kapitalkonzentration abzufedern, er müsse allerdings dazu in hohem Maße gestalterisch in den zuvor privaten Bereich des Warenverkehrs und Eigentums eingreifen. Gleichzeitig verliere die Öffentlichkeit, durch die Organisation als Sphäre kollektiver Interessenverbände, die staatliche Funktionen übernehmen und gesamtwirtschaftliche Verteilungsprobleme aushandeln, ihren privaten Charakter einer Sphäre von autonomen Privatleuten. Habermas schlussfolgert daher: „Das publizistische Moment des öffentlichen Interesses verbindet sich in dem Maße mit dem privatrechtlichen der vertraglichen Formulierung, in dem mit Kapitalkonzentration und Interventionismus aus dem Prozess wechselseitiger Vergesellschaftung des Staates und einer Verstaatlichung der Gesellschaft eine neue Sphäre hervorgeht. Diese kann sinnvoll weder als eine rein private noch als eine genuin öffentliche aufgefasst und eindeutig den Bereichen des privaten oder öffentlichen Rechts zugeordnet werden.“27 Dieser neuen Sphäre stelle sich die private familiäre Intimsphäre als zusammengeschrumpfter Rest des ehedem privaten Gesellschaftsbereichs gegenüber. Die im Zuge der Kapitalkonzentration gebildeten Großbetriebe seien aus den Zusammenhängen des bürgerlichen Familienunternehmens herausgewachsen. Die Arbeitswelt bilde nun einen „quasi-öffentlichen Bereich.“28 Die Freizeit des Feierabends und der Wochenenden sei als Komplement der nun öffentlichen Berufssphäre das letzte Reservat der Privatheit.

Zum anderen erfolge das Eindringen der Öffentlichkeit über die entstehenden Massenmedien, die den Übergang vom kulturräsonierenden zum kulturkonsumierenden Publikum forcierten. Dabei nehme der der verselbständigten Berufssphäre komplementäre Freizeitbereich tendenziell den Raum ein, den zuvor die literarische Öffentlichkeit konstituierte. Er bleibe aber dem ökonomischen Bereich der Tauschbeziehungen insofern verhaftet, als sich die Aneignung von Kultur vollständig in Konsum verwandele, denn die Absatzorientierung der Massenmedien (z. B. Einschaltquote), mit ihrer einseitigen Kommunikation vom Sender zum Empfänger, verweigere die Möglichkeit des Widerspruchs als wichtiges Moment literarischer Öffentlichkeit. Die Kulturindustrie – hier schließt Habermas an Adorno und Horkheimer an29 – fabriziere daher patentierte Muster, die nur noch den Schein bürgerlicher Privatheit hervorbrächten. „Die durch Massenmedien erzeugte Welt ist Öffentlichkeit nur noch dem Schein nach; aber auch die Integrität der Privatsphäre, deren sie andererseits ihre Konsumenten versichert, ist illusionär.“30 Eine solche massenmediale Öffentlichkeit übernehme Funktionen der Werbung und betreibe Public Relations für den Status quo. In ihr verbinde sich der verstaatlichte Bereich der Gesellschaft, die Parteien und Verbände, mit dem vergesellschafteten Bereich des Staates, der öffentlichen Verwaltung, ohne Vermittlung der räsonierenden Privatleute. Die Kulturindustrie als Form ökonomischer und politischer Werbung diene Zwecken der Akklamation, der Legitimationsbeschaffung oder zumindest der Duldung beim Massenpublikum. „Inzwischen ermöglicht sie die eigentümliche Herrschaft über die Herrschaft der nichtöffentlichen Meinung: sie dient der Manipulation des Publikums im gleichen Maße wie der Legitimation vor ihm. Kritische Publizität wird durch manipulative verdrängt.“31 Habermas spricht hier deshalb auch von einer „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“,32 die dem Grundprinzip des demokratischen Rechtsstaates zuwider laufe: der Volkssouveränität.

Im Zuge unserer Rekonstruktion gelangen wir so mit Habermas am Ende des Strukturwandels der Öffentlichkeit zu einer zweiten Unterscheidungsform, einer einfachenUnterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit. Der zusammengeschrumpften privaten, familiären bzw. individuellen Intimsphäre steht eine enorm ausgeweitete öffentliche Sphäre gegenüber, die sich aus öffentlicher Verwaltung, massenmedialer Öffentlichkeit, öffentlichen Organisationen und quasi-öffentlicher Arbeitswelt zusammensetzt (Abb. 2).

Mit diesen beiden Unterscheidungsformen, der ersten doppelten und der zweiten einfachen, haben wir den von Habermas nachgezeichneten Strukturwandel der Öffentlichkeit rekonstruiert und ihn zugleich im Hinblick auf den Gegenpol der Öffentlichkeit, der Privatheit, abzubilden versucht. Mit der herausgearbeiteten ersten Unterscheidungsform verortet Habermas, wie gezeigt (Abb.1), die Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit auf zwei Ebenen. Ich habe dies die doppelte Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit genannt. Sie wird aus normativer Sicht als richtige Form der Unterscheidung ausgezeichnet, da in ihr die Öffentlichkeit der räsonierenden Privatleute im privaten, gesellschaftlichen Bereich verortet ist, und bleibt prägend für Habermas‘ weiteres Denken. In der im Anschluss an den Strukturwandel von Öffentlichkeit und Privatheit herausgearbeiteten zweiten Unterscheidungsform (Abb.2) vermischen sich nach Habermas die beiden Ebenen. Damit nähert sich die einfache Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit der von Sozialem und Individuum oder Allgemeinem und Besonderem. Es wundert nun angesichts der normativen Auszeichnung der ersten Unterscheidungsform nicht, dass Habermas die Transformation zur zweiten Unterscheidungsform als Verfallsgeschichte schreibt. Diese doch etwas einseitige Aufteilung in richtige und falsche Unterscheidungsform durch Habermas ist natürlich fragwürdig, und zwar nicht nur aus historischer Perspektive, da die Errungenschaften des Sozialstaats, der Arbeiter- und Frauenbewegung ja auch durchaus in philosophischer bzw. normativer Hinsicht zu berücksichtigen sind.33 Es mutet daher etwas seltsam an, dass die Öffentlichkeit genau in dem Moment zerfallen soll, in dem sie „zu einer Instanz gesamtgesellschaftlicher und nicht bloß bürgerlicher Interessenartikulation avanciert.“34

Wir werden sehen, wie Habermas diese Aufteilung kommunikationstheoretisch fundiert und beide Unterscheidungsformen in einer dritten Unterscheidungsform im Lebenswelt / System-Dualismus verbindet. Dadurch wird ihm eine Beschreibung gegenwärtiger Gesellschaften möglich, die ambivalente Tendenzen greifen kann und sich nicht in einer Verfallsgeschichte erschöpft.

II.

Die erste Frage, die sich uns hier bei der Rekonstruktion dieser dritten Unterscheidungsform stellt ist: Warum überhaupt eine kommunikationstheoretische Fundierung von Öffentlichkeit und Privatheit? Habermas‘ Antwort lautet: „Das, was uns aus der Natur heraushebt, ist nämlich der einzige Sachverhalt, den wir seiner Natur nach kennen können: die Sprache. Mit ihrer Struktur ist Mündigkeit für uns gesetzt. Mit dem ersten Satz ist die Intention eines allgemeinen und ungezwungenen Konsensus unmissverständlich ausgesprochen.“35 In seiner Frankfurter Antrittsvorlesung hat Habermas also bereits die Stoßrichtung seiner Philosophie angegeben, die in seinem Hauptwerk, der ›Theorie des kommunikativen Handelns‹, ihre Ausarbeitung findet. Die Sprache ist der grundlegende Ausgangspunkt. Mit diesem Ausgangspunkt werden sogleich normative Folgerungen verbunden: Mündigkeit und ungezwungener Konsensus, die an die in der Studie zum Strukturwandel der Öffentlichkeit rekonstruierte erste Unterscheidungsform erinnern. Die Strukturen des Zusammenspiels von bürgerlicher Privatsphäre und bürgerlicher Öffentlichkeit werden aus der Struktur der Sprache selbst abgeleitet. Bevor wir darauf eingehen, erscheint mir eine weitere Frage sinnvoll: Was will die Theorie des kommunikativen Handelns? Auch hier finden wir bei Habermas eine Antwort: „Es geht zunächst um einen Begriff der kommunikativen Rationalität, der hinreichend skeptisch entwickelt wird und doch den kognitiv-instrumentellen Verkürzungen der Vernunft widersteht; sodann um ein zweistufiges Konzept der Gesellschaft, welches die Paradigmen Lebenswelt und System auf eine nicht nur rhetorische Weise verknüpft; und schließlich um eine Theorie der Moderne, die den Typus der heute immer sichtbarer hervortretenden Sozialpathologien mit der Annahme erklärt, dass die kommunikativ strukturierten Lebensbereiche den Imperativen verselbständigter, formal organisierter Handlungssysteme unterworfen werden.“36 Hinter diesem ganzen Unternehmen steht der Versuch, die normativen Grundlagen einer kritischen Gesellschaftstheorie aufzuzeigen, um diese dadurch aus den Aporien zu befreien, in die sie beispielsweise durch Adornos negative Dialektik geraten war. Die gesamte Argumentation der TKH kann hier selbstverständlich nicht nachgezeichnet werden. Ich muss diese als weitgehend bekannt voraussetzen, da es mir nur um die Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit geht, die Habermas am Ende der TKH vornimmt.

Habermas versucht bekanntlich in der TKH zu zeigen, dass verständigungsorientiertes bzw. kommunikatives Handeln der „Originalmodus“ sozialen Handelns ist, denn „Verständigung wohnt als Telos der menschlichen Sprache inne.“37 Im Zuge der Rationalisierung der Lebenswelt und der funktionalen Differenzierung werde die soziale Integration von modernen Gesellschaften auf den rationalen Konsens einer idealen Kommunikationsgemeinschaft umgestellt. Diese ideale Kommunikationsgemeinschaft ist uns bereits in der ersten Unterscheidungsform der bürgerlichen Öffentlichkeit begegnet, an die Habermas hier anknüpft. In der TKH versucht er darüber hinaus zu zeigen, dass in den Strukturen der Sprache selbst diese sozialevolutionäre Tendenz zum kommunikativen Handeln, zum rationalen Konsens einer Kommunikationsgemeinschaft angelegt ist. Das meine ich hier mit der kommunikationstheoretischen Fundierung der ersten Unterscheidungsform von Öffentlichkeit und Privatheit.

Zugleich nimmt Habermas aber mit der Unterscheidung von Lebenswelt und System gewisse Momente der Verfallsgeschichte der zweiten Unterscheidungsform auf. Durch die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften seien gesellschaftliche Teilsysteme wie Politik und Ökonomie entstanden, die sich von der Lebenswelt abkoppelten und auf generalisierte Kommunikationsmedien wie Macht und Geld umstellten.

Innerhalb dieses Lebenswelt / System-Dualismus bei Habermas bilden nun die Öffentlichkeit und die Privatsphäre die gesellschaftlichen Komponenten der Lebenswelt. Die symbolische Reproduktion der Lebenswelt verlaufe über das Medium der Sprache durch kommunikatives Handeln. Privatsphäre und Öffentlichkeit und die Subsysteme Ökonomie und Staat seien komplementär aufeinander bezogen. In der Moderne bildeten die von produktiven Funktionen entlasteten und auf Sozialisationsaufgaben ausgerichteten Kleinfamilien den institutionellen Kern der Privatsphäre. Sie erschienen aus der Perspektive des ökonomischen Systems als Umwelt der privaten Haushalte. Das Wirtschaftssystem interagiere mit ihnen über den Tausch von Lohn gegen Arbeitsleistung und über das Angebot von Gütern und Dienstleistungen gegen Nachfrage der Konsumenten. Den institutionellen Kern der Öffentlichkeit bildeten die Kommunikationsnetze von Kulturbetrieb, Presse und Massenmedien. Sie ermöglichten die Teilnahme der Privatleute an der kulturellen Reproduktion und die Teilnahme der Staatsbürger an der über öffentliche Meinung sich vollziehenden sozialen Integration. Das administrative System interagiere mit der Öffentlichkeit über den Tausch von Steuern gegen Organisationsleistungen und von politischen Entscheidungen gegen Massenloyalität. Aus diesen Austauschbeziehungen ergäben sich auf der privaten Seite die Rollen des Beschäftigten und Konsumenten, auf der öffentlichen Seite die des Klienten und Staatsbürgers. Die Rollen des Klienten und des Beschäftigten seien organisationsabhängig und rechtsförmig konstituiert. In ihnen zeigt sich nach Habermas ein schmerzvoller Rationalisierungsvorgang, der aufgrund seiner größeren Effektivität traditionale Lebensformen zerstörte. Dagegen seien die Rollen des Konsumenten und des Staatsbürgers zwar ebenfalls auf systemische Handlungsbereiche bezogen, aber nicht organisationsabhängig definiert. Die mit ihnen einhergehenden rechtlichen Normen seien der Form nach Vertragsbeziehungen oder subjektiv öffentliche Rechte. Ihre Ausfüllung erfolge durch Handlungsorientierungen, in denen private Lebensstile und kulturelle und politische Lebensformen von Individuen zum Ausdruck kämen. „Konsumenten- und Staatsbürgerrollen verweisen deshalb auf vorgängige Bildungsprozesse, in denen sich Präferenzen, Wertorientierungen, Einstellungen usw. formiert haben. Solche Orientierungen werden in Privatsphäre und Öffentlichkeit ausgebildet; sie können nicht wie Arbeitskraft oder Steuern von privaten und öffentlichen Organisationen „gekauft“ bzw. „eingezogen“ werden. Das erklärt vielleicht, warum die bürgerlichen Ideale vornehmlich an diesen Rollen ansetzen. Die Autonomie der Kaufentscheidung unabhängiger Konsumenten und die Autonomie der Wahlentscheidung souveräner Staatsbürger sind gewiß nur Postulate der bürgerlichen Ökonomie und Staatstheorie. Noch in diesen Fiktionen bringt sich aber der Umstand zur Geltung, dass die kulturellen Nachfrage- und Legitimationsmuster eigensinnige Strukturen aufweisen.“38 Diese Betonung der kontrafaktischen Geltung erinnert an eine Bemerkung von Habermas, die uns im Rahmen der Rekonstruktion der ersten Unterscheidungsform begegnet ist. In dieser Kontinuität zeigt sich das Festhalten an der ersten Unterscheidungsform von Öffentlichkeit und Privatheit. Dennoch zeigt sich nun auch an den Rollen des Konsumenten und des Staatsbürgers für Habermas die schleichende Umstellung auf die Medien Macht und Geld, da die Subsysteme Staat und Ökonomie nur über diese Medien mit ihrer Umwelt kommunizieren könnten. Diese Umstellung sei ein Anzeichen für eine „Kolonisierung der Lebenswelt“, die in einer Monetarisierung und Bürokratisierung von privaten und kulturell-politischen Lebensformen ihren Ausdruck finde. Die Folge seien Orientierungs- und Legitimationskrisen. „In dem Maße wie das ökonomische System die Lebensform der privaten Haushalte und die Lebensführung von Konsumenten und Beschäftigten seinen Imperativen unterwirft, gewinnen Konsumismus und Besitzindividualismus, Leistungs- und Wettbewerbsmotive prägende Kraft. Die kommunikative Alltagspraxis wird zugunsten eines spezialistisch-utilitaristischen Lebensstils einseitig rationalisiert; und diese medieninduzierte Umstellung auf zweckrationale Handlungsorientierungen ruft die Reaktion eines von diesem Rationalitätsdruck entlastenden Hedonismus hervor. Wie die Privatsphäre vom Wirtschaftssystem, so wird die Öffentlichkeit vom Verwaltungssystem unterlaufen und ausgehöhlt. Die bürokratische Vermachtung und Austrocknung spontaner Meinungs- und Willensbildungsprozesse erweitert einerseits den Spielraum für eine planmäßige Mobilisierung von Massenloyalität und erleichtert andererseits die Abkopplung der politischen Entscheidungen von Legitimationszufuhren aus identitätsbildenden, konkreten Lebenszusammenhängen.“39 Gerade der sozialstaatliche Kompromiss führt nach Habermas – auch hier zeigen sich Kontinuitäten zur früheren Studie – zu diesem Übergreifen der Systemimperative auf die Lebenswelt. Indem der soziale und demokratische Rechtsstaat durch Verrechtlichungsprozesse versuche, die Verelendungstendenzen durch Interventionen in die materielle Reproduktion zu beheben, erzeuge er diese Störung der symbolischen Reproduktion. Die privatisierten Hoffnungen auf Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung zögen sich in die Rollen des Konsumenten und sozialstaatlichen Klienten zurück.40 Mit der Rationalisierung der Lebenswelt selbst komme es darüber hinaus zu einer Institutionalisierung von Expertenkulturen, die sich von Öffentlichkeit und Privatsphäre abtrennten und Wissenschaft, Moral und Kunst professionell bearbeiten. Laut Habermas setzen sie die lebensweltlichen Traditionen unter Reflexionsdruck, hinterlassen jedoch durch ihre Abkapselung nur ein „fragmentiertes Alltagsbewußtsein“,41 dem die Tradition unglaubwürdig geworden ist, ohne von Alternativen zu wissen. Die Folge seien Sinnkrisen. Öffentlichkeit und Privatsphäre seien also zugleich bedroht von einer systemischen Verdinglichung und einer kulturellen Verarmung. „Erst damit sind die Bedingungen einer Kolonialisierung der Lebenswelt erfüllt: die Imperative der verselbständigten Subsysteme dringen, sobald sie ihres ideologischen Schleiers entkleidet sind, von außen in die Lebenswelt – wie Kolonialherren in eine Stammesgesellschaft – ein und erzwingen die Assimilation; aber die zerstreuten Perspektiven der heimischen Kultur lassen sich nicht soweit koordinieren, dass das Spiel der Metropolen und des Weltmarktes von der Peripherie her durchschaut werden könnte.“42

Wir erhalten also aus der Rekonstruktion der TKH ein dritte Unterscheidungsform, die mit einer einfachen Unterscheidung zu operieren scheint (Öffentlichkeit und Privatsphäre als Komponenten der Lebenswelt) und diese kommunikationstheoretisch fundiert. Sie ist jedoch eingelassen in die Unterscheidung von Lebenswelt und System, wodurch auf dieser Ebene die an die doppelte Unterscheidung erinnernde Unterscheidung von „privater“ Gesellschaft und „öffentlichem“ Staat wieder aufgegriffen wird. Darauf verweisen zudem die von Habermas skizzierten Austauschbeziehungen von Öffentlichkeit und Privatheit und Staat und Ökonomie in der Moderne (Abb.3).

 

In diesem Abschnitt ist deutlich geworden, warum bei Habermas von einer kommunikationstheoretischen Fundierung von Öffentlichkeit und Privatheit gesprochen werden kann: Die herausgearbeitete dritte Unterscheidungsform verortet unsere Unterscheidungspole in der Lebenswelt, als deren gesellschaftliche Komponenten. Die symbolische Reproduktion dieser Lebenswelt verläuft laut Habermas über kommunikatives Handeln, das durch illokutionäre Geltungsansprüche gekennzeichnet ist. Im Falle von Interaktionsstörungen könne in den theoretischen und praktischen Diskurs oder in ein therapeutisches Gespräch eingetreten werden. Diskurse folgten den impliziten, kontrafaktischen Annahmen der idealen Sprechsituation und der Konsensustheorie der Wahrheit.

Diese dritte Unterscheidungsform zeigt, wie einerseits das Zusammenspiel von bürgerlicher Öffentlichkeit und Privatsphäre der ersten Unterscheidungsform in das Konzept der Lebenswelt eingeflossen ist. Der Lebenswelt / System-Dualismus erinnert daher an die dort herausgearbeitete Unterscheidungsebene von privatem Gesellschaftsbereich und öffentlicher Gewalt bzw. Staat; nur dass der ökonomische Verkehr der Privateigentümer, analog zur zweiten Unterscheidungsform, auf die Seite des Staates gewandert ist. Man sollte diesen Vergleich natürlich nicht zu weit treiben. Dennoch lässt sich, glaube ich, erkennen, dass in der Verortung von Öffentlichkeit und Privatheit im Lebenswelt / System-Dualismus eine Art Amalgam aus den beiden ersten Unterscheidungsformen der Studie zum Strukturwandel der Öffentlichkeit gebildet wurde. In diesem Amalgam liegt, was nicht überrascht, die normative Begründungslast ganz bei der aus der ersten Unterscheidungsform übernommenen Konzeption von bürgerlicher Öffentlichkeit und Privatsphäre, die nun als ideale Kommunikationsgemeinschaft auftritt. Dies wird auch in der Kennzeichnung der Rollen von Konsument und Staatsbürger deutlich, während vor allem die Rolle des sozialstaatlichen Klienten von Habermas negativ beurteilt wird. Die Kennzeichnung der Rolle des Beschäftigten bleibt seltsam undeutlich. Er taucht einzig systemtheoretisch in der Austauschbeziehung von Arbeitsleistung gegen Lohn auf. Die Kolonialisierungsbewegung geht, wiederum nicht überraschend, von den an die zweite Unterscheidungsform erinnernden, allerdings hier systemtheoretisch gefassten Bereichen Staat und Ökonomie aus. Was irritiert ist, dass Lebenswelt und System einseitig vermittelt bleiben, da die Systeme nur in ihren Codes mit ihrer Umwelt kommunizieren können. Man fragt sich, wie die ideale Kommunikationsgemeinschaft noch über die Öffentlichkeit auf die systemisch integrierten Bereiche von Staat und Ökonomie einwirken soll.43 Will uns Habermas hier sagen, dies sei nicht mehr möglich? Diese nur reaktive oder abwehrende Position von Öffentlichkeit und Privatheit gegenüber den Kolonisierungstendenzen von Staat und Ökonomie widerspricht der Annahme der Diskursethik, wonach die soziale Integration und die Legitimität des politischen Systems in der Moderne nur noch über öffentliche Diskurse hergestellt werden kann. Diskursethik und Gesellschaftstheorie bleiben hier seltsam unverbunden, wenn nicht gar widersprüchlich.44 Mit diesen Fragen wenden wir uns der Habermasschen Demokratietheorie zu.

III.

Wie zuvor im Zusammenhang der TKH nicht deren gesamter Argumentationsgang rekonstruiert werden konnte, so kann das hier auch für FuG nicht geschehen. Mich interessiert hier abschließend, wie Habermas von der Idee der Gleichursprünglichkeit von privater und öffentlicher Autonomie in FuG zu einer vierten Unterscheidungsform von Öffentlichkeit und Privatheit gelangt, in der Öffentlichkeit als intermediäre Struktur begriffen wird. Diese löst das Vermittlungsproblem der dritten Unterscheidungsform.

Er setzt dafür bei der Unterscheidung von subjektivem und objektivem Recht an. Die subjektiven Rechte der Neuzeit haben für Habermas in FuG ihrem historischen Entstehungszusammenhang nach einen freiheitssichernden Sinn. Ihnen sei eine vom demokratischen Gesetzgebungsprozess unabhängige Autorität verliehen worden, die innerhalb der Rechtstheorie nicht zu begründen war. In der weiteren historischen Entwicklung ordnete der Rechtspositivismus, aufgrund dieser Begründungsproblematik, die subjektiven Rechte dem objektiven Recht unter. Die Legitimität des Rechts erschöpfte sich damit in der Legalität einer politischen Herrschaft. Gegen diese beiden historischen Vorläufer bringt Habermas nun den Gedanken der Gleichursprünglichkeit ins Spiel: „Subjektive Rechte sind nicht schon ihrem Begriff nach auf atomistische und entfremdete Individuen bezogen, die sich possessiv gegeneinander versteifen. Als Elemente der Rechtsordnung setzen sie vielmehr die Zusammenarbeit von Subjekten voraus, die sich in ihren reziprok aufeinander bezogenen Rechten und Pflichten als freie und gleiche Rechtsgenossen anerkennen. Diese gegenseitige Anerkennung ist konstitutiv für eine Rechtsordnung, aus der sich einklagbare subjektive Rechte herleiten. In diesem Sinne sind subjektive Rechte mit dem objektiven Recht gleichursprünglich.“45 Nach Habermas darf das objektive Recht nicht etatistisch missverstanden werden, es leite sich aus der intersubjektiven Anerkennung ab. Seine Legitimität liege im demokratischen Rechtsetzungsprozess, der auf dem Prinzip der Volkssouveränität beruhe. Im Anschluss an Kant erklärt Habermas, dass der Hobbessche Gesellschaftsvertrag von anderer Art ist als der Privatrechtsvertrag. Er konstituiere überhaupt erst das Recht der Menschen unter öffentlichen Zwangsgesetzen zu leben. Begründet werde er bei Kant durch den autonomen Willen des Einzelnen, der als moralische Person über die soziale Perspektive einer gesetzesprüfenden Vernunft verfüge. Die Begründung erfolge also aus Moral, nicht wie bei Hobbes aus Klugheit. Habermas folgert: „Weil die Frage nach der Legitimität der freiheitssichernden Gesetze innerhalb des positiven Rechts eine Antwort finden muss, bringt der Gesellschaftsvertrag das Rechtsprinzip zur Herrschaft, indem er die politische Willensbildung des Gesetzgebers an Bedingungen eines demokratischen Verfahrens bindet, unter denen die verfahrenskonform zustandekommenden Ergebnisse per se den übereinstimmenden Willen oder vernünftigen Konsens aller Beteiligten ausdrücken. Auf diese Weise verschränken sich im Gesellschaftsvertrag das moralisch begründete Recht der Menschen auf gleiche subjektive Freiheiten mit dem Prinzip der Volkssouveränität.“46 Damit ist die Gleichursprünglichkeit von privater und öffentlicher Autonomie angedeutet, die Habermas an die Gleichursprünglichkeit von subjektiven Rechten und Volkssouveränität anknüpft. „Die Gleichursprünglichkeit von privater und öffentlicher Autonomie zeigt sich erst, wenn wir die Denkfigur der Selbstgesetzgebung, wonach die Adressaten zugleich die Urheber ihrer Rechte sind, diskurstheoretisch entschlüsseln. Die Substanz der Menschenrechte steckt dann in den formalen Bedingungen für die rechtliche Institutionalisierung jener Art diskursiver Meinungs- und Willensbildung, in der die Souveränität des Volkes rechtliche Gestalt annimmt.“47

Für den Republikanismus sei die Gesellschaft „von Haus aus eine politische Gesellschaft – societas civilis –“48 und solle sich durch Verfahren der Meinungs- und Willensbildung selbst organisieren. Nach liberaler Auffassung solle die Trennung von Staat und Gesellschaft dagegen gerade nicht aufgehoben, sondern nur durch sporadische Wahlen überbrückt werden. Habermas‘ eigene Diskurstheorie bewege sich zwischen Republikanismus und Liberalismus, insofern sie mehr wolle als der Liberalismus aber weniger als der Republikanismus. „Die Diskurstheorie macht das Gedeihen deliberativer Politik nicht von einer kollektiv handlungsfähigen Bürgerschaft abhängig, sondern von der Institutionalisierung entsprechender Verfahren und Kommunikationsvoraussetzungen, sowie vom Zusammenspiel der institutionalisierten Beratung mit informell gebildeten öffentlichen Meinungen. Die Prozeduralisierung von Volkssouveränität und die Rückbindung des politischen Systems an die peripheren Netzwerke der Öffentlichkeit gehen zusammen mit dem Bild einer dezentrierten Gesellschaft.“49

Die politische Öffentlichkeit als Kommunikationsnetz, das das institutionalisierte demokratische Verfahren des parlamentarischen Betriebs und die nichtinstitutionalisierten Öffentlichkeiten miteinander verbinde, solle gewährleisten, dass kommunikativ erzeugte Macht durch die Gesetzgebung in administrative Macht umgeformt werden könne. Dabei unterscheidet Habermas die Zivilgesellschaft, als lebensweltliche Grundlage autonomer Öffentlichkeiten, von der öffentlichen Administration und der Ökonomie, die über die Medien Macht und Geld systemisch integriert seien. Die Zivilgesellschaft und ihre öffentliche Meinung können nach Habermas nicht selbst herrschen, dies könne nur das politische System. Aber sie könnten dessen administrative Macht in eine bestimmte Richtung lenken. „Dem Diskursbegriff der Demokratie entspricht das Bild einer dezentrierten Gesellschaft, die allerdings mit der politischen Öffentlichkeit eine Arena für die Wahrnehmung, Identifizierung und Behandlung gesamtgesellschaftlicher Probleme ausdifferenziert.“50 Damit verabschiedet Habermas die Idee, Souveränität sei entweder im Volk oder in verfassungsrechtlichen Kompetenzen zu finden. Vielmehr sei sie in den „subjektlosen“51 Kommunikationsformen einer diskursiven Meinungs- und Willensbildung aufgegangen. Politik und Recht könnten aber nicht als autopoetisch geschlossene Systeme begriffen werden. Das rechtstaatliche politische System sei intern in Bereiche administrativer und kommunikativer Macht differenziert. Damit bleibe es gegenüber der Lebenswelt geöffnet und auf Eingaben aus den informellen Kommunikationsnetzen der Öffentlichkeit und Privatsphäre angewiesen. Ohne Anbindung an Parlament und Öffentlichkeit, als systempaternalistische Expertokratie, gerieten die politische Verwaltung und das Recht unweigerlich in Legitimationsprobleme. Das Recht diene als Transformator zwischen Privatheit, Öffentlichkeit und den systemisch integrierten Bereichen.

Das rechtsstaatlich verfasste demokratische politische System wird im Hinblick auf die Kommunikations- und Entscheidungsprozesse von Habermas auf der Achse Zentrum-Peripherie angeordnet und als durch ein System von Schleusen strukturiert vorgestellt. Das Zentrum sei polyarchisch in Verwaltung und Regierung, Gerichtswesen und demokratische Verfahren der Parteienkonkurrenz, Wahl und parlamentarischen Betrieb gegliedert. Das Parlament ist nach Habermas am sensibelsten für die Wahrnehmung gesellschaftlicher Probleme. Die Peripherie gliedere sich in Interessenverbände, politische Vereinigungen, kulturelle Einrichtungen und public interest groups. „Nun fällt ein guter Teil der normativen Erwartungen, die mit deliberativer Politik verknüpft sind, auf die peripheren Strukturen der Meinungsbildung. Die Erwartungen richten sich an deren Fähigkeit, gesamtgesellschaftliche Probleme wahrzunehmen, zu interpretieren und auf innovative Weise in Szene zu setzen. […] Resonanzfähige und autonome Öffentlichkeiten dieser Art sind angewiesen auf eine soziale Verankerung in zivilgesellschaftlichen Assoziationen und auf eine Einbettung in liberale Muster der politischen Kultur und Sozialisation, mit einem Wort: auf das Entgegenkommen einer rationalisierten Lebenswelt.“52

Öffentlichkeit ist für Habermas nun ein ebenso elementares gesellschaftliches Phänomen wie Handlung, Aktor, Gruppe oder Kollektiv. Sie entziehe sich jedoch diesen Begriffen, lasse sich aber auch weder als Institution, Organisation oder System beschreiben. Er versteht unter Öffentlichkeit ein Netzwerk für die Kommunikation. In der Öffentlichkeit würden die Kommunikationsflüsse gefiltert und synthetisiert, so dass sie sich zu thematisch gebündelten öffentlichen Meinungen verdichteten. Öffentlichkeit reproduziere sich wie die Lebenswelt durch kommunikatives Handeln über das Medium der Umgangssprache. Im Gegensatz zu spezialisierten, lebensweltlichen Handlungsbereichen wie Schule und Familie oder Wissenschaft, Moral und Kunst verbleibe die Öffentlichkeit selbst unspezialisiert. „Die Öffentlichkeit zeichnet sich vielmehr durch eine Kommunikationsstruktur aus, die sich auf einen dritten Aspekt verständigungsorientierten Handelns bezieht: weder auf Funktionen noch auf Inhalte der alltäglichen Kommunikation, sondern auf den im kommunikativen Handeln erzeugten sozialen Raum.“53 Die private Sphäre ist für Habermas ebenso wie die Öffentlichkeit ein kommunikativ erzeugter sozialer Raum, der sich von Öffentlichkeit durch Weite und Abstraktheit unterscheidet. Die Privatsphäre sei jedoch nicht ein für alle Mal von der Öffentlichkeit abgeriegelt, sondern es entstünden historisch wechselnde Grenzziehungen. Die Zivilgesellschaft ist auf der Linie der hier rekonstruierten Argumentation die strukturelle Komponente der Lebenswelt, die die Öffentlichkeit in den privaten Lebenswelten verankert. „Die Zivilgesellschaft setzt sich aus jenen mehr oder weniger spontan entstandenen Vereinigungen, Organisationen und Bewegungen zusammen, welche die Resonanz, die die gesellschaftlichen Problemlagen in den privaten Lebensbereichen finden, aufnehmen, kondensieren und lautverstärkend an die politische Öffentlichkeit weiterleiten. Den Kern der Zivilgesellschaft bildet ein Assoziationswesen, das problemlösende Diskurse zu Fragen allgemeinen Interesses im Rahmen veranstalteter Öffentlichkeiten institutionalisiert.“54

Die Bedingungen der Möglichkeit einer Zivilgesellschaft sind für Habermas einerseits grundrechtlich durch die Rechte der Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit gewahrt. Andererseits könne die Zivilgesellschaft nur autonom, spontan und pluralistisch sein, wenn die Unversehrtheit privater Lebensbereiche durch den grundrechtlichen Schutz von Privatheit gewahrt werde. Die grundrechtliche Verankerung von unversehrter Privatsphäre, pluraler Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit reicht jedoch nach Habermas alleine nicht aus, um die Öffentlichkeit vor Deformationen zu bewahren. Gleichzeitig müssten die Aktoren nicht nur Themen in der Öffentlichkeit platzieren, sondern auch selbstbezüglich die Strukturen der Öffentlichkeit reproduzieren wollen. Für Habermas ist das Zusammenspiel einer zivilgesellschaftlich basierten Öffentlichkeit mit der rechtsstaatlich institutionalisierten Meinungs- und Willensbildung des parlamentarischen Betriebs eine soziologische Übersetzung des Begriffs deliberativer Demokratie.

Die deliberierende Öffentlichkeit hat jedoch nach Habermas einen begrenzten Wirkungsgrad in einer funktional differenzierten Gesellschaft. Ihr Ziel könne es nicht sein, im Sinne eines geschichtsphilosophisch bestimmten gesellschaftlichen Großsubjekts die Gesellschaft im Ganzen zu steuern. Die Ausdifferenzierung von autopoetischen Subsystemen wird von Habermas als evolutionärer Fortschritt begriffen. Sie wieder rückgängig zu machen, muss ihm daher als modernitätsfeindliches Ansinnen erscheinen. So kommt er zu dem Ergebnis: „In komplexen Gesellschaften bildet die Öffentlichkeit eine intermediäre Struktur, die zwischen dem politischen System einerseits, den privaten Sektoren der Lebenswelt und funktional spezifizierten Handlungssystemen andererseits vermittelt.“55 Damit haben wir die vierte Unterscheidungsform in FuGherausgearbeitet (Abb. 4).

 

Die Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit wird von Habermas jetzt an der Weite und Abstraktheit kommunikativ erzeugter sozialer Räume festgemacht. Die Öffentlichkeit fungiert als intermediäre Struktur, die auf der Achse Peripherie- Zentrum angeordnet ist. Sie vermittelt die privaten Lebensbereiche über die Zivilgesellschaft mit dem politischen System. Normativ begründet wird dieses Modell der Diskurstheorie des demokratischen Rechtsstaates und seine Unterscheidungsform von Öffentlichkeit und Privatheit durch die Gleichursprünglichkeit von privater Autonomie (subjektive Rechte) und öffentlicher Autonomie (Volkssouveränität). Öffentlichkeit und Privatheit sind die sozialen Sphären, innerhalb deren sich öffentliche und private Autonomie realisieren lassen.

IV.

Ziel dieser Untersuchung war es, werkgeschichtlich bei Habermas nachzuvollziehen, wie sich die Unterscheidung von Öffentlichkeit und Privatheit über vier Unterscheidungsformen hin transformiert. Im Verlauf wurde gezeigt, dass sich die erste, doppelte Unterscheidungsform der bürgerlichen Öffentlichkeit und Privatheit mit der zweiten, einfachen Unterscheidungsform des sozialstaatlichen Interventionismus und der Kulturindustrie in der dritten Unterscheidungsform des Lebenswelt / System-Dualismus der TKH verbindet und kommunikationstheoretisch fundiert wird. Das dort aufgetretene Vermittlungsproblem zwischen Lebenswelt und System, so wurde weiter gezeigt, löst Habermas erst durch die vierte Unterscheidungsform in FuG, in der Öffentlichkeit als intermediäre Struktur aufgefasst wird.

Auf die zu Beginn aufgeworfene normative Frage, warum der politisch-soziale Raum in Öffentlichkeit und Privatheit aufgeteilt werden sollte, gibt Habermas am Ende so eine autonomie- und demokratietheoretische Antwort: es handelt sich dabei um gleichursprüngliche soziale Sphären, in denen sich die Ausübung von privater und öffentlicher Autonomie realisieren kann. Eine lebendige Demokratie ist demnach einerseits auf intakte, rechtlich geschützte Privatsphären angewiesen, damit die Zivilgesellschaft autonom, spontan und pluralistisch agieren kann. Habermas nimmt dadurch Überlegungen von Beate Rössler vorweg, die die eigene Kontrolle über eine private Sphäre als substantielle Voraussetzung von Freiheit und Autonomie betonen, wie wir zu Beginn gesehen haben.56 Er fügt diese Überlegungen zur privaten Autonomie jedoch in eine umfassendere demokratietheoretische Perspektive ein, denn andererseits benötigt die Autonomie eine öffentliche Sphäre, die durch Rechte der Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit gewährleistet wird, um sich artikulieren und auf das politische System einwirken zu können. Diese öffentliche Sphäre kann als intermediäre Struktur begriffen werden, die zwischen den privaten Lebensbereichen und dem politischen System vermittelt. Damit schließt Habermas in meinen Augen an die von Jeff Weintraub herausgearbeitete republikanische Verwendungsweise der Unterscheidung an, die von ihm aber gesellschafts- und kommunikationstheoretisch fundiert wird.57 Beide Pole der Unterscheidung erscheinen durch diese gesellschafts- und kommunikationstheoretische Fundierung als gleichursprüngliche politisch-soziale Sphären, deren Abgrenzung und inhaltliche Ausfüllung sich im Sinne der feministischen Kritik wandeln können, stets zur Debatte stehen und nicht natürlich sind.58 Mit dieser so rekonstruierten Theorie von Öffentlichkeit und Privatheit kann Habermas ambivalente gesellschaftliche Tendenzen und Wandlungsprozesse analytisch erfassen und gegebenenfalls normativ begründet kritisieren, ohne in den einseitigen Kulturpessimismus von Heidegger, Adorno oder Sennett zu verfallen.

Damit ist, über das werkgeschichtliche Interesse dieser Untersuchung hinaus, in meinen Augen von Habermas eine plausible theoretische Konzeptionalisierung von Öffentlichkeit und Privatheit vorgelegt worden, an die weitere theoretische Versuche und empirische Untersuchungen anknüpfen können – oder mit der sie sich zumindest kritisch auseinandersetzen müssen.

Fußnoten

1 Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Tübingen 1993 (1927), S. 127.

2 Ebd., S. 127.

3 Ebd.

4 Vgl. etwa Adorno, Theodor W.: Meinung, Wahn, Gesellschaft. In Ders.: Eingriffe. Neun kritische Modelle. Frankfurt/M. 1963.

5 Dewey, John: Die Öffentlichkeit und ihre Probleme. Berlin 2001 (1927), S. 27.

6 Sennett, Richard: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt / M. 1986.

7 Vgl. dazu klassisch Pateman, Carole: Feminist Critiques of the Public / Private Dichotomy. In: Benn, Stanley I./ Gaus, Gerald F. (Hrsg.): Public and Private in Social Life. London 1983, S. 281-303.

8 Vgl. Rössler, Beate: Der Wert des Privaten. Frankfurt/M. 2002, S. 139. Siehe auch den Band Seubert, Sandra/ Niesen, Peter (Hrsg.): Die Grenzen des Privaten, Baden-Baden 2010.

9 Vgl. Ariès, Philipp/ Duby, George (Hrsg.): Geschichte des privaten Lebens. 5 Bde. Frankfurt/M. 1993 und Hohendahl, Peter Uwe et al. (Hrsg): Öffentlichkeit. Geschichte eines kritischen Begriffs. Stuttgart 2000.

10 Vgl. Weintraub, Jeff: The Theory and Politics of the Public / Private Distinction. In: Ders./ Kumar, Krishan (Hrsg.): Public and Private in Thought and Practice. Perspectives on a Grand Dichotomy. Chicago 1997, S. 1-42, S. 7.

11 Vgl. dazu den wichtigen Band von Craig Calhoun (Hrsg.): Habermas and the Public Sphere. Cambridge 1992, sowie zur deliberativen Demokratietheorie etwa Bohman, James/ Rehg, William (Hrsg.): Deliberative Democracy: Essays on Reason and Politics. Cambridge 1997. Einen guten Überblick über die ganze Debatte und die Literatur gibt die Website: http://publicsphere.ssrc.org/guide/.

12 Habermas, Jürgen: Ein Gespräch über Fragen der politischen Theorie. In: Ders. 1995: Die Normalität einer Berliner Republik. Frankfurt/M. 1995, S. 135- 164, S. 137.

13 Vgl. etwa Nanz, Patrizia: Öffentlichkeit. In: Brunkhorst, Hauke/ Kreide, Regina/ Lafont, Cristina (Hg.), Habermas Handbuch. Stuttgart 2009, S. 358-360, wo jeder Bezug zur Privatheit fehlt.

14 Vgl. dazu Heming, Ralf: Öffentlichkeit, Diskurs, Gesellschaft: zum analytischen Potenzial und zur Kritik des Begriffs der Öffentlichkeit bei Jürgen Habermas. Wiesbaden 1997.

15 Vgl. Nanz, Patrizia: Öffentlichkeit, die alleine die bürgerliche Öffentlichkeitsform des 18. Jahrhunderts der Studie zum Strukturwandel mit der von FuG vergleicht. Die Unterscheidungsform der TKH fehlt und auch der Strukturwandel der Öffentlichkeit in der frühen Studie wird nicht systematisch analysiert.

16 Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie bürgerlicher Gesellschaft. Frankfurt / M. 1990 (1962), S. 94 ff.

17 Ebd., S. 97.

18 Ebd., S. 107.

19 Ebd., S. 110.

20 Ebd.

21 Ebd.

22 Ebd., S. 112.

23 Ebd., S. 119.

24 Ebd., S. 86-90.

25 Ebd., S. 209 ff.

26 Ebd., S. 223.

27 Ebd., S. 238.

28 Ebd., S. 241.

29 Vgl. Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt/M. 2000 (1947), S. 128-176.

30 Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit, S. 260.

31 Ebd., S. 270.

32 Ebd., S. 292.

33Vgl. Fraser, Nancy: Rethinking the Public Sphere: A Contribution to the Critique of Actually Existing Democracy. In: Calhoun (Hrsg.): Habermas and the Public Sphere, S. 109-142. Fraser verwirft die bürgerliche Öffentlichkeits- und Privatheitsdistinktion und argumentiert für eine postbourgeoise conception die „strong and weak publics“ identifizieren kann. Kritisch dazu auch Gegner, Martin: Entmaterialisierung der Öffentlichkeit. Über die Verengung eines dialektischen Konzepts und den Gebrauch in neoliberalen Zeiten. In: Laberenz, Lennart (Hrsg.): Schöne neue Öffentlichkeit. Beiträge zu Jürgen Habermas‘ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Hamburg 2003, S. 58-88.

34 Heming, Ralf: Öffentlichkeit, Diskurs, Gesellschaft, S. 80.

35 Habermas, Jürgen: Erkenntnis und Interesse. In: Ders.: Technik und Wissenschaft als Ideologie. Frankfurt / M. 1969, S. 146-168, S. 163.

36 Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde. Frankfurt / M. 1981, S. 8.

37 Die beiden berühmten Formulierungen finden sich in ebd., Bd. 1, S. 387 und S. 388.

38 Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 2, S. 475.

39 Ebd., S. 480.

40 Ebd., S. 513.

41 Ebd., S. 521.

42 Ebd., S. 522.

43 Vgl. zu diesem Problem Joas, Hans: Die unglückliche Ehe von Hermeneutik und Funktionalismus. In: Honneth, Axel/ Joas, Hans (Hrsg.): Kommunikatives Handeln. Beiträge zu Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt / M. 1986, S. 144-176 und McCarthy, Thomas: Komplexität und Demokratie – die Versuchungen der Systemtheorie. In: Ebd., S. 177-215.

44 Vgl. Heming, Ralf: Öffentlichkeit, Diskurs, Gesellschaft, S. 170 ff.

45 Habermas, Jürgen: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt / M. 1992, S. 117. (Letzte Hervorhebung durch Autor)

46 Ebd., S. 123.

47 Ebd., S. 135. (Hervorhebung durch Autor)

48 Ebd.

49 Ebd., S. 362.

50 Ebd., S. 365.

51 Ebd.

52 Ebd., S. 434.

53 Ebd., S. 436.

54 Ebd., S. 443.

55 Ebd., S. 451. (Hervorhebung von mir.)

56 Vgl. Rössler, Beate: Der Wert des Privaten.

57 Vgl. Weintraub, Jeff: The Theory and Politics of the Public / Private Distinction, S. 7.

58 Vgl. bereits in diese Richtung argumentierend Benhabib, Seyla: Modelle des öffentlichen Raums. Hannah Arendt, die liberale Tradition und Jürgen Habermas. In: dies.: Selbst im Kontext. Frankfurt/ M. 1995, S. 96-131, die allerdings wiederum mit einer starken Verengung des Republikanismusbegriffs auf Hannah Arendt bestreitet, dass Habermas diesem zugeordnet werden kann.

Schreib einen Kommentar