Warum Sagen nicht Sehen und Sehen nicht Sagen ist. Mit Michel Foucault gegen die Diskursanalyse

Abstract
Numerous approaches in current social sciences argue to utilize some kind of discourse analysis in reference to Michel Foucault. Foucault’s concept of discourse is, however, itself ambiguous and analytically somewhat misleading. Seen in this light, a foucauldian discourse analysis does not match its object of analysis with its broader theoretical claim. This article explores the difficulties of a foucauldian discourse analysis by reconstructing the non-discursive line of argument Foucault offers, in order to then propose a broader use of his critical insights. Hence, this problematization does not do away with Foucault’s theory but on the contrary calls for a even more rigorous use of its many intriguing concepts.

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Wer im Anschluss an Michel Foucault oder im direkten Bezug zu dessen Untersuchungen forschen will, der stößt mit einiger Sicherheit auf den Ansatz der Diskursanalyse. Wird Foucault mit dieser Diskursanalyse identifiziert, besteht die Gefahr, aus dessen Denken jene Nacht zu machen, von der Hegel sagte, in ihr seien alle Kühe schwarz (Hegel 1988, 13). Die große Vielfalt theoretischer Begriffe, die Foucaults Schriften auszeichnet, wird im Zuge einer solchen Diskursanalyse mitunter auf einen einzigen Begriff reduziert: Den des Diskurses. Vor diesem Hintergrund nimmt der vorliegende Aufsatz seinen Ausgang mit der These, dass nicht alles, was Foucault verfasst hat, sich unter den Ansatz der Diskursanalyse subsumieren lässt – das Gegenteil ist der Fall: Einige der Prämissen, die für die Idee einer wie auch immer gearteten Diskursanalyse zentral sind, lassen sich durch Foucaults Arbeiten selbst widerlegen.

Die Zahl der explizit an Foucault anschließenden diskursanalytischen Ansätze steigt beständig. Während die Nutzbarmachung vor allem in der deutschen Politikwissenschaft noch am Anfang steht (Kerchner und Schneider 2006, 11), kann von der Soziologie und der Sprachwissenschaft das Gegenteil behauptet werden: Hier haben Ansätze, die für sich beanspruchen, im Sinne Foucaults Diskursanalyse zu betreiben, gegenwärtig Konjunktur (Jäger, M. und Jäger, S. 2007; Keller 2008; Link 1999). In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die die theoretische Entwicklung und methodische Nutzung einer solchen Diskursanalyse auch für die Politikwissenschaft fordern (Nonhoff 2011). Nicht nur vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage ob und wie die Sozialwissenschaften das, was als Kernstück der Überlegungen Foucaults betrachtet wird, unter dem Titel ‚Diskursanalyse‘ nutzen kann. Versteht man unter Diskursanalyse die Untersuchung dessen, was gesagt oder geschrieben wurde, dann lässt sie sich problemlos in die Methoden qualitativer sozialwissenschaftlicher Forschung einreihen.[1]

Im Zuge dieses Aufsatzes wird deutlich werden, dass Diskursanalyse im Sinne Foucaults nicht bloß Analyse von sprachlichen Einheiten ist, sondern selbst schon über die Sprach- und Sinn-Analyse hinaus weist. Das einende Merkmal, der an Foucault anschließenden Diskursanalysen, ist die Betonung einer dem Diskurs innewohnenden Mächtigkeit, die ihren Ursprung in Foucaults Untersuchungen selbst hat. Eine solche Diskursanalyse, das verbindet die unterschiedlichen Ansätze, ist immer die Auseinandersetzung mit dem herrschenden Diskurs. In dieser Vorstellung eines mächtigen Diskurses fallen die Begriffe Macht und Wissen, die auf der Ebene ihrer Wirkung – als Macht-Wissens-Komplexe – durchaus zusammengehören, aber in solchem Maße zusammen, das ihre analytische Unterscheidung nahezu unmöglich wird. Daher die Frage und implizite Kritik dieses Aufsatzes zu Beginn: Könnte man nicht behaupten, dass eine solche Diskursanalyse zwar ihrer Intention nach im Sinne der von Foucault verfolgten epistemologisch-kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart verfährt, sie aber durch die Reduzierung auf den Begriff des Diskurses zugleich die analytische Klarheit verliert, die nötig ist, um die Bedingungen dieser Gegenwart hinreichend zu erfassen? Könnte man nicht sogar behaupten, dass eine solche Diskursanalyse ihre Erhebung zur Methode mit dem Verlust des kritischen Kerns der foucaultschen Gedanken bezahlt?

Im Folgenden möchte ich zeigen, wie sich die von den Vertertern der Diskursanalyse geäußerte Vorstellung einer allein diskursiv konstituierten Wirklichkeit aus Foucaults Arbeiten heraus widerlegen lässt. Dazu soll, nach einer Diskussion der einschlägigen diskursanalytischen Literatur, die in Foucaults Schriften angedeutete Rolle des Nicht-Diskursiven herausgearbeitet werden. Auf die Problematik, die sich aus der Annahme einer nicht auf den Diskurs zu reduzierenden Ebene für die Diskursanalyse ergibt, wurde bereits hingewiesen (van Dyk 2010). Ich möchte hier, mit Bezug auf Foucaults eigene Überlegungen, jedoch nicht bloß argumentieren, dass die Zentrierung auf den Begriff des Diskurses irreführend ist; darüber hinaus möchte ich die bei Foucault durchaus relevante Ebene des Sichtbaren als ein im Werk behandeltes nicht-diskursives Element herausarbeiten. Statt die Unterscheidung zwischen diesen beiden Ebenen zu verwerfen (ibid., 175), möchte ich auf dem analytischen Potenzial der Unterscheidung beharren. Damit soll beispielhaft das größere theoretische Anliegen der Arbeiten Foucaults bestätigt und die Reduktion auf den Begriff des Diskurses problematisiert werden. Statt die Diskursanalyse mit einem anderen von Foucault ausgehenden Forschungsansatz zu konfrontieren (Angermüller und van Dyk 2010), möchte ich hier zu Foucault selbst zurückkehren.

Das erste Ziel dieser Rekonstruktion ist der Nachweis, dass die erfahrene Wirklichkeit sich für Foucault nicht auf Diskursivität reduzieren lässt. Hieraus leitet sich unmittelbar ein Problem für die Diskursanalyse ab: Denn wenn Foucaults kritische Analyse nicht allein auf den Diskurs zielt, dann unterläuft eine Diskursanalyse mit der Wahl ihres Gegenstands bereits ihrem eigenen Anspruch, die wahrheits- und subjektkonstitutiven Prozeduren der gesellschaftlichen und politischen Gegenwart zu erschüttern oder zu hinterfragen. Das, was Foucault als Subjektivierung bezeichnet (die je vorherrschende Beziehung des Subjekts zum Objekt, oder auch das Verhältnis zwischen Subjekt und den Spielen der Wahrheit) (Foucault 1994, 39; Foucault 2005a, 286), gründet sich nicht allein in dem, was gemeinhin unter Diskurs verstanden wird, sondern umfasst ein weiteres begriffliches Netz, das bisweilen den ‚Diskurs‘ nicht einmal einschließt.[2] Das zweite, strategische Ziel des Aufsatzes ist die Erinnerung daran, dass Foucaults Theorie sich auch und vor allem dadurch auszeichnet, dass sie sich einer Erhebung zur Methode systematisch entzieht.

Der Artikel ist wie folgt gegliedert: Im ersten Abschnitt wird die wichtigste diskursanalytische Literatur im Hinblick auf die Fragen der Macht des Diskurses und der Rolle des Nicht-Diskursiven diskutiert. In den beiden daran anschließenden Abschnitten erfolgt die Rekonstruktion dessen, was Foucault als Archiv des Wissens bezeichnet hat, und welches aus einem diskursiven und nicht-diskursiven Element besteht. Um die damit entstandenen Kluft zwischen einem diskursanalytischen und dem hier vorgeschlagenen Vorgehen auszuführen, steht im vorletzten Kapitel Foucaults eigene Arbeit am Beispiel der Monographie ›Überwachen und Strafen‹ im Mittelpunkt. Zum Schluss sollen die gemachten Überlegungen resümiert und das zentrale Argument des Artikels noch einmal verdichtet werden.

Ziel dieses Aufsatzes ist es, ausgehend von der dargelegten Problematisierung, einen Hinweis auf das exzessive theoretische Potenzial der Überlegungen Michel Foucaults gegeben zu haben. Statt mit Diskursen, so der Schluss, beschäftigt sich dessen Theorie mit Machtbeziehungen – die sich nicht auf Wissen reduzieren lassen – und Wissen – das sich nicht auf Machtbeziehungen reduzieren lässt. Es geht hier aber nicht einfach um die Widerlegung eines diskursanalytischen Vorgehens, sondern vielmehr um die mit der Erhebung zur Diskursanalyse einhergehende Verringerung des kritischen Potenzials des foucaultschen Denkens. Was kann Theorie im Anschluss an Foucault? Die Antwort: Mehr als Diskursanalyse. Denn das von Foucault verfolgte kritische Aufzeigen der historischen Formierung von Erkenntnisweisen kommt nicht mit dem Begriff des Diskurses aus, sondern verweist auf weitere Ebenen. Wenn Foucault uns erinnert, dass seine Analyse darin bestünde, »zu bestimmen, was das Subjekt sein muss, welcher Bedingung es unterworfen ist, welchen Status es haben und welche Stellung im Wirklichen oder im Imaginären es einnehmen muss, um zum legitimen Subjekt dieser oder jener Art Erkenntnis zu werden« (Foucault 2005b, 777) dann bedeutet das: Seine Analyse zielt nicht auf den Diskurs, sondern auf die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, also auf die Erkenntnisweise selbst. Die Frage, die wir uns also stellen müssen ist, ob diese Beziehung zwischen Subjekt und Objekt mit dem Begriff des Diskurses hinreichend erfassbar ist, oder ob es nicht weitere Elemente gibt, die weder vom Diskurs abgeleitet, noch mit einer Diskursanalyse überhaupt zur Genüge einbezogen werden können.

Der Diskurs und die Diskursanalyse

Zunächst ist eine knappe Einordnung des Diskursbegriffs in das Werk Foucaults nötig. Im Hauptteil dieses Abschnitts steht dann die Auseinandersetzung mit einigen für den Ansatz der Diskursanalyse wichtigen Autoren. Neben Reiner Keller, der mit seiner ‚Wissenssoziologischen Diskursanalyse‘ vielleicht am häufigsten mit dem Begriff der Diskursanalyse assoziiert wird, sind auch Siegfried Jäger, Jürgen Link und Achim Landwehr zu nennen. Im Mittelpunkt der Auseinanderstzung soll dabei die allen gemeinsame Zentrierung auf den Begriff des Diskurses und die Vernachlässigung des Nicht-Diskursiven stehen. Das bescheidene Ziel dieses Abschnitts ist weniger die Darlegung der allen gemeinsamen Fehlschlüsse, als vielmehr der Versuch, einen ersten Hinweis auf die damit vollführte theoretische Verengung zu geben, die anschließend mit Blick auf Foucaults eigene Arbeiten diskutiert werden soll.

Werkhistorisch betrachtet erhält der Begriff des Diskurses seine herausragende Stellung in Foucaults Schriften ungefähr mit dem Antritt seiner Professur am ‚Collège de France‘ 1971. Ist der Beginn der 1960er Jahre noch geprägt von den stärker historischen Monographien ›Wahnsinn und Gesellschaft‹ und ›Die Geburt der Klinik‹, steht – nach dem Übergangswerk ›Die Ordnung der Dinge‹ – mit den methodischen Veröffentlichungen ›Archäologie des Wissens‹ und ›Die Ordnung des Diskurses‹ Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre der Begriff des Diskurses im Zentrum der Untersuchungen. Zugleich bahnt sich damit eine Phase der methodischen Reflexion an, die die weiteren Untersuchungen maßgeblich beeinflussen wird. Die späteren Monographien ›Überwachen und Strafen‹ und ›Der Wille zum Wissen‹ werden diese zentrale theoretische Stellung des Diskurses im Laufe der 1970er Jahre wieder relativieren und sich statt dessen vermehrt auf den Begriff der Macht konzentrieren.

Dieser kurze werkhistorische Blick suggeriert bereits, dass eine Diskursanalyse vor allem am ‚Mittelteil‘ des Gesamtwerks anschließen muss. Mit Hinblick auf die spätere Verschiebung Foucaults Forschungsinteresses stellt sich damit die Frage, ob man Diskursanalyse mit der kritischen Absicht Foucaults identifizieren kann, oder ob der Begriff des Diskurses selbst nur ein Teil innerhalb des Foucault’schen Gesamtwerks ist? Im Folgenden soll gezeigt werden, dass die verschiedenen Ansätze der Diskursanalyse zwei wichtige Postulate aufstellen, die im Hinblick auf Foucaults Denken nicht unproblematisch sind: Zum einen die Vorstellung, der Diskurs selbst übe Macht aus, und zum anderen die Vernachlässigung dessen, was Foucault als Nicht-Diskursives bezeichnet hat. Versuchen wir zunächst den Begriff des Diskurses näher zu bestimmen und dessen behauptete Machtwirkung zu diskutieren.

Achim Landwehr schlägt mit seiner ‚Historischen Diskursanalyse‘ eine Richtung vor, die Foucault zweifellos gefallen hätte, denn auch er war von der Wichtigkeit und Relevanz der Geschichte für unsere Gegenwart überzeugt. Untersucht man Diskurse, wie Landwehr es vorschlägt, dann beschäftigt man sich mit Dingen, die für unsere Wirklichkeit grundlegend sind. Man betrachtet die ‚Geschichte des Sagbaren‘ (Landwehr 2004), also die Geschichte dessen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt werden konnte. Das impliziert bereits, dass der Diskurs die Regeln bestimmt, »nach denen Wissen produziert wird« (Landwehr 2006, 111). Diskurse sind zum einen das, was das Wissen bedingt und zum anderen sind sie »nicht etwas der Gesellschaft Äußerliches« (Landwehr 2008). Im Gegenteil; sie sind die Grundlage, auf der wir die Gesellschaft überhaupt erkennen können. Wenden wir uns dem Gegenstand des Diskurses zu, dann haben wir es nicht bloß mit der Analyse von Texten (im weitesten Sinne) zu tun, sondern setzen uns mit dem auseinander, was unser Wissen von der Gegenwart ‚regelt‘. Der Diskurs beschreibt damit eine überaus bedeutende Sache: Wie auch Keller wiederholt mit Verweis auf Foucault anmerkt, bilden diese Diskurse dann systematisch die Gegenstände, von denen sie sprechen.[3] Rainer Diaz-Bone fasst diese Ansätze als Theorien zusammen, die im Anschluss an Foucault einen starken Diskursbegriff verwenden. Deren einende Annahme ist: »Diskurse sind eigene Realitäten, die soziale Praxis (Handlung) strukturieren und soziale Ordnung konstituieren« (Diaz-Bone 2010, 71). Diese für die Wirklichkeit konstituierende Rolle geht mit ihrer bedeutenden Position einher: Wenn Diskurse ‚regeln‘ was wir wissen können, dann steht es außer Frage, dass dieser Diskurs eine gewisse Mächtigkeit besitzt. Deshalb sagt Landwehr, Diskurs und Macht seien »untrennbar miteinander verwoben« (Landwehr 2008, 73). Und auch Keller betont, »Diskursforschung im Anschluss an Foucault ist unweigerlich als eine Art und Weise der Machtanalyse bzw. der Analyse von Machtfragen zu begreifen« (Keller, Schneider und Viehöfer 2012, 11; dazu auch Keller 2011, 266). Genau hier zeigt sich aber eine generelle Schwierigkeit, dieses Postulat mit dem Anspruch einer Diskursanalyse zu vereinen. So behauptet beispielsweise Landwehr im Anschluss daran – in einem keinesfalls selbstverständlichen Schritt: »Diskurse definieren also Wahrheit und üben somit gesellschaftliche Macht aus« (Landwehr 2008, 73) oder Diskurse bringen »Wissen und Wahrheit hervor« (ibid., 74). Auch bei Jäger und Jäger gibt es diese Schlussfolgerung: »Diskurse üben als ›Träger‹ von (jeweils gültigem) ›Wissen‹ Macht aus; sie sind selbst eine Machtform, indem sie Verhalten und (andere) Diskurse induzieren« (Jäger, M. und Jäger, S. 2007, 22). Auch Link behauptet: »Aus der Eingrenzung von Sag- und Wissbarkeit, der Sprechersubjektivität sowie den Kopplungsflächen zur Handlung generiert sich der Machteffekt der Diskurse« (Link 2012, 58).

Hier herrscht eine Spannung zwischen dem – aus der Perspektive Foucaults – absolut verständlichen Postulat, Macht und Wissen seien untrennbar miteinander verbunden und der simplen Ableitung der Macht aus dem Diskurs. Neben der begrifflichen Vermischung von Wissen und Diskurs wäre hier bereits folgendes anzumerken: Zwar ist der Diskurs im Rückblick etwas, das das Sagbare zu einem historischen Moment begrenzt hat – die Aussagen der Medizin im 19. Jahrhundert beispielsweise – allerdings kann diese nachträglich in ihn hineingelegte Machtwirkung theoretisch nicht sein Funktionieren erklären.[4] Dass im 19. Jahrhundert Ärzte für heutige Ohren absolut verrückte Dinge behauptet haben, kann nicht auf den Diskurs, der geäußert wurde, zurückgeführt werden, sondern muss, wie im Verlauf des Aufsatzes deutlich werden soll, vor dem Hintergrund spezifischer Machtstrategien und Wissensbeziehungen betrachtet werden. Bei der Darlegung des geäußerten Diskurses stehen zu bleiben, so möchte ich zeigen, widerspricht Foucaults eigener Hinwendung zur Frage der Machtbeziehungen. Aber selbst wenn wir die Frage nach der Macht des Diskurses zunächst beiseite lassen, muss geklärt werden, ob dieses Wissen allein diskursiv, also im weitesten Sinne begrifflich ist?

Für Link und Jäger als Sprach- und Literaturwissenschaftler ist dieser starke Bezug zur Sprache wenig problematisch, selbst der Entwicklung des Dispositivbegriffs und des Diskurskontexts gewinnen beide nicht die Notwendigkeit ab, über das Diskursive hinaus zu gehen (Link 2007, 233). So besäßen, schreibt Jäger, »alle Ereignisse diskursive Wurzeln; sie lassen sich auf bestimmte diskursive Konstellationen zurückführen« (Jäger, M. und Jäger, S. 2007, 27). Doch auch Landwehr behauptet, dass die Trennung von diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken nicht sinnvoll ist: »Im selben Maß, in dem Sprechen eine Diskurs konstituierende Handlung ist, trägt auch jede andere Praxis und jeder Gegenstand zur Aufrechterhaltung oder Veränderung von Diskursen bei. Die häufig anzutreffende Trennung von diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken ist daher nicht tragfähig« (Landwehr 2006, 114). Er kommt daher zu dem Schluss: »[E]ntweder ist uns die Wirklichkeit in vielfältigen Formen diskursiv vermittelt oder sie ist garnicht« (Landwehr 2008, 78). Diese Argumentation findet sich ebenso bei Keller, der die Ebene des Nicht-Diskursiven für seine Diskursanalyse zumindest für irrelevant erklärt, wenn er sagt, es gehe ihm um »ein Forschungsprogramm zur Analyse der diskursiven Konstruktion von Wirklichkeit [Hervorh. i. Orig.]« (Keller 2006, 56; auch Keller 2012, 180). Auch Diaz-Bone hält für eine Diskursanalyse allein die diskursive Ebene des Sagbaren für relevant: »Das Archiv ist somit das, was in einer Epoche gesagt werden konnte, das System der Diskurse« (Diaz-Bone 2010, 93). Das bedeutet, dass es bei einer Untersuchung nach Foucault keine andere Ebene zu berücksichtigen gilt, als die der Sprache. Für die Diskursanalyse im Anschluss an Foucault wäre demnach nur das Begriffliche Wesentlich. Dies deshalb, weil auch das Nicht-Diskursive selbst wieder diskursiv vermittelt sei. Selbst in mitunter kritischer Absicht wird diese Reduktion auf das Diskursive reproduziert, denn auch hier steht der Versuch eine »diskursiv konstituierte Welt (empirisch) in den Blick zu bekommen« (van Dyk 2010, 175).

Problematisch ist diese Beschränkung auf die Diskursivität und die Annahme der Macht des Diskurses allerdings nur dann, wenn sich nachweisen lässt, dass Foucault selbst nicht das Selbe tut. Finden wir dort den Primat des Diskurses und seine Mächtigkeit bestätigt, besteht kein Grund zum Zweifel. Sollte sich aber herausstellen, dass Foucault selbst hier wenig eindeutig ist oder sogar offen widerspricht, ist es notwendig, die Diskursanalyse mit ihrem eigenen Anspruch zu konfrontieren. Eine der zentralen Problemstellungen Foucaults, so behauptet zumindest Gilles Deleuze, sei das Verhältnis von diskursiven und nicht-diskursiven Elementen, oder wie wir es hier nennen wollen: Den zwei heterogenen Elementen des Wissens – dem Sagbaren und dem Sichtbaren (Deleuze 1996, 15). Wie lässt sich diese These verstehen? Und warum heißt es bei den Vertretern der Diskursanalyse, dass wir mit Foucault von einer diskursiv konstituierten Welt ausgehen müssen? Um diese Frage beantworten zu können, muss zunächst rekonstruiert werden, was Foucault unter Sagbarem versteht. Was meint Foucault, wenn er vom Diskurs spricht?

Die Aussage als das Sagbare

»Ich habe mich darum bemüht«, schreibt Foucault, »keine jener Einheiten gelten zulassen, die mir haben vorgeschlagen werden können … Ich habe mich entschlossen, Aussagen im Feld des Diskurses und die Beziehungen, denen sie unterliegen, zu beschreiben« (Foucault 1973a, 48). Die Sprache soll in Form der Aussagen zwar Gegenstand seiner Analysen sein, aber es wird dabei nicht um Sätze oder Wörter im eigentlichen Sinne gehen, wie Gilles Deleuze präzisiert: Foucault kündigt an, sich nicht mehr mit dem befassen zu wollen, »dem auf tausenderlei Weise die Aufmerksamkeit der früheren Archivare galt: den Propositionen und den Sätzen« (Deleuze 1992, 9). Jeder Satz ist eine Aussage, aber nicht jede Aussage ist ein Satz: Eine Aussage ist demnach auch, wie Foucault aufzählt, »ein genealogischer Baum, ein Rechnungsbuch, die Schätzung einer Handelsbilanz … eine Gleichung des n-ten Grades oder die algebraische Formel des Gesetzes der Strahlenbrechung« (Foucault 1973a, 120).

Worin besteht nun der Unterschied zwischen den Aussagen Foucaults und den klassischen sprachlichen Einheiten von Wörtern und Sätzen? Die Aussage, stellt Foucault fest, befasst sich nicht mit Wörtern oder Sätzen als solche, sondern ist vielmehr »eine Funktion, die in Beziehung zu diesen verschiedenen Einheiten sich vertikal auswirkt und die von einer Serie von Zeichen zu sagen gestattet, ob sie darin vorhanden sind oder nicht« (ibid., 126). Die Aussage ist ein Stück historische Evidenz, die es erlaubt, die Frage der Bedingungen der Sprache in der Geschichte selbst aufzuwerfen. Die Aussage ist demnach die Funktion, »die einer Serie von Zeichen (wobei diese nicht notwendig grammatisch oder logisch strukturiert ist) eine Existenz gegeben hat« (ibid., 158). Nach der Aussage zu suchen, hieße nicht nach der Bedeutung oder dem Referenten eines Satzes zu forschen, sondern nach den Bedingungen des Gesagten selbst zu fragen. Warum erscheint eine bestimmte Aussage zu einem bestimmten Zeitpunkt? Welche Bedingungen haben ihre Existenz erst ermöglicht?

Die Aussage taucht in der Geschichte auf, wie ein Punkt in einer Verteilung: Sie ist die Emergenz einer Aussage-Tatsache zu einem bestimmten Zeitpunkt. Aussagen zu untersuchen heißt, nach ihrer Streuung und Verteilung zu fragen, die jedoch an eine natürliche Knappheit gebunden sind. Weiter noch ist diese Knappheit der Aussagen eben jenes Merkmal, »aufgrund deren sie in Gegensatz treten zu den Propositionen und den Sätzen. Denn man kann beliebig viele Propositionen bilden, sofern man hierbei gemäß der Typenunterscheidung verfährt und die einen ‚über‘ die anderen sprechen läßt« (Deleuze 1992, 10). Deshalb kann Foucault sich die entscheidende Frage stellen, wie es kommt, »daß eine bestimmte Aussage erschienen ist und keine andere an ihrer Stelle« (Foucault 1973a, 42).

Heißt das nun, dass nach Foucault beliebige Aussagen eines bestimmten historischen Zeitpunkts betrachtet und daraus hergeleitet werden kann, wie die gesagten und geschriebenen Sätze und Wörter ihr Sprache-Sein, ihre ‚ontologische Integrität‘, erhalten haben? Es heißt zuallererst, dass die Aussage auf einer ganz anderen Ebene operiert als die Interpretation oder die Inhaltsanalyse: Sie interessiert sich im klassischen Sinne weder für die Worte oder Sätze als solche, noch für den Autor oder Sprecher. Während die Interpretation darauf beruht, die Intentionen des sprechenden Subjekts in ihre Betrachtung mit einzubeziehen und während die Inhaltsanalyse hinter jedem Wort, hinter jedem Satz, eine versteckte Botschaft zu entdecken sucht, verwirft die Betrachtung der Aussage diese Grundsätze. Aussagen zu analysieren heißt, das zu suchen, was Foucault so berühmt als »gleichzeitig nicht sichtbar und nicht verborgen« (ibid., 158) bezeichnet hat. Foucault schneidet den Raum hinter dem tatsächlich Gesagten und Geschriebenen wieder ab, welchen die Techniken der Interpretation und die Idee eines Subjekts eröffnen, und betrachtet dafür nur umso genauer die manifeste Realität der Aussage. Gerade hierin liegt die Besonderheit: Denn im Gegensatz zur Interpretation und zur Inhaltsanalyse ergibt sich die Relevanz der Aussage gerade daraus, »daß die Aussage von allen anderen Analysen der Sprache angenommen wird, ohne daß sie sie ans Licht bringen müßten« (ibid., 162).

Das bedeutet, dass es für Foucault bei der Betrachtung der Aussagen keine bedeutungsvollen Auslassungen, keine interpretative Rekonstruktion der Umstände des Ausgesagten gibt. Das bedeutet, »[i]m Bereich der Aussage gibt es weder Mögliches noch Virtuelles; alles ist hier real und jede Realität manifest: nur das zählt, was gesagt wurde, hier, in diesem Augenblick, mit diesen Lücken und Auslassungen« (Deleuze 1992, 11). Das heißt zweifellos, dass »der Gegensatz zwischen dem ›interessierten‹ und dem ›desinteressierten‹ [Wissen] ebenso aufzugeben [ist] wie das Modell der Erkenntnis und der Primat des Subjekts« (Foucault 1994, 40). Die Aussage, wenn man es auf einen Punkt bringen müsste, »ist eine Gesamtheit von Zeichen, die ein Satz, eine Proposition sein kann, aber auf der Ebene ihrer Existenz betrachtet« (Foucault 2009, 179). Deshalb ist das Ziel dieser minutiösen archäologischen Untersuchung der Aussagen nicht die Darlegung der Geschichte in ihrer objektiven, gegenwärtigen Faktizität, sondern umgekehrt die Darlegung einer Geschichte, der historischen Bedingungen der Möglichkeit des Gesagten und Geschriebenen.

Betrachtet Foucault beispielsweise die medizinischen Aussagen im 18. Jahrhundert (Foucault 1988), dann interessiert ihn nicht ob Aussagen in Bezug auf spätere Aussagen ‚falscher‘ oder ‚richtiger‘ sind, er interpretiert weder die Rolle des Aussagenden, noch des Ausgesagten. Die medizinischen Aussagen sind für ihn selbst lediglich das Wissen dieses historischen Moments; sie sind nicht mehr und nicht weniger als sie tatsächlich aussagen. Sie sind unmittelbar Wissen. Dieses Wissen lässt sich wiederum als Schwelle der Erkenntnis verstehen, das nicht im eigentlichen Sinne beschreibt was gewusst wird, sondern was überhaupt erkannt werden kann. Dieses Wissen betrachtet Foucault in der hier dargelegten Form der Aussagen. Allein in diesem Kontext lässt sich andeutungsweise verstehen, was Diskurs für Foucault heißt.[5] Der Diskurs wäre demnach eine bestimmbare Summe oder ein bestimmbares Feld von Aussagen, von denen man annimmt, dass sie das Wissen eines bestimmten Augenblicks bilden. Sprechen wir vom foucaultschen Diskurs, dann meinen wir die spezifischen Existenzbedingungen, die es einem Gegenstand überhaupt erlauben, als dieser zu erscheinen.[6]

Betrachten wir den Diskurs, wie die Diskursanalyse dies fordert, dann befinden wir uns zuerst einmal nur auf der Ebene des sprachlich manifestierten Wissens: Aussagen, auf der Ebene ihrer Existenz betrachtet. Diese Perspektive lässt noch keine sinnvolle Betrachtung etwaiger Machtbeziehungen oder spezifischer Macht-Wissen-Komplexe zu und sie hinterlässt uns noch mit einem weiteren Problem. Denn dieser Darlegung zu folgen, hieße anzunehmen, dass die aus dem Wissen rührende Erkenntnis – Wissen verstanden als ‚Schwelle‘ der Erkenntnis – nur begrifflich und damit nur durch die Sprache vermittelt ist. Ist die Art, wie wir sehen, immer schon durch den Diskurs bestimmt, durch das Begriffliche? Ist Sehen Sagen und Sagen Sehen?

Die Frage nach dem Nicht-Diskursiven

Bislang ging es vor allem um Sprache, Aussagen oder Sagbarkeit und man könnte zurecht die Frage aufwerfen, welche Rolle das Visuelle, das Sehen und der Blick spielen. Gibt es für Foucault auch so etwas wie das Sichtbare, also das, was vor dem Hintergrund gewisser Existenzbedingungen des Lichts wahrgenommen werden kann? Denn die Dinge in ihrer Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit scheinen von Beginn an eine Rolle im Werk Foucaults zu spielen. Da wären das Asyl, deren Sichtbarkeit die Verrückten sind (Foucault 1973b), der Körper, dessen Sichtbarkeit die Krankheit ist, das Gefängnis, dessen Sichtbarkeit die Delinquenten sind: Immer verweisen die Untersuchungen Foucaults auch auf eine Art der Sichtbarkeit. In welchem Verhältnis stehen also Sprechen und Sehen? Konstituiert die begriffliche Ebene der Aussage, wie man es bei ihrer mächtigen Rolle in Foucaults Schriften annehmen könnte, auch die Sichtbarkeit? Oder gibt es eine eigene, optisch-sinnliche Schicht, bei der die Untersuchung der Aussage nicht unvermittelt weiter hilft?

In ›Die Geburt der Klinik‹ untersucht Foucault nicht nur die Aussageordnungen der Medizin, sondern beschreibt auch eine bestimmte Art zu sehen sowie die Verbindung von Sehen und Sagen. Und tatsächlich scheint er hier das Sichtbare und das Sagbare auf einen gemeinsamen Moment zurückführen zu wollen, wenn er gleich zu Beginn fordert: »Man muß sich der Region zuwenden in der die ›Dinge‹ und die ›Wörter‹ noch nicht getrennt sind, wo die Weise des Sehens und die Weise des Sagens auf der Ebene der Sprache noch eins sind« (Foucault 1988, 9). Ganz explizit wird Foucault diese Idee einer scheinbaren Einheit später selbst kritisieren, weil sie ihn zu sehr an die Idee einer ursprünglichen Erfahrung bindet (Foucault 1973a, 27f.); doch schon am Ende ›Der Geburt der Klinik‹ wird die spezifischere Verbindung von Sichtbarem und Sagbarem deutlich: Denn Foucault sagt hier, dass die Idee des klinischen Blicks auf dem »unerhörten Postulat beruht, daß alles Sichtbare aussagbar ist und daß es in seiner Gesamtheit sichtbar ist, weil es in seiner Gesamtheit aussagbar ist [Hervorh. i. Orig.]« (Foucault 1988, 130). Das Sprache-Sein ist sicherlich primär, wie der Aufsatz bis hierhin bezeugen mag, vielleicht determinierend, aber ist das Sichtbare auf das Sprache-Sein reduzibel? Zweifellos ist Foucault vornehmlich mit der Analyse der Sagbarkeit beschäftigt, aber in einem der berühmteren Sätze aus der ›Ordnung der Dinge‹ heißt es ebenfalls: »vergeblich spricht man das aus, was man sieht … und vergeblich zeigt man, … was man zu sagen im Begriff ist« (Foucault 1974, 38). Es gibt hier, so scheint es, nicht nur einen sprachlichen, sondern auch einen visuellen, sinnlichen Bezug zur Welt, der sich nicht auf jenen reduzieren lässt. Nimmt man genau das an, stellt sich allerdings die Frage: Wie überträgt man die Art der Analyse der Aussage von der Schicht des Gesagten zu einer Schicht des Sichtbaren und welche Beziehungen unterhalten eben dieses Sprechen und Sehen?

Diese Frage scheint auch Foucaults häufigen Bezug zur Malerei und deren Verhältnis zur Sprache zu bedingen.[7] Zunächst ist bedeutsam, dass Foucault sich ebensowenig für die Dinge – als Gesehenes – interessiert, wie er sich im eigentlichen Sinne für die Sprache – als Gesprochenes – interessiert: »Die Wörter sind einer Analyse wie der, die ich erstelle, ebenso bewußt fern wie die Dinge selbst [Hervorheb. i. Orig.]« (Foucault 1973a, 73). Man muss also, ohne den Verweis auf feststehende Strukturen (linguistische, psychologische, ökonomische), erfragen können, wie zu einer bestimmten historischen Epoche gesehen werden konnte, genau so wie man erfragen muss, was zu einer bestimmten Epoche gesagt werden konnte. Das Sprache-Sein, hatte Deleuze dazu angemerkt, »variiert mit jeder historischen Formation und ist trotz seiner Anonymität nicht weniger singulär« (Deleuze 1992, 81). Es ist die Bedingung dessen, was gesagt werden kann; die jeder Epoche eigene Weise »die Sprache dem jeweiligen Korpus entsprechend zu versammeln« (ibid.). Im Sinne dieses Sprache-Seins gibt es ein Licht-Sein: »Das eine macht die Sichtbarkeiten sichtbar oder wahrnehmbar, so wie das andere die Aussagen aussagbar, sagbar oder lesbar macht« (ibid., 84). In dieser Weise verstehen wir erst die Bedeutung des Panopticons richtig. Das Panopticon ist sicherlich eine Inhaltsform, eine spezifische Architektur, aber vor allem ist es eine Funktion des Lichts. Es moduliert Sichtbarkeiten, erzeugt Transparenz oder Undurchsichtigkeit; versteckt oder zwingt ans Licht, je nachdem von welchem Punkt der Funktion man darin eingebunden ist. Erst durch diese Funktion des Lichts, als das Licht-Sein einer Epoche, wird das Panopticon zu einer »Gestalt politischer Technologie, die man von ihrer spezifischen Verwendung ablösen kann und muß« (Foucault 1994, 264).

Indes gibt es ein diffuses Übergewicht, einen spezifischen Primat des Sagbaren über das Sichtbare und daraus leitet sich sogleich ein Problem ab: »Wenn die Bestimmung [der Aussage] unendlich ist, wäre dann das Bestimmbare [die Sichtbarkeit] nicht unerschöpflich, indem es eine andere Form besitzt als die der Bestimmung [der Aussage]? Wie sollte sich das Sichtbare nicht entziehen, ewig bestimmbar, wenn die Aussagen es unendlich bestimmen?« (Deleuze 1992, 97). Die Aussagen bestimmen und machen etwas sichtbar. Was sie aber sichtbar machen, ist nicht zwangsläufig das, was sie aussagen, sondern etwas anderes, was zugleich von den Aussagen unendlich bestimmt wird und sich ihnen potenziell entzieht. Eben deshalb stellte Foucault bereits in der ›Geburt der Klinik‹ fest, dass es ein ‚unerhörtes Postulat‘ sei, dass man immerzu sagt, was man sieht und immerzu sieht, was man sagt. Wie können wir von einer Heterogenität beider Schichten ausgehen, wenn wir zugleich von einer unendlichen Determination des Sichtbaren durch das Sagbare ausgehen müssen? Wie soll man davon ausgehen können, dass es eine bestimmbare Form der Sichtbarkeit gibt, die sich nicht deshalb schon entzieht, weil das, wovon sie bestimmt wird – der Aussage – nicht das sichtbar macht, was sie aussagt, sondern eine andere, eigene Schicht beschreibt? Wie könnten wir eine Schicht beschreiben, die sich ihrer Beschreibung also unendlich entzöge?

Entweder müssten wir also eingestehen, dass das Sichtbare mit dem Sagbaren zusammenfällt, dass es also nur eine Form im Archiv des Wissens gibt – nur die Aussage, nur das Diskursive – und damit müssten wir auch eingestehen, dass Sagen Sehen und Sehen Sagen ist; oder aber das Sichtbare entzieht sich zwangsläufig der Bestimmung, weil nicht das sichtbar wird, was man aussagt. Da Foucault aber darauf besteht, dass Sehen nicht Sagen und Sagen nicht Sehen ist, entsteht die Notwendigkeit der Disjunktion und zugleich die Notwendigkeit einer weiteren Materie. Diese wäre nicht Form, sondern Strategie und somit in der Lage, die wechselseitige Anpassung von Sagbarkeit und Sichtbarkeit und die spezifische Existenz beider Formen zu fassen. Sie ermöglicht es, dass das Sichtbare nicht sofort zerfällt, sondern beschreibbar bleibt. Ohne die Einführung der Machtbeziehungen muss Foucault alles auf den Diskurs zurückführen, doch mit der Disjunktion beider Schichten des Wissens stellt sich die Machtfrage notwendig. Bevor all diese Elemente an einem Beispiel in den Blick genommen werden sollen, bleibt also festzuhalten, dass Sagbares und Sichtbares – nicht allein das Sagbare – das Wissen bilden. Nicht weil sie das Wissen auf einen Punkt hinlenken, sondern weil sie Wissen sind; weil in diesem Sinne der Begriff des Wissens genau die Schwelle umschreibt, die die Dinge erst sagbar und sichtbar macht.

Die Behautptung Deleuzes – dass es Foucault vor allem darum geht, eine Erklärung für das Verhältnis von Sagbarkeit und Sichtbarkeit zu finden – wird damit zwar verständlicher, trotzdem ist der bislang aus den Schriften Foucaults rekonstruierte Begriff des Wissens unbefriedigend. Es ist beispielsweise völlig unklar, welche Aussagen oder Sichtbarkeiten es überhaupt wert sind, untersucht zu werden. Die Analyse des Wissens, die man jetzt nur noch unzureichend als Diskursanalyse bezeichnen kann, läuft Gefahr, beliebig zu sein.[8] Ist es dieser dem Diskursbegriff immanenten Schwierigkeit zu verdanken, dass Foucault sich der Machtfrage zuwendet? Seine spätere Einschätzung ließe den Schluss zu. So lautet seine Selbstkritik: Er wüsste nicht recht, wovon er die ganze Zeit gesprochen habe »wenn nicht von der Macht? Trotzdem weiß ich genau«, so Foucault weiter, »daß ich dieses Wort praktisch nicht verwendet habe und dieses Feld der Analyse nicht zur Verfügung hatte« (Foucault 1978, 30).

Wir gelangen mit der Heterogenität der Wissensformen also an einen Punkt, an dem Foucault selbst zu einer Verschiebung seiner Untersuchungen bewogen wurde. Noch in seiner Antrittsvorlesung am ‚Collège de France‘ im Jahre 1970 besteht er auf etwas, worauf auch die Mehrheit der diskursanalytischen Ansätze besteht: Dass die Macht des Diskurses aus verschiedenen Prozeduren der Kontrolle, der Einschränkung und der Bändigung des Sagbaren entspringt (Foucault 1998). Sechs Jahre später wird er in seiner berühmten Monographie ›Der Wille zum Wissen‹ darauf beharren, dass der Diskurs nicht einschränkt, sondern selbst hervorgebracht wird und produktiv ist. Hervorgebracht auf der Grundlage bestimmter Machttechniken, die nicht ausschließen oder einschränken, sondern produzieren: »man muß sie [die Machttechniken] als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Körper überzieht und nicht so sehr als negative Instanz, deren Funktion in der Unterdrückung besteht« (Foucault 1983, 35). Was ist zwischen diesen beiden Werken geschehen? Die Antwort ist einfach: ›Überwachen und Strafen‹ und die Einsicht, dass zur Untersuchung der Erkenntnisweisen mehr nötig ist, als die Darlegung der Existenzbedingungen des Gesagten. Um diesen Schritt genauer nachzuvollziehen, müssen wir an dieser Stelle Foucaults Vorgehen in ›Überwachen und Strafen‹ in den Blick bekommen.

Wie Vorgehen? Foucaults Analytik von Wissen und Macht

In seiner Monographie ›Überwachen und Strafen‹ führt Foucault das Ereignis der Pest am Ende des 17. Jahrhunderts als erste Andeutung der Disziplinargesellschaft an. Er schreibt:

»Die verpestete Stadt, die von Hierarchie und Überwachung, von Blick und Schrift ganz durchdrungen ist, die Stadt, die im allgemeinen Funktionieren einer besonderen Macht über alle individuellen Körper erstarrt – diese Stadt ist die Utopie der vollkommen regierten Stadt/Gesellschaft« (Foucault 1994, 255)

In diesem kurzen Absatz finden sich die drei Analysebenen Foucaults anschaulich zusammengefasst. Erstens die ‚Schrift‘, also alle Aussagen, die sich um einen spezifischen Punkt herum versammeln, der hier zunächst das Gefängnis, dann die ganze Gesellschaft ist. Zweitens der ‚Blick‘, der einige Dinge ins Licht rückt, andere wiederum in den Schatten drängt. Drittens die Ebene des Funktionierens, die Strategie, die Ebene der Macht, die allgemein, d.h. umfassend, über die ganze Gesellschaft sich legt und trotzdem jeden Einzelnen in seiner Besonderheit erfasst. Diese Ebenen lassen sich nicht trennen, bedingen einander und nur im Zusammenspiel bilden sie die von Foucault beschworene ‚Utopie der Disziplinargesellschaft‘. Doch während sie hier in der Ausführung untrennbar erscheinen, sind sie analytisch betrachtet durchaus unterschiedlich.

Im Grunde untersucht Foucault zunächst die Aussagen, die sich mit Bezug auf das historische Erscheinen des Gefängnis aufdrängen. Da die Aussagen sich vor allem in ihrem Unterschied zu ihnen vorhergehenden Aussagen beschreiben lassen, kontrastiert Foucault die klassische Marter als Strafe mit der dann auftretenden Einsperrung ins Gefängnis.[9] Unterschiedlicher könnte die Beschreibung der Bestrafungsszene Damiens,[10] der für seinen versuchten Königsmord schlussendlich gevierteilt wird sowie die Beschreibung eines straffen und minutiösen Gefängnisreglements kaum sein. Die zentrale Frage, die sich bei der Betrachtung der Aussagen also aufdrängt, ist: »Wieso hat sich das zwanghafte, körperliche, isolierende und verheimlichende Modell der Strafgewalt das repräsentative, szenische, zeichenhafte, öffentliche und kollektive Modell verdrängt« (Foucault 1994, 170)? Nicht nur tauchen neue Aussagen im Bezug auf das Strafen auf, das jetzt milder sein und den Mensch achten soll, statt ihn Leiden zu machen, auch gruppieren sich Aussagen um den Strafkomplex ‚Gefängnis‘, die dem Strafkomplex der ‚Marter‘ fremd waren: psychologische, medizinische und kriminologische Aussagen fügen sich dem Aussagekorpus um das Gefängnis herum hinzu (ibid., 329). Auf der Ebene der Aussagen untersucht Foucault also den Bruch zwischen zwei Aussageformationen im Bezug auf das moderne Strafsystem und die Institution des Gefängnises.

Doch neben der ‚Schrift‘ findet sich auch der ‚Blick‘ berücksichtigt. Zwar ist die Gefängnisstrafe nicht mehr öffentlich, findet im Gegenteil vielmehr heimlich hinter Gefängnismauern statt, allerdings verhält es sich doch so, dass Sichtbarkeit auf andere Weise völlig zentral für das neue Strafsystem ist. In Form des Panopticons lässt sich das Gefängnis nicht nur begrifflich analysieren, sondern auch sinnlich-visuell. Dieses Panopticon ist eine von Jeremy Bentham vorgeschlagene architektonische Anordnung von Zellen und Gefangenen, die diese einer ständigen Sichtbarkeit aussetzt. »Das Panopticon ist eine Maschine zur Scheidung des Paares Sehen/Gesehenwerden« (ibid., 259), seine Hauptwirkung ist »die Schaffung eines bewußten und permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen« (ibid., 258). Während der Gefängniswärter in Anonymität von einem zentralen Punkt aus alles sieht, weiß der Gefangene nicht wer oder ob ihn überhaupt jemand beobachtet. Damit ist das Panopticon für Foucault zugleich mehr als ein konkreter Vorschlag von Bentham; es bezeichnet zugleich einen Bruch, nicht zwischen Aussageordnungen, sondern zwischen Sichtbarkeitsanordnungen. Diese Art der Verteilung von Sichtbarkeit ist ebenso bezeichnend für die Institution des Gefängnisses, wie seine Aussageordnung. Sie ist für Foucault ebenso charakteristisch für die Disziplinargesellschaft als Ganze (ibid., 269).

Wenn sich anhand der Betrachtung der Aussagen also feststellen lässt, dass mit Bezug auf das Strafen plötzlich andere Dinge im Sinne einer epistemologischen Schwelle sagbar geworden sind, dann lässt sich anhand der Betrachtung von Sichtbarkeiten, von architektonischen Konzepten beispielsweise, feststellen, warum und unter welchen Bedingungen der Gefangene dauerhaft sichtbar ist, sein Gegenstück aber in Anonymität oder mitunter ganz verschwinden kann. Die Analyse von Wissen, von Aussagen und Sichtbarkeiten, kann allerdings nicht ohne eine Analyse der Machtbeziehungen und der Verhältnisse, die Wissen und Macht je spezifisch unterhalten, auskommen. So heißt es in einer der berühmteren Passagen in ›Überwachen und Strafen‹ nachdrücklich:

»Es ist wohl anzunehmen, daß die Macht Wissen hervorbringt … daß Macht und Wissen eineinander unmittelbar einschließen; daß es keine Machtbeziehungen gibt, ohne das sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert« (ibid., 39)

Diese Machtbeziehungen setzen das Wissen zwar ein, dieses Wissen wiederum verstärkt sich auf Grundlage der Machtbeziehungen. Dennoch lassen sie sich als spezifische Strategien erfassen. So ist für Foucaults Untersuchung des Gefängnisses der Begriff der Disziplin zentral:

»Der historische Augenblick der Disziplinen ist der Augenblick, in dem eine Kunst des menschlichen Körpers das Licht der Welt erblickt, die nicht nur die Vermehrung seiner Fähigkeiten und auch nicht bloß die Vertiefung seiner Unterwerfung im Auge hat, sondern die Schaffung eines Verhältnisses, das in einem einzigen Mechanismus den Körper umso gefügiger macht, je nützlicher er ist, und umgekehrt« (ibid., 176)

Die Disziplin ist eine Machtstrategie, weil sie auf die Körper zielt,[11] die sie durch Kontrolle, Organisation, Zusammensetzung und Verteilung zugleich unterwirft und nützlich macht. Die Disziplin ist, anders als die Gesetzesmacht,[12] damit beschäftigt, normierte und gelehrige Körper zu produzieren. Das Verhalten des Körpers wird strengen Codes unterworfen: Beständig ist der Körper dazu angehalten Zeichen auszusenden und Übungen abzulegen. Auf der Ebene der Körper wirkt die Disziplin und produziert und unterwirft einen Körper entlang einer Norm. Entscheidend ist dabei, dass die Disziplin im Bereich der Positivität arbeitet. Anders als die souveräne – tatsächlich über das Recht funktionierende – Machttechnik, die sich vornehmlich auf das Vermögen des Souveräns beruft ‚Nein‘ zu sagen und zu verbieten, besteht sie nicht primär in der Negation, sondern setzt eine Norm und erzeugt damit einen künstlichen Raum, an und in dem sie die Körper misst und bewertet:

»Die disziplinarische Normalisierung besteht darin, zunächst ein Modell, ein optimales Modell zu setzen, das in Bezug auf ein bestimmtes Resultat konstruiert ist, und der Vorgang der disziplinarischen Normalisierung besteht darin, zu versuchen, die Leute, die Gesten, die Akte mit diesem Modell übereinstimmen zu lassen, wobei das Normale genau das ist, was in der Lage ist, sich dieser Norm zu fügen, das Anormale ist das, was dazu nicht in der Lage ist« (Foucault 2006, 89-90)

Die Disziplin funktioniert nicht über den Ausschluss, sondern über Inklusion und differenzierte Behandlung, sie »verstößt den Unanpaßbaren nicht in eine vage Hölle [sie] hat kein Außen. […] [Sie] geht mit allem häushalterisch um, auch mit [ihrem] Sträfling« (Foucault 1994, 388). Normalisierung hieße also Produktion und Unterwerfung der Subjekte entlang einer Norm in einem künstlichen Raum. Dafür bedient sich die Disziplin des Einschlusses und der differenzierten Behandlung der Subjekte über den Zugriff auf den Körper, die der Produktion einer Seele und dem Einsatz eines Wissens um den Körper und seines Verhaltens.

Der von Foucault analysierte Komplex Disziplin hat also mehrere Elemente, die sich entlang der Begriffe Sagbarkeit, Sichtbarkeit und Machtbeziehungen identifizieren lassen. Da wären erstens die aufgeführten Aussagen der Einschließung, der Humanisierung, der Psychologie etc. die Auftauchen und eine Aussageordnung bilden. Da wären zweitens die Sichtbarkeiten, die entsprechend des Modells des Panopticons auf eine spezifische Weise verteilt werden. Und da wären drittens die auf ‚Handlung einwirkenden Handlungen‘ (Foucault 2005c, 255) der Disziplin, die Anordnung im Raum, die Differenzierung der einzelnen Körper etc. Nur wenn wir diesen Komplex in seiner Vielschichtigkeit und Verworrenheit nachvollziehen, können wir tatsächlich das Geworden-sein der Gegenwart hinreichend erfassen. Diskursanalyse scheint vor diesem Hintergrund lediglich einen Teil zu leisten und zugleich mehr zu beanspruchen.

Adieu sweet Diskurs?

Nehmen wir einmal an, das von der Diskursanalyse behauptete Primat des Diskurses und dessen Mächtigkeit konnte mit Foucault selbst widerlegt werden, stellt sich nichtsdestotrotz die Frage: Warum ist die theoretische Verengung auf den Begriff des Diskurses problematisch? Es ließe sich ja argumentieren, dass die verschiedenen Ansätze eben die Einsichten der Untersuchungen Foucaults aufnehmen, die für die sozialwissenschaftliche Verwendung besonders fruchtbar sind, andere, weniger Fruchtbare wiederum verwerfen. Die Diskursanalyse würde sich dann lediglich aus der vielzitierten ‚Foucault’schen Werkzeugkiste‘ (Foucault 1976) bedienen und in dessen kritischer Absicht Sozialforschung betreiben. Genau das beanspruchen die Autoren für sich (Landwehr 2008, 96 ; Jäger, M. und Jäger, S. 2007, 35; Keller 2011, 12). Aus den hier gemachten Überlegungen lässt sich aber schließen, dass Foucaults Untersuchungen nicht von einer allein diskursiv konstituierten Wirklichkeit ausgehen; dass auch die postulierte Machtwirkung nicht einfach aus der Diskursivität dieser Wirklichkeit entspringt. Die Autoren beanspruchen die kritische Absicht Foucaults fortzuführen ohne das kritische Potenzial der Theorie ganz entfalten zu wollen. Ohne die Machtbeziehungen, die von den Wissensbeziehungen zu unterscheiden sind – auch wenn sie sich von ihrer ‚Heterogenität aus aneinanderfügen‘ – und ohne das Archiv des Wissens zu differenzieren, lässt sich die kritische Absicht Foucaults theoretisch nicht weitertragen. Statt den kreativen Impuls des foucaultschen Denkens aufzunehmen und ihn weiterzuentwickeln verwaltet man so lediglich dessen buchstäblichen Nachlass.

Die Unterscheidung zwischen diskursiven und nicht-diskursiven Elementen ist keine bloße Formsache, sondern deutet darauf, dass Foucault keineswegs eine ‚einfache‘, bloß begriffliche Beziehung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit behauptet. Zu sagen, »entweder ist uns die Wirklichkeit in vielfältigen Formen diskursiv vermittelt oder sie ist garnicht« (Landwehr 2008, 78) bedeutet auch, dass unser sinnlicher Bezug zur Welt außerhalb des Interesses einer Analyse der historischen Erkenntnisweisen liegt, die Foucault vorschlägt. Genau das bekräftigt Foucault jedoch, wenn er sagt »vergeblich spricht man das aus, was man sieht … und vergeblich zeigt man, … was man zu sagen im Begriff ist« (Foucault 1974, 38). Das Nicht-Diskursive ist relevant, gerade weil es nicht-diskursiv ist, es lässt sich nicht auf unser begriffliches Erkennen der Welt reduzieren und spielt trotzdem eine Rolle in der Analyse historisch gewordener Erkenntnisweisen. Schließen wir das Nicht-Diskursive aus, dann verlieren wir die Fähigkeit, uns mit dem Teil der Wirklichkeit auseinander zu setzen, der sich nicht auf unsere begriffliche Erkenntnis reduzieren lässt.

Dazu muss abschließend angemerkt werden, dass Foucaults Schriften dem erklärten Anspruch nach keine Fundgrube für wissenschaftliche Methoden sein wollen. Das im Anschluss an Foucault vielzitierte Bild der Werkzeugkiste bezieht sich nicht auf den wissenschaftlichen Betrieb, sondern auf das politische Leben: Statt unzähliger und widerstreitender methodologischer Deutungen hat sich Foucault die politische Nutzbarmachung seiner Gedanken in konkreten Auseinandersetzungen gewünscht. So fordert er, seine Werkzeugkiste auch gegen eben die Machtverhältnisse zu richten »aus denen diese meine Bücher hervorgegangen sind« (ibid., 53). Das gleicht eher einer Kampfansage an den Versuch aus dieser Werkzeugkiste eine wissenschaftliche Methode zu machen, als einer Aufforderung dazu.

Die Art, mit der Foucault die politische und gesellschaftliche Gegenwart seiner Zeit analysiert hat, hatte zum Ziel, kulturelle, apriorische Grundfeste der ‚westlichen‘ Welt aufzudecken und zu erschüttern. Die methodische Analyse von konkreten ‚Diskursen‘ in Medien, politischen Dokumenten, Debatten etc. bedarf vielleicht anderer Mittel als den von Foucault bereitgestellten.[13] Foucaults Arbeit zielt nicht auf die Rekonstruktion von objektivem, intersubjektiv-geteiltem Sinn oder diskursiven Tatsachen, sondern immer schon auf die Hinterfragung der bestehenden Verhältnisse. Seine konkreten Untersuchungen intendieren immer auch den Schluss auf die ‚großen‘ Macht- und Wissensverhältnisse. Wie könnte man sonst Foucaults oft kritisierten, aber durchaus ernst gemeinten Schluss verstehen, anhand der Analyse in ›Überwachen und Strafen‹ ließe sich die Konstituierung der Disziplinargesellschaft nachvollziehen (andernorts schließt er auf die Normierungsgesellschaft) (Foucault 1994, 269; Foucault 2001, 280)? Es lässt sich dafür an David Halperins Bemerkung erinnern, dass einige Interpretationen der Arbeiten Foucaults zwar auf den ersten Blick schlüssig erscheinen mögen, dass sie aber dem größeren Argument seiner Untersuchungen letztendlich widersprächen (Halperlin 1998, 94).

Zur Arbeit mit der Theorie Foucualts müsste vielleicht sogar der Grundsatz treten, dessen Denken nicht zur Methode zu hypostasieren. Die hier gemachten Überlegungen implizieren einen Schluss, der von Diskursanalytikern eher abgelehnt wird (Keller 2006, 55). Denn statt einer methodischen Nutzbarmachung der Theorie Foucaults schlägt diese Kritik eine theoretische oder philosophische Herangehensweise an das Denken Foucaults vor. Statt dessen Gedanken zur Methode zu erheben, ließe sich diese Art zu Denken selbst denken und entwickeln, wie es beispielhaft nicht nur bei Deleuze, sondern auch bei Giorgio Agamben geschehen ist (Deleuze 1992; Agamben 2009). Das ist als Hinweis auf einen Forschungsansatz im Anschluss an Foucault nicht nur wenig zuträglich, sondern widerspricht einer methodischen Nutzung sogar. Der Grund dafür liegt allerdings in dem Anspruch der foucaultschen Analyse selbst, wie Petra Gehring hervorhebt: »Eine Kritik, der es tatsächlich gelänge [wie Foucault es fordert], die Wirklichkeit von der Geschichte her umzuwerten – eine solche Kritik ist in ihrer Vorgehensweise zwangsläufig singulär. Im Grunde haben Foucaults Arbeiten nicht nur arbeitspraktisch, sondern auch aus systematischen Gründen etwas Nichtwiederholbares« (Gehring 2004, 155).

Schluss

Ziel dieses Aufsatzes war zunächst der Nachweis, dass eine Reduzierung der begrifflichen Vielfalt Foucaults auf den Begriff des Diskurses problematisch ist. Ich habe versucht zu zeigen, dass Foucault nicht nur selbst auf ein Element des Sichtbaren verweist, sondern dass spätestens mit ›Überwachen und Strafen‹ an die Stelle eines einfachen Diskursbegriffs eine vielschichtige Analyse verschiedener Elemente tritt, die sich letztendlich nicht auf eine Diskursanalyse reduzieren lässt. Foucaults programmatische Aussage, nach der Sagen nicht Sehen und Sehen nicht Sagen ist, kann als Gegenpol zur Behauptung der allein diskursiven Konstruktion von Wirklichkeit dienen. Das zweite, strategische Ziel des Aufsatzes, schließt direkt an diese Problematisierung an. Denn sie erinnert uns daran, dass sich Foucaults Werk der einfachen Reduzierung auf bestimmbare methodische Aussagen systematisch entzieht. Dazu muss abschließend beachtet werden, auf was Foucaults Analysen zielen.

Wie Foucault in der mysteriösen Fußnote am Schluss von ›Überwachen und Strafen‹ schreibt, soll seine Analyse als historischer Hintergrund »über die Normierungsmacht und die Formierung des Wissens in der modernen Gesellschaft« (Foucault 1994, 397) dienen. Oder, wie er es weiter vorne im Buch formuliert: »Nun, ich habe nicht vor, die Geschichte der Vergangenheit in die Begriffe der Gegenwart zu fassen. Wohl aber ist es meine Absicht, die Geschichte der Gegenwart zu schreiben« (Foucault 1994, 43). Die Analyse zielt damit auf ‚vergangene‘ Wissensformationen und Machtbeziehungen nur insoweit, wie sie die gegenwärtigen Verhältnisse bedingen. Das ist vielleicht sogar der eigentliche Impuls seines Vorgehens, das er selbst im Anschluss an Nietzsche als Genealogie bezeichnet: Die Gegenwart fragwürdig zu machen, indem eine Geschichte ihres Geworden-sein erzählt wird. Das Aufzeigen der Geschichte unserer gegenwärtigen Wirklichkeit hat dabei kein geringeres Ziel, als ihre grundlegende Veränderung möglich zu machen. Die Fassade der Gegenwart wird ihrer Naturwüchsigkeit entrissen, ohne dass zugleich auf etwas hinter der Fassade verwiesen oder ein Ursprung benannt werden müsste. Es geht zunächst darum, überhaupt einen Raum zu öffnen; das genealogische Vorgehen, „ist nur ein erster Schritt hin zur Eröffnung anderer Möglichkeiten“ (Saar 2008, 265).

Um unsere Gegenwart hinterfragen und ihre Veränderung ermöglichen zu können, muss sie nicht auf den Diskurs reduziert, sondern in den vielfältigen Elementen ihres Werdens erschlossen werden. Die Welt wendet uns kein Gesicht zu, das wir lediglich lesen müssen, erinnert uns Foucault. Wir selbst sind immer bereits Teil dieser Welt und können sie erst dann einigermaßen kritisch betrachten, wenn wir die Elemente identifizieren, die diese Welt bedingen. Schon deshalb lässt sich eine Analyse im Sinne Foucaults nicht vollständig zur Methode erheben. Unsere Verstrickung in die Gegenwart und die Darlegung ihrer Geschichte, gehören untrennbar zusammen. Was uns heute von Foucaults Theorie bleibt, ist ihr kreativer, kritischer Impuls. Ein Impuls, der als reines Ereignis etwas unzeitgemäßes besitzt und weiterhin besitzen wird. Dass es sich bei Foucaults Theorie im Kern um etwas handelt, das sich der Erhebung zur Methode entzieht, heißt nicht, dass es keinerlei Anhaltspunkte gäbe, um dessen Kritik auf die ein oder andere Weise zu wiederholen und aufs Neue zu denken.

Mir scheint, dass sich dem Vorgehen Foucaults Hinweise entnehmen lassen, die ein solches Vorhaben zweifellos erleichtern. Dafür ist sehr wohl wichtig, Aussagen zu betrachten, wie es die Diskursanalyse vorschlägt. Es ist ebenso wichtig, nicht die Ebene der Sichtbarkeiten zu vernachlässigen, wofür ich in eben diesem Aufsatz plädiere. Zuletzt es ist nicht weniger notwendig, sich den strategischen Machtbeziehungen zu widmen. Doch handelt es sich hier um Elemente, die uns nicht dabei helfen, einen einmal gewesenen Diskurs in seiner Objektivität zu rekonstruieren oder die historische Wichtigkeit des Panopticons für unsere heutige Gesellschaft zu ‚beweisen‘. Es geht nicht darum, die diskursiv konstituierte Wirklichkeit so darzustellen, wie sie ist. Die einzelnen Elemente ermöglichen es uns vielmehr, aus der Geschichte eine Kritik an die Gegenwart zu machen. Deshalb muss Theorie im Anschluss an Foucault immer mehr sein als der Weg zu einer Methode. Theorie muss selbst zum Ereignis werden, sie muss sich gegen eben die Gegenwart wenden lassen, aus der sie hervorgeht. Sie muss mit der Sichtbarkeit, der Sagbarkeit und den Machtbeziehungen so spielen, dass aus der bloßen Darlegung der Elemente ein kritisches Ereignis wird.

Denken wir darum zum Schluss an Spinozas bekannten Ausspruch zum Körper (de Spinoza 1989, 113) und sagen: Was Theorie vermag, hat bislang noch niemand festgestellt. Daraus ergibt sich nicht die Notwendigkeit aus ihr im Anschluss an Foucault eine Methode zu machen, sondern im Gegenteil die Forderung, dessen Theorie selbst weiter zu treiben. Die Stärke des foucaultschen Denkens liegt darin, dass es gegen die Erhebung zur Methode einen nicht reduzierbaren theoretischen Exzess aufbietet: Immerzu kann und muss die spontane, ereignishafte Kraft des Denkens gegen die Gefahr der Verdinglichung in Anschlag gebracht werden. Zu sagen, dass noch niemand festgestellt hat, was Theorie eigentlich vermag, öffnet einen Raum, dessen Größe gerade darin besteht, dass wir sie nicht beziffern können. Es ist dieser singuläre, unbestimmbare Moment der foucaultschen Kritik, der die Antwort auf die Frage danach, was Theorie im Anschluss an Foucault kann, bereits gibt: Mehr als Diskursanalyse.

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[1] Dieser Artikel befasst sich vornehmlich mit den Entwicklungen innerhalb der deutschsprachigen Diskussion. Ich danke dem anonymen Gutachten für die zahlreichen konstruktiven Anmerkungen.

Man könnte dann ihre Verwendung ähnlich begründen, wie dies die Objektive Hermeneutik und die Grounded Theory tun, vgl. dazu Franke und Roos 2008. Überhaupt nähert sich dann Diskursanalyse diesen Methoden an.

[2] Für Gilles Deleuze sind die drei zentralen Begriffe Foucaults beispielsweise Kraftverhältnisse, Wahrheiten und Lüste, vgl. Deleuze 1996, 28.

[3] Vgl. Keller 2006, 56; Keller 2011, 12. Auch andere Autoren schätzen diesen Satz aus der ›Archäologie‹, vgl. Bublitz 2003, 56; Landwehr 2008, 92.

[4] In dieser Hinsicht nimmt die von den Autoren häufig zu Grunde gelegte ›Archäologie des Wissens‹ eine herausragende Stellung in Foucaults Werk ein. Dies deshalb, weil sie die bloße historische Emergenz von Aussagen betrachtet, ohne nach den Gründen dafür zu fragen und daher – anders als die übrigen Schriften – Machtbeziehungen systematisch vernachlässigt, vgl. Žižek 2005, 22; auch Foucault 1973a, 231.

[5] Vgl. dazu auch Reisigl 2006.

[6] Am verständlichsten ist diese Überlegung wohl im Anschluss an Kant 2006, 73. Im Gegensatz zu diesem sucht Foucault allerdings nicht die unhintergehbaren Bedingungen der Möglichkeiten der Erkenntnis überhaupt, sondern bewegliche und veränderbare – historische – Existenzbedingungen, also Wissen im hier beschriebenen Sinne. Daher auch der Dualismus ‚Sagbarkeit‘ und ‚Sichtbarkeit‘ Foucaults, der Kants ‚Begriff‘ und ‚Anschauung‘ korrespondiert.

[7] Neben Texten zu Magritte, Klee, Velázquez etc. ist dabei sicherlich auch, vielleicht in umgekehrter Logik, die Schrift zu Raymond Roussel zu nennen.

[8] Auch der Begriff einer Wissensanalyse scheint wenig treffend für das, was Foucault betreibt – verschleiert er doch die zentrale Bedeutung der Macht und die Tatsache, dass es keine Macht ohne Wissen und kein Wissen gibt, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen etc. voraussetzt.

[9] Vgl. Foucault 1994, S. 9–14. Ebenso geht Foucault im Bezug auf die Medizin in der Geburt der Klinik vor vgl. Foucault 1988, 7 f.

[10] Am 5. Januar 1757 versuchte Robert François Damiens König Ludwig XV. zu ermorden. Trotz seines Scheiterns wurde er als Königsmörder verurteilt und öffentlich überaus grausam hingerichtet. Wenig später änderte sich das Strafsystem grundlegend.

[11] Der Begriff des Körpers ist ein weiterer zentraler Begriff Foucaults, vgl. Butler 1997. Dieser wird gerade in der Diskursanalyse kaum beachtet.

[12] Das Gesetz ‚arbeitet‘ mit sehr einfachen Mitteln, indem es nämlich zwischen ‚erlaubt‘ und ‚verboten‘, zwischen ‚normal‘ und ‚anormal‘, eine feste Grenze zieht. Die Wirkung der Gesetzesmacht läge also vornehmlich darin, festzulegen, was nicht erlaubt ist, zugleich damit auszusagen, dass alles, was nicht verboten ist, mehr oder weniger erlaubt ist, vgl. Foucault 2006, 88.

[13] Dafür sei nochmal beispielhaft auf die qualitative Sozialforschung verwiesen, vor allem auf die Ansätze der Grounded Theory und der Objektiven Hermeneutik.

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