Zur Aktualität der Klassenfrage

Artikel als pdf

Der im Jahr 2010 erschienene und bereits 2011 in zweiter Auflage veröffentlichte Sammelband Klassen im Postfordismus ist der jüngste Beitrag zu einem Thema mit langer Tradition, das im heutigen universitären Lehrbetrieb und auch sonstigen akademischen Diskussionen und Zusammenhängen ein eher kümmerliches Dasein fristet, auch wenn seit einigen Jahren ein stärkeres Interesse und größere Aufmerksamkeit insbesondere aus dem linken Spektrum an den Fragen von Klasse und Klassenanalyse beobachtet werden kann. Der Band stellt den ambitionierten Versuch dar, die Kategorie der Klasse für die Analyse der heutigen politischen und sozialen Verhältnisse fruchtbar zu machen und sich hierbei aber von bisherigen Publikationen grundsätzlich abzuheben und deren theoretische Schwächen zu überwinden.

Die Motivation, sich erneut mit diesem klassischen Thema zu beschäftigen, ergibt sich aus der Feststellung von Hans-Günter Thien, dem Hrsg. des Buches, dass das bisher geschriebene aus dem Gebiet der Klasse Publizierte als Versuche des „Vagen“ zu charakterisieren sei, bei dem es sich um „Anläufe“ handle, die häufig „im Spekulativen“ verblieben.1 Um den Anspruch des Bandes eine „Neugestaltung“ des noch immer wichtigen Themas der Klassenanalyse zu sein,2 gerecht zu werden, wird in den vorliegenden Beiträgen der aktuelle Kapitalismus als Ausgangspunkt der jeweiligen Analysen berücksichtigt. Die Begriffe des Fordismus und Postfordismus sind hierbei als Rahmung zu verstehen. Der theoretische Gegner der Publikationen ist derjenige Poststrukturalismus, der die kapitalistische Produktionsweise zugunsten der intensiven Auseinandersetzung mit der reinen Politik vernachlässigt.

Klassen im Postfordismus versammelt neben der Einleitung insgesamt zwölf Beiträge, die in ihrer Gesamtheit in drei Teile untergliedert sind. Der erste Teil „Annäherungen: Erinnerungen an die Klassentheorie“ umfasst drei ältere Beiträge mit dem Ziel, den bisherigen Stand der Diskussion wiederzugeben und zu verdeutlichen. Die grundlegenden Aspekte der Marxschen Klassentheorie werden hier einer intensiven Kritik unterzogen und erweitert. Der zweite Teil „Klassen heute“ befasst sich mit der Fortsetzung und Erweiterung einzelner Aspekte wie auch des Gesamtthemas. Im Fokus stehen die derzeitigen Klassenverhältnisse sowie die Bestimmung von Klasse als Gegenstand der wissenschaftlichen Beschäftigung. In diesem Zusammenhang werden Begrifflichkeiten wie Armut und Prekariat mit in die Analyse aufgenommen. Im dritten Teil geht es um die Transnationalisierung von Klassenverhältnissen, darunter findet sich auch ein älterer Beitrag. Aus einer inter- und transnationalen Perspektive heraus werden Annahmen anderer marxistischer Theoretiker wie die von Beverly Silver oder Nicos Poulantzas berücksichtigt und kritisch fortentwickelt.

Bis auf die erwähnten Ausnahmen wurden alle Beiträge für dieses Gemeinschaftswerk neu verfasst. Es schreiben namenhafte und altgediente Theoretiker wie Joachim Hirsch, aber auch Nachwuchswissenschaftler wie Stefan Schmalz. Auch internationale Beiträge wie der von Marcel van der Linden und David Lockwood sind vertreten. Alle Autoren sind dem emanzipatorisch-linken, kritischen Lager der Wissenschaft zuzuordnen, ohne allerdings eine einheitlich Perspektive und Meinung einzunehmen und zu vertreten.

Ein gutes Beispiel für das hohe Niveau des Sammelbandes ist der Beitrag „Die Gegenwart der Bourgeoisie“ von Hanns Wienold. Der Artikel stellt zum einen den gelungenen Abschluss des zweiten Teils dar, ist aber zugleich das Verbindungsstück zum dritten und letzten Teil, verknüpft also auf überzeugende Weise eine nationalstaatliche mit der internationalen Perspektive. Nach einer einleitenden Darstellung der allgemeinen „Existenz[weise] und [dem] Wirken der Bourgeoisie“3 mithilfe von grundlegenden Begriffen und Formen wie Unternehmen, Kapital und Staat, unternimmt Wienold den interessanten und gelungenen Versuch auf Grundlage empirischer Daten bspw. aus den Beständen des Statistischen Bundesamtes oder des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie „die Zusammensetzung der Bourgeoisie und ihre Fraktionierungen“4 für das Beispiel der BRD aufzuzeigen. Hierfür untersucht Wienold insbesondere die deutsche Unternehmensstruktur und nimmt Bezug auf die gesellschaftliche Verteilung von Einkommen und Reichtum. In einem letzten Abschnitt geht der Autor der Frage nach, inwiefern sich die Umrisse einer transnationalisierten nationalen Bourgeoisie ausmachen lassen und leitet damit direkt über in den Beitrag von Joachim Hirsch und Jens Wissel, die sich ausschließlich mit der Transnationalisierung der Klassenverhältnisse beschäftigen. Überzeugend wird von Wienold dargelegt, dass eine theoretische Trennung der Bourgeoisie in eine nationale auf der einen und eine transnationale auf der anderen Seite, nicht funktional ist. Vielmehr verheilte es sich so, dass die Bourgeoisie ein europäisches, globales und gleichzeitig auch nationales Gesicht habe.5 Die deutsche Bourgeoisie ist in diesem Kontext insofern als transnationalisiert anzusehen, als dass zahlreiche Manager und Unternehmer über verschiedene Gremien und Vereinigungen auf internationaler Ebene eng mit nichtdeutschen Strukturen verknüpft seien. Im Bezug auf die Frage nach den Klassenverhältnissen wird von Wienold konzertiert, dass die Hauptkonfliktlinie zwischen den nationalen Staaten und den nationalen Arbeitnehmern auf der einen und dem transnationalen Kapital auf der anderen Seite verläuft. Letztere sprenge den nationalstaatliche verankerten wirtschaftlichen Rahmen auf und bewege sich über jegliche territoriale Grenzen hinweg.6

Das Buch verdeutlicht, dass das Thema der Klassenanalyse nicht an Relevanz für das Verständnis der nationalen und internationalen gesellschaftlichen Ordnung verloren hat. Insbesondere im dritten Teil wird die zentrale Bedeutung der Europäischen Union sowie der europäischen Ebene insgesamt für die Ökonomie und die Klassen deutlich herausgearbeitet und die Relevanz des Themas Klasse belegt. Das Buch bietet einen guten Rahmen und Ausgangspunkt für eine intensive Auseinandersetzung mit der Kategorie Klasse. Gerade auch die Einblicke in vergangene Debatten und Beiträge verhindert, dass das Rad neu erfunden werden wird. Diesbezüglich ist es stellenweise sehr überraschend zu erfahren, dass bereits in den 1980er Jahren Themen diskutiert wurden, die gerade heute von Relevanz sind. Das Buch zeigt auch auf, dass sich die marxistisch geprägten Debatten um Klasse als Analysekategorie auf der Höhe der Zeit befinden und andere Kategorien wie gender längst mit in das Analyseraster aufgenommen haben. Der Forderung nach Intersektionalität wird daher duchaus Folge geleistet. Auch wird überzeugend betont, wie wichtig auch auf diesem Gebiet die empirische Unterfütterung ist, um nicht im luftleeren Raum Theorien über die sozial Realität zu entwickeln, die aber eigentlich von dieser losgelöst sind. Deutlich wird zudem, dass es bei dem Prozess der Globalisierung um eine politisch gewollte und gestützte Entwicklung handelt. Vor allem durch den Beitrag von Wienold wird deutlich, wie sehr die einzelnen Beiträge in ihren verschiedenen Perspektiven dennoch und gerade deswegen gut ineinander greifen und eine Einheit aus Vielfalt bilden. Das im Vorwort ausgerufene Ziel der Neugestaltung des Themas muss als gelungen angesehen werden. Dieser Sammelband bildet den neuen Referenzpunkt für die zukünftige Auseinandersetzung mit dem Thema Klasse.

Hans-Günter Thien (Hrsg.): Klassen im Postfordismus. Münster 2011, 29,90 €.

Fußnoten

1 Thien, Hans-Günter: Einleitung. In: Ders. (Hrsg.): Klassen im Postfordismus. Münster 2011, S. 7-20, hier S. 10.

2 Ebd., S. 17.

3 Wienold, Hanns: Die Gegenwart der Bourgeoisie. Umrisse einer Klasse, In: Hans-Günter Thien (Hrsg.): Klassen im Postfordismus, S. 235-283, hier S. 237.

4 Ebd..

5 Vgl.: Ebd., S. 258.

6 Vgl.: Ebd., S. 273.

Schreib einen Kommentar