Von Revolutionären, Mythen, (Pop)Ikonen

Abstract
Karl Marx is a political icon, and he is the only Marxist icon that survived the collapse of the really existing socialism. Marx’s theories are still sig- nificant – and they are meaningful even beyond economics.With the end of the USSR and the the entirety of dogmatic Marxism–Leninism, Marx has lost his status as a cult figure and that is the best what could have happened to him and his theory. Only now it is possible to analyze Marx and employ his theories in an open and critical way, and by this we are able to look at our world in a broader perspective. Instead of taken as dogmas, Marx’s methods of developing new thoughts, taking a look at the world and creating new theories can serve as an archetype, but should not just be copied without critical reflection.

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Der Marxismus[1] des 20. Jahrhunderts hat viele Ikonen gesehen. Doch (spätestens) mit dem Ende des sogenannten real-existierenden Sozialismus, dem Untergang der UdSSR und dem Zerfall des Warschauer Vertrages sind die meisten von ihnen verschwunden, nicht mehr Teil der großen Öffentlichkeit und fristen, zum Teil zu Recht, ein tristes Dasein abseits der öffentlichen Wahrnehmung oder sind gar völlig dem Vergessen anheimgefallen. Doch es gibt auch Überlebende, und einer von ihnen ist Karl Marx – als politische Ikone, genauer: als Ikone des kritischen, politischen Denkens. Im Gegensatz zu anderen revolutionären Marxisten ist Marx nicht in der Versenkung verschwunden und auch nicht in die Hände politisch völlig unbedeutender Sekten gefallen, wie es etwa Leo Trotzki widerfahren ist. Ganz im Gegenteil. Marx ist hochaktuell und erlebt (wieder einmal) eine Renaissance, die sich sicherlich auch mit dem Verweis auf die aktuelle, noch immer anhaltende Wirtschaftskrise erklären lässt und dem Bewusstsein der Menschen, wie schnell und tiefgehend unsere Welt von Krisen wirtschaftlicher und finanzieller Natur erschüttert werden kann.[2] Als Leser kann man sich vor aktuellen Druckerzeugnissen zum Thema Marx kaum retten, gerade wenn man auch die Veröffentlichungen aus dem angloamerikanischen Raum hinzunimmt. Verschiedenste Zeitungen und Zeitschriften wie etwa Die Zeit und die Prokla[3] haben sich in jüngster Vergangenheit mit Marx beschäftigt. Hinzu kommen unzählige Sammelbände, Monographien sowie wissenschaftliche Konferenzen. Und erstmals seit 1989 sind alle Bände der berühmten blauen Marx-Engels-Werke wieder lieferbar.[4]

Jedoch scheint es keinen großen Unterschied in der Beschäftigung mit Marx in der Öffentlichkeit auf der einen und der Wissenschaft auf der anderen Seite zu geben. Lediglich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung ergibt sich allerdings dann doch ein sehr differenziertes Bild, wenn auch hierzu der in dieser Hinsicht eher defizitäre universitäre Betrieb mit seinen Vorlesungen und Seminaren zählt. Es werden dabei jeweils ganz verschiedene Aspekte des Marxschen Denkens betont und seine Stellung und überhaupt sein Wert werden völlig konträr beurteilt. Mal erscheint Marx als „wegweisende[r] Ökonom und brillante[r] Wissenschaftler“[5], er wird wahlweise als ein großer Philosoph, großartiger Journalist oder „als vom Schicksal gebeutelter Familienmensch“[6] dargestellt.[7] In der Öffentlichkeit wird Marx somit gewissermaßen in verschiedene Persönlichkeiten aufgespalten, das gleiche widerfährt ihm oftmals auch in der Wissenschaft. Ob aus Mutwilligkeit, aus Unwissenheit oder auch aus Faulheit sich mit seinem Gesamtwerk zu beschäftigen, wird Marx meines Erachtens nach häufig verkürzt dargestellt oder sehr einseitig interpretiert. Darüber hinaus wurde und wird auch in marxistischen Kreisen eine Trennung von Marx’ Schaffen in mindestens zwei Phasen vorgenommen. Zum einen geht es um seine Frühwerke, hier vor allem die berühmten Pariser-Manuskripte, auch als Ökonomisch-philosophische Manuskripte bekannt, also dem jungen Marx auf der einen und dem älteren Marx, der des Kapitals, auf der anderen Seiten. Vor allem der französische Theoretiker und Philosoph Louis Althusser hat das frühe Denken von Marx als humanistisch verdammt und einzig die älteren Werke als marxistisch angesehen.[8] Andererseits wird Marx dadurch auf ganz bestimmte Aspekte begrenzt und zurückgestutzt, aber es ist ganz klar, das die Marxsche Philosophie ohne sein ökonomisches Denken nicht zu haben ist. Seine Gesellschaftstheorie besteht aus vielen verschiedenen Facetten, die nur bei einer Gesamtberücksichtigung ein klares Bild ergeben.

In der Politikwissenschaft und der Soziologie sowie Philosophie wurde Karl Marx unlängst zu einem der Klassiker der jeweiligen Disziplin erklärt.[9] Doch welche Folgen zieht seine Erhebung in diesen Status für den Umgang mit seinem Werk nach sich? Eben die oben genannten. Sein Schaffen wird nur aus einer einzigen, der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin zugehörigen und damit auch aus eng begrenzter Perspektive betrachtet. Wenn z. B. Manfred G. Schmidt über Marx’ Lehre der revolutionären Demokratie schreibt, wird hierbei kein Wort über wirtschaftliche Zusammenhänge verloren, die Marxsche Klassentheorie kommt nicht vor und über die Ideologie wird geschwiegen. Eine Einordnung in das Gesamtwerk wird vom Autor nicht unternommen.[10] Anderen wichtigen Denkern widerfährt mit einiger Sicherheit ein ähnliches Schicksal und es ist dem Autoren dieser Zeilen auch klar, dass bei der Darstellung des Denkens bestimmter Persönlichkeiten eine Reduktion vorgenommen werden muss. Doch sollten fairer Weise vielleicht Hinweise auf entsprechend das Thema weiterführende Werke gegeben werden oder klar gesagt werden, dass es sich um eine, vielleicht auch aus Platz- und Themengründen notwendige, Verkürzung handelt.

Zudem geht mit der Aufnahme in den Kanon der Klassiker einher, dass Marx als ein Denker unter vielen erscheint und es kaum ersichtlich ist, warum man sich mit einem Oldie noch heute beschäftigen sollte im Bezug auf ganz aktuelle Probleme und Krisen. Aber immerhin wird er auf diesem Wege wissenschaftlich doch wahrgenommen. Von anderen marxistischen Theoretikern kann dies nicht behauptet werden. Dass Marx gegenüber anderen Denkern durchaus noch heute Relevanz besitzt und dass sein Werk in allen seinen Facetten weit über das Wirken und die Breite anderer Theoretiker hinausgeht, wird hingegen kaum beachtet und herausgestellt. Symptomatisch sind hier auch meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema Marx in der politikwissenschaftlichen und soziologischen Beschäftigung in Seminaren und Vorlesungen. Natürlich wird er schon erwähnt, aber zu meist nur am Rande und äußerst oberflächlich abgehandelt. Dieses Schicksal trifft im Übrigen die gesamte akademische Beschäftigung mit dem Marxismus innerhalb universitärer Veranstaltungen. Dies ist meine ganz subjektive Erfahrung, aber in vielen Vorlesungsverzeichnissen deutscher Universitäten findet sich kein Hinweis auf Marx und seine Theorie.

Interessant zu beobachten ist auch, wie Marx sowohl in der Öffentlichkeit wie auch in der Wissenschaft allein unter bzw. mit Schlagworten behandelt und abgetan wird. Als Beispiele seien hier genannt: „Religion ist das Opium des Volks“ sowie der mit Friedrich Engels zusammen entwickelte Schlachtruf „Proletarier aller Länder vereinigt euch“. Beide Beispiele sind äußerst bekannte Textstellen, aber was genau sie bedeuten, in welchem Kontext sie entwickelt und gebraucht wurden, bleibt vielfach im Dunkeln. Auch in der Religionssoziologie wird universitär kaum auf Marx’ Beiträge über das genannte Schlagwort hinaus eingegangen. Er ist eben ein Klassiker, und als solcher hat er zu ruhen. Dabei kann (und muss) es auch anders gehen. Die Erkundung des Marxschen bzw. Marx-Engels-Gesamtwerkes ist noch längst nicht abgeschlossen. Der Akademieverlag hat bisher nur 57 von 114 geplanten Teilen der historisch-kritischen MEGA veröffentlicht, so einige Lücken im Werk der beiden sind noch nicht geschlossen worden.[11] Zudem wird in dem einmal im Jahr erscheinenden Marx-Engels-Jahrbuch über die aktuellen Entwicklungen in der Marx-Engels-Forschung berichtet und ausgiebig diskutiert.

In den letzten Jahren war mit dem Verlauf der Krise noch zu beobachten, dass Lesekurse und -zirkel über das Marxsche Kapital ihre Blütezeit erlebten. Diese fanden zwar durchaus auch an den Universitäten und anderen Institutionen statt, waren aber in aller Regel nicht an diese gebunden und wurden zumeist von Studenten organisiert.[12] In diesem Zusammenhang ist Marx geradezu eine Mode. Doch genau das darf er nicht sein, denn sich mit Marx zu beschäftigen muss auch bedeuten, dies in kritischer, selbstreflexiver Weise zu tun. Marx darf nicht (erneut) zu einer Popikone werden und quasi konjunkturbedingt in das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Es ist ebenso von höchster Wichtigkeit, sich mit Marx eben auch in guten kapitalistischen Zeiten auseinanderzusetzen, nicht nur in den immer mal wiederkehrenden wirtschaftliche gesehen krisenhaften Perioden. Gerade für die, von sich als kritisch verstehenden Studenten veranstalteten Lektüre-Kurse gilt: Marx war nicht nur ein bahnbrechender Ökonom und sollte als solcher nicht getrennt von seinem übrigen Werk betrachtet werden.

Marxisten als politische Ikone?

Eines ist klar: Marx ist eine politische Ikone, aber eben kein unantastbarer Gott. Er ist nicht einfach nur ein politisches Idol, so als sei Marx ein zu verehrendes Wesen oder ein bedingungslos hinzunehmendes Ideal einer politisch denkenden Person.[13] Durch den Untergang des real-existierenden Sozialismus wurde er befreit von der Tyrannei einer von der Partei vorgegebenen Doktrin, in deren Fängen Marx für die Legitimation einer in keiner Weise als sozialistisch oder gar kommunistisch zu bezeichnenden Herrschaft von wenigen über viele dienen musste.

Doch warum ist gerade Marx die hier vorgestellte Ikone, und nicht einer der zahlreichen revolutionären Marxisten des 20. Jahrhunderts? Zum einen hat Marx ein thematisch gesehen sehr breites Werk hinterlassen, dass noch heute in vielerlei Hinsicht zu den verschiedensten Problemen interessante Gedanken- und Lösungsgänge anbietet. Zum anderen hat er es gerade auf Grund dieser Breite vermocht, noch immer ein aktuelles Thema zu sein, in der Wissenschaft wie auch der Öffentlichkeit. Marx ist so gesehen lebendig und hat seine eigene Rezeptionsgeschichte stets überlebt. Mit Ferdinand Tönnies kann man sagen, dass Marx im Gegensatz zu vielen anderen politischen Denkern der Vergangenheit, „ungeachtet seiner Mängel, die seinem Werk und seinem Denken anhaften, seinen Rang als eines epochenmachenden Mannes und Denkers durch die Jahrhundert behaupten [wird].“[14] Dies hat sich bisher mit Blick auf das 20. wie dem Beginn des 21. Jahrhunderts bestätigt. Zudem ist Marx ein Denker, der sich stets weiterentwickelt hat und nie stehen blieb, sich immer hinterfragte und die gegebenen Umstände auch nicht als unüberwindbar ansah.

Wie steht es nun im Vergleich dazu etwa mit Rosa Luxemburg? Auch sie erfährt in letzter Zeit einen gewissen Aufschwung durch ein an ihr gegenüber aufgebrachtes wissenschaftliches Interesse.[15] Ich behaupte, dass sich ihr Status als Ikone nur auf einige wenige Umstände stützt: zum einen auf ihren gewaltsamen Tod als gefürchtete Revolutionärin, der es auch der SED erlaubte, sie als Mythos und Märtyrerin für die Sache des Sozialismus zu installieren und instrumentalisieren, und zum anderen auf ihren wohl bekanntesten Ausspruch, der meist vom ursprünglichen Kontext getrennt in jedem Zusammenhang genannt wird, in dem es um die Verteidigung von Demokratie, also des Status Quo unserer Gesellschaft geht, der da lautet – „Freiheit ist immer nur die Freiheit der Andersdenkenden“[16]. Welchen Beitrag sie darüber hinaus mit ihrem Werk geleistet hat und welch wichtige Rolle sie auch für die Frage der Frauenemanzipation gespielt hat, bleibt außerhalb entsprechend marxistisch orientierter Kreise völlig unterbelichtet. Generell ist anzumerken, dass ihr Schaffen nicht die Breite und Tiefe des Werkes von Marx erreicht. Dies ist allerdings auch nicht weiter verwunderlich, denn im Gegensatz zu diesem stand Luxemburg im Zentrum tagespolitischer und revolutionärer Ereignisse und nahm sehr viel aktiver an der Politik teil. So banal wie es auch ist: Sie hatte gar keine Zeit für solch zeitintensive Studien wie sie Marx betrieb.

Che Guevara, ein wichtiger Vertreter des vor allem praktisch orientierten Marxismus, begann seine Karriere im 20. Jahrhundert als erfolgreicher, aber tragisch endender Revolutionär. Er wurde spätestens mit seinem gewaltsamen Tod zum Mythos der (kubanischen) sozialistischen Revolution, musste dann aber den Aufstieg zur Popikone durchmachen. Sein Konterfei findet sich auf zahllosen T-Shirts, Buttons und sonstigen Gebrauchsgegenständen des Alltags. Dass er ein Kommunist war, Menschen hat für die Sache des Sozialismus töten lassen und selbst getötet hat und am Ende selbst sein Leben im Kampf für die vermeintlich bessere Gesellschaft ließ, ist wohl kaum jenen bekannt, die sich mit Che als Ikone des Pops schmücken, schon gar nicht den sich darunter befindlichen pupertierenden Jugendlichen.

Andere für die Geschichte und Entwicklung des Marxismus wichtige Persönlichkeiten sind zum Teil in den heutigen politischen und politikwissenschaftlichen Diskussionen vollkommen vergessen. Dazu gehören Marxisten wie Otto Rühle, Paul Mattick, Karl Korsch oder Willy Huhn. Andere wiederum können kaum als Ikone gelten, sondern sind stattdessen Figuren des tragischen Scheiterns in der Geschichte. Das wohl bekannteste Beispiel ist hier Leo Trotzki. Als Revolutionär und Mythos der Oktoberrevolution sowie Begründer der Roten Armee an der Seite von Lenin wurde er nach dessen Tod von Stalin systematisch von der Macht in der Sowjetunion verdrängt und musste schließlich den Gang ins Exil antreten. Von hier aus kämpfte er gegen die stalinistische Diktatur, in der Hoffnung, die in seinen Augen in der UdSSR herrschende Bürokratie stürzen zu können, um den „wahren“ Sozialismus errichten zu können. Ohne je eine große revolutionäre Masse hinter sich vereinigen zu können, war Trotzki ein durchaus kritischer und scharfsinniger Beobachter der Politik seiner Zeit. Zudem ist er ein wichtiger Historiker der russischen Revolution von 1917. Doch den Glauben an die Progressivität der Massen und einen guten Verlauf der Geschichte wollte und konnte er nie aufgeben, weswegen er selbst in den dunkelsten Stunden nie völlig mit der UdSSR brach. Trotzki selbst war in den letzten Jahren Gegenstand mehrerer wissenschaftlicher Veröffentlichungen, doch politisch ist er nur für versprengte Überreste der sogenannten Vierten Internationale von Belang, die von ihm mitbegründet worden ist.[17]

Wieder andere Marxisten wie Ernst Thälmann waren Personen der politischen Tat, ihrem politischen Denken nach Stalinisten, und fristeten in der DDR ein Dasein als Märtyrer und revolutionäre Idole für die Sache des Sozialismus, bevor sie heute zu Recht vergessen wurden. Eine in irgendeinem Sinne verwendbare theoretische Hinterlassenschaft braucht man hier nicht zu suchen. Zum Glück sind Mao und Stalin mit ihren jeweiligen Kulten weitestgehend in der hiesigen Gesellschaft verschwunden und angesichts der unzählbaren Opfer ihrer Politiken zu Recht und ohne Einspruch restlos diskreditiert.

Wie steht es mit dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci? Kann er als eine politische Ikone gelten? Sein Werk ist von sehr großer Bedeutung für die Weiterentwicklung der marxistischen Theorie, hier insbesondere der materialistischen Staatstheorie. Vor allem der von ihm mit einem neuen Inhalt versehene Begriff der Hegemonie ist eine bedeutende Innovation innerhalb des marxistischen Denkens.[18] Aber auch über die Grenzen des marxistischen Denkens hinaus hatte Gramsci Einfluss, so etwa auf die wissenschaftliche Disziplin der cultural studies. Das wissenschaftliche Interesse an ihm ist seit seinem Tod nie erloschen und fand auch Einschlag in die politische Öffentlichkeit, vor allem in Italien. Doch als Ikone der Politik eignet er sich nur schwerlich: Als zu schwierig und bruchstückhaft in der Lektüre und Beschäftigung stellt sich sein Haupt- und Lebenswerk, die sogenannten Gefängnishefte, dar. Er ist ein unbequemer Denker, in der breiteren Öffentlichkeit wenig bekannt. Man könnte ihn jedoch als Ikone des Überlebens und des Willens bezeichnen, denn sein Werk entstand in seiner Haftzeit unter dem italienischen Faschismus, an dessen Folgen er jedoch körperlich aber nicht geistig gebrochen, wenige Tage nach seiner Entlassung aus dem faschistischen Kerker verstarb. Einzig in Italien wurde Gramsci in den Rang einer politischen Ikone erhoben, und zwar für die dortige kommunistische Partei. Hierfür erfuhr sein Werk allerdings eine Art Zwangssterilisierung und Gramsci wurde nur so verwendet, dass man sich auf ihn politisch berufen konnte. Er musste als Legitimationsquelle herhalten. Sein tatsächliches Werk wurde jedoch nicht berücksichtigt.[19]

Auch die Vertreter der Kritischen Theorie bzw. der Frankfurter Schule sind im Lichte heutiger Erkenntnisse und Beobachtungen nicht als Ikonen des Politischen hochzuhalten, auch wenn sie sicherlich einen guten Ausgangspunkt bieten. So kritisch sie auch gegenüber den gesellschaftlichen Prozessen und Bedingungen waren und ihre Beobachtungen noch immer einen interessanten Anschlusspunkt bieten, einen gangbaren Ausweg aus dem Elend konnte keiner von ihnen bieten. Zu pessimistisch waren ihre Werke.

Einige der hier nur kursorisch behandelten Vertreter des Marxismus waren in der Zeit der sogenannten 68er-Bewegung für einen mehr oder weniger langen Zeitraum in der Tat politische Ikonen. Oft hatte dies jedoch auch etwas mit dem Fehlen, gewollt oder ungewollt, im Zuge ideologischer Propaganda, eines Zuganges zu tatsächlichen Vorgängen zu tun, etwa den Opferzahlen des Großen Sprunges nach vorn unter Mao. Zurück also zu Marx.

Marx als politische Ikone

Was bleibt ist Marx als die politische Ikone, nicht nur des Marxismus. Unter all dessen Vertretern war Marx (neben Gramsci) der wohl hinsichtlich der Themenbreite in seinem schriftlichen Werk facettenreichste. Im Gegensatz etwa zu Rosa Luxemburg oder Gramsci war Marx allein Revolutionär in seinem Denken und seinen Worten, jedoch kaum in der praktischen Tat, auch wenn er ein Mitbegründer der Ersten Internationale war und in dieser aktiv mitwirkte. Er kann auch nicht als Mythos der Revolution angesehen werden. Sein vielseitiges Werk ist noch heute von Relevanz, vor allem was das Thema Ökonomie angeht, aber auch in Fragen der Ideologie und des Staates. Zum letzteren lässt sich zwar keine ausgearbeitete Theorie in seinem Werk finden, aber es ist gewiss, dass Marx den Plan hegte, eine solche in einem einzelnen Werk niederzuschreiben.[20] Aber zahlreiche seiner Schüler und Anhänger haben sich dieses Themas angenommen und produktiv, ohne an eine Verehrung von Marx gekettet zu sein, ergänzt und weiterentwickelt. Insbesondere Gramsci und Nicos Poulantzas kommt hier eine herausragende Bedeutung zu.[21]

Marx ist meines Erachtens nach ein Knotenpunkt in der Geschichte des politischen Denkens und vereint zahlreiche vor seiner Zeit entdeckte Erkenntnisse des (früh)sozialistischen, philosophischen und ökonomischen Denkens, er führt diese Stränge zusammen, setzte eigene wichtige Akzente hinzu[22] und ist somit heute ein Denker, an dem niemand vorbeikommt. Er war ein aufmerksamer und kritischer Beobachter der Politik und Wirtschaft, in Europa und anderen Teilen der Welt. Der Fall des real existierenden Sozialismus ist ein Glückfall für die Beschäftigung mit Marx. Er ist nun keine unantastbare Ikone mehr, man kann ganz undogmatisch an ihn herangehen, und Kritik gerade auch am Menschen Marx ist durchführbar, sogar unbedingt gewollt und auch wichtig. Zusammen mit Engels und Lenin hat er seinen Gottesstatus verloren und kann wieder als das betrachtet werden, was er wirklich nur ist: Ein Mensch wie jeder andere, voller Fehler, aber auch vielen kreativen Gedanken und Theorien, die einen zum Nachdenken anregen. Man kann sich nun in aller Ruhe an ihm abarbeiten, ohne auch in den Verdacht zu geraten, als gewissermaßen 5. Kolonne des offiziellen Marxismus wie er von der SED bzw. KPdSU und anderen KPen Westeuropas vertreten worden ist, zu gelten. Ziel kann es nur sein, mit Marx fruchtbar über Marx hinaus zu gehen, aber dafür muss eben auch die Trennung der wissenschaftlichen Disziplinen überwunden werden, um gewissermaßen den ganzen Marx in den Blick zu bekommen.

Die Erkenntnis, dass es immer noch der Mensch ist, der die Geschichte macht und dass die zukünftige, vor uns liegende Entwicklung nie alternativlos oder gar naturgegeben ist, darf als zentrale Erkenntnis von Marx angesehen werden. Genau dies aber zu behaupten ist nichts weiter als verdinglichtes Denken, wie es Marx zutiefst kritisiert hat.[23] Der Mensch bringt die Welt hervor und kann sie dementsprechend auch wieder verändern, in alle ihren Facetten.

Etwas radikaler mutet die fundamentale Forderung des jungen Marx an, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes […] Wesen [ist]“.[24] Aber auch diese Mahnung ist jenseits aller marxistischen Revolutionsfantasien in der heutigen Welt anwendbar und verweist eben darauf, dem Menschen ein menschliches Dasein in dieser Welt zu bieten und zu ermöglichen. Man muss diese Forderung angesichts aktueller Tatbestände mit Inhalt füllen und aktiv danach suchen, wo der Mensch unterdrückt und von einem menschenwürdigen Leben abgehalten wird. Dies sollte nicht schwerfallen.

Nicht zuletzt ist es auch mit Marx ohne größeren Aufwand möglich, das System des real-existierenden Sozialismus einer fundamentalen Kritik zu unterziehen. Und gerade dadurch ist aufzuzeigen, wie sehr dieses von den Marxschen Vorstellungen, die vom Staatssozialismus auch als direkte Vorgaben und Anweisungen an die Gesellschaft ausgegebenen worden sind, abgewichen war. Ja, diese Theorie gerade in ihr groteskes Gegenteil verkehrt worden war.

Marx ist die Ikone des kritischen Denkens, der kritischen Reflexion eigener Positionen und theoretischen Überzeugungen sowie der eigenen Verortung in der Welt. Der sich auf Marx berufende Marxismus als allumfassende Weltanschauung ist verschwunden. Er ist weder notwendig, noch anstrebenswert. Was bleibt ist Marx, der wohl als einziger Vertreter des Marxismus auch noch heute eine integrative Macht des linken politischen Spektrums bis hin zur Sozialdemokratie sein kann. Vielleicht sollte man sich auf diese Wurzeln wieder besinnen, dann erst Recht ist Marx auch eine Ikone des politischen Überlebens.

Auch in Fragen der wissenschaftlichen Arbeit besitzt Marx so etwas wie Vorbildcharakter. Es gilt eben nicht an der jeweiligen Oberfläche des zu untersuchenden bzw. zu erklärenden Objekts stehen zu bleiben. Dazu gehört ein beständiges Umwälzen der eigenen Erkenntnisse, ein immer tiefer Gehen in die Materie, ein in aller Hinsicht intensives Beschäftigen eben. Hinzu kommt auch, eine breite Sicht auf die Ereignisse aufrechtzuerhalten, sich nicht völlig in den kleinsten Verästelungen zu verlieren, sondern eben auch das größere Ganze im Auge zu haben und sich nicht abzuschotten vom sonstigen Leben. Dies anzuerkennen bedeutet in keinster Weise alles als wahr und richtig zu nehmen was Marx, durchaus auch in arg polemischer Weise niedergeschrieben hat. Denn auch dies gehört zur ernsthaften Beschäftigung: Kritik des Vorgegebenen, der Quelle in allen Belangen.

Ein gutes Beispiel für das eben Erwähnte ist die lange, und vom Material her sehr umfangreiche Entwicklungs- und Entstehungsgeschichte des ökonomischen Hauptwerkes von Marx, dem Kapital. Marx hat hier zahlreiche Vorstudien und ganze Werke im Vorhinein verfasst, und nach jahrelanger Arbeit in einer Londoner Bibliothek schließlich 1867 den ersten Band des Kapitals veröffentlicht.[25] Die zwei weiteren Bände wurden posthum von seinem engen Freund Friedrich Engels aus zahlreichen Aufschriften zusammengestellt und veröffentlicht.

Bezogen auf die Politik bedeutet die Marxsche Forderung danach, das große Ganze im Blick zu haben und zu behalten, eben nicht nur die Konzentration auf die aktuelle Tagespolitik, also nicht nur von Moment zu Moment, von Legislaturperiode und Legislaturperiode politisch aktiv zu sein und entsprechende Ziele zu verfolgen. Stattdessen muss es eine klare, langfristige Orientierung am gesellschaftlichen Wohl geben. Dies ist eine weitere wichtige Quintessens des Marxschen Denkens und trägt ebenso dazu bei, ihm den Status einer politischen Ikone, einer Ikone des kritischen, politischen Denkens zu verleihen.

[1] Mit Leszek Kołakowski muss man eigentlich sagen, dass es nicht den einen Marxismus gibt, sondern dieser aus verschiedenen Haupt- und Nebenströmungen besteht, der Marxismus also nur im Plural zu denken ist. Angesichts dessen erscheint der Begriff als ohnehin sehr diffus.

[2] Vgl. Koch, André/Damitz, Ralf M.: Gesellschaftstheorie reloaded? Anmerkungen zur gegenwärtigen Marxrenaissance. In: Bude, Heinz/Damitz, Ralf M./Koch, André (Hrsg.): Marx. Ein toter Hund? Gesellschaftstheorie reloaded. Hamburg 2010, S. 7-52, hier S. 11.

[3] Die Zeit hat das Themenheft Karl Marx. Philosoph der Krise herausgebracht (Die Zeit, Geschichte, Heft 4/2009); die Ausgabe 159 der Prokla vom Juli 2010 trägt den Titel Marx!

[4] Das zumindest behauptet der Berliner Dietz Verlag auf seiner Internetseite: 01.09.2010, http://www.dietzberlin.de/index_2.html

[5] Koch, André/Damitz, Ralf M.: Gesellschaftstheorie reloaded?, S. 10.

[6] Ebd., S. 11.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Vgl. Althusser, Louis. Für Marx. Berlin 2011.

[9] Siehe hierzu etwa die entsprechenden Einträge in den Bänden Meier, Hans (Hrsg.): Klassiker des politischen Denkens Bd. 2. Von John Locke bis Max Weber. München3 2007 sowie Höffe, Otfried (Hrsg.): Klassiker der Philosophie Bd. 2. Von Immanuel Kant bis John Rawls. München 2008.

[10] Vgl. Schmidt, Manfred G.: Demokratietheorien. Eine Einführung. Opladen3 2006, S. 165-174.

[11] Vgl. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Marx-Engels-Gesamtausgabe. 03.092010, http://www.bbaw.de/forschung/mega/

[12] Vgl. Prokla-Redaktion: Editorial Marx!. In: Prokla. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 159 (2010), S. 150.

[13] Siehe hierzu den Eintrag zum Begriff Idol im Wörterbuch der Soziologie von Karl-Heinz Hillmann. Stuttgart5 2007, S. 359.

[14] Tönnies, Ferdinand: Karl Marx. Leben und Lehre. Berlin 1921, S. 145.

[15] Verwiesen sei hier auf aktuelle Werke wie Dietmar Dath: Rosa Luxemburg. Berlin 2010 oder Nicole Meier: Jenseits von Internationalismus und Weltbürgertum. Subjektive Handlungsoptionen bei Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Ágnes Heller. Berlin 2009.

[16] In dieser Form findet sich das Zitat in: Rosa Luxemburg – Gesammelte Werke Band 4. Berlin 1983, S. 359, FN3. Vor allem im Zusammenhang mit der Bewegung der DDR-Oppositionellen scheinen verschiedene andere Fassungen dieses Zitats zu kursieren.

[17] Siehe hierzu bspw.: Service, Robert: Trotsky. A biography. London 2010; Patenaude, Bertrand M.: Stalin‘s nemesis. The exile and murder of Leon Trotsky. London 2009; Thatcher, Ian D.: Trotsky. London 2003. Eine weitere sehr lesenswerte und umfangreiche Biografie wurde von Pierre Broué verfasst: Trotzki. Eine politische Biographie. Bd. 1: Vom ukrainischen Bauernsohn zum Verbannten Stalins/Bd. 2: Der Kampf gegen Stalinismus und Faschismus. Köln 2003.

[18] Vgl. Anderson, Perry: Über den westlichen Marxismus. Frankfurt/Main 1978, S. 66.

[19] Ebd.

[20] Vgl. Hirsch, Joachim/Kannankulam, John/Wissel, Jens: Einleitung. In: dies. (Hrsg.): Der Staat der bürgerlichen Gesellschaft. Zum Staatsverständnis von Karl Marx. Baden-Baden 2008, S. 9.

[21] Siehe hier die in jüngerer Zeit veröffentlichten Bände Buckel, Sonja/Fischer-Lescano: Andreas (Hrsg.): Hegemonie gepanzert mit Zwang. Zivilgesellschaft und Politik im Staatsverständnis Antonio Gramcis. Baden-Baden 2007 sowie Demirovic, Alex/Adolphs, Stephan/Karakayali, Serhat (Hrsg.): Das Staatsverständnis von Nicos Poulantzas. Der Staats als gesellschaftliches Verhältnis. Baden-Baden 2010.

[22] Siehe hierzu etwa die Darlegungen von Ernest Mandel zu Marx früheren Texten im zweiten Kapitel des Buches: Entstehung und Entwicklung der ökonomischen Lehre von Karl Marx. Hamburg 1982.

[23] Vgl. Berger, Peter L./Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt/Main 2007, S. 94-98.

[24] Marx, Karl: Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. In: MEW 1. Berlin 1976, S. 385.

[25] Zur Entwicklung und Vorgeschichte des Kapitals siehe das umfangreiche, dreibändige Werk von Roman Rosdolsky mit dem Titel: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Frankfurt /Main 1968. Der Trotzkist Ernest Mandel verfasste 1967 eine kurze, aber sehr informative Übersicht zur gleichen Thematik mit dem Titel: Entstehung und Entwicklung der ökonomischen Lehre von Karl Marx. Frankfurt/Main.

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