Zeitverhältnisse und die Krise der modernen Gesellschaft

Jens Lanfer

Universität Witten/Herdecke, Politische Theorie, Fakultät für Kulturreflexion

Tobias Vogel

Universität Witten/Herdecke, Lehrstuhl für praktische Philosophie, Fakultät für Kulturreflexion

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Abstract

The article deals with the relationship between the structural dynamics and the time regime of society. If the premises of system theory, critical theory and discourse analysis are related to each other, a resonance theory can be developed by which resonance distributions between social areas can be analyzed. This theoretical foundation enables us to describe social transformation processes and criticize them as a crisis diagnosis of modernity. Our investigation is guided by the following thesis: The structural dynamics of society and the associated time relationships are dependent on a prevailing social resonance pattern that leads to a hegemonic time regime. Although alternatives to this pattern of resonance are possible and they are also visible in society in numerous and varied ways. But they become less likely, the more powerfully the hegemonic discourse in the political enforces the hegemonic time regime against alternatives. Through our analytical framework, we observe the contemporary conditions of antagonism between the hegemonic innovation regime and the anti-hegemonic sustainability discourse.

Keywords

Zeitregime, Zeitverhältnisse, Resonanzdifferenzierung, Resonanz, Diskurs, das Politische, Innovation, Nachhaltigkeit


In diesem Beitrag wollen wir eine Krisendiagnose moderner Gesellschaften erstellen. Wir folgen der These, dass Krisenphänomene dann auftreten und sich zu Sozialpathologien steigern, wenn unausgewogene Resonanzen zwischen den Leistungen gesellschaftlicher Sinnreferenzen wie Politik, Recht, Wirtschaft oder Wissenschaft auftreten und sich eigendynamisch verstärken. Die Unausgewogenheit und deren eigendynamische Verstärkung versuchen wir durch Bezug auf gesellschaftliche Zeitdimensionen zu rekonstruieren. Für unser Anliegen ist ein geeigneter Untersuchungsrahmen erforderlich, den wir zunächst vorstellen. Drei Theorieperspektiven sind zentral: Die kritische Theorie vor allem nach Jürgen Habermas und Axel Honneth, der wir die normativen Positionen entnehmen, die unser Erkenntnisinteresse anleiten; die Differenz-/Systemtheorie nach Niklas Luhmann, deren komplexes Theoriegebäude theoretische Strukturierungsleistungen erbringt sowie poststrukturalistische Perspektiven, mit denen wir die ersteren beiden Theorien koppeln sowie analytisch ausformen. Um die vermeintlich inkommensurablen Theorien unter Wahrung ihrer Prämissen verbinden zu können, werden wir Ansätze vorstellen, die wir für unseren Untersuchungsrahmen neu erarbeitet haben. Dies ist vor allem der ‚lebensweltliche Horizont‘ als System-zu-System-Beziehungen in Verbindung mit dem theoretisch-analytischen Ansatz systemischer Resonanzdifferenzierung. Daran passen wir die Analyse von (a) Diskursen im ‚lebensweltlichen Horizont‘, (b) Bedeutungen leistungsbezogener Paradoxien von Funktionssystemen in Diskursen, (c) Zusammenhängen des konfliktorientierten Politischen und der konsensorientierten Politik sowie (d) gesellschaftlichen Zeitdimensionen an, die wir entlang der Begriffe von Temporalstrukturen, Eigenzeiten, Zeitverhältnissen und Zeitregimen beschreiben.

Wir werden zeigen, dass Diskurse spezifische Leistungszurechnungen auf gesellschaftliche Sinnreferenzen (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Recht etc.) begründen und ihnen dadurch jeweils eine bestimmte Resonanz zuweisen. Gesellschaftliche Resonanzmuster und Diskurse dirigieren Begründungszusammenhänge für Problem- und Problemlösungsperspektiven und den Umgang mit sozial wirksamen Paradoxien, die aus diesen Zusammenhängen hervorgehen. Sie bilden eine dynamische Einheit, deren jeweilige Ausprägung sich allerdings nicht in beliebiger oder zufälliger Weise ergibt, sondern aus der strukturprägenden Zeitdimension der Gegenwartsgesellschaft angeleitet wird. Unausgewogene Resonanzmuster, d. h. ein asymmetrisches Verhältnis zwischen resonanzstarken und resonanzschwachen Sinnreferenzen, werden durch hegemoniale Diskurse reproduziert und intensiviert. Dadurch immunisieren sich vorherrschende Resonanzmuster gegenüber einer Infragestellung in der Sphäre des Politischen – die Einflusspotenziale gegenhegemonialer Diskurse schwinden und mithin auch die Möglichkeiten, die negativen gesellschaftlichen Folgen leistungsbezogener Paradoxien sichtbar zu machen und aufzulösen. Auf Basis dieser theoretischen Perspektive untersuchen wir dann die Begründungszusammenhänge des hegemonialen Innovationsdiskurses und des gegenhegemonialen Nachhaltigkeitsdiskurses, um unsere Krisendiagnose zu konkretisieren.

Theorieperspektiven des Untersuchungsrahmens

Um einen angemessenen Untersuchungsrahmen für eine gesellschaftliche Krisendiagnose erstellen zu können, begeben wir uns zunächst in den Traditionsbereich der kritischen Theorie. Mindestens seit den Werken von Jürgen Habermas ist es für die kritische Theorie eine Kernfrage, inwieweit der systemisch vermittelte gesellschaftliche Differenzierungsvorgang als begrüßenswerter Fortschritt interpretiert werden kann oder ob es sich dabei um einen pathologischen Entwicklungsprozess handelt. Diese Frage kann kaum mit einem »Entweder-oder« beantwortet werden, sondern mit dem »Sowohl-als-auch« ihres grundlegenden Anspruchs, normativ umkämpfte Verlaufsmuster der gesellschaftlichen Entwicklung auf ambivalente und widersprüchliche Strukturdynamiken der Moderne zurückzuführen. Dabei gilt der moderne Differenzierungsprozess grundsätzlich als ein emanzipatorisches Projekt (Habermas 1987, 464) – er verdankt sich der Auflösung traditioneller Weltbilder durch einen konsequent auf sie ausgeübten Rechtfertigungsdruck, sodass sie ihre integrative Kraft einbüßen. Erst dann können sich autonome Struktur- und Wertsphären entwickeln, die einer je eigenen normativen und stets begründungsbedürftigen Zwecksetzung unterstellt werden. Diese Zwecksetzungen beziehen sich auf die jeweiligen Eigenleistungen der ausdifferenzierten Sphären und nicht mehr auf ihren Beitrag zu einer übergreifenden traditionalen Ordnung (Habermas 1987, 219f., 268f., 272; Habermas 1984, 598). So entwickelt sich eine autonome Rechtssphäre, die das autonome Individuum mit dessen Selbstverwirklichungszweck schützt; eine autonome Sphäre von Freundschafts-, Familien und Intimbeziehungen, deren gesellschaftliche Leistung in der Befriedigung sozialer Bedürfnisse liegt; eine autonome Wirtschaftssphäre, die für materielle Bedürfnisbefriedigung sorgt sowie eine staatlich-politische Sphäre mit der Leistung einer Artikulation und Realisierung des Gemeinwohls (Honneth 2016, 125; Rosa 2016, 681-684). Da ein übergreifender Zweck mit dem traditionellen Weltbild wegfällt, können sich plurale gesellschaftliche Zwecke entwickeln, die die Gesellschaft zunehmend mit Leistungen versorgen. Hierin spiegelt sich der wachsende Freiheitsgrad der Individuen wider, die nun selbst definieren können, was sie konkret unter ihren sozialen und materiellen Bedürfnissen sowie unter ihrer Selbstverwirklichung oder dem Gemeinwohl verstehen.

In diesem modernen Ordnungsmuster differenzierter Struktur- und Wertsphären hängt die Legitimität der erbrachten Leistungen eines Sozialbereichs – die wir als Sinnressourcen von noch genauer zu beschreibenden gesellschaftlichen Sinnreferenzen bezeichnen – einerseits davon ab, ob und inwieweit den gesellschaftlichen Leistungserwartungen entsprochen wird und es andererseits zu einem solchen Verhältnis zwischen den verschiedenen Wertsphären kommt, dass Leistungen für sämtliche Bereiche erhalten bleiben. Die Leistungsversprechen der Sozialbereiche sind stark verallgemeinert und identifizieren sich nicht bereits über konkrete Zwecke, weil sie immer auch die Pluralität gesellschaftlicher Erwartungshaltungen verschiedener und zum Teil gegenläufiger Zweckerfüllungen berücksichtigen müssen (Honneth 2016, 151; Honneth 2013, 470-473; Habermas 1987, 458). So lässt sich etwa die Einrichtung einer privatwirtschaftlichen Ökonomie, deren Akteur*innen um die Kaufentscheidungen der Konsument*innen konkurrieren, als ein leistungsfähiger Bereich verstehen, der materielle Bedürfnisse in vielfältiger und divergierender Ausprägung bedienen kann. Die Leistungen der Wirtschaft bedienen in einer hoch effizienten Weise plurale Ansprüche, die sich über die Zeit ändern, und verfolgen zugleich Leistungsversprechen eines steigenden Wohlstands und zunehmender Bedürfnisbefriedigung. Aus dieser Perspektive kann der moderne Differenzierungsprozess als Fortschritt gedeutet werden.

Allerdings geht mit dieser Entwicklung auch die Gefahr einer spezifischen pathologischen Ausformung einher. Als Sozialpathologie bezeichnen wir hier zunächst sehr allgemein einen konflikthaften Zustand, durch den es zu sich selbstverstärkenden ‚Übergriffen‘ von bestimmten Sozialbereichen auf andere kommt, die bewirken, dass der angegriffene Bereich in seinen gesellschaftlichen Sinnressourcen übermäßig gehemmt wird. Habermas versucht diese Prozesse in der Gegenüberstellung von Systemen und Lebenswelt zu bezeichnen, wenn er die systemische »Kolonialisierung der Lebenswelt« (Habermas 1987, 476) beschreibt und kritisiert. Kennzeichen hiervon sei die »Monetarisierung und Bürokratisierung der Alltagspraxis« (Habermas 1987, 480), welche sich in einer Generalisierung konsumistischer und entpolitisierter Werthaltungen ausdrücke sowie in verödenden Sozialisationsprozessen, zerbrechenden Solidaritäten und kulturellen Deutungsmustern ohne Orientierungswert. Nach Habermas lassen sich mit den gesellschaftlichen Differenzierungsprozessen also zugleich positive und negative Folgen verbinden, die Zuschreibungen sowohl von immensen Errungenschaften als auch von gefährlichen Sozialpathologien
erlauben.

Die Kolonialisierungsthese von Habermas ist auf Kritik gestoßen, insofern sie unscharf bleibt, weil die Abgrenzung der Lebenswelt vom System in uneindeutiger Weise geschieht und damit nicht so leicht gesagt werden kann, wo die Trennlinie zwischen beiden auszumachen ist. Es fällt Habermas schwer, die von ihm unterstellte »unaufhaltsame Eigendynamik« (Habermas 1987, 484) der Systeme zu bestimmen und deutlich zu machen, ob, wann und warum sie auf die Lebenswelt übergreifen und wie sie dann die dortigen Werthaltungen manipulieren (McCarthy 2002, 206; Berger 2002, 276). Insgesamt bleibt daher offen, wann genau ein notwendiger Austausch zwischen verschiedenen Gesellschaftsbereichen in eine Kolonialisierung umschlägt (Kneer 1990; Dietz 1993). Deshalb übernehmen wir zwar die Problemperspektive der kritischen Theorie nach Habermas, verfolgen in diesem Beitrag aber die Frage, welche gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse zu einer sich eigendynamisch verstärkenden Übergriffigkeit zwischen den Sozialbereichen führen, die wir als Sozialpathologien bezeichnen, in theoretisch anders gelagerter Weise.

Aus der Theorieperspektive der System-/Differenztheorie luhmannscher Prägung (Luhmann 1984, Luhmann 1997) wird die Theoriefigur der Lebenswelt nicht berücksichtigt. Hingegen wird »jeder soziale Kontakt (…) als System begriffen bis hin zur Gesellschaft als die Gesamtheit der Berücksichtigung aller möglichen Kontakte.« (Luhmann 1984, 33) Die sozialen Systeme werden als sinnverarbeitend und autopoietisch beschrieben; aufgrund ihrer operativen Geschlossenheit kommunizieren sie nicht miteinander, sind aber über strukturelle Kopplungen aufeinander bezogen. Sie unterscheiden sich nach den Systemtypen ‚Interaktion‘, ‚Organisation‘ sowie ‚Gesellschaft‘ mitsamt den gesellschaftlichen Funktionssystemen und folgen jeweils einer bestimmten kommunikativen Reproduktionslogik (Luhmann 2009b). Das Verhältnis der Systemtypen zueinander lässt sich gesellschaftlich als eine ‚horizontale‘ und ‚vertikale‘ Differenzierung fassen.1 Dabei versorgen die Funktionssysteme die Gesellschaft mit Sinnreferenzen, Themen- und Strukturhorizonten, die von Organisationen und Interaktionen gemäß ihrer jeweiligen autopoietischen Kommunikation in Anspruch genommen werden. Sie beziehen sich also auf die Sinnreferenzen und Strukturen, sind aber dadurch nicht ‚gefangen‘, sondern nutzen die Freiheiten in jeder Interaktionssequenz bzw. organisationalen Entscheidung. Für unseren Untersuchungsrahmen soll hier hervorgehoben werden, dass organisierte Sozialsysteme die Fähigkeit zur Multireferenzialität (Drepper 2003, 200) entwickeln. Dadurch vermitteln sie für ihre Entscheidungen verschiedene Sinnreferenzen der Funktionssysteme, sodass etwa Krankenhäuser, politische Parteien oder Kanzleien nicht nur auf das Gesundheitssystem, politische System bzw. Rechtssystem referieren, sondern immer auch Geld benötigen oder Unternehmen in Referenz auf das Wirtschaftssystem auch Rechtsnormen beachten müssen. Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Leistungen von Interaktionen ist zu betonen, dass sie zur Realisierung der Gesellschaft noch wesentlich grundlegender beitragen (Baraldi, Corsi und Esposito 1997, 83). Obwohl sie äußerst flüchtig sind und sich immer wieder auflösen, sobald die Teilnehmer*innen auseinandergehen, bilden sie Episoden der Kommunikation, die über ihre interaktive Dynamik in der Lage sind, gesellschaftliche Sinnreferenzen etwa im Minutentakt zu wechseln und aufeinander (neu) zu beziehen. Durch diese Mikrodiversität (de-)stabilisieren Interaktionen themenbezogene Sinnverbindungen und versorgen die Gesellschaft mit »ordnungsstiftender Unordnung« (Fuchs 2004, 93), weil sie je für sich bestehende Sinnverweise und -verbindungen auflösen und neue schaffen. Ob die durch sie geschaffenen neuen Strukturen gesamtgesellschaftlich relevant werden, ist eine Frage, die aufgrund nicht beobachtbarer Dynamiken zwischen der unüberschaubaren Vielzahl an Interaktionen und Organisationen nicht oder zumindest nicht im Hinblick auf eine gegenwärtige Prozessdynamik beantwortet
werden kann.2

Um die Strukturierungsleistung der Differenz-/Systemtheorie auch für die kritisch-normative Perspektive nutzbar zu machen, ist es unserer Auffassung nach weder möglich, Systeme und Lebenswelt im Sinne von Habermas als zwei unabhängige Sphären gegenüberzustellen, noch im Sinne Luhmanns beide Seiten zu der des Systems hin aufzulösen. Vor dem Hintergrund der Forschungsfrage kann sich die Untersuchung also weder auf systemunabhängige ‚Catch-all-Begriffe‘ wie die Lebenswelt noch auf (unbeobachtbare) strukturelle Kopplungen zwischen den Systemen (Funktionssystemen, Organisationen, Interaktionen) als ‚Catch-Nothing-Begriffe‘ begründen. Wir lösen diese theoretische Inkommensurabilität dadurch, dass wir weder die Theoriefigur der Lebenswelt noch die Prämisse nur systemisch vermittelter Sozialkontakte aufgeben. Stattdessen formulieren wir den Begriff der Lebenswelt zum ‚lebensweltlichen Horizont‘ um und gehen davon aus, dass dieser sich über System-zu-System-Beziehungen formt, genauer: über Interaktionen und Organisationen in Referenz auf die Funktionssysteme. Wie oben beschrieben koppeln die Interaktionen und Organisationen über Mikrodiversität und Multireferenzialität die Sinnreferenzen der Funktionssysteme strukturell miteinander, sodass die Leistungen der Funktionssysteme – also nicht ihre Funktionen! – miteinander im interaktiven und organisationalen Austausch stehen. Während die Teilsysteme autonom die Funktion für die Gesellschaft gewährleisten und »sozusagen Richter in eigener Sache sind«, beziehen sich ihre Leistungen auf andere Teilsysteme, sodass sie sich lernend und adaptiv danach ausrichten, »was in der innergesellschaftlichen Umwelt von ihnen verlangt wird.« (Luhmann 1994, 63) Die Vermittlungen – also die Kommunikation von Erwartungskonvergenzen und -divergenzen – verschiedener Leistungen der Funktionssysteme geschieht über die Netzwerke an unzähligen und in der Gesamtheit nicht beobachtbaren Kopplungen von Interaktionen und Organisationen. Diese Vermittlungen bezeichnen wir im Weiteren als den ‚lebensweltlichen Horizont‘, der quasi zugleich Systeme voraussetzt, aber nicht restlos in ihnen aufgeht.3

Unsere These ist nun, dass sich der ‚lebensweltliche Horizont‘ nicht zufällig strukturiert, sondern sowohl auf der Sach- und Sozialdimension als auch auf der Zeitdimension von einer basalen gesellschaftlichen Strukturdynamik vermittelt wird. Um diese Struktur von Leistungszurechnungen auf die Sinnreferenzen beobachten zu können, beziehen wir uns auf den von Lanfer (2018, 107-127) vorgeschlagenen Resonanzbegriff und den theoretischen Ansatz der Resonanzdifferenzierung.4 Dabei beobachten wir die Stärke jeweiliger Sinnreferenzen im Verhältnis zueinander und bezeichnen die Summe dieser Ausprägungen als Resonanzmuster im Sinne der basalen Strukturdynamik des ‚lebensweltliche Horizontes‘. Anleitend ist hierfür die Annahme, dass die Leistungen der Sinnreferenzen aufgrund der systemischen Freiheiten interaktiv und organisational zugerechnet und demnach ihre Erfolge und Defizite so vermittelt werden, dass sie sich auf eine bestimmte Art und Weise wechselseitig nutzen und kompensieren. Die Sinnreferenzen entwickeln also jeweils eine spezifische Resonanz für die Entwicklung gesellschaftlicher Erwartungen und Strukturen. Demnach bringen sie im wechselseitigen Verhältnis bestimmte Strukturen dann unterschiedlich gewichteter Resonanzen zwischen den Sinnreferenzen hervor, die wir gesamtgesellschaftlich über ein Resonanzmuster beschreiben. Im Hinblick auf Resonanzmuster nehmen wir an, dass die Bedeutungen beziehungsweise Gewichtungen einer Sinnreferenz in ihrem Verhältnis zu anderen über die interaktive und organisationale Vermittlung geschwächt oder gesteigert werden. Bestimmte Leistungsversprechen sind dadurch erwartbar relevanter als andere. Weil die Sinnreferenzen für die gesellschaftliche Leistungserbringung als funktional äquivalent betrachtet werden, sollen Sinnreferenzen, denen eine höhere Leistungsfähigkeit zugesprochen wird, die Leistungsdefizite einer bestimmten Sinnreferenz ausgleichen. Abhängig vom jeweiligen Resonanzmuster können politökonomische Verhältnisse beispielsweise dazu führen, dass Leistungen resonanzschwacher regulativer politischer Programme durch resonanzstarke ökonomische Markt- und Preismechanismen ersetzt werden, weil diese dann plausibler wirken, um gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Die Analyse von Resonanzmustern lässt sich erweitern, wenn sie mit Perspektiven der kritischen Theorie verbunden wird. Demnach können die von den System-zu-System-Dynamiken im ‚lebensweltlichen Horizont‘ verworfenen Möglichkeiten als alternative Resonanzangebote beschrieben werden. Entweder werden sie der Latenz überlassen oder dazu gebraucht, ein bestehendes Resonanzmuster zu kritisieren. Jede Kritik an einem jeweiligen Resonanzmuster erfordert in der wissenschaftlichen Beobachtung eine normative Rechtfertigung. In Anlehnung an Honneth (Honneth 2016, 126f., 138-141) lässt sich ein jeweiliges Resonanzmuster vor dem Hintergrund eines normativen Zielpunkts bewerten, der darin besteht, die funktionalen, leistungs- und wertbezogenen Eigenständigkeiten der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche gegenüber Zumutungen oder konkurrierenden Leistungsversprechen deutlich resonanzstärkerer Sinnreferenzen zu schützen. Über ausgewogene Resonanzmuster können sich nicht nur einige, sondern potenziell alle Sinnreferenzen mitsamt den sie tragenden Funktionen gesellschaftlich entfalten und wechselseitig begrenzen.

Um dieses Ziel zu erreichen, werden institutionalisierte ‚Stopp-Regeln‘ oder ‚Engpässe‘ relevant, die über politische und rechtliche Leistungen (selbst-)regulative Geltung einnehmen. Allerdings variiert die Akzeptanz hierfür in Abhängigkeit vom vorherrschenden Resonanzmuster. Werden ‚Stopp-Regeln‘ ineffektiv oder beseitigt, weil sie resonanzstarke Sinnreferenzen übermäßig begrenzen, besteht die Gefahr einer gesellschaftlichen Krisendynamik. Weil resonanzstarke Sinnreferenzen erfolgreiche Leistungen bewirken wollen, zeigen sie die Tendenz, negative Effekte vor allem den resonanzschwachen Sinnreferenzen zuzuschreiben. Sie neigen deshalb dazu, sich zum Nachteil anderer Sinnreferenzen selbst zu verstärken und zu stabilisieren, indem sie sich gegenüber den selbst erzeugten Widersprüchen ihrer gesellschaftlichen Leistungen immunisieren. Eine Leistung mit einer hohen Ausfallwahrscheinlichkeit – wie sie gegenwärtig bei der wirtschaftlichen Sinnreferenz etwa aufgrund des Gefahrenpotenzials globaler Wirtschaftskrisen zu beobachten ist – muss dann nicht zu einer Resonanzschwäche der Sinnreferenz führen, sondern dieser kann durch die so vermittelte Dringlichkeit und Relevanz mehr themenbezogene und entscheidungsbezogene Aufmerksamkeit respektive eine höhere Resonanz zukommen.

Der Untersuchungsrahmen lässt sich nun folgendermaßen zusammenfassen: Wir folgen der kritischen Theorie, um die normative Relevanz ausgewogener Resonanzverhältnisse sowie von deren Gefährdungen zu erfassen. Aus einer system-/differenztheoretischen Perspektive betten wir Resonanzmuster in die Bedingungen hochkomplexer Gesellschaftsdynamiken ein. Die beiden Perspektiven ermöglichen es uns, gesellschaftliche Krisendynamiken auf unausgewogene Resonanzmuster und deren selbstverstärkende Tendenzen zurückzuführen. Auf den Punkt gebracht bezieht sich der Untersuchungsrahmen auf die Rekonstruktion und kritische Bewertung von Resonanzmustern als Folge von Oszillationsprozessen zwischen den Leistungen gesellschaftlicher Sinnreferenzen. Ein solcher Untersuchungsrahmen muss sich auch den Fragen zuwenden, wie unausgewogene Resonanzmuster zwischen den Sinnreferenzen entstehen und sich verstärken; und wie Sinnanreicherungen und -unterbrechungen möglich werden, die unausgewogene Resonanzmuster durch eine Stärkung resonanzschwacher Sinnreferenzen stören und so einen Resonanzdrift bewirken. Um diesen Fragen nachzugehen, öffnen wir unseren Untersuchungsrahmen für poststrukturalistische Perspektiven. Wir beziehen uns hierbei vor allem auf die Analyse antagonistischer Diskurse in Anlehnung5 an Ernesto Laclau und Chantal Mouffe (1991) sowie die Unterscheidung zwischen den Sphären des gesellschaftlich Politischen und der institutionellen Politik nach Mouffe (2007).

Das Bewirken gesellschaftlicher Resonanzmuster über Diskurse und Paradoxien

Wir konzipieren Diskurse als eine sinn- und deshalb systemvermittelnde Praxis der (Re-)Aktualisierung von themenabhängigen und gegebenenfalls entscheidungsbezogenen Begründungsangeboten. Über ihre plausibilisierenden Semantiken versorgen sie Erwartungen mit Strukturaufbauwahrscheinlichkeiten in verschiedenen Systemen – also von der Interaktion zur Organisation bis hin zu Funktionssystemen. Diskursstrukturen schaffen dadurch über die Zeit systemische Sensibilitäten respektive Relevanzen für bestimmte Erwartungen von spezifisch miteinander verbundenen Ursache-/Wirkung- oder konkreter: Problem- und Problemlösungszurechnungen (Lanfer 2018, 235). Der Diskurs lässt sich also beschreiben als ein über Themen und Themensubstrate interaktiv (mikrodivers) und organisational (multireferenziell) vermittelter Kommunikationszusammenhang, der strukturiert, was als plausibleres Argument erscheint. Insofern versorgt ein Diskurs den ‚lebensweltlichen Horizont‘ mit seiner argumentativen Rationalität. Es werden also argumentative Richtigkeitsbedingungen dafür strukturiert, wie gesellschaftliche Leistungserwartungen auf Sinnreferenzen zugerechnet werden sollen. Die diskursive Plausibilität hängt von interaktiven und deshalb auch personenabhängigen Knotenpunkten ab, die Bedeutungen, plausible Begründungen und Kombinationen von Ursachen und Wirkungen für die Wiederverwendung teilweise fixieren (Laclau und Mouffe 1991, 165).

Die Diskursanalyse sondiert, welche Resonanzverteilung zwischen den Leistungen der Sinnreferenzen jeweils die größte Überzeugungskraft entwickelt und die Diskurse relativ zu den anderen Resonanzen stärker oder dominant anleitet. Wenn ein so ausgeformter Diskurs die Begründungszusammenhänge im ‚lebensweltlichen Horizont‘ entlang einer Resonanzgewichtung prägt, die dem vorherrschenden Resonanzmuster entspricht, kommt ihm hegemoniale Bedeutung zu. Am hegemonialen Diskurs entzünden sich zugleich aber Alternativen, die über gegenhegemoniale Diskurse deutlich werden. Vor allem werden hierdurch Widersprüche am hegemonialen Diskurs sichtbar, die vorher über einen mehr oder weniger langen Zeitraum erfolgreich invisibilisiert werden konnten. Abhängig davon, wie umfassend neue Begründungen diskursiv relevant werden und mit welcher Reichweite sich ein Resonanzdrift ereignet, erstreckt sich die gesellschaftliche Transformation von lediglich inkrementellen Sinnanreicherungen, die zu Strukturänderungen verschiedener Systeme führen, bis hin zu Sinnunterbrechungen oder sogar Sinnzusammenbrüchen (Stäheli 2000), die erhebliche Folgen für die Programme und sogar den Code-Gebrauch eines oder mehrerer Funktionssysteme haben können. Wenn demnach alternative Diskurse im ‚lebensweltlichen Horizont‘ insbesondere deshalb variierend wirken, weil sie über Widersprüche die Plausibilität von Begründungen schwächen, muss sich die Analyse auf diese Widersprüche konzentrieren. Damit sind nicht bloß sachliche oder argumentative Fehler gemeint, die möglicherweise schnell richtiggestellt werden könnten, sondern tiefliegende Widersprüche, die in den Funktionen und Leistungen der Funktionssysteme eingelagert sind und die Form von Paradoxien annehmen.

In einer stärker logisch-semantisch geprägten Sprechweise, lassen sich Paradoxien als Widersprüche fassen, bei denen »die Bedingungen der Möglichkeit einer Operation zugleich auch die Bedingungen ihrer Unmöglichkeit sind.« (Baraldi, Corsi und Esposito 1997, 131) Sie lassen sich nicht auflösen, sondern nur für die Beobachtung latent halten respektive invisibilisieren, um die Anschlussfähigkeit der Kommunikation zu sichern.6 In einer stärker sozialstrukturell geprägten Sprechweise wird ein sozialer Entwicklungsprozess als Paradox bezeichnet, wenn das intendierte Ergebnis zugleich dessen nicht-intendiertes Gegenteil hervorbringt (Hartmann 2002, 236f.). Dies hat dann widersprüchliche Folgen für all das, was ordnend, planend oder steuernd auf den Weg gebracht wird: »Produktivkräfte verwandeln sich in Destruktivmächte, Planung gerät zur Störung, Machtsteigerung mehrt die Ohnmacht, Rationalisierung schlägt um in Unvernunft.« (Markowitz 1992, 25) Grundsätzlich lässt sich daher eine Paradoxie als ein nicht zufällig auftretender Widerspruch zwischen einer zugeschriebenen Leistungserwartung und den daraus resultierenden Ergebnissen fassen; oder mit anderen Worten: zugeschriebene und erwartete Leistungen werden gerade durch deren Verwirklichung enttäuscht.

Ein Beispiel liefert Markowitz (1992), der sich der von Luhmann (1994, 98-101, 177-229) beschriebenen Knappheitsparadoxie des Wirtschaftssystems annimmt: Die wirtschaftliche Funktion der Reduzierung und Regulation von Knappheiten vermehrt die Knappheiten, weil das Haben des einen, das Nicht-Haben des anderen ist (Markowitz 1992, 15; Luhmann 1994, 181). Hiermit sind konfligierende Widersprüche auf der Sozialdimension verbunden (etwa zwischen Kapital und Arbeit), die auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen (etwa Klassen) zugerechnet werden. Über Wachstumssemantiken, welche die Knappheitsreduktion von der Sozialdimension auf eine zukunftsorientierte Zeitdimension verschieben, lassen sie sich jedoch systemisch invisibilisieren. Dadurch verliert das Knappheitsparadox »dann viel von seiner polemogenen Potenz, wenn das allgemeine Wirtschaftswachstum für alle Beteiligten einen Zuwachs an Haben verheißt.« (Markowitz 1992, 16) In diesem Sinne wird von Wachstumsbefürworter*innen das folgende Bild bemüht: »[W]enn das Wasser steigt, steigen auch alle Boote darauf« (Wright 2017, 86). Zwar wird die Knappheitsparadoxie über das Wachstum nicht aufgelöst, aber die inhärente Paradoxie wird entfaltet und schließlich wieder invisibilisiert, um die wirtschaftliche Kommunikation von hemmenden Blockaden zu befreien. Insofern wird das Knappheitsparadox solange nicht beobachtet, bis das Wachstumsbestreben die unterschiedlich verteilten Knappheiten auf eine andere Weise wieder sichtbar macht. Gegenwärtig erfolgt diese Revisibilisierung über das Öko-Paradox. Es reduziert die zukunftsbezogene Reduktion von Knappheiten im Sinne der Wachstumssemantik auf eine Gegenwartsprojektion: die durch Wachstum bewirkten ökologischen Verwerfungen verschärfen die Knappheiten für zukünftige Generationen. Hierfür steht der Slogan: »Wir leben auf Kosten zukünftiger Generationen. Unser Mehr ist deren Weniger.« (Markowitz 1992, 17) Wir werden auf die diskursiven Formen der (In-)Visibilisierung und Entfaltung der Knappheitsparadoxie in Bezug auf die Zeitdimension zurückkommen.

Paradoxien setzen die Plausibilitäten bestehender Begründungszusammenhänge unter Druck. Alle Kritik und Rechtfertigung versucht deshalb die Ursachen und Wirkungen der leistungsbezogenen Paradoxien auf unterschiedliche Sinnreferenzen zu adressieren beziehungsweise sie entsprechend zu entfalten. Paradoxien erzeugen somit »Anlässe für die Suche nach kreativen Problemlösungen« (Luhmann 2000, 130; so auch Luhmann 1992b, 201). Sie schaffen für die Diskurse im ‚lebensweltlichen Horizont‘ permanent Gelegenheiten, Leistungsdefizite zu bezeichnen und sie auf verschiedene Sinnreferenzen zuzurechnen. Grundsätzlich sind diese Zurechnungen zwar kontingent, werden aber über die Resonanzmuster dirigiert. Sie sind also in der oszillierenden Dynamik von Resonanzen eingebettet. Dadurch bringen sie dann ein sich selbst verstärkendes unausgewogenes Resonanzmuster hervor, wenn Paradoxien über den hegemonialen Diskurs, der in der Regel auf resonanzstarke gesellschaftliche Sinnbezüge referiert, auf resonanzschwächere Sinnreferenzen zugerechnet werden. Hierbei besteht die Gefahr, dass sich sozialpathologische Resonanzmuster über die hegemonialen Diskurse bilden, die die invisibilisierten Leistungsparadoxien gegen Alternativen immunisieren und die Leistungspotenziale verschiedener Sinnreferenzen zunehmend reduzieren. Gemäß der Metapher einer gesellschaftlichen Erkrankung lässt sich für deren ‚Heilung‘ auf solche diskursiven Begründungsangebote abstellen, die Paradoxien abweichend entfalten, um das vorherrschende Resonanzmuster zugunsten marginalisierter Sinnreferenzen zu verschieben, damit ein höheres Niveau an gesellschaftlicher Komplexitätsverarbeitung erreicht wird.

Die Blockade alternativer Resonanzen zwischen dem Politischen und der Politik

Es stellt sich nun die Frage, wie alternative beziehungsweise gegenhegemoniale Diskurse entstehen und sich gegen hegemoniale Diskurse durchsetzen können, um den selbstverstärkenden Tendenzen unausgewogener Resonanzmuster entgegenzuwirken. Gerade weil die funktional differenzierte Gesellschaft nicht von einem Punkt aus respektive über ein bestimmtes Zentrum wie etwa die Religion, Politik oder Wissenschaft gesteuert wird, können nicht einzelne Funktionssysteme die sozialpathologischen Dynamiken unterbrechen. Vielmehr ist hierfür eine (Re-)Vitalisierung dynamischer Resonanzoszillationen im ‚lebensweltlichen Horizont‘ relevant, die durch gesellschaftliche Konfliktpotenziale entlang von Interaktionen und Organisationen angestoßen werden. Für die weitere Analyse gesellschaftlicher Konfliktpotenziale ergänzen wir aus poststrukturalistischer Perspektive die Unterscheidung zwischen dem Politischen und der Politik nach Chantal Mouffe (2007).

Das Politische bezeichnet hier die Sphäre, in der Diskurse Paradoxien sichtbar oder unsichtbar werden lassen, indem sich Begründungszusammenhänge und die hiermit verbundenen normativen Erwartungen (Überzeugungen, Interessen, Positionen etc.) diametral gegenüberstehen. Dabei ist die folgende These für uns anleitend: Ist die Sphäre des Politischen vital, wird die ‚Nein-Wahrscheinlichkeit‘ gegen zugemutete Begründungen eines hegemonialen Diskurses interaktiv gesteigert. Dadurch werden Begründungszusammenhänge nicht schlicht als Notwendigkeit akzeptiert und übernommen, sondern es wird versucht, alternative Begründungen über antihegemoniale Diskurse zu plausibilisieren. Das vitale Politische stört und blockiert hegemoniale Begründungsmuster, weil die fixierten Knotenpunkte, die den Begründungen über ein bestimmtes Verhältnis zwischen Ursachen und Wirkungen oder Problemen und Problemlösungen Plausibilität verleihen, sinnspezifisch angereichert sowie infolge von Sinnunterbrechung getrennt und neu rekombiniert werden. Wir beziehen uns dabei speziell auf Mouffe (2007, 16), für die das Politische die »Dimension des Antagonismus« ist. Das Konstitutive des Politischen liegt für uns deshalb im Bereithalten von Konfliktpotenzialen zwischen Diskursen für eine vitale gesellschaftliche Dynamik oszillierender Resonanzen.

Die Politik hingegen unterscheidet sich vom Politischen gemäß den Prämissen des hier vorgestellten Untersuchungsrahmens durch das systemische Vorzeichen.7 Zentral für das politische System allgemein ist die kommunikative Verbindung von Wertpräferenzen der Parteien-/Fraktionenpolitik und Interessenorganisationen, Entscheidungsprämissen der Verwaltung sowie den Positionierungen der politischen Zivilgesellschaft gegenüber den Zumutungen, die von den kollektiv bindenden Geltungsversuchen der Wertpräferenzen und Entscheidungsprämissen ausgehen. Dabei bezeichnet die Sphäre der Politik speziell die Konsensorientierung der Parteien-/Fraktionenpolitik und Interessenorganisationen in Verbindung mit den administrativen Entscheidungsprämissen. Sie sind in Bezug aufeinander darauf ausgelegt, bei der Formulierung einer kollektiv bindenden Entscheidung Mehrheiten zu erzeugen und bei ihrer Herstellung bürgerschaftliche Akzeptanz zu sichern. Der Zivilgesellschaft kommt dann eine ‚Scharnierfunktion‘ zwischen den Sphären der Politik und des Politischen zu: Als politische Zivilgesellschaft in der Sphäre der Politik irritiert sie an der Peripherie des politischen Systems die politischen Strukturen und liefert Gründe für Konsenserfordernisse, die über kollektiv bindendes Entscheiden erreicht werden sollen; befreit von bestimmten Funktionsimperativen in der Sphäre des Politischen sorgt die Zivilgesellschaft im Geflecht unzähliger Interaktionen für Konfliktpotenziale im ‚lebensweltlichen Horizont‘, um Konsense wieder infrage zu stellen. Infolge dieser politischen Agonismen, die auf Grundlage einer geteilten demokratischen Ordnung eine friedliche politische Gegnerschaft sichern (Mouffe 2007), soll den
entscheidungsbezogenen Begründungen sichtbar und öffentlichkeitswirksam widersprochen werden.

In Anlehnung an die politikwissenschaftliche Diagnose der Post-Demokratie nach Colin Crouch (2008) zeigen sich nun Entwicklungen, die allgemein dazu führen, dass sich die hier bezeichnete Sphäre der Politik des politischen Systems von der politischen Zivilgesellschaft und mithin vom Politischen der Gesellschaft sachlich, sozial und zeitlich entfernt. Die Konsensorientierung verselbstständigt sich und umgeht den Konflikt. In einer systemtheoretischen Reformulierung bezieht sich diese Diagnose nun auf die Prozesse zur Formulierung und Herstellung kollektiv bindender Entscheidungen. Einerseits ändern sich dabei die Strukturen in der Sphäre der Politik zunehmend nur noch im Selbstbezug, um sich vor Irritationen und Störungen der politischen Zivilgesellschaft zu immunisieren. Andererseits konzentrieren sie sich auf dezentrale politisch-administrative Abstimmungen oder Governance-Prozesse im ‚Schatten der Öffentlichkeit‘ mit exklusiv ausgewählten, problemrelevanten und/oder einflussreichen Akteur*innen. Infolge dieser Filterung werden bestehende politische Erwartungen und Strukturen nur noch gezielt und planmäßig irritiert, um in Federführung der staatlichen Verwaltungen/Regierungen ein hochkomplexes Herrschafts- und Interdependenzmanagement (Geschel und Zangl 2008; Mayntz 1995, 156) vornehmen zu können. Die Gründe hierfür sind neben komplexeren Sachfragen der Risikogesellschaft und unübersichtlicheren Macht- und Einflussfragen infolge zunehmender Inter-/Transnationalisierung gerade auch Zeitverhältnisse, weil politisches Entscheiden auf den Problemdruck bestimmter Regelungsfelder, die häufiger als situative Evidenzen wahrgenommen und dargestellt werden, reagieren will. Vor dem Hintergrund dieser politischen Beschleunigung erscheint eine verlässliche Konsensgrundlage im Entscheidungsprozess vorteilhaft, weil dadurch weniger Konflikte in der politischen Zivilgesellschaft und der Parteien-/Fraktionenpolitik die anvisierten Problemlösungen belasten.

Diese staatsdominante Konsensorientierung führt aber zu Krisensymptomen moderner politischer Systeme. Dies zeigt sich vor allem an einem Konturenverlust und einer beliebigen Kombinationsfähigkeit von Wertunterscheidungen etwa zwischen konservativ und progressiv (Nassehi 2015), die bei der ‚politischen Mitte‘ eine Tendenz zu Koalitionsbildungen auslöst. Hiermit verbunden sind die größeren Erfolge von Parteien an den politischen ‚Rändern‘, die den politisch desorientierten und entmutigten Bürger*innen durch eindeutige Wertdifferenzen und unterkomplexe Entscheidungs- und Handlungsofferten erfolgreiche Alternativen zum ‚politischen Establishment‘ anbieten. Es lässt sich folgern, dass die Parteien-/Fraktionenpolitik und Verwaltung weniger responsiv auf die Positionierungen eingeht und sie dadurch – zumindest für eine demokratische Auseinandersetzung auf einer agonistischen Weise – etwa über den Slogan ‚There is no alternative‘ entmutigt. Auch im Sinne des frühen Ansatzes von Habermas (1969, 77) ließe sich davon sprechen, dass praktische Fragen auf technische reduziert werden, weil es lediglich noch um eine optimale Steuerung und Verwaltung geht, aber nicht mehr um dessen konflikthafte sowie produktiv gewendete Infragestellung. Die politische Legitimation erfolgt also zunehmend über den Erfolg politischer Entscheidungen für gesellschaftliche Problemlösungen. In Anlehnung an die analytische Unterscheidung nach Scharpf (2009) lässt sich diese politische Dynamik als eine Marginalisierung der Input-Legitimation, die auf die Einbindung von Positionierungen der politischen Zivilgesellschaft verweist, zugunsten der Output-Legitimation, die sich insbesondere an den Erfolg politischer Programme orientiert, auf den Punkt bringen. Moderne politische Systeme fügen sich also den zunehmend komplexeren und sich beschleunigenden gesellschaftlichen Dynamiken, indem sie sich auf output-legitime Entscheidungen fixieren, von denen erwartet wird, dass deren Leistungsfähigkeit solange nicht umstritten ist, solange sie den an sich zwar kontingenten, aber scheinbar notwendigen Begründungszusammenhängen folgen. Mit anderen Worten lässt sich sagen, dass der Erfolg politischer Regelungen prekär ist, aber gerade deshalb zunehmend erwartet wird, um die paradoxen gesellschaftlichen Wirkungen anderer Sinnreferenzen zu antizipieren und gegebenenfalls zu korrigieren. Durch diesen Leistungsdruck gibt die Politik die Rolle des aktiven gesellschaftlichen ‚Konstrukteurs‘ auf und manövriert sich in die Rolle eines eher passiven ‚Reparaturbetriebes‘, um sich weiterhin zu legitimieren. Vor dem Hintergrund der bisherigen Untersuchung zeigt sich somit, dass Leistungsparadoxien von Sinnreferenzen zu hochkomplexen Problemlagen und ein Anpassungsdruck zwischen den gesellschaftlichen Sinnreferenzen zu übermäßigen Konsensorientierungen der politischen Systeme führen.

Die politische Kultur des Konsenses hat also eine geringere Neigung zu demokratischen Widersprüchen und Alternativen gegen hegemoniale Diskurse im ‚lebensweltlichen Horizont‘ und differenziert sich über die Parteien-/Fraktionenpolitik und Verwaltung von der vermittelnden politischen Zivilgesellschaft an der (fremdreferenziellen) Grenze des politischen System aus. Sie führt letztlich zu einer resonanzschwachen politischen Sinnreferenz, an die gesellschaftliche Leistungsparadoxien adressiert werden und so die politischen Leistungsdefizite weiter vergrößern. Insofern lässt sich folgern, dass das Politische weniger Potenziale dafür bereithält, gesellschaftliche Probleme sichtbar zu machen, also „eine Bühne zu schaffen für Subjekte und Objekte, die konfrontiert sind mit einem ‚Teilnehmer‘, der sie nicht ‚sieht‘.« (Rancier 2003, 120) Die produktive Aufnahmefähigkeit der Politik für die alternativen Begründungsangebote des Politischen schwindet und reduziert dadurch die dynamische Oszillation von Resonanzen. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass gesellschaftspolitische »Ordnungen unterbrochen und neue gestiftet werden«, wird geringer – oder mit anderen Worten: Die »Verteilungsregeln der Ordnung« (Bedorf 2010, 25, 27) werden im Politischen aufgrund der beschriebenen systemischen Strukturen des politischen Systems als Sphäre der Politik weniger in Frage gestellt.

Resonanzmuster und gegenwärtige Zeitverhältnisse

Wir haben zwei Bedingungen für unausgewogene Resonanzmuster und deren Selbstverstärkung nachvollzogen: Erstens in Form von hegemonialen und gegenhegemonialen Diskursen entlang von Paradoxien; zweitens in Form der Marginalisierung des Politischen. Nun gilt es eine dritte Bedingung auf der Ebene der Zeitdimension nachzuzeichnen. Auf der Zeitdimension gesellschaftlicher Kommunikation versorgen sich die Funktionssysteme wechselseitig mit Ereignissen, die irritieren und einen Anpassungsdruck erzeugen. Dabei wirken bestimmte Funktionssysteme, wie vor allem das wachstumsbasierte Wirtschaftssystem, als besondere Beschleunigungsmotoren, insoweit sie andere Funktionssysteme in hohem Maße irritieren und zur Anpassung nötigen (Rosa 2012, Kap. VIII. 1, 3). Es lässt sich dann von Eigenzeiten der Systeme sprechen (Luhmann 1997, 83f.), die grundsätzlich desynchrone Verhältnisse hervorbringen, die aber auch, wo immer möglich, ‚vermittelt‘ werden (Brose und Kirschsieper 2014, 213). Obwohl ein steuerndes gesellschaftliches Zentrum ausgeschlossen werden muss, wirken also in der Gesellschaft beständig synchronisierende Prozesse (Brose und Kirschsieper 2014, 213), die desynchrone Eigenzeiten in zusammenhängende Zeitverhältnisse überführen. Gemäß den Prämissen des Untersuchungsrahmens liegt die synchronisierende Vermittlungsleistung bei hegemonialen Diskursen mit vorherrschendem Bezug auf resonanzstarke Sinnreferenzen. So entsteht ein diskursiv plausibilisierter Zeitdruck für die Leistungen resonanzschwächerer Sinnreferenzen, sich an die Eigenzeiten resonanzstärkerer Sinnreferenzen anzupassen. Und dies auch dann, wenn es für deren Funktionsgewährleistungen und Leistungserbringungen abträglich ist – insofern also etwa dann, wenn man vom politischen System die Leistung eines aktiven gesellschaftlichen Konstrukteurs anstatt eines passiven Reparaturbetriebes erwartet. Hieran entzünden sich dann gegenhegemoniale Diskurse, die die paradoxen Wirkungen sichtbar machen. Die sich im Spannungsfeld hegemonialer und gegenhegemonialer Diskurse formierenden Zeitverhältnisse lassen sich dann auch in den Begriffen eines hegemonialen und gegenhegemonialen Zeitregimes fassen.

Bevor wir näher auf das hegemoniale Zeitregime entlang der Begründungszusammenhänge des Innovationsdiskurses eingehen, ist zunächst die Frage zu beantworten, in welcher Weise und mit welchen Folgen sich desynchrone Eigenzeiten zwischen den Sinnreferenzen ausbilden. Wir beziehen dies zunächst auf die gesellschaftliche Gleichzeitigkeit verschiedener Temporalstrukturen der Funktionssysteme. Nach Lanfer (2018, 173-196) lassen die Zeitstrukturen der Funktionssysteme nach den Erwartungsstilen ‚kognitiv/normativ‘ unterscheiden und ihnen die Erwartungstypen ‚homogen/heterogen‘ sowie ‚zentrales/dezentrales‘ Entscheiden zuordnen. Jedes Funktionssystem betont einen bestimmten Erwartungsstil. Sie strukturieren sich entweder typisch stärker über kognitives oder normatives Erwarten. Nach Galtung (1959) und hierauf aufbauend Luhmann (2008, 2009a) zeichnen sich kognitive Erwartungen durch eine Lernbereitschaft aus, weil sie infolge von Erwartungsenttäuschungen eher bereit sind, die bestehenden Erwartungen aufzugeben und durch neue zu ersetzen. Werden hingegen normativ strukturierte Erwartungen enttäuscht, ändern sie sich zunächst nicht. Demnach zeigt sich bei der Wirtschaft, Wissenschaft und vor allem den Massenmedien eine Beschleunigung der Strukturen und Prozesse, weil sie die systemischen Erwartungen mehr oder weniger stark, aber zunehmend kognitiv strukturieren. Hingegen halten das politische System und Rechtssystem an ihren stärker normativ strukturierten Erwartungen fest. Es ist von Erwartungsstilen abhängig, ob und wie schnell die Funktionssysteme für problembezogene Entscheidungen einen Konsens erzielen können. Bei den Funktionssystemen, die sich stärker über kognitives Erwarten strukturieren, zeigt sich, dass ihre Strukturen homogener erwarten und dezentraleres – also organisationales, interaktives oder gar individuelles – Entscheiden mit weitreichenden Effekten zulassen, um sich zu beschleunigen. Hingegen sind die Funktionssysteme, die sich stärker über normatives Erwarten strukturieren, auf Konflikte bezogen, die erst über zentralisierte Verfahren zu einem entscheidungsbezogenen Konsens ausgeformt werden müssen, der sowohl eine formale Geltung als auch ausreichende Bindewirkungseffekte respektive Legitimation erreichen muss. Aufgrund von Konflikten wird es unsicherer, für Entscheidungen einen tragfähigen
Konsens zu erreichen.

Das gegenwärtige hegemoniale Zeitregime betont vor allem das Massenmedien-, Wirtschafts- und Wissenschaftssystem, weil sie sich stark über kognitives Erwarten strukturieren (können). Dadurch sind ihre Strukturen fähiger, sich auf die – vor allem auch durch sie selbst bewirkten – gesellschaftlichen Dynamiken und die hiermit verbundenen abrupten Änderungen einzustellen, um die jeweiligen systemischen Funktionen zu gewährleisten. Hiervon abhängig selektieren sie für die Strukturbildung homogeneres Erwarten und dezentraleres Entscheiden, um das Tempo der Erwartungsänderungen zu ermöglichen. Einerseits beschleunigen sie sich wechselseitig, andererseits finden sie eine Begrenzung – etwa über die Leistungen politischer oder rechtlicher Sinnreferenzen, die stärker normativ-heterogen erwarten und zentralisierter entscheiden. Vor dem Hintergrund der dynamisierten Leistungserwartung an die wohlstandsgenerierenden Effekte der Wirtschaft, die über hinreichende Investitionsrückflüsse innerhalb eines relevanten Zeitfensters begründet werden, geraten die Leistungen der abweichend strukturierten Sinnreferenzen unter Anpassungsdruck. Es entwickelt sich ein Krisenhorizont, der sich auf die Gefahren und Risiken der wirtschaftlichen Ausbremsung bezieht, wobei die Relevanz wirtschaftlicher Prosperität in Form einer hohen Ausfallwahrscheinlichkeit für andere Funktionssysteme steigt. Insbesondere zeigt sich dies in Form einer dominanten Bedeutung der wirtschaftlichen Leistungen für die Politik. So drohen wirtschaftliche Ausfälle nicht nur das Steueraufkommen der Politik zu gefährden (Habermas 1987, 256), sondern auch den demokratischen Grundkonsens zu untergraben. Und dies gerade dann, wenn negative Wirkungen für die volkswirtschaftliche Prosperität und das Arbeitsplatzangebot prognostiziert werden (Friedman 2005). Die Sphäre der Politik steht deshalb vor der Aufgabe, fortlaufende Rentabilität in der Wirtschaft durch die Etablierung geeigneter Rahmenbedingungen und darüber hinaus entsprechender Interventionen sicher zu stellen. Erschwert wird diese Aufgabe durch die begrenzte Reichweite der Politik im Verhältnis zu global und transnational agierenden Unternehmen.

Der Innovationsdiskurs als hegemoniales Zeitregime

Wir haben bereits oben mit Markowitz die Knappheitsparadoxie des Wirtschaftssystems angeführt, die sich über einen Wachstumsdiskurs begründet und über Wachstumssemantiken entfaltet und invisibilisiert. Die Wachstumssemantiken sind für den Diskurs zwar weiterhin anleitend, zeigen aber Argumentations- und mithin Plausibilisierungsschwächen, wenn über die Zeit die versprochene Wohlstandsvermehrung ausbleibt und Ungleichverteilungen von Knappheiten sichtbar werden – dies besonders deutlich durch das Öko-Paradox, weil der zukunftsorientierte Wachstumsdiskurs zugleich das Wohl zukünftiger Generationen ökologisch gefährdet. In Folge entfaltet sich der Wachstumsdiskurs erneut und reichert sich zu einem Innovationsdiskurs an: Den durch Wachstum generierten Innovationen wird Bedeutung im Sinne verallgemeinerter zukünftiger Problemlösungsoptionen zugeschrieben. Wachstum und Innovation bleiben dabei eng verflochten: Einerseits begründet sich der Diskurs durch das Versprechen, dass Innovativität die Basis für eine wachsende wirtschaftliche Gesamtleistung bildet, andererseits über das ökonomische Krisenszenario einer Depression, wenn das Wachstum mangels Innovationen ausbleibt und dadurch Investitionsrückflüsse innerhalb eines relevanten Zeitfensters nicht in ausreichendem Maße realisiert werden können (Binswanger 2006, 313-315; Friedman 2005).

Die wirtschaftlichen Leistungen, die materielle Bedürfnisbefriedigungen versprechen, sollen für die Gesellschaft ein Wirtschaftswachstum sichern, wenn kontinuierlich neue Technologien, Techniken und Produktionsverfahren entwickelt werden, deren Folgen aber nicht nur problemlösend, sondern auf vielfältiger Weise für die Gesellschaft – und damit auch für die wirtschaftliche Leistung selbst – schädlich sein können. Aber dieses ‚sein können‘ verweist auf unbekannte Zukünfte, die nur über gegenwärtige Zukunftsperspektiven vorherrschender Diskurse plausibel begründet werden können. Über Risikosemantiken wird Zukunft für gegenwärtiges Entscheiden modelliert, um Unbekanntes zu kalkulieren und Unsicherheit so in Risiko umzudefinieren. Obwohl noch unbekannt, verspricht das Neue zukünftig mehr Optionen für systemische Leistungen, wenn die Chancen hierfür gegenwärtig genutzt werden. Wer aktuell zögert, geht das Risiko ein, gegenwärtige Chancen zu verpassen. Es lässt sich demnach sagen, dass Innovationen als Heilsbringer auch dafür begründet werden, dass künftig Basisinnovationen hervorgebracht werden, die paradoxe Leistungszurechnungen auflösen. Dieser Zirkelschluss verdeutlicht die Resonanzstärke der wirtschaftlichen Sinnreferenz. Zugleich versucht die politische Sinnreferenz über neue Regelungsformen wie den Emissionszertifikaten ökonomische Anreize für eine leistungsbezogene Selbstbegrenzung der Wirtschaft zu schaffen. Dieses (umwelt-)politische Bewirken dynamischer ökonomischer Wirkungen zur Sicherung biosphärischer Regeneration akzeptiert die Resonanzstärke der wirtschaftlichen Sinnreferenz und das vorherrschende Zeitregime, indem es ‚in der Preissprache‘ der Wirtschaft ohne Detailregelungen und mit einem gehörigen zweckbezogenen ‚Abstand‘ zu regeln versucht. Mit der Hoffnung, über diese Stopp-Regeln eine ökonomische Begrenzung erreichen zu können, muss das Instrument aber global Anwendung finden. Hierfür ist aber zugleich durch die Sphäre der Politik normativ-heterogenes Erwarten in einen möglichst globalen Konsens zu überführen, was allerdings sehr zeit-, weil konfliktintensiv ist und gerade aufgrund des vorherrschenden Zeitregimes nicht dem Zeitgeist entspricht. Der Bedarf für diese ‚Stopp-Regeln‘ wird erkannt; ihre Um- und Durchsetzung scheitert aber regelmäßig.

Der Nachhaltigkeitsdiskurs als gegenhegemoniales Zeitregime

Der gegenhegemoniale Nachhaltigkeitsdiskurs folgt der Anreicherung des hegemonialen Wachstumsdiskurses zum Innovationsdiskurs, indem er vor allem die potenziell schädlichen Wirkungen der Innovationen betont. Die Naturbeherrschung mittels technologischer Innovationen bewirken zugleich eine zunehmende Unberechenbarkeit der Natur, weil ökologische Gefährdungen in zahlreicher und vielfältiger, vorher nicht reflektierter Weise auftreten – womit der Nachhaltigkeitsdiskurs versucht, die im Innovationsdiskurs angelegte Paradoxie sichtbar zu machen. Der gegenhegemoniale Nachhaltigkeitsdiskurs versucht das im hegemonialen Diskurs verkörperte Zeitregime durch die Verknüpfung und Inklusion verschiedenartiger Emanzipationsbestrebungen abzubauen (Marchart 2007, 105, 109). Damit wird der Anspruch verfolgt, die resonanzstarken wachstums- und innovationsorientierten Leistungszurechnungen der wirtschaftlichen Sinnreferenz zu delegitimieren, indem vor allem die dynamische Wirkungsweise der Wohlstandsgenerierung als repressiv entlarvt (Brandt 2005) und den mehr oder weniger statischen Eigenzeiten von Mensch, Gesellschaft und Natur entgegengestellt wird, die überlastet und deformiert werden (Adler und Schachtschneider 2010, Kap. 2; Reheis 1996, Kap. II. B.). Die paradoxen Wirkungen der Dynamiken einer wirtschaftlichen Sinnreferenz auf andere Sinnreferenzen werden vor allem im Hinblick auf ökologische und soziale Folgen über das Öko-Paradox visibilisiert und über ein alternatives entschleunigtes Zeitverhältnis zu entfalten versucht, in dem sich ein gegenhegemonialer Diskurs über die Nachhaltigkeitssemantik begründet. Das Öko-Paradox wird also zum Anlass genommen, über die Dimension einer ökologischen Krise hinauszugehen und über rein ökologische Wertpräferenzen hinaus deutlich zu machen, dass mit der durch Wachstum und Innovation entfalteten Knappheitsparadoxie auch soziale Integrationsformen und das gute Leben der Betroffenen gefährdet werden (Hirsch 1980; Skidelsky und Skidelsky 2013).

Der gegenhegemoniale Diskurs formiert sich antagonistisch, indem sich ein alternativer Diskurs mit anderen Begründungszusammenhängen im ‚lebensweltlichen Horizont‘ über eine deutungsmächtige Nachhaltigkeitssemantik begründet. Indem dadurch ein alternatives Zeitverhältnis forciert und normativ-heterogenes Erwarten für zentralisierteres Entscheiden über nachhaltige Regelungen betont wird, begründet der Diskurs auch ein solches. Pointiert lässt sich sagen, dass der Innovationsdiskurs künftigen Wohlstand über eine ‚schöpferische Zerstörung‘ verspricht und der Nachhaltigkeitsdiskurs für diese Prozesse irreversible künftige Schädigungen in Aussicht stellt. In dieser Weise sind die beiden Diskurse antagonistisch geformt – was insbesondere auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass infolge einer zunehmenden Plausibilität nachhaltiger Begründungen die Resonanz der wirtschaftlichen zugunsten der politischen Sinnreferenz geschwächt wird. Insofern ist in den beiden Diskursen ein politökonomischer Resonanzkonflikt ‚eingelagert‘, der den Antagonismus hervorbringt. Unabhängig davon, ob der Nachhaltigkeitsdiskurs einen Resonanzdrift im ‚lebensweltlichen Horizont‘ auslöst, werden durch diesen Antagonismus die Konfliktpotenziale des Politischen (re-)aktiviert.

Weil sich der Nachhaltigkeitsdiskurs in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten erfolgreich etabliert hat, versucht der Innovationsdiskurs die Nachhaltigkeitssemantik zu assimilieren. Anknüpfungspunkt ist dabei ein sowohl für die hegemoniale als auch gegenhegemoniale Argumentation gemeinsamer normativer Nenner des Nachhaltigkeitskonzeptes: der Schutz gegenwärtigen und zukünftigen Wohlergehens (Döring und Ott 2008, 33). Vonseiten der Sprecher*innen des gegenhegemonialen Diskurses wird als Beispiel der Assimilierung der Brundtland-Report als klassische Fixierung des Nachhaltigkeitskonzeptes kritisiert (Dingler 2003, Kap. III. 4.). Demnach sollen Ökonomie und Ökologie miteinander versöhnt werden, indem die hochinnovativen und dynamischen Aspekte des Wirtschaftswachstums nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung gesehen werden (Dingler 2003, 243f.). Nach Brand (2005, 66) zeigt sich daran eine Fixierung auf technische Effizienz und optimierbare Steuerungsanreize, die »ein technokratisches Verständnis sowohl der Probleme als auch ihrer Bearbeitungsstrategien« nach sich zieht. Eingriffe in wirtschaftliche Interessen werden höchst unwahrscheinlich gemacht, indem entsprechende ökonomiekritische Positionen marginalisiert werden. Offensichtlich ist, dass dadurch zugleich Ansätze grundsätzlicher sozialer und politischer Umorientierung weitgehend aus diesem Konzept der Nachhaltigkeit herausfallen, indem ihnen Legitimität und Realismus abgesprochen werden (Brand 2005, 65f.). So umgeformt wird der Nachhaltigkeitssemantik das tragende Reflexionsmoment für hochriskantes gegenwärtiges Entscheiden mit potenziell schädlichen Auswirkungen für zukünftige Generationen genommen. Weitere Beispiele hierfür lassen sich auch bei Ökonomen wie William Nordhaus (1991) finden. Der Autor versucht das Nachhaltigkeitsproblem im Namen eines krisenfreien Wirtschaftens zu entschärfen, indem er eine zurückhaltende Klimapolitik durch Kosten-Nutzen-Analysen begründet. Die Nachhaltigkeit wird so analog zum Homo oeconomicus über rationales Entscheiden nutzenmaximierender Individuen in der Gegenwart analysiert und vermeidet dadurch einen außerökonomischen Gerechtigkeitsbezug, der ethisch relevante Schädigungen zukünftiger Generationen adressiert (Brown 2013, 59-61, 64, 67). Aus einer allgemeinen Perspektive lässt sich deshalb die These verfolgen, dass der hegemoniale Innovationsdiskurs den instrumentellen Zugriff auf Mensch, Gesellschaft und Natur gegen alternative Begründungen und Deutungsangebote konserviert (Dingler 2003, 341; Reheis 1996, Kap. II. B.).

Die Assimilation des gegenhegemonialen Nachhaltigkeitsdiskurses durch die Wachstums- und Innovationssemantik manifestiert sich also dadurch, dass die Wirtschaft als resonanzstarke Sinnreferenz effiziente Lösungen für ökologische Probleme herbeiführen soll (Friedmann 2005, Kap. 15). Die leistungsbezogenen Paradoxien werden gemäß eines sich intensivierenden Resonanzmusters über ein ‚Mehr vom Gleichen‘ invisibilisiert und teilweise über Risikokonstruktionen entfaltet, die ihrerseits dem Innovationsdiskurs folgen.

Fazit und Ausblick

Der hier vorgestellte Untersuchungsrahmen, der die kritische Theorie nach Habermas und Honneth, die System-/Differenztheorie nach Luhmann sowie poststrukturalistische Theorieelemente vor allem nach Laclau und Mouffe aufeinander bezieht, ist breit angelegt, um die Bedeutung verschiedener, miteinander konkurrierender Zeitregime in den Blick zu bekommen. Den Theoriekern bildet die Analyse von gesellschaftlichen Resonanzmustern im Zusammenhang mit den sie stützenden diskursiven Begründungszusammenhängen von Leistungszurechnungen auf gesellschaftliche Sinnreferenzen. Zwischen den systemischen Sinnreferenzen formen sich die Resonanzen im Spannungsfeld hegemonialer und gegenhegemonialer Zeitregime mehr oder weniger ausgeglichen aus. Dabei lässt sich kein harmonisches Verhältnis als Idealzustand zugrunde legen, das gesellschaftliche Krisendynamiken verhindert. Eine solche Perspektive verkennt die Bedeutung von Anpassungsprozessen zwischen den Sinnreferenzen. Stattdessen ermöglicht gerade eine Konfliktkultur im Politischen oszillierende Resonanzmuster, sodass sich die Gesellschaft mittels anders gewichteter Resonanzen auf neuartige Anforderungen einstellen kann. Sozialpathologische Dynamiken können hingegen dann attestiert werden, wenn sich Unausgewogenheiten zwischen den Sinnreferenzen eigendynamisch verstärken und gegen Änderungen immunisieren, sodass sich die negativen Effekte auf die Leistungen resonanzschwächerer Sinnreferenzen intensivieren.

Das gegenwärtig hegemoniale Zeitregime begünstigt die stärker beschleunigungsfähigen Temporalstrukturen (kognitiv-homogenes Erwarten, dezentrales Entscheiden) der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Massenmedien und intensiviert dadurch die schon bestehende Resonanzstärke ihrer Sinnreferenzen. Dazu stützt sich das hegemoniale Zeitregime auf einen Innovations- und Wachstumsdiskurs, der sich vor allem durch ökonomische Begründungsmuster Plausibilität verschafft. Auf der anderen Seite führt dies zu einer weitergehenden Schwächung der etwa politischen oder rechtlichen Sinnreferenz. Vielmehr erscheinen sie aus der Perspektive des hegemonialen Diskurses als Hemmnisse. Als Folge dieser Entwicklung lässt sich eine abnehmende Vitalität des Politischen diagnostizieren, durch die sich das stark unausgewogene Resonanzmuster gegenüber Änderungen weiter immunisiert. Dies geschieht in unserem Beispiel durch die Assimilation des gegenhegemonialen Nachhaltigkeitsdiskurses durch den hegemonialen Innovationsdiskurs. Dabei kann eine Revitalisierung des Politischen die Widerstandskraft gegenhegemonialer Diskurse gegenüber Assimilationsversuchen stärken. Dazu vermag ein Verständnis darüber, wie sich Hegemonien entlang ineinandergreifender Resonanz-, Zeit- und Diskursordnungen konstituieren, hilfreich sein. Die Erfolgsbedingungen marginalisierter Semantiken, die alternative Werte, Ideale oder politische Konzepte fundieren und zur Durchsetzung verhelfen können, sind hiervon abhängig und müssen hieraufhin untersucht werden.

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Wright, Erik Olin. 2017. Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus. Berlin.

1Überblick bei Lanfer (2018, 73).

2Die ‚vertikale Differenzierung‘ kann nicht dafür in Anspruch genommen werden, um einen, wie auch immer geformten, gesellschaftlichen Konsens herbeizuführen, weil sie zahlreiche und völlig unterschiedliche Sinnreferenzen umfasst, die von miteinander lediglich strukturell gekoppelter Funktionssystemen geleistet werden, die füreinander aber völlig intransparent bleiben. Systemtheoretisch erfasst der Begriff ‚strukturelle Kopplung‘, wie Systeme »unbeschadet ihrer eigenen Autonomie und operativen Geschlossenheit (…) als mit der Umwelt verbunden gedacht werden« können (Luhmann 1992a, 124, grundlegend: Luhmann 1997, 92-119).

3Luhmann (1996) hat hingegen die Bestimmung der Lebenswelt nach Husserl über die Metapher des Bodens und Horizonts kritisiert. Stattdessen schlägt er vor, die Metapher des Bodens über das Immer-schon-gegeben-Sein des Vertrauten und die Metapher des Horizonts als das Immer-Mitgegeben-sein des Unvertrauten auszuformen, um dadurch die Lebenswelt als »Kondensation von Vertrautheit« (Luhmann 1996, 272-274) zu interpretieren. Wir halten hier dagegen an der Metapher des Horizonts fest, weil es uns gerade auf das Unvertraute der Resultate von strukturellen Kopplungen ankommt. Während also der vertraute ‚Boden‘ über die sozialen Systeme repräsentiert wird, lassen sich die unzähligen, aber nicht zu beobachtenden strukturellen Kopplungen zwischen diesen als etwas Unvertrautes fassen, weil es für die Systeme vollständig intransparent ist, wie gesellschaftlich an ihren Leistungen angeschlossen wird und wie sie dadurch andere soziale Systeme über ihre Operationen ändern. Das Unvertraute bezieht sich also gerade auf das, was in anderen Systemen bewirkt wird, obwohl diese Wirkungen auf eine dann unvorhersehbare Weise zurückwirken. Der ‚Horizont‘ ist also eine Metapher, die zum Ausdruck bringt, dass Systeme gesellschaftlich unbestimmbar wirken, zugleich aber Erwartungen und Strukturen so ausbilden, als ob bestimmte Wirkungen verlässlich erzeugt werden können.

4Lanfer beschreibt Resonanzen zwischen Funktionsreferenzen von Funktionssystemen, insbesondere mit Systemreferenz auf das politische Systems, und bezieht sich nicht auf die Resonanzverhältnisse zwischen den Funktionssystemen mit entsprechender Systemreferenz auf die Gesellschaft.

5Im Unterschied zu Laclau und Mouffe (1991) gehen wir nicht von einem umfassenden Diskurs aus, weil dieser dann den elaborierten Gesellschaftsbegriff in der hier verwenden systemtheoretischen Lesart ersetzen müsste. Demnach unterscheiden wir nicht zwischen unterschiedlichen Diskursformationen eines Diskurses, sondern zwischen verschiedenen Diskursen.

6Exemplarisch für die Unauflösbarkeit einer Paradoxie lässt sich die von Epimenides anführen: »Dieser Satz ist falsch.« Diese Aussage ist nicht nur widersprüchlich (A = nicht A), sondern zugleich wahr und falsch (A, weil nicht A). In Bezug auf die Aussage des Epimenides kann hier etwa das Wissenschaftssystem beobachtet werden, weil sie die Einheit des Codes wahr/nicht-wahr sichtbar macht und deshalb die wissenschaftliche Kommunikation solange blockiert, bis das Paradox entfaltet und dann erfolgreich invisibilisiert wird, um die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit an wahre oder nicht-wahre Aussagen zu ermöglichen.

7Im Unterschied zu Mouffe, die diese Sphäre über politische Institutionen zu bestimmen versucht. Zur systemischen Binnendifferenzierung des politischen Systems vgl. Luhmann (2000; 2015) und Lanfer (2018, 218-277).