„Wer spricht wie und warum so über Antisemitismus?“

David Bebnowski

Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam

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Rezension zu: Kohlstruck, Michael/Ullrich, Peter: Antisemitismus als Problem und als Symbol, Berlin: Landeskommission Berlin gegen Gewalt 2015, 2. Aufl., Abrufbar unter: https://depositonce.tu-berlin.de/bitstream/11303/4866/1/kohlstruck_et-al.pdf


Kaum eine andere politische Thematik ist emotional so aufgeladen und ähnlich stark von heftigen Bekenntniszwängen und daraus resultierendem Abgrenzungsdruck beherrscht wie die des Antisemitismus. Dies ist verständlich, muss eine angemessene Auseinandersetzung mit der Thematik – zumal in Deutschland – doch hohen historischen und moralischen Kriterien genüge tragen. Da in der Frage der Auslegung und Gewichtung dieser Kriterien jedoch Unterschiede bestehen, folgen hieraus nicht nur im politischen Alltag, sondern auch in der akademischen Debatte konkurrierende Konzeptionen und verhärtete Fronten. Zwingend führt diese Konstellation konzeptionelle Deutungskämpfe herbei und produziert Unsicherheit im Umgang mit dem Antisemitismus. Im Resultat entsteht so eine unbefriedigende Situation, da die konzeptionellen Kämpfe eben jenen verpflichtenden moralischen Anspruch zu unterlaufen drohen, dem zu genügen sie selbst postulieren.

Weder diese Rezension noch die vorliegende Studie „Antisemitismus als Problem und Symbol“ werden klären, ob es einen Ausweg aus dieser misslichen Lage gibt. Den Autoren Michael Kohlstruck und Peter Ullrich, die als Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin als Experten argumentieren dürfen, ist es indes hoch anzurechnen, exakt jene Unsicherheit im Umgang mit dem Antisemitismus zum Ausgangspunkt ihrer Studie zu nehmen. Insgesamt wird dabei das Ziel verfolgt, „mit einer sachlichen Darstellung der verschiedenen Einschätzungen und Konzepte eine Orientierungsbasis, nicht zuletzt für Multiplikator/innen zu

schaffen, um situationsangemessene Handlungssicherheit zu erhöhen.“ (S. 17) Konsequenterweise stützt sich die auf die Praxis ausgerichtete Studie dabei konzeptionell auf teilstandardisierte Expert/innengespräche und Dokumente von 43 staatlichen Akteuren, jüdischen Organisationen und NGOs im Feld der Antisemitismusbekämpfung und -prävention in Berlin.

Die Anlage der Untersuchung ist eine wissenssoziologische und verfolgt damit das Ziel der Aufdeckung untergründig wirksamer Denkmuster in spezifischen Aussagen und deren Rückbindung an strukturelle soziale Faktoren. Kurz: wer spricht wie und warum so über Antisemitismus? Wie kommen die oft so unterschiedlichen Einschätzungen also zustande? Notwendigerweise wird hierfür eine verlässliche Vergleichsfolie benötigt. Doch schon hier (Kap. 4) beginnen die Probleme für die Forscher, die sie nicht beheben, sondern denen sie nur mit dem Mittel der grundlegenden Reflektion begegnen können. Das Problem besteht darin, dass bereits an eine solide Basis in der Erfassung antisemitischer Vorkommnisse kaum zu denken ist. Polizeiliche Deliktstatistiken werden auf Basis von Anzeigen geführt und verzeichnen deshalb tendenziell weniger Delikte als die Vorkommnisverzeichnisse unabhängiger (jüdischer und nichtjüdischer) Organisationen, die aufgrund thematischer oder politischer Prägung, aufgrund von Intimkenntnis einzelner Sozialräume, aufgrund von Betroffenheit, teilweise aus finanziellem Eigeninteresse, da ihre Förderung hieran hängt, oder Selbstschutz nach derartigen Delikten suchen. Die Forscher sehen sich in unterschiedlichen Untersuchungsfeldern, die sie in der Studie über offizielle Statistiken überprüfen, mit dem Problem wenig verlässlicher Datengrundlagen konfrontiert. Nicht zuletzt ist hierbei der Antisemitismus unter jungen Muslimen zu nennen (8.4). Schließlich verdeckt dieses Rubrum doch häufig, die Korrelation zwischen Bildungsbenachteiligung, die in migrantischen Milieus bekanntlich hoch ist, und antisemitischen Einstellungsmustern ebenso wie die Frage, ob es sich um eine politische Kritik am Staat Israel oder manifesten Antisemitismus handelt.

Mit dieser Unterscheidung gelangt man schließlich zum Kern der Studie: Welche Antisemitismuskonzepte sind auffindbar und wie wird auf sie Bezug genommen? Die Forscher präsentieren hierfür eingangs (2.1), kursorisch historisch hergeleitet, eine grobe Unterscheidung in enge Antisemitismusbegriffe (etwa religiöser, nationalistischer oder rassistischer), die von Antisemitismus als Container- oder Sammlungsbegriff unterschieden werden. Kohlstruck und Ullrich verwenden den Antisemitismus selbst als Containerbegriff. Erfasst werden sollen damit „alle individuellen und kollektiven Phänomene, in denen sich ein negatives Verhältnis gegenüber dem Judentum [als imaginiertem einheitlichen Träger spezifischer Merkmale, D.B.] dokumentiert.“ (S. 18) Hierauf folgt eine schlüssige Darstellung des Entstehens antisemitischer Kommunikationsstrukturen und den daraus resultierenden Kontroversen im Erinnerungskontext Deutschlands. Überzeugend ist dabei vor allem der Zusammenhang zwischen Unifizierung und Exzeptionalismus des Antisemitismus, der eine zentrale Ursache der Unsicherheit im Umgang mit ihm verkörpert. Die Unifizierung lässt historisch-konkrete Umstände judenfeindlicher Phänomene hinter dem Begriff als solchem verschwinden und trägt so zu einer „politisch-moralische[n] Aufladung“ und der „Tendenz, Antisemitismus als eine dämonische Kategorie zu verwenden“, bei (S. 22, ähnlich S. 53), bei der kaum mehr zwischen niedrigschwelligen Alltagsaversionen und manifester judenfeindlicher Gewalt differenziert wird.

Die empirische Überprüfung dieser Kategorien erfolgt schwerpunktmäßig im fünften Kapitel. Es ist der Anlage der Untersuchung und Zielsetzung der Studie, unterschiedliches Wissen erst einmal zu erfassen, geschuldet, dass diese Darstellung nur wenig kohärent ausfällt. Anhand einiger Interviewbeispiele wird zunächst eine pessimistische von einer abwägenden Sicht auf die Verbreitung und Entwicklung von Antisemitismus unterschieden (Kap. 5.1). Darauf folgt ein umfangreicherer Teil zu den Unsicherheiten mit Antisemitismuskonzepten, die auch bei Expert/innen im Feld weit verbreitetet sind (Kap. 5.2). Hierin wird behandelt, wie Akteure selbst mit der Herausforderung der Unsicherheit umgehen und festgehalten, dass dies häufig über eher undeutliche Referenzkonzepte wie die Arbeitsdefinition Antisemitismus des EUMC geschieht (5.2.1). Auf dieses Kapitel folgt ein Abschnitt zum Exzeptionalismus, welcher den Antisemitismus als eine gegenüber anderen Formen von Menschenfeindlichkeit und Rassismus besonders herausgehobene Deutungskategorie behandelt (5.2.2). Im anschließenden Kapitel (5.3) zur Kontextualisierung, das Anschlussdiskurse, Trägergruppen und Zeitbezüge des Antisemitismus behandelt, wird nochmals deutlich, dass die Forscher zumindest einen allzu phrasenhaften Exzeptionalismus als Problem und Quelle der Unsicherheit identifizieren. Anhand des Nahostkonflikts wird das Problem anschaulich verdeutlicht:

Es wird das Abwägen von berechtigter und nicht-berechtigter Kritik an der israelischen Besatzung und Antisemitismus/Nicht-Antisemitismus (also zweier zunächst distinkter Problem- oder Analyseebenen) zu einer Konfliktlinie vereinigt, auf der sich legitime Kritik und Antisemitismus gegenüberstehen. […] Die Erleichterung in der moralischen Einordnung, die mit dieser Option verknüpft ist, erweist sich als Bumerang, weil die Verschiedenheit der Kontexte, in denen Feindschaft gegenüber Israel entsteht, zugunsten einer monokausalen Antisemitismusthese unterkomplex beleuchtet zu werden droht.“ (S. 54 f.)

In Aussagen wie dieser deutet sich eine lobenswerte Beobachterperspektive an, die, wie durch die wissenssoziologische Anlage der Studie vorgegeben, eine möglichst konkrete Beleuchtung der Umstände unternehmen möchte. Fraglos liegt in dieser Ermunterung zu einer engagierten, aber dennoch möglichst offenen Bewertung solcher Anschlussdiskurse einer der großen Vorzüge der Studie. Leider steht die Vermittlung dieses Ergebnisses hinter der teilweise hoch akademischen Ausdrucksweise zurück. Ob sich Konstruktionen wie „tentative Markierungen eines Phänomenfeldes, welches durch mögliche Ausprägungen und vorkommende Elemente assoziativ erschlossen wird“ (S. 56) der Zielgruppe der Studie ohne weiteres erschließen, darf zumindest bezweifelt werden.

Das folgende sechste Kapitel befasst sich nach der konzeptionellen Bearbeitung des Gegenstandes stärker beschreibend mit der praktischen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in den betreffenden Einrichtungen und Organisationen und formuliert hierbei abschließend Empfehlungen und Wünsche der befragten Akteure (S. 71). Im siebten Kapitel schließlich erfolgt eine eher problemorientierte Perspektive auf bestehende Bedürfnisse in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus. Dabei werden Handlungsbedarfe (Fortbildungen) und Wünsche an die verantwortlichen Träger formuliert. Das achte Kapitel resümiert die Erkenntnisse prägnant und unterstreicht nochmals den Bedarf nach einer möglichst konkreten und nicht schablonenhaft geratenden binären Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus. Ein weiterer Vorzug der Studie ist ein im Anhang präsentierter, rund 30 Seiten umfassender Abschnitt, der Anlaufstellen zum Thema Antisemitismus in Berlin ebenso auflistet wie Materialien für die Bildungsarbeit nennt.

Wenn auch die Lesbarkeit der Studie an manchen Stellen durch die rekonstruktive Erhebungs- und Darstellungsmethode etwas leidet, legen Kohlstruck und Ullrich eine überzeugende Studie vor, die den Bedarf nach einer engagierten und gleichwohl differenzierten, dichotome Gegenüberstellungen vermeidenden Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in Berlin unterstreicht. Dass die Offenheit ihrer Studie bereits kurz nach der Publikation Anfang des Jahres 2015 reflexhaft gleichermaßen als den Antisemitismus verharmlosend und über die Maßen erhöhend kritisiert wurde, unterstreicht die Wichtigkeit des in der Studie verfolgten Anliegens.