Ausgabe 2013 – Wissenschaft am Scheideweg

Die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft ist erheblich und vielgestaltig: Wissenschaft ist dem stetigem Ringen um Erkenntnis verpflichtet, soll durch technologische Innovation Wohlstand sichern, bildet junge Menschen aus und ist nicht zuletzt Gegenstand, Akteur und Argument in politischen Konflikten. diskurs möchte mit der vorliegenden Ausgabe einen Beitrag zur Qualität der Debatte über die Zukunft der Wissenschaft leisten. Um die Wissenschaft am Scheideweg auszuleuchten wurden drei Ansatzpunkte gewählt: Partei-Stellungnahmen, Debattenbeiträge zur unternehmerischen Universität und wissenschaftliche Beiträge zum Feld der Wissenschaftspolitik.

Exzellenz und hegemoniale Strategie. Zur Doppelmoral und Schwäche liberaler Wissenschaftspolitik

Malte Albrecht analysiert die Exzellenzinitiative als hegemoniales Projekt. Er illustriert dabei detailliert die verschiedenen diskursiv-hegemonialen Strategien der Exzellenzinitiative und kommt zum Schluss, dass sich unter dem Zeichen der Exzellenz nunmehr eine stabile hegemoniale Formation zur Neuausrichtung der Universitäten etablieren konnte.

Selling Socrates, or the Unexamined Life and the University

This article starts from Martha C. Nussbaum’s claim that the dominant understanding of (higher) education as a commercial undertaking needs to be countered by Socratic pedagogy. Nussbaum makes this claim both in the recent Not for Profit (2010) and her earlier Cultivating Humanity (1997). For her, the future of democracies is at stake. Nussbaum’s claim starts an investigation into the practice of teaching at an Institute of Higher Education in the United Kingdom. First, I consider some of the consequences of the marketisation of higher education for the practice of teaching. Secondly, I consider a particular practice of Socratic dialogue, namely that developed by the German philosopher and mathematician Leonard Nelson and others. I will conclude that this form of Socratic Dialogue indeed provides an alternative to the growing marketisation of Higher Education, but questions Nussbaum’s confidence in Socratic Dialogue as a tool for promoting democracy. I will also argue that it is essential, as well as difficult, to introduce practice into this debate.

Wir können auch anders! Alternativen zur „unternehmerischen Hochschule“

In Gütersloh und Essen wurden die Blaupausen entwickelt, in München und Hamburg, Heidelberg und Lüneburg arbeitet man mit Hochdruck an der Umsetzung: Hochschulen werden nach dem Vorbild gewerblicher Unternehmen und betriebswirtschaftlicher Steuerungsmodelle umgebaut. Mit schwer wiegenden Folgen. Die Kompetenzen der gewählten Kollegialorgane werden auf bloße Beratungsfunktionen reduziert, die Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten und Studierenden werden abgebaut. Auch die Selbstverwaltungsrechte der Professorinnen und Professoren werden grundsätzlich in Frage gestellt, wenn autokratische Hochschulleitungen und Dekanate und mit externen Wirtschaftsvertreten besetzte Hochschulräte das Sagen haben. Konsequenterweise hat man im baden-württembergischen Hochschulgesetz die Hochschulräte in „Aufsichtsräte“ und die Rektorate in „Vorstände“ umbenannt.

Lob der unternehmerischen Universität. Ihre Chancen liegen in der neuen Macht der Präsidien und Rektorate, ihre Risiken in deren Führungskompetenzen

Die „unternehmerische Universität“ ist in Verruf geraten. Unumstritten war die mit ihr verbundene Konzeption einer stärker entstaatlichten Hochschule nie, aber in letzter Zeit werden die Töne schriller. Richard Münch begreift sie in seinem Buch „Akademischer Kapitalismus“ (2010) „als Entdifferenzierung und als Kolonisierung aller gesellschaftlichen Funktionsbereiche durch die Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie und die Begrifflichkeiten des ökonomischen Denkens, in vulgärer Gestalt durch die Phrasen der Management-Rhetorik“, und in ähnliche Richtung kritisiert Stefan Kühl (2012) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den „Mythos der unternehmerischen Universität“, wenn er vorschlägt, unter ihr nur eine Hochschule zu verstehen, die sich maßgeblich über den Verkauf von Dienstleistungen refinanziert.

Vor der Bundestagswahl: Wie positionieren sich die Parteien zur Wissenschaftspolitik? [Infografiken / Übersicht]

Wie positionieren sich die Parteien vor der Bundestagswahl in der Wissenschaftspolitik? Wir haben die Parteien um Debattenbeiträge gebeten und fassen nun die Ergebnisse in zwei Infografiken zusammen. Dabei geht es um Hochschulfinanzierung, Exzellenzinitiative und Situation des wissenschaftlichen Nachwuchs.

Wissenschaftspolitik: Debattenbeitrag von Tankred Schipanski, CDU Bundestagsfraktion

Die Hochschulen sind das Rückgrat der deutschen Wissenschaft. Sie bilden den wissenschaftlichen Nachwuchs aus, forschen an wegweisenden Innovationen und tragen so maßgeblich zur Sicherung unseres Wohlstandes bei. Deshalb hat die christlich-liberale Koalition ihren Schwerpunkt in dieser Legislaturperiode auf die Bildungs- und Forschungspolitik gelegt.

Patrick Meinhardt

Wissenschaftspolitik: Debattenbeitrag von Patrik Meinhardt, FDP Bundestagsfraktion

Die Exzellenzinitiative ist sehr erfolgreich. Sie nicht fortzuführen wäre für den Wissenschaftsstandort Deutschland geradezu fahrlässig. Unser Ziel ist es, Chancen für die Fortsetzung einer Exzellenzinitiative sicherzustellen, weil damit einer der wichtigsten Innovationsimpulse für den Wissenschaftsstandort Deutschland gesetzt worden ist.

Wissenschaftspolitik: Debattenbeitrag von Kai Gehring, Grüne Bundestagsfraktion

Dem deutschen Wissenschaftssystem ist die Balance zwischen der Drittmittelquote und dem Anteil der Grundfinanzierung verloren gegangen. Ein einfaches „Weiter so!“ kann es nicht geben. Wir brauchen eine Stärkung der Grundfinanzierung der Hochschulen und bessere Bedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Wissenschaftspolitik: Debattenbeitrag von Dr. Petra Sitte, Die Linke Bundestagsfraktion

Das deutsche Wissenschaftssystem erlebte in den vergangenen zehn Jahren eine rasante Umgestaltung – in seinen Organisations- und Finanzierungsstrukturen wie auch in seinen inneren Funktions- und Steuerungsmechanismen. Prinzipiell wohnt Wissenschaft immer ein intrinsisches Motiv des Wettbewerbs um Erkenntnis inne. Nun wurde durch die Wissenschaftspolitik ein Wettbewerb um die Finanzierung zum Leitmotiv erhoben. Die frei verfügbare Grundfinanzierung geht tendenziell zurück und wird zunehmend durch projektbezogen eingeworbene Drittmittel und leistungsbezogen finanzierte Mittelanteile ersetzt. Der Wettbewerb um diese Mittel dominiert heute die Finanzierungs- und Verwaltungsstrukturen von Hochschulen und Forschungsinstituten und überlagert intrinsische Motivation zum Teil.